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Gießen, Freitag, den 21. Februar
1896.
Ausgabe
Gießen.
che Landeszeitung.
Zweite Kammer. Darmstadt, 19. Februar. In der zweiten Kammer beantwortete heute Staats- minister Finger die Interpellation Schmitt wegen der bedingten Verurtheilung im Verwaltungswege. An,
fehen.
bilde des Löwen.
der Frage der Aussetzung der Strafverbüßung werde nach Verbüßung von drei Vierteln der Strafzeit schon seit dem Jahre 1891 in den weitaus meisten Fällen herangetreten.
Schmitt wünschte die Aussetzung der Strafverbüßung in
die Hand des vollziehenden Richters gelegt zu, Nach längerer Besprechung von Mißständen im Betrieb der Mainzer Außenbahnen beschloß die Kammer nach dem Antrag Metz(Darmstadt) Rücknahme der Verordnung vom 10. November 1886, betreffend die Prüfung der Bedürfnißfrage für Wirthschaften und für den Kleinhandel mit Branntwein.
Lokales und Provinzielles.
* Giessen, 20. Febr. Eine teilweise Mondfinsternis, die Beachtung verdient Und auch finden wird, wenn der Himmel einiger— rnaßen ein heiteres Gesicht zeigt, bringt uns der 28. Februar. Die übrigen Bedingungen der Sichtbarkeit sind sehr günstig, namentlich was die Zeit betriffl. Die Finsternis begiunt Abends
7 Uhr 16. Min. nach mitteleuropäischer Zeit.
Der Mond ist bereits um 5 Uhr 42 Min. auf⸗ gegangen und steht am Osthimmel im Steru— Der Eintritt der vollbeleuch— teten Mondscheibe in den Erdschatten erfolgt am lünken(östlichen) Mondrande, und da die Be— grenzung des Erdschattens keine scharfe ist, so
bieergehen einige Minuten, bis unser Auge die
ersten Spuren der Verfinsterung wahrnimmt. Dann aber schreitet die Verdunkelung der Mond— scheibe ersichtlich rasch vorwärts. Um 8 Uhr 46 Minuten— die Mitte der Finsternis— ist der Mond bis auf, seines Durchmessers hom Erdschatten bedeckt und nur ein sehr schmaler Teil der unteren Hälfte der Mondscheibe ist noch beleuchtet— ein höchst ungewohnter, eigenartiger Lune Von nun ab wächst der beleuchtete Teil der Mondscheibe wieder. Um 10 Uhr 15 Min. nachts ist der Mond vollständig aus dem Erd— schatten ausgetreten. Die angeführten Zeiten gelten für alle Orte, wo die mitteleuropäische Zeit eingeführt ist.
* Gießen, 19. Februar. Wie man über Menschen denkt, die jede Aeußerung, die einer rer Mitmenschen in der Bierlaune khut, an die große Glocke hängen, ist allgemein bekannt. Selten pohl geschieht es, daß man einem solchen Menschen büe Verachtung so deutlich fühlen läßt, wie das gestern in einer hiesigen Wirtschaft der Fall war. Vie Gäste erklärten dem Wirt sämtlich, das Lokal verlassen zu wollen, wenn er einen Menschen, der durch seine Denunziation einen armen Teufel ius Unglück gebracht, dulde, und so mußte sich
unbedachten Wort eines Angetrunkenen Aergernis nehmen, stets so behandelt, wird deren Empfind— lichkeit sicher mit der Zeit abnehmen.
