Ausgabe 
28.5.1896
 
Einzelbild herunterladen

en Grund)

- Uhren en Remontolr- ue Herren. rand von 16 emontoir- rk an, Sta!/ an, Vie lel- Mark u.

von 3, Mu w. ner

gesele,

14 . 1

2

1 1

bvielfa

Gießen, Donnerstag, den 28. Mai

ische Landeszeikung,

Ausgabe

Gießen.

Redaktion:= Kreuzplatz Nr. 4. 8

5

Erscheint täglich mit Ausnahme der Tage nach Sonn- und Feiertagen. Preis der Anzeigen: 10 Pfg. für die Zspaltige Petitzeile.

N 2

Expedition: Kreuzplatz Nr. 4.

*

Lokales und Provinzielles.

* Gießen, 27. Mai. Die Pfingstferien sind morgen zu Ende; morgen heißt es wieder 0 aufstehen und mit der gefüllten Büchermappe sittsam zur Schul pilgern. Aber unserer Schul jugend kommt nach der knappen Erholungspause die Rückkehr zur Arbeit diesmal durchaus nicht so bitter vor wie sonst; sind doch die Pfingst⸗ ferien nur durch wenige Wochen von den großen Sommerferien getrennt, bieten sie doch, trotz ihrer Kürze, schon einen angenehmen Vorgeschmack all' des Schönen, was in so naher Zeit, im Juli und August, unbedingt kommen muß. Wie ver⸗ schwenderisch hat schon zu Pfingsten die Natur ihre Gaben vor ihren jugendlichen Verehrern ausgestreut! Wie herzhaft haben sie sich im Grünen tummeln, Blumen pflücken und Kränze flechten können! Diese Freigebigkeit weckt gute 1 5 für den Sommer, der bald seinen inzug halten wird. Ach, welche prächtigen

Fußtouren, welche wundervollen Ausflüge wird 1

man da unternehmen! Die großen Ferien werden von morgen ab zum Gegenstand eifriger Schul⸗ spräche, und so mancher Tadel wegen mangel 142 Aufmerksamkeit wird erteilt werden, weil zerstreute Gemüter in den Lehrstunden sich gar zu träumerisch schon in die kommenden Faullenzer tage hineinphantasiren. Und die Großen? Auch die fangen an, Pläne über Pläne zu schmieden. Vor allem natürlich wird die Kasse einer sorg⸗ fältigen Revision unterworfen, und ernstlich ge prüft, ob sie auch etwaigen Extravaganzen ge⸗ wachsen ist. Wir raten in diesem Punkte zu äußerster Vorsicht. Häufig genug passiert es, daß selbst gute Hausväter sich böse verrechnen,

wenn die Reiseleidenschaft über sie kommt.

Gießen, 27. Maj. Das Großherzogliche Polizeiamt bringt zur allgemeinen Kenntnis, daß bis auf Weiteres die Kaplansgasse von Fuhr⸗ werken jeder Art nur in der Richtung Bahnhof⸗ straße-Kreuzplatz befahren werden darf.

Gießen, 27. Mai. Das Krauße⸗Kon⸗ zert war gestern nicht so stark besucht wie am

eiten Feiertage. Herr Schwarz erfreute im

eiten Teil die Konzertbesucher durch ein Trom⸗

en⸗Solo, welches derselbe in meisterhafter 'ollendung zu Gehör brachte, sodaß reicher Bei⸗ fall dem Künstler zu Teil wurde. Ebenso wurden die Kreuzritterfanfare und der Ferbeliner Reiter⸗

Maursch für Heroldstrompeten lebhaft applaudiert,

so daß die letztere Piece wiederholt werden mußte. * Gießen, 27. Mai. Nach altem Brauch ruhte gestern, als am3. Pfingstfeiertag, noch 0 die Arbeit. Die Bauhandwerker feierten

den ganzen Tag. Das Wetter war wieder prachtvoll und das wollte man sich zu Nutze machen. Im Philosophenwald lustwan delten am Nachmittag fröhliche Menscheu. Auf dem Trieb hatte sich der Männerturnverein einge⸗ funden, um sich fleißig in Turnspielen zu üben. Vom Schützenhaus her knallte es den ganzen Nachmittag über. Leider ist dem Scheibenzeiger des Schützenvereins ein Unglück passiert. Der malte Mann hat sich beim Stellen der Sauscheibe am Arm verletzt, so daß er in der Klinik ver⸗

