Ausgabe 
21.8.1896
 
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Gießen, Freitag, den 21. Angust

1896.

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Ausgabe

Gießen.

Adeszeikung.

Redaktion: Kreuzplatz Nr. 4.

.

Erscheint täglich mit Ausnahme der Tage nach Sonn⸗ und Feiertagen.

Preis der Anzeigen: 10 Pfg. für die Sspaltige Petitzeile.

. Expedition: 24 Kreuzplatz Nr. 4.

Lokales und Provinzielles.

* Gießen. 20. August. Das Großherzogl.

Ministerium des Innern und der Justiz hat

die Abhaltung des Viehmarktes zu Als⸗ feld am 24. l. M. unter folgenden Bedingungen

gestattet: 1. Für Auf, und Abtrieb des Viehes

ist den Anträgen des Kreisveterinäramtes gemäß

je eine bestimmte Stelle zu schaffen, welche allein

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benutzt werden darf. 2. Auf den Markt dürfen

nur Tiere aus unverseuchten Orten der Kreise

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Alsfeld, Schotten, Lauterbach, Gießen, Fried⸗ berg und Büdingen, Tiere von Händlern aber nur dann, wenn sie mindestens 7 Tage in un⸗ verseuchten Orten der fraglichen Kreise in seuchen⸗ freiem Zustande gestanden haben, aufgetrieben werden.

* Gießen, 20. August. Seit Montag be⸗ finden sich von Frankfurt höhere preußische Eisen⸗ bahnbeamte in unserer Stadt, um den Ueber⸗ gang der Oberhessischen Bahnen in preußische Verwaltung vorzubereiten. Den Wünschen der bisher hessischen Beamten soll in liberalster Weise entgegengekommen werden.

* Gießen, 20. August. Unser jugendlicher ahrer Karl Duill wird sich am kommenden onntag am Rennen in Darmstadt beteiligen.

* Gießen, 20. August. Der Rekurs, welcher gegen die Rechtsgiltigkeit des Stadtverordneten-Beschlusses wegen der Verlegung des Viehmarktplatzes eingelegt wurde, wird, wie man uns von be⸗ teiligter Seite mitteilt, auf Veranlassung des Provinzialdirektors Freiherrn v. Gagern vor dem Kreis ausschuß Friedberg zur Ver⸗ handlung kommen.

* Gießen, 20. Aug. In der Privatklage⸗ sache des Schlachthaustierarztes Liebe gegen den Obermeister der Metzger-Innung Pirr wegen Beleidigung steht am Freitag, den 21. d. M. vormittags, vor unserem Schöffengericht Verhandlungstermin an. Da die vorgesetzte Behörde Strafantrag gestellt, wird die Belei⸗ digung von Amtswegen verfolgt. Der Beleidigte wird als Nebenkläger vom Rechtsanwalt Grüne⸗ wald vertreten. Die Verhandlung wird dem Vernehmen nach recht interessante Momente bieten.

* Gießen, 20. August. Die schon von uns gemeldete feierliche Grundsteinlegung für das Kaufmännische Vereinshaus findet am Samstag Mittag um 1 Uhr an der Nordanlage statt.

* Gießen, 20. August. Sie wollten sich in der Feldhühnerjagd üben, die beiden Herren nämlich, die, wie wir berichteten, in voriger Woche Jagd auf Schwalben machten. Der Feldschütz Koch hat dieserhalb

einen Kommerzienrat und einen Arzt zur Anzeige gebracht. Als Erklärung für ihre brutale Handlungsweise haben die Herren angegeben: Wir wollten uns in der Feldhühner jagd üben!

Gießen, 20. August. Der gestrige Krä⸗ mermarkt war, wie dies nicht anders zu er⸗ warten, mehr wie schlecht besucht. Die Ge⸗ schäftsleute in der Neustadt und in der Markt⸗ straße erklären, vom Marktverkehr überhaupt nichts gespürt zu haben. Auf Oswalds Garten waren höchstens 1 Dutzend Stände aufge⸗ schlagen. Die Ursache dieses schlechten Marktes war der Ausfall des Viehmarktes.

* Gießen, 20. August. Dem Vernehmen nach werden die Verhandlungen der nächsten Schwurgerichtsperjode am Montag den 5. Oktober ihren Anfang nehmen.