»Aus dem Kreise Gießen schreibt man dem„Volk“: Aus unserem, in sozialer Be— ziehung nach mancher Richtung interessanten Winkel konnte ich Ihnen früher schon eine Probe von der Fürsorge mitteilen, die man in leitenden Eisenbahnkreisen den Interessen der arbeitenden Bevölkerung zuteil werden läßt, richtiger von den Plackereien, die man letzteren in den Weg zu werfen für gut findet. Heute seien nur zwei Fälle erwähnt, aus welchen hervorgeht, welches Maß von Gerechtigkeitsgefühl noch unserer Land— bevölkerung bei den herrschenden gesetzlichen Ver— hältnissen und dem Vorgehen der nach Bildung und Besitz maßgebenden Kreise verbleiben kann und verbleiben muß. Ein Maurerlehrling ent⸗ wendete auf einem Acker ein kleines Bündel Hafer. Bei der nächsten Gelegenheit von einem älteren Arbeiter hierüber zur Rede gestellt, giebt er diesem eine unflätige Antwort und erhalk hierfür eine Ohrfeige. Unglücklicherweise geht aber der Schlag ins Auge, welches, wie sich nach langer, klinischer Behandlung herausstellt, hierdurch den größten Teil der Sehkraft verloren hat.— Das mit der Sache betraute Gericht geht von dem gewiß durchaus richtigen Standpunkt aus, daß die Gesundheit ein nicht hoch genug zu schätzendes und vor leichtsinniger Schädigung nicht sorgfältig genug zu schützendes Gut ist. Dem Thäter wird deshalb die Tragung sämtlicher Kranken- und Gerichtskosten, sowie die Zahlung einer Ent⸗ schädigung von 1500 Mark an den Verletzten auferlegt— eine gerechte Strafe, die allein hin— reicht, den materiellen Ruin des nicht begüterten Manuues herbeizuführen. Außerdem erhielt der— selbe eine in dem Zellengefänguis abzusitzende Gefängnisstrafe von 9 Monaten. Es fragt sich nun, ob diese Zumessung eines sehr hohen Straf— maßes einem für seine unüberlegte Handlung schon hinreichend gestraften Manne gegenüber angebracht war, ob das Gericht eine zwingende Nötigung hatte, zu dem materiellen Ruin auch noch den moralischen, der in der Höhe der Strafe und in der Art der Absitzung ausgedrückt liegt, hinzuzufügen.— Der zweite Fall liegt schon etwas länger zurück und ist kurz der folgende (auch in meinem Filialort vorgekommen). In der Tabakfabrik desselben zwei Stunden von Gießen belegenen Dorfes ist ein Arbeiter bereits 15 Jahre hindurch ununterbrochen beschäftigt. Derselbe stirbt nach kurzer Krankheit und hinter⸗ läßt eine Witwe mit 6 kleinen Kindern. Dem Chef der Firma wird es in persönlicher Unter— redung nahegelegt, der schwer bedrängten Frau in nachhaltiger Beziehung zu Hilfe zu kommen, welchem Ansinnen er mit dem Bemerken begegnet,
mit ihrer Arbeit noch verdienen kann, per Woche I erschrecken Sie nicht— eine Mark und fünfzig Pfennige beträgt. Auch sein Rechentalent muß zugeben, daß eine Frau mit sechs Kindern bei diesem Einkommen nicht bestehen kann, er weiß sich aber jedem weiteren Ansinnen mit der Be⸗ merkung zu entziehen, daß er viel zu thun hätte, wenn er jeder Witwe in seinem Fabrikbezirk mit materieller Hilfe beispringen wollte. Anderweitige private Hilfe konnte die Frau nicht vor dem Untergang retten. Sie ist bald darauf mit einem siebenten Kind, dem sie noch das Leben geben sollte, verdorben und gestorben. Es wäre nur noch lohnend, zu untersuchen, welche Arbeitslöhne in der betreffenden Fabrik im Durchschnitt gezahlt werden. Ein Vergkeich dieser beiden Fälle mit einander ist überflüssig.
Bad⸗Nauheim, 18. Februar. Auf An⸗ regung des Badekommissars wurde von dem Gemeinderat der Entwurf einer Mietordnung ausgearbeitet, der keineswegs die allgemeine Zu⸗ stimmung der Bürgerschaft findet. Man ist der Ansicht, daß darin die Interessen der Vermieter zu sehr in den Vordergrund gestellt sind. Der Badekommissar und der Kreisausschuß haben zu dem Entwurf noch Stellung zu nehmen, ehe er dem Ministerium zur Genehmigung unterbreitet werden kann.
Offenbach, 19. Febr. Gestern Mittag machte das 2jährige Kind des Arbeiters Franz Dietrich, Domstraße wohnhaft, während der kurzen Abwesenheit seiner Mutter sich an dem Ofen zu schaffenz die Kleidchen desselben fingen Feuer, und das Kind trug so fürchterliche Brandwunden davon, daß es heute Morgen im Krankenhaus von seinem Leiden durch den Tod erlöst wurde.
Zell bei Bensheim, 19. Febr. Ein herber Schicksalsschlag hat gestern Nachmittag eine hiesige Familie getroffen. Der in den 50er Jahren stehende Landwirt Joh. Steinbacher war auf seinen Acker am Krähberg gegangen, um dort am Fuße eines steilen Raines eine Sammel⸗ grube für Regenwasser zu schaffen und dadurch sein Feld vor den schädigenden Regengüssen zu schützen. Als es Nacht geworden war und der Mann nicht nach Hause kam, beunruhigten sich die Familienangehörigen sehr und eilten hinaus an die Arbeitsstelle, wo ein namenloses Unglück geschehen war. Bei der Arbeit war eine ge