Gießen, Donnerstag, den 27. Februar
1896.
Ausgabe
Gießen.
ische Landeszeitung.
Redaktion: 8 Erscheint täglich mit Ausnahme der Tage nach Sonn- und Feiertagen.. Expedition: Kreuzplatz Nr. 4. 8 Preis der Anzeigen: 10 Pfg. für die Sspaltige Petitzeile.. Kreuzplatz Nr. 4.
Einweihung der Psychiatrischen Klinik zu Gießen.
* Gießen, 25. Februar 1896.
Auf der Höhe des Seltersberges, am äußer— sten Weichbilde im Süden unserer Stadt, reiht sich in seiner inneren und äußeren Einrichtung vollendet, die Psychiatrische Klinik den andern in dieser Gegend errichten Universitäts— Institursbauten würdig an. Heute Vormittag um 11 Uhr versammelten sich in dem zum Fest⸗ raum verwandelten großen Auditorium im Ver⸗ waltungsgebäude des neuerrichteten Institus die Lehrkörper unserer Hochschule, sowie die Spitzen der Behörden und sonstige geladene Gäste. Als Vertreter der Großh. Regierung war der Geh. Ober⸗Medizinalrat Dr. Pfeiffer-Darmstadt erschienen, welcher die Eröffnungsrede hielt. Re— dn ee Paul⸗Gießen, welcher den au geleitet hat, übergab hierauf dem Rektor der Universität Behagel den Schlüssel mit dem Wunsche, daß dieser Bau zum Segen der Mensch⸗ heit benutzt werden möge. Rektor Behagel dankte der Großh. Regierung, durch deren Bereitwillig— keit es nur möglich war, das Werk zu schaffen, ebenso der Bauleitung, worauf nach kurzen Dankes—⸗ worten der Leiter der Klinik, Prof. Dr. Sommer, den Schlüssel des Hauses vom Rektor in Em⸗ fang nahm. Geheimrat Prof. Riegel begrüßte hierauf mit aufrichtiger Freude das neu errichtete Schwester-⸗Institut. Prof. Dr. Sommer schil⸗ derte in kurzen Umrissen seine Ideen, die ihn bei der Einrichtung der Anstalt geleitet hätten. Hierauf fand ein gemeinsamer Rundgang durch die Anstalt statt. Die Psychiatrische Klinik, im Pavillonsystem erbaut, besteht außer der außerhalb der Klinik liegenden Direktorialwohnung aus 8 Gebäuden. Das Verwaltungsgebäude, in dem sich die Hörsäle, das chemische Labora— torium, das photographische Atelier, die Aerzte— wohnungen, sowie sonstige für Verwaltungs⸗ und Lehrzwecke bestimmte Räume befinden, ist räumlich das größte der Gebäude. Im Innern praktisch eingerichtet, stellt sich der Bau im deutschen Renaissancestil dar. Mit dunkel leder— farbenem Verblendmaterial hat man die Ein⸗ tönigkeit desselben mit roten Steingliederungen gemildert und, um das ganze zu heben, dunkel rau⸗grünen Sandstein architektonisch an der Fand verwendet. Rechts vom diesem Bau be⸗ findet sich die Männer⸗Station für Pensionäre, während sich auf der anderen Seite die der Frauen befindet. Durch eine breite Gartenanlage von diesen 3 Gebäuden getrennt, hat man, geschieden durch den Küchenbau, rechts 2 Gebäude zur Auf⸗ nahme für Männer und links 2 Häuser für 160 erbaut. Die Anstalt verfügt über etwa 00 Betten. Die ganze Einrichtung für die Kranken macht auf den Beschauer den Eindruck des Behaglichen, trotzdem aller Luxus vermieden ist. Ein zahlreiches Wärterpersonal steht dem Leiter der Anstalt zur Verfügung, jede nur denk⸗ bare Bequemlichkeit kann den Leidenden geboten werden. Sämtliche Räume werden mit Nieder— druck Dampfheizung erwärmt, zu welchem Zweck 6 Dampfkessel zur Verfügung stehen. Ebenso hat man die Maschinenanlage der Neuen Klinik
vergrößert, um mittels derselben auch für das neue Institut elektrische Beleuchtung zu schaffen. Möge diese neue Klinik unserer Universität für die leidende Menschheit eine Stätte werden des Heils und des Segens!
Lokales und Provinzielles.