* Gießen, 20. August. Unsere Leser, ins⸗ besondere die Besucher des am Montag in Steins Garten stattgehabteu Konzertes der russischen National⸗Kapelle der Nadina Sla⸗ viansky dürfte ein in derFrankfurter Ztg. veröffentlichter Artikel unter der Spitzmarke: Un musikalisches von der Slaviansky⸗ Kapelle interessieren. Der genannten Zeitung wird geschrieben:.

Als sich jüngst ein Knabe der russischen Kapelle Slaviansky in voller Fahrt aus dem Fenster des Eisenbahnwaggons stürzte, drückte dieFrankfurter Ztg. die Erwartung aus, bald etwas über die Fluchtgründe jenes Unglücklichen zu hören. Bis jetzt ist in dieser Hin⸗ sicht Alles stumm geblieben. Aber es muß doch fest⸗ gestellt werden, daß inzwischen sehr schwere Beschul⸗ digungen gegen die Unternehmerinnen selbst aufgekommen sind. Die sieben Männer und zwölf Knaben von der Kapelle der Frau Slaviansky, die sich um die Zeit des oben erwähnten Fenstersturzes, mitten in der Nacht bei der Bürgermeisterei von Homburg in einem elenden Zustande als obdachlos meldeten, haben gegenüber russischen Kurgästen sehr gravierende Aussagen gemacht. Es wäre also doch endlich Zeit, zu untersuchen, ob alle jene Leute lügen oder ob es jene Russin wirklich ihren Angestellten an Essen und Trinken fehlen läßt, dafür aber keineswegs an fortgesetzten Mißhandlungen sogar mit Hilfe eines Aufsehers. Der hiesige russische Vizekonsul wußte bereits von Petersburg her, daß im dortigen Ministerium über dieselbe Frau viele Klagen aus fremden Städten eingelaufen waren. Der Herr nahm denn auch, als ihm die neue Mitteilung zugekommen war, persönlich Veranlassung, unsere Polizei von Allem in Kenntnis zu setzen. Der Stellvertreter des Polizeipräsidenten, Regie⸗ rungs⸗Assessor v. Behr⸗Pinnow, nahm Einsicht in das betreffende Homburger Aktenstück und versicherte den Konsul, die Sache werde untersucht werden, sobald die Gesellschaft hier eintreffen werde. Inzwischen hat das Konzert am 14. August im Palmengarten stattgefunden und die Gesellschaft ist dann weitergereist. Im Interesse der Menschlichkeit wäre es aber doch wichtig, zu erfahren, was unsere behördliche Untersuchung ergeben hat. Ob

Frau Slaviansky das unschuldige Opfer einer kunstvoll zusammengetragenen Verleumdung war oder ob sie es thatsächlich ungestraft wagen konnte, in Frankfurt und der Umgegend ihre mißhandelten Mietlinge hungern und dursten zu lassen. Jedenfalls kann die Polizei Fremde, die sich selber als obdachlos melden, nach der Heimat ab⸗ schieben und damit hätte man den Leuten gewiß den größten Gefallen gethan.

* Gießen, 20. August. Daß beschädigte Reichsmünzen nicht kassenmäßigen Geld⸗ wert besitzen, wird noch immer piel zu wenig beachtet, denn fortgesetzt kommt es vor, daß mit verbogenen oder zerschlagenen Münzen aller Sorten Zahlung geleistet wird und sie namentlich auch im Kleinverkehr unbeanstandet angenommen werden. Es sammelt sich im Jahre bei manchem Kleingeschäft ein ganz anständiges Sümmchen solcher verkrüppelter Silber- und Nickelmünzen an, und den Schaden hat der zu tragen, der sie annimmt, weil sie von der Bank zurück⸗ gewiesen werden.

Grünberg, im August. Am Markttage, 15. August, wurden auf dem hiesigen Frucht⸗ markte folgende Fruchtarten ꝛc. zu den beige⸗ setzten Durchschnittspreisen verkauft: 42 Doppel⸗ Centner(à 100 kg.) Weizen zu 14,02, 7 D.⸗Z. Korn zu 12,02, 17 D.⸗C. Hafer zu 12,84., 9 D.⸗C. Samen zu 18,80 l