Gießen, 26. Mai. Sitzen geblieben. Waxen da am Nachmittag des zweiten Feiertages in Kloster Arnsburg Hunderte von Gießener und erfreuten sich der herrlichen Umgebung. Da, am Spätnachmittag brach auf viertel Stunden aus dem bewölkten Himmel zeitweilig die Sonne hervor und ein großer Teil der Touristen beschloß, bis zum letzten Zuge, der gegen 10 Uhr die Station Lich verlassen soll, zu säumen und erst mit diesem Zuge die Heimreise nach Gießen an⸗ zutreten. Aber die Menschen denken und die Direktion der Oberhessischen Eisenbahn lenkt. Als die müden Wanderer gegen 10 Uhr den Weg vom Kloster zur Station Lich zurückgelegt hatten, fanden sie diese dunkel, denn fahrplanmäßig passiert der 10 Uhr-Zug nur Sonntags die Strecke und der zweite Feiertag rechnet als Sonntag nicht mit. Wohl an 100 Personen saßen ohne Verbindung in Lich fest. Teils be⸗ sorgte man sich Wagen zur Rückfahrt, teils machte man den Weg zu Fuß nach Gießen und der Rest verblieb in den dortigen Gasthöfen über Nacht. Dieser Vorfall ereignet sich übrigens nicht das erste Mal auf dieser Strecke. Er passiert regelmäßig an jedem zweiten Feiertage. Hoffentlich läßt die Direktion in Zukunft auch am zweiten Feiertag den betr. Zug gehen.

* Gießen, 27. Mai. Das engere Komitee für die Erbauung eines Kriegerdenkmals in unserer Stadt, verstärkt durch den Bildhauer Professoe Schapes⸗Berlin, Stadtbaurat Stübben⸗ Köln und dem Geheimen Hofrat Professor Dr. Schäfer-Darmstadt, hat gestern die Platz⸗ frage für das Denkmal erledigt. Es wurde bestimmt, daß der Marktplatz für die Er⸗ richtung des Denkmals am geeignetsten sei. Von dem Platz am Seltersthor wurde der hohen Kosten wegen abgesehen; in Betracht kamen noch die Südanlage, der Ludwigsplatz und der Platz am Zeughaus zwischen diesem und der Senken bergstraße. Stadtbaurat Stübben, eine der ersten Kapazitäten auf dem Gebiete des Städtebaues, erklärte den Marktplatz um deßwillen für den geeignetsten zur Errichtung des geplanten Bau werks, weil derselbe nicht nur einen malerischen Hintergrund für ein Monument abgibt, sondern auch, weil er im Mittelpunkt der Stadt gelegen ist.

r. Lollar, 26. Mai. Am ersten Pfingst⸗ feiertag wurde dahier der Sohn des Schreiner meisters Keßler auf der Straße von einem rohen Menschen überfallen und lebensgefährlich durch einen Stich in den Rücken verletzt. Als der Vater des Ueberfallenen nachher den Sachverhalt aufklären wollte, kam er ebenfalls mit dem Messerhelden zusammen, der ihm einen Stich in den Leib beibrachte. Vater und Sohn liegen schwer krank darnieder. Ob der gemeingefähr liche Messerstecher in Sicherheit gebracht ist, teilt uns leider unser Berichterstatter nicht mit.

* Offenbach a. M., 26. Mai. Heute morgen um 5 Uhr wurde von dem Feldschützen Clemens in den an der Aoepfelallee gelegenen Bergschen Baumschulen zunächst der Straße ein Mann aufgefunden, der am Verscheiden war. Der Tote hatte schwere Verletzungen am Kopf und im Gesicht, insbesondere an einem Auge, die von wuchtigen Schlägen herzurühren scheinen und außerdem eine Stich- oder Schuß⸗

wunde im Rücken. Blutspuren führten in den Baumschulen hindurch und auf einen Acker, wo dem Mann die schweren Verletzungen anscheinend beigebracht wurden. Es stellte sich heraus, daß der Tote, dessen Leiche alsbald ins Leichenhaus auf dem Friedhof verbracht wurde, ein aus Löhrbach in Bayern stammender Russenmacher ist, der auf der ganz in der Nähe liegenden Russenfabrik der Gebrüder Hasenbach beschäftigt war. Es waren nämlich zwischen Russenmachern der Hasenbachschen Fabrik und deren Brenn⸗ meister Eichhorn in letzter Zeit Differenzen aus⸗ gebrochen, infolgedessen gestern 8 Arbeiter, wo runter auch der nunmehr Getötete, entlassen worden sind. Die letzten sprachen am gestrigen Tage den geistigen Getränken lebhaft zu und scheint es hiernach in der Nacht zwischen den entlassenen Arbeitern und dem Brennmeister nebst seinen Leuten zu einem Zusammenstoß gekommen zu sein, wobei der in Rede stehende, der als ein sehr kräftiger Mann im Alter von 3840 Jahren geschildert wird, die totbringenden Ver⸗ letzungen erhalten hat. In der Angelegenheit wurde auch der Brennmeister Valentin Eichhorn, dessen Bruder Christian Eichhorn und der Vor⸗ arbeiter Helfmann in Untersuchungshaft genommen.