Gießen, 26. Febr. Gestern Abend 10 Uhr ertönte vom Turm die Feuerglocke und gleich darauf hörte man in allen Teilen der Stadt die Signale zum Sammeln der Feuerwehr. Es brannte an einem Hinterhaus der Witwe Löwen— stein'schen Hofraithe der Dachstuhl und in der daran stoßenden Scheuer des Kaufmanns Walther waren Bürstenwaren und Läuferstoffe, der Firma Welz gehörig, in Brand geraten. Die Feuer⸗ wehr war bald zur Stelle und ging mit zwei Hydranten der Brandstelle zu Leibe, so daß das feindliche Element bald gedämpft wurde. Der Schaden ist nicht bedeutend. Branddirektor Schmandt und Beigeordneter Wolff waren mit die Ersten auf der Brandstelle. Von anderer Stelle wird uns geschrieben: Ich stand mit etwa 6 Personen auf dem Kreuz, als die ersten Schläge der Sturmglocke er⸗ tönten und bald sammelten sich aus den dort mündenden Straßen und Gassen die Menschen. Alles fragte ängstlich, wo denn das Feuer sei? Da stürmte eiligst vom Seltersweg her der erste Feuerwehrmannn heran. Sofort war dieser um— ringt und Alles fragte, wo denn das Feuer sei! Alicestraße! hastete der Mann heraus und strebte eiligst weiter. Da setzte sich der Menschenhaufe eiligst nach der Richtung der angegebenen Brand— stelle in Bewegung. Alles schloß sich dem den Seltersweg hinabwälzenden Menschenstrom an An der Plockstraße bestätigte ein Soldat die Meldung, daß es in der Alieestraße brenne. Weiter ging es dem Ziele zu. Da kurz vor dem Seltersthor staute sich der Men⸗ schensttom. Man hatte inzwischen die richtige Brandstelle nennen hören. Nun ging es links um kehrt. Am Kirchplatz angekommen, hörte man, daß das Feuer schon bewältigt sei.
Gießen, 26. Febr. Nachdem der Fern— sprechanschluß Gießen-Frankfurt resp. Cassel sichergestellt, empfiehlt es sich für die⸗ jenigen Interessenten, welche sich mit dem Tele— phon versehen wollen, sich schleunigst zu melden, da am 1. März die erste Bauperiode abläuft und in der nächsten Periode der Post schwerlich Zeit bleibt, die Stadtanschlüsse bewerkstelligen zu können, weil eben dann die Herstellung der Frankfurter Leitung deren ganze Thätigkeit in Anspruch nimmt.
Gießen, 26. Februar. Beim Kaufmann Emil Pistor, in der Marktstraße ist heute Nacht eingebrochen und den Dieben der In— balt einer Ladenkasse, ca. Mk. 300, in die Hände gefallen. Die Kontrollkasse, welche offen auf dem Ladentisch stand und deren Inhalt noch größer war, blieb unberührt. Vermutlich wußte der Dieb, daß diese ein Signal gab, wenn man dieselbe berührte. Um in das Pistorsche Lokal zu kommen, ist der Dieb von der Sandgasse aus in das Grundstück eingestiegen, hat den nur
mangelhaft schließenden Holzladen des Komptoir⸗ fensters geöffnet und dann eine Scheibe einge⸗ drückt, um so durch das Komptoir in den Laden zu kommen. Herr Pistor gab gestern Abend eine Gesellschaft und unterließ es daher, die Tageseinnahme an sich zu nehmen. Dieser Um⸗ stand ist leider dem Diebe zu Gute bekommen.
Gießen, 26. Februar. An Stelle des dem Abriß geweihten Wohnhauses neben dem Café⸗Ebel wird nach Plänen der Architekten Stein u. Meyer ein kleiner Neubau aufgeführt, dessenParterreräume, mit einem direkten Eingange von der Straße, der Verbindung Adelphia als Kneiplokal dienen soll. In der oberen Etage des Hauses wird ein kleiner Versammlungssaal mit einem Nebenraum geschaffen und durch eine Ueberbauung der Einfahrt mit dem Hauptgebäude des Restaurants verbunden. Nach hinterm Front des Gebäudes der Gartenseite zu gelegen wird ein überdeckter Wandelg ing geschaffen, welcher mittels Treppe auch für die Gartenbesucher benutz— bar gemacht wird. Frau Balzer versteht es, ihr Etablissement immer mehr den Bedürfnissen der Neuzeit entsprechend anzupassen.