* Aus dem Kreise Lauterbach, Mitte

August. Die Hühnerjagd scheint einträglich zu werden, denn es werden allerorten Ketten angetroffen, häufig außerordentlich volkreiche. Minder ergiebig dürfte im kommenden Herbst die Hasenjagd ausfallen. Die Ursache davon liegt nicht, wie gewöhnlich, in der Witterung; Füchse, die in großer Zahl gesehen werden, thun großen Schaden. Ueberall findet man Reste von gefressenen Häschen. Bensheim, 18. August. Die Sektion für feldmäßigen Gemüsebau des Obst- und Gar⸗ ten bauvereins für die Bergstraße, die in diesem Jahre neben dem einträglichen Gurken⸗ bau zum ersten Male den Anbau von Erbsen und Bohnen auf größeren Flächen forcierte, entwickelt in dem Versandt ihrer Produkte ein äußerst lebhaftes Geschäft. Namentlich sind es Bohnen, die in den 1 Städten Nord⸗ deutschlands guten Absatz finden; im Durch⸗ schnitt werden für den Centner 8, erlöst. Da der Behang überaus reichlich ist, nehmen die Landwirte, die sich auf diese Kultur verleg⸗ ten, ein ansehnliches Stück Geld ein. Das Kernobst ist heuer an der Bergstraße nicht zu reichlich geraten, weshalb hohe Preise zu er⸗ warten stehen. Bei der gestern stattgefundenen Versteigerung des hiesigen städtischen Obstertrags wurden sehr hohe Preise erzielt, wonach der Centuer Aepfel wohl auf 6 bis 8 l zu stehen kommen wird.

Vermischtes.

Der Herr Kommerzienrat. Wegen unbe⸗ fugter Führung des TitelsKommerzienrat wurde dieser Tage in Köthen vor dem Amtsgerichts gegen den Bankier Nathan Herzberg verhandelt. Dem Herzberg war von dem Herzog von Anhalt am 29. April 1895 der Titel Kommerzienrat verliehen worden. Unterm 29. Mai 1896 hat der Herzog sich veranlaßt gefunden, dem Herz⸗ berg den Titel wieder zu entziehen. In der Absicht, in dem durch die Weiterführung des Titels zu erwartenden Strafverfahren gegen ihn die ihm angedeuteten Gründe der Entziehung näher erfahren zu können, hat Herzberg in den Nummern 138 und 140 desKöth. Tagebl. vom 14. und 17. Juli d. Is. einige Anzeigen erlassen, in denen er sich den TitelKommerzienrat beilegte. Es war hierauf auf Antrag des Amtsanwalt unterm 26. Juni d. Is. gegen ihn ein Strafbefehl in Höhe von 60, im Nichtzahlungsfalle eine Haftstrafe von 10 Tagen ergangen, weil er zu Köthen unbefugt den TitelKom⸗ merzienrat angenommen habe. Gegen diesen Strafbefehl hatte Herzberg rechtzeitig Widerspruch erhoben und auf gerichtliche Entscheidung angetragen. Der Angeklagte er⸗ schien nicht selbst, sondern ließ sich durch einen Verteidiger aus Berlin vertreten, der die Freisprechung des Ange⸗ klagten beantragte. Die Anklagebehörde beantragte die Verurteilung des Angeklagten zu der im Strafbefehl aus⸗ sprochenen Geldstrafe von 60 4 event. 10 Tagen Haft unter Angabe der Gründe ihres Antrages, denen sich auch der Gerichtshof anschloß.

Sauteufel! Das Schöffengericht zu Worms hat in einem Spezialfalle die FrageIst die Be⸗ zeichnungSauteufel eine Beleidigung? verneint. Ein Auctionatorin in Worms hatte eines Tages den Hof seines Hausherrn, eines Wormser Bäckermeisters, verunreinigt. Darob titulierte ihn die Frau des Bäcker⸗ meistersSauteufel. Die Klage des Auctionators ward abgewiesen, da die Frau inWahrung berechtigter In⸗ teressen gehandelt habe.

Opfer der Bergkraxelei. Aus Kufstein wird gemeldet: Am Sonnabend Nachmittag stürzte vom Predigtstuhl im Wilden Kaiser der Bankbuchhalter Funk von München ab und blieb sofort tot. Die Leiche wurde von Hinterbärenbad nach Kufstein gebracht. Am 16. August verunglückte beim Abstieg vom Hoch⸗ vogel der praktische Arzt Bischof aus Augsburg, als er über eine sogenannte Schneebrücke hinwegging, die unter ihm durchbrach; Bischof st ürzte in den unten fließenden Bach und war so fort tot. Bei der Besteigung des Berges Sapoleyres(Kanton Waadt) ist die 28jährige Pensionatslehrerin Weber, während sie Blumen suchte, über eine jähe Felswand gestürzt und war sofort tot.