Neu⸗Isenburg, 26. Mai. Bezüglich der unter den Schreiner- und Lackierer⸗ gesellen der hiesigen Möbelfabriken durch Lohnstreitigkeiten ausgebrochenen Aus⸗ standes ist von den Parteien das Gewerbe gericht des Landbezirks des Kreises Offenbach als Einigungsamt angerufen worden. In dieser Sache wird am Dienstag, den 26. d. M., vor⸗ mittags 10 Uhr, im hiesigen Gewerbegerichtssaal unter dem Vorsitze des Herrn Kreisrats Haas Verhandlungstermin stattfinden, in welchem eine Einigung der streitenden Parteien versucht wer den soll.

Mainz, 26. Mai. Schrecklicher Un⸗ glücksfall. Gestern Abend traf eine Partie aus Mannheim von einem Ausflug in den Rhein⸗ gau auf dem Bahnhof in Kastel ein und begab sich auf die Suche nach einem Kollegen. Mit⸗ reisende machten aber die erschreckende Mitteilung, daß der Betreffende unterwegs von der Platt⸗ form des Wagens abgestürzt und daß ihm der Kopf vom Rumpfe abgetrennt worden sei. Der Verunglückte heißt August Heldenreich und ist Kanal⸗Vorarbeiter in Mannheim; er ist 35 Jahre alt und hinterläßt eine Familie.

Vermischtes.

Sonnenthals Lehrzeit. Adolf Sonnenthal, den heute das Hof- und Staatshandbuch als Adolf Ritter v. Sonnenthal, Ritter des Ordens der Eisernen Krone zweiter Klasse uud des Franz Josef-Ordens, Ober regisseur und k. k. Hofburgschauspieler ꝛc. ꝛc. aufführt, hat bekanntlich seine Laufbahn als Mitglied der ehrsamen Schneidergilde begonnen. Der Großmeister der deutschen Schauspielkunst hat Bügeleisen und Elle geschwungen, bevor er die tragischen Stelzen erstiegen. In seiner Vater⸗ stadt Pest wurde er in die Mysterien der Bekleidungskunst eingeweiht, und wie stolz und vornehm auch all' die obengenannten Titel und Auszeichnungen des unvergleich⸗ lichen Mimen klingen mögen, so bewahrt doch Sonnenthal mit nicht geringerem Stolze sein Lehrzeugniß, das ihm hier ausgestellt wurde. In einer soeben erschienenen

Biographie des Künstlers von Ludwig Eisenberg wird es mitgetheilt:Zeugniß! Endesgefertigter bezeugt hiermit zur Steuer der Wahrheit, daß der Adolf Sonnenthal, von hier gebürtig, bei mir vom 1. November 1848 bis 1. November 1850 das Schneiderhandwerk erlernte, und wehrend dieser Zeit ehrlich, treu, geschickt, arbeitsam und überhaupt sehr Musterhaft betragen, so das ich demselben nur auf sein eigenes Ansuchen, um in der Fremde sich in sein Wohlerlerntes Handwerk zu vervollkommnen entlaße, mit dem besonderen Beifügen, daß Er in allen seinen Unternehmungen eben so Glücklich sein möge, als ich mit demselben stets Zufrieden war, und er zu sein Verdient. Pesth, den ten November 1850. Prager, Lehrmeister des Obigen. 4

Die Kirche und das Zweirad. In Amerika erhebt die Kirche Beschwerde gegen das Radfahren. In Chicago ist der Kirchenbesuch am Sonntag durch den mo⸗ dischen Locomotor nicht unerheblich verringert worden. Der Rabbi der größten und fashionablesten Synagoge der windigen Stadt erklärt, daß mindestens 200 seiner Ge⸗ meindemitglieder nicht mehr am Sabbath das Gotteshaus besuchten, sondern lieber mit dem Rad den Weg ins Feld nähmen. Kirche ein Zimmer einzurichten, wo die Räder während der Predigt aufgestellt werden können. findet bei Pastoreu wie Nächstens werden die Chicagoer wohl ein Zweirad⸗Zimmer

Ein anderer Geistlicher schlägt vor, in jeder 1

Der Vorschlag 1 Radfahrern großen Beifall.

als etwas Nothwendiges betrachten, das zu einer guten 0

Kirche gehört.