* Gießen, 25. Februar. Um Neujahr fand zwischen 3 Unteroffizieren unserer Garnison und mehreren Metzgern auf der Lahnbrücke eine Schlägerei statt, wobei das Militär von der blanken Waffe Gebrauch machte. Heute hat nun vor dem Untersuchungsrichter des Landgerichts in Gegenwart zweier Offiziere eine zahlreiche Zeugenvernehmung stattgefunden und sollen dabei mehrfach die Bekundungen unter Eid abgegeben sein. Wie man hört, soll gegen die Unteroffiziere, welche den Streit provoziert hätten, das mili— tärische Strafverfahren eingeleitet sein. Einzelne Zeugen zeigten Kopfwunden, die selbst heute noch nicht verheilt sind.
* Gießen, 25. Februar. Frithjof Nausen, der Nordpolfahrer, ist neben Röntgen, dem Eut— decker der X-Strahlen, der anerkannte Held des Tages. Die Zeitungen feiern ihn täglich in dithyrambischen Hymnen, die geographischen Ge— sellschaften halten Sitzungen über Sitzungen ab, in denen ausschließlich von ihm die Rede ist, sein Bild ziert die Schaukästen der Kunsthandlungen und die Spalten der illust ierten Journale. Das alles beweist, wie fieberhaft das Interesse nicht nur der wissenschaftlich gebildeten, sondern auch der Laienwelt sich um die Frage dreht. Hat Nansen den Pol erreicht oder nicht? Leider ist, so lange der kühne Forscher nicht selber spricht, an eine Beantwortung kaum zu denken. Was sachkundige Leute, gewiegte Nordpolfahrer und berühmte Gelehrte, für Meinungen äußern, ob sie zweifelnd oder hoffend sich aussprechen, ist ziemlich belanglos, weil eben Vermutungen keine Thatsachen sind und die verwegenste Kombination keine Gewähr für die bescheidenste Wirklichkeit bietet. Inzwischen ist es erfreulich, zu beobachten, daß nicht nur in überschwänglichen Worten die Teilnahme an dem Geschick des Heimkehrenden sich äußert. Expeditionen werden ausgerüstet, um ihm entgegenzueilen, Telegramme fliegen hin und her, um den mutmaßlichen Ort seiner An⸗ kunft rechtzeitig zu erkunden. Fürsten und Geld— aristokraten wetteifern miteinander in Opfern,
damit beim Betreten des Landes dem schon ver— schollen Geglaubten nichts fehle und ein würdiger Empfang ihm bereitet sei. Freilich giebt es in unserer aufgeklärten Zeit auch naive Gemüter, die verwundert fragen, wozu ein so großer Lärm vollführt werde, und denen durchaus nicht die hohe Bedeutung der Nordpol-Entdeckung einleuchten will. Sie können nicht begreifen, wie außer⸗ ordentlich wichtig diese Entdeckung für die magnetischen Beobachtungen ist; wie sie die Witterungskunde durch wertvolle Berichte über die herrschenden Winde und Strömungen am Nordpol, die für die ganze Erde von Wert sind, bereichern wird; wie sie unsere Kenntnisse der Geologie und Naturwissenschaft, der Geographie und Astronomie erweitern muß; wie sie uns endlich erst völlig sichere Nachrichten über die wirkliche Gestalt unserer Erdkugel geben kann. Eiue prächtige Ergänzung zu diesen naiven Ge⸗ mütern bilden jene biederen Philisterseelen, die eine Reise nach dem Nordpol als eine Art Ver⸗ gnügungstour betrachten und überlegen lächeln, wenn andere bewundernd den Mut der Männer preisen, die ihr Leben bei solchem Wagnis aufs Spiel setzen. Hat man denn nicht ausführlich in den Blättern gelesen, daß Nansen bei der Abfahrt Proviant für fünf Jahre mitnahm? Daß sein Schiff vom stärksten Holze gebaut ist und einen so flachen Boden hat, daß es im Not⸗ fall unmöglich vom Eise zerdrückt, sondern ge⸗ hoben und weitergetragen wird? Daß es über elektrische Beleuchtung verfügt und infolgedessen während der langen Polarnacht das schönste Licht zum Lesen und Mustzieren erzeugt werden kann? Denn sogar ein Klavier ist vorhanden, um am Nordpol an lustigen Walzerklängen das Ohr zu erbauen; was fabelt man also von Tod und Gefahren!— Wir fühlen uns natürlich nicht be⸗ rufen, den braven Leutchen, die also sich hören lassen, eine Vorlesung über Nordpolfahrten und andere gute Dinge zu halten. Sie würden uns doch nicht glauben und den Unterschied zwischen
einer Skatpartie am warmen Ofen und einer Eisbärenjagd bei fünfzig Grad Kälte nicht zu fassen vermögen. Es muß halt„auch solche Käuze geben“, sagt Goethe; und Goethe war ganz der Mann dazu, sich ein Urteil erlauben zu dürfen!