Im Schlafe verreist. Am 22. Juli fanden Polizeiagenten in dem Badeorte Deauville, nächft Trouville belegen, einen völlig entkleideten jungen Mann auf einer Bank schlafend vor. Alle ihre Bemühungen, ihn zu wecken, erwiesen sich aber als vergeblich; man mußte den Unbekannten in das Hospital von Pont l'Eveque schaffen, wo die Aerzte erkannten, daß er in Katalepsie ver⸗ fallen war. Die Nachforschungen bei den Hotelbesitzern und Gastwirten des Badeortes vermochten nicht zur Ent⸗ deckung der Identität des unbekannten Schläfers zu führen. Man stand also einem unbegreiflichen Rätsel gegenüber,

Marja, das Heldenmädchen

von Transvaal. Zeitroman von Pieter Vryburg 1. Kapitel. Die Stimme in der Wüste. Deutsches Lied, deutscher Laut, Meinem Ohr wie lieb, wie traut! Ueber die endlos weiten Flächen zwischen dem Olifantfluß und dem Nylstroom trabte ein Reiter auf abgejagtem Klepper lautlos dahin. Sein bleiches Aussehen, sein gläserner Blick und

der stolpernde Gang seines Pferdes ließen unschwer

erkennen, daß beiden Ruhe dringend von Nöten war.

Die Mittagssonne lag sengend und blendend auf der Prairie. Ein dumpfes, einschläferndes Schweigen brütete über der schatten⸗ und wasser⸗

% losen Wüste. Mit dem Flimmern der stark erhitzten

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Luft harmonierte das zitternde Zirpen der Gras⸗ Beide übten in ihrer Eintönigkeit eine geradezu betäubende Wirkung auf Nerven und Sinne. Und doch spornte der einsame Reiter das müde Tier zu seinen letzten Kraftleistungen an, und ein gelegentlicher, nur mechanisch ausgeführter Ruck am ügel brachte den sinkenden Kopf des Gaules immer wieder in die Höhe.

Es ging wohl noch eine Viertelstunde so, dann half alles Anspornen und Reißen am Zügel nichts mehr. Die Kräfte des armen Tieres waren er⸗

öͤpft. Es konnte nicht weiter traben und ver⸗ mochte auch seinem verlangsamten Schritt keine Festigkeit zu geben. Es sank mehr und mehr in sich zusammen; auch der 1 hielt sich nur noch

it Anstrengung im Sattel. 1 Suh 105 bürstend, gleichsam Hülfe flehend, kacken ene Augen in die flimmernde Weite. Es war alles umsonst.

Weder Rauch noch Staub kündeten die Nähe

einer Niederlassung, einer wandernden Herde oder

eines träge seines Weges ziehenden Ochsengespannes an. Weder Baum noch Strauchwerk deutete auf eine heimlich rieselnde Quelle. Die Prairie, das weite unersättliche Wüstengrab schloß den Ver schmachtenden auf allen Seiten ein. Und wie zum Hohne woben sich die leuchtenden Prairieblumen mit dem dürren Grase zu einem farbenprächtigen Teppich.

Verirrt! stieß der Unglückliche heiser aus trockener Kehle hervor.Umsonst! Verloren, Alles verloren!

Schmerzlich zuckte es über schönes, noch jugendliches Gesicht.

Und dennoch, fuhr er, sich noch einmal auf⸗ raffend, fort,es darf nicht sein! Meine Mission, ich muß sie erfüllen, denn niemand kann es außer mir! Dieses Geheimnis, das wie ein Alp auf meiner Seele ruht, es lebt und stirbt mit mir, und es soll nicht sterben!

Ein eiserner Entschluß prägte bei diesen rauh hervorgestoßenen Worten in seinen Zügen sich aus, und wenn der Wille das Siegende im Kampfe mit den feindlichen Mächten wäre, dann würde der ein⸗ same, in der Wilduis verirrte Reiter sein Ziel trotz Sonnenglut und Wassersnot erreicht haben. Bald aber erkannte er, daß es noch einen höheren Willen als den seinen gab und daß es bei jenem be⸗ schlossen schien, seiner Erdenlaufbahn ein jähes Ziel zu setzen, ihn zu verderben.