Röntgen auf dem Kriegsschauplaz.

Aus London berichtet man: Das Medical Departement 0 der britischen Armee schreitet mit der Zeit voran. Der

Generaldirektor hat Befehl erthellt, zwei Röntgensche 1 photographische Apparate nach dem Kriegsschauplatze im

Sudan zu schicken. Hier wird die Röntgensche Entdeckung also zum ersten Male über ihre Verwendbarkeit im Kriege die Probe bestehen. f ö

Die fetten und die mageren Schweine. Auf dem Viehmarkte zu

Man berichtet ans Wien: St. Marx ereignete sich ein seltsamer Vorfall: Einige Viehhäudler waren vor einem Sommerstand bersammelt,

in welchem Verr Vincenz Zabsky am Tage vorher zwölf 1

fette Schweine eingestellt hatte, und starrte verblüfft

auf das Häuflein grunzender Tiere. Anstatt der zwölf fetten Schweine beherbergte nämlich der Stall nur neun 14

fette unb drei magere. Was war geschehen, hatten die drei üder Nacht eine Entfettungskur durchgemacht? Es gelang indeß das Rätsel zu lösen: man hatte einen Mann bemerkt, der des Nachts drei fette Schweine vor sich hertrieb. Der Mann wurde als der Schaffner Johann Morawek eruirt und er legte uach längerem Zögern das Geständnis ab, daß er seine mageren Schweine gegen die drei fetten ausgetauscht habe, einem Erkenntnissenate wegen Diebstahls angeklagt. Er erklärte sich nicht schuldig. Präs.: Sie haben doch bei der Polizei und vor dem Untersuchnugsrichter ein Ge⸗ ständnis abgelegt, daß Sie die Schweine vertauscht haben?

Morawek war gestern vor

Angekl.: J waß gar nir davon, i war so betrunken,

daß i gar net waß, wo i damals g'west bin. Präs.: Ja wie stellen sie sich denn vor, daß die fetten Schweindel in ihren Stall marschirt sind und die mageren in den

Stall des Herrn Zabsky? Glauben Sie, daß die sich viel x.

leicht Gegenbesuche gemacht haben. Angekl.: Das kann

i net sagen. Präs.: Und dann haben die drei fetten 0

Schweine das schwarze Zeichen, welches Zabsky allen seinen Schweinen mit Theer aufgedrückl hat, nicht mehr besessen. Glauben Sie, daß die Schweine vielleicht ans

plötzlichem Reinlichkeitsgefühl sich selber den Theer abge⸗ 1

waschen haben. Angell.: Präs.:

Das kann i net sagen: Und bei den drei mageren Schweindeln hat man

merkwürdiger Weise die blaue Stampiglie, die Sie ihnen ö

aufgedrückt haben, unter dem schwarzeu Theestreifen ge⸗

funden. Am besten, Sie sagen die Wahrheit. Angekl.: 1

bunden werden mußte.

Das Gesicht.

Novelette von Hellmuth Mielke. (Nachdruck verboten.) (FJFortsetzung.) Es war spät, als der Professor sein Hotel wieder erreicht hatte. Der Kellner geleitete ihn auf sein Zimmer, drehte die elektrische Glühlichtlampe auf und empfahl sich mit kurzem Gruß.

Der Professor war zu aufgeregt, um schon schlafen zu können. Eine Zeitlang ging er, von seinen Gedanken erfüllt, in dem Ranm auf und ab bis er sich erinnerte, daß es rücksichtslos von ihm sei, durch seine Zimmerwanderung zu so später Stunde den Schlaf seiner Nachbarn zu stören. Jetzt etwas lesen war ihm unmöglich; er wußte zudem daß er darüber nicht einschlief. Wenn er es mit dem Schreiben versuchte? Er konnte sich dadurch vielleicht am besten frei machen von den unruhigen und seltsamen Empfindungen und Gedanken, die ihn

1 bewegten.

Ein Schreibzeug war auf dem Zimmer nicht vorhanden, aber er führte Bleistift und Papier stets unter seinen Sachen mit sich. So setzte er sich an

den Tisch, auf den der helle Schein der elektrischen

Lampe herabglänzte, und bemalte das Blatt Papier, das ex vor sich liegen hatte, mit den feinen Krickel⸗

zügen seiner Philologen⸗Handschrift.