Aus dem Vogelsberg, 24. Februar. Wie im Qdenwald, so waren auch zu uns die Lerchen in diesem Jahr auffallend frühe zurück⸗ gekehrt. Schon vor 14 Tagen konnte man sie iu Felde ihr Frühlingslied singen höreu. Jetzt aber ist dieser Gesang wieder verstummt; ein eisiger Ostwind fegt über die Fluren und läßt selbst bei klarstem Sonnenschein nicht auftauen. Solch kalte Tage und Nächte wie gegenwärtig haben wir während diesem Winter nicht zu ver⸗ zeichnen gehabt.
*Darmstadt, 25. Februar. Die Regierung hat an die Stände des Großherzogtums und zwar zunächst an die Zweite Kammer derselben das Ansinnen zu stellen: einen Beitrag bis zu 32 100 Mark als Zuschuß zu den Kosten der Reg u⸗ lierung der Usa von der Landesgrenze bis zur Einmündung in die Wetter zur Verfügung zu stellen.
Eine Grabschrift. Plauderei von V. Buchwald. (Nachdruck verboten!)
„Sie tanzen nicht, gnädiges Fräulein?“
„Nein— ich ziehe es vor zuzusehen.“—
Sie lächelte eigentümlich dabei. Ein Gemisch von Schwermut, Entsagung, Bedauern und prickeln— der Lebeuslust stahl sich in das Lächeln hinein.
„Und weshalb diese Selbstverurteilung?“ fragte er, sich einen Sessel neben den ihren ziehend und sich darauf niederlassend.
Er betrachtete sie halb belustigt, halb erstaunt. Ihr Verhalten erschien ihm wie Koketterie oder Eigensinn, Dinge die er an Frauen verachtete und bei Ilse von B. nicht vermutet hatte. Er kannte sie seit ihrer Kinderzeit und hatte nie gewußt, ob er ihren hellen Verstand oder die hellen Augen, aus denen jener mit stetem schönem Glanze leuchtete, mehr bewundern sollte.
Warum hatte er sie eigentlich nicht geheiratet?
schoß es ihm plötzlich durch den Kopf. Sie hätten wortrefflich zu einander gepaßt— Geld— Lebens- sstellung— Alter, aber er war nie auf den Ge— danken gekommen. Nun war es wohl zu spät! Er, der 40jährige Oberregierungsra', mit den silbernen Fäden an den Schläfen und iu den spanisch ge— sstutzten Bart, konnte wohl kaum noch daran denken ssich Hymens Fesseln anzulegen. Sie mußte unge⸗ ffähr dreißig sein. Wahrhaftig, da leuchtete es auch schneeig in dem vollen schwarzen Haar über der sschmalen Stirn. Daß sie diese Zeichen beginnenden
Winters nicht zu verbergen, mit kosmetischen Mitteln nicht zu vernichten strebte, gefiel ihm. Oder war auch das nur eine feine Koketterie? Der Schnee in dem Rabeuhaar machte sich prächtig zu den vollen Wangen, dem üppigen Mund, dem ganzen, noch wohlkonservierten Gesicht. Sie schien offenbar Mantegazzas Tendeuz, daß jedes graue Haar bei der Frau einen Pfeil bedeute, dem die Spitze abgebrochen sei, nicht zu kennen, sonst würde sie doch wohl nicht———
„Streichen Sie von der Verurteilung das „Selbst“, Herr von Rochus und Sie werden das Rechte getroffen haben“, unterbrach seinen blitz— artigen Gedankengang ihre tiefe wohlklingende Stimme.
„Aber ich sah doch, wie Sie eine Menge Bittender fortsandten, wie Sie sich hartnäckig weigerten zu tanzen“, entgegnete er, rasch an dem Faden der Unterhaltung anknüpfend.