Der Pferdeleib unter ihm schwankte und brach zusammen. Er hatte kaum noch so viel Kraft, sich rechtzeitig aus dem Sattel zu schwingen, und als seine Füße jetzt den Boden berührten, traumelte er wie ein Trunkener. Auch er war dem Zusammen⸗ brechen nahe. ö

Trotzdem dachte er in diesem Augenblick nicht an sich, sondern an das treue Tier, welches ihn unverdrossen, mit Aufbietung seiner letzten Kräfte,

sein männlich

bis hierher getragen hatte.

Er kniete bei demselben nieder, löste Sattel und Zaum ab, klopfte ihm den Hals und richtete Worte der Ermunterung an den kraftlosen Gefährten seiner Leiden und Qualen.

Ein mattes Wiehern dankte ihm für diesen letzten Trost und für die gewährte Erleichterung.

Der Kampf dauerte nicht lange. Drei wasser⸗ lose Tage im Sonnenbrand waren vorhergegangen. Noch ein letztes Mühen, den Kopf oben zu behalten dann senkte sich der schlanke Hals des Pferdes zur Seite, und der Mann da war der einzig Lebende, Atmende im großen Wüstenrund!

Dieses Bewußtsein erfüllte sein Herz mit einem jähen Angstgefühl.

Er schnellte vom Boden auf. Wirr blickte er im Kreise umher. Dieselbe trostlose Oede hegte ihn ein.

Nein, Du allgütiger Gott, das kann Dein Wille nicht sein! rief er, den Blick nach oben richtend. Und leiser, wie in Verzweiflung fügte er hinzu: Einen Menschen nur einen Menschen, dem ich es sagen kann, noch ehe ich sterbe...!

Einige Sekunden verharrte er in dumpfem Hin⸗ brüten. Vergangenes zog an seinem Geiste vor über, aber die schreckliche Gegenwart duldete sein langes Verweilen bei derselben. Er blickte an sich nieder nach seinem Schatten. Die Sonne hatte den Zenith überschritten.

Dort hinaus liegt der Nylstrom! murmelte er.Ich muß ihn zu erreichen suchen. Das ist meine letzte Hoffnung.

Nun stapfte er weiter durch die blumenreiche, sengende Wüste. Der Kopf war ihm so leicht, da⸗ gegen lag es ihm bleischwer in den Füßen. Die Augen fest auf einen Punkt gerichtet, schritt er da⸗ hin krank, schwer atmend, strauchelnd und taumelnd. Wie lange noch?

Selbst ein eiserner Wille wie der seine erliegt

sich niederlassen, sich Ruhe gönnen. Die Kniee versagten ihm den Dienst.

Lang ausgestreckt lag er da, den breiten Schlapp⸗ hut als Sonnenschutz auf dem Gesicht. Wohl⸗

durfte er die Augen nicht schließen. Aus diesem Schlaf wäre er schwerlich mehr erwacht. Ob er wohl noch die Kraft finden würde, sich wieder zu erheben?

Um diese quälenden Gedanken los zu werden und die Gegenwart wenigstens vorübergehend zu vergessen, suchte er die Bilder der Vergangenheit auf, und die führten ihn weit und immer weiter zurück, bis in seine Jünglings- und Knabenjahre, in jene schöne, herrliche Zeit, wo man seinen Robinson Crusoe zum erstenmale gelesen und mit schwärmerischer Ueberschwänglichkeit von Ge⸗ fahren und Abenteuern zu Wasser und zu Lande träumt. Auch er hatte einmal heiß ersehnt, was er heut erlebte; und nun es da war, nun der Tod spinnenartig an ihn herankroch und schwarze Schattenarme aus der blendenden Lichtfülle nach ihm griffen, sah und erkannte er die ganze Thor⸗ heit und jammervolle Hohlheit solcher Jugendträume. Andere liebreichere Bilder aus der Heimat tauchten vor ihm auf, bald klar, bald verwischt oder ihn wirr umtanzend. Wie lange er so im Kampfe mit dem Schlafe gelegen, wußte er nicht. Auf einmal drangen, wie aus weiter Ferne kommend, Töne und dann eine liebliche Stimme zu seinem Ohr. Er kannte die Weise, schlicht und herzbewegend, und er kannte das Lied..

Verlassen, verlassen, Verlassen bin i, Wie der Stein auf der Straßen.

Immer lauter, immer reiner perlten die Töne, immer deutlicher wurden die Worte.

(Fortsetzung folgt.)

unter der erlahmenden Kraft. Endlich mußte er

thätige, einschläsernde Ruhe umfing ihn. Und doch