Was er niederschrieb, waren alte Erinnerungen,

die Geschichte seines verunglückten Liebeswerbens, die er sich selbst noch einmal erzählte. Wie er das blühende, junge Mädchen einst geliebt und doch nicht um ihre Hand geworben hatte, weil er bei dem reichen Fabrikanten jede Werbung einesSchul meisters für aussichtslos hielt und weil sein Mütterchen bei ihm im Hause lebte, daß erst recht nicht mit der Neigung einverstanden war. Darüber wurde die, welche er liebte, die Gattin eines Andern, wie es nur allzu natürlich war, und er selbst wurde Oberlehrer und letzthin Professor, wie es der Schul ordnung und seinen Fähigkeiten entsprach, nur an Heirat dachte er nicht mehr. Auch nicht, als er sein Mütterchen begraben hatte.

Das alles war die Art eines echt deutschen Schulmeisterdaseins und es war auch echt deutsch, daß er es sich jetzt in seinem schriftlichen Selbst gespräch etwas mit empfindsamen Reflexionen zu verklären suchte. Gottlob, er war noch nicht alt, noch nicht weit in den Vierzigern, diezweite Jugend stand ihm noch bevor und er fühlte, daß der heutige Abend sie in ihm entzündet hatte. Und allmälig erlahmte seine Hand, das Schreiben war seinem Rausch zu schwerfällig, die Buchstaben gegen⸗ über dem Flug seiner Gedanken zu langsam. Von der Vergangenheit wandte sichs ein Träumen der Zu kunft zu, einer heiteren, goldenen Zukunft...

Morgen wollte er zu ihr das entscheidende Wort sprechen, morgen, wenn er sie zum Besuch der Ge

mäldegalerie abgeholt hatte und mit ihr an den Werken der alten Meister vorüberschritt. Und er dachte lächelnd daran, daß einer seiner Kollegen seinerzeit sich sogar auf dem Eiffelturm verlobt hatte.

Als er sich zu Bett begab, schaute er, in Ge danken verloren, noch in das Licht der elektrischen Flamme, ehe er sie ausdrehte. Tiefes Dunkel trat dann um ihn ein, nur vor seinen Augen sprühten einige Sekunden kleine, helle Funken gleich zitternden Sternchen.

Es dauerte lange, ehe er einschlief, und im Schlaf selbst kamen ihm bewegte, unruhige Träume, die doch in seiner Erinnerung nicht hafteten.

Mit einem Schrei, ob nun einen wirklichen oder geträumten, erwachte er plötzlich. Er hatte das dumpfe Bewußtsein, daß ihm im Traum irgend etwas Schreckliches zugestoßen sein mußte, ohne recht zu wissen, was es war.

Indem er die Augen öffnete, sah er durch die Jalousien den fahlen Schein des Tages schimmern. Im Zimmer herrschte Halbdämmerung und in den Ecken lagen sogar noch dunkle Schatten Was ihn in demselben Augenblick erregte, war die seltsame Er scheinung eines jugendlichen Frauenkopfes, der ihn, kaum zwei Fuß von seinem Gesicht entfernt, über der Bettdecke anlächelte. Erstaunt richtete er sich im Bette etwas auf in der Meinung, daß jemand in das Zimmer getreten sei, dabei erkannte er, daß

es wirklich nur ein Kopf ohne Körper war, was

seine Augen sahen.

Die zarte Haut des vollen,

runden Gesichts glänzte wie von einer magischen 10 Röte umstrahlt, nur aus den Grübchen der Wangen

schimmerten silberne Lichtchen; auf die niedrige Stirn neigten sich die Löckchen des blonden Haares kokett herab und die blauen Augen schauten bei der schrägen Haltung des Kopfes ihn etwas von der Seite an mit einer zarten liebenswürdigen Begehr⸗ lichkeit, während auf den leichtgeschürzten roten Lippen noch ein Scherz zu stehen schien. So ganz eingetaucht in rosigen Glanz, unkörperlich wie ein Spiegelbild, duftig und leuchtend wie ein Gespinst der Morgenröte schwebte das rätselhafte Phänomen frei in dem Dämmer des Raumes es war so nahe, daß er es mit der Hand erreichen konnte.

Er starrte mit weitgeöffneten Augen es an. Träumte er noch? Nein er fühlte, daß er erwacht wat. Trat die Göttin der Schönheit selbst an sein Lager. 1

Weit bog er den aufgerichteten Oberkörper vor... da wich das seltsame Bild zurück und schon in der nächsten Sekunde war es in dem

grauen, matten Lichtstreifen zerronnen, der vom

Feuster her in das Zimmer glomm. 9 (Schluß folgt.)

9

1 g

1 1 1

5

.

5 . N ö ö 9

5 11 1