„Trotzdem“, beharrte sie, den klugen Kopf zu— rückwerfend,„trotzdem! Glauben Sie denn, daß diese„Bittenden“— sie betonte mit leichtem Sar— kasmus das von ihm gewählte Wort—„auch wirklich— Freiwillige sind?“
„Sie halten mich hoffentlich nicht für so un— galant, daran zu zweifeln?“
„Und wenn ich es doch thäte?“ Sie sah ihn von der Seite schelmisch lachend an, fortfahrend: „Sie wissen ganz genau, daß jene in den Dienst gezwungen sind, denn Sie haben diese Rolle sicher— lich selbst schon häufig mit Erfolg gespielt.“
Er sah lächelnd auf seine Stiefelspitzen nieder.
Ihre Auffassung amüsierte ihn durch den völligen Mangel au Eitelkeit wie den des krankhaften Be— hauptens ehemaliger Rechte, mit welchem älter werdende Mädchen sich so häufig lächerlich machen.
Aber daß sie sih schon so ganz zu jenen rechnete— er wollte doch hören.
„Sie thun mir unrecht, gnädiges Fräulein, mir und andern, ich wüßte nicht, weshalb es den Herren da drinnen ein ganz besonderes Vergnügen bereiten sollte, nit Ihnen zu tanzen. Ich erinnere mich, daß Sie Meisterin in dieser Kunst waren.“
„Sie„erinnern sich— hine illae lacrimae,“ lachte sie.„Es ist lange her, daß wir zusammen tanzten, Herr von Rochus.“
„Leider,“ sagte er mit einiger Verlegenheit in der Stimme. Es war auch unangenehm, daß sie jedes Wort so ernst nahm. Ob sich die Bitterkeit des Altjungferntums bei ihr schon geltend machte?
Sein Auge streifte prüfend ihr Antlitz— lachender Sonnenschein lag darauf— nicht eine Falte übertriebenen Verletztseins.
„Wir könnten es ja heute nachholen,“ sagte er sich erhebend.
Sie
„Lieber nicht,“ war ihre heitere Entgegnung. „Ueberlassen wir das kindliche Vergnügen der
Jugend— uns Gesetzteren bleibe die Unterhaltung.“
Er rückte seinen Sessel näher an sie heran und bemerkte im Stillen, daß ihre dunkle Toilette aller— dings nicht auf die Erwartung zum Tanz deutete. „Dann sagen Sir mir wenigstens, weshalb Sie meine Geschlechtsgenossen so arg verdächtigen und
glauben, sie hätten sich Ihnen nur gezwungen als Bittende genaht,“ begann er.
„So hat mich in jungen Jahren die Erfahrung
gelehrt. Als ich mit 18 Jahren meinen ersten Winter durchtanzte, fand ich den Wunsch meiner 30 jährigen Geschlechtsgenossinnen, mit uns Jungen in die Schranken treten zu wollen, geradezu shoking Ich wußte eigentlich nicht recht ob ich sie für krank oder ein wenig verrückt erklären sollte. Und dieses Seufzen der jungen Lieutenauts oder Referendare über die„älteren Jahrgänge,“ die man anstands⸗ halber nicht zu fest sitzen lassen durfte— dafür sorgte galant der Tanzarrangeur— es tönt mir noch in den Ohren. Wie ich diese armen Opfer, die „Abkommandierten“ bedauerte! Und nun soll ich, der Jugend vergessend. selbst den älteren, so viel verwünschten Jahrgang repräsentieren?“ Nein“ — sie schüttelte lachend das Haupt—„ich habe meinen Teil an Huldigungen, Frohsinn, Glanz ge— nossen, soweit mir diese vom Schicksal und den Menschen freiwillig dargebracht worden— jetzt mag ich die schöne Erinnerung darau nicht beflecken mit dem traurigen Bewußtsein, daß bie Aufmerksam⸗ keiten, welche man mir erweist, vom Vergnügungs⸗ direktor kommandierte sind.“ In ihren klugen Augen leuchtete es stolz und froh. Hans Rochus bewunderte diese starke, dem Alter lachend ins grämliche Antlitz schauende Natur und eine starke Sympathie begann sich in ihm zu regen. Aber— er wollte noch mehr hören.“
(Fortsetzung folgt.)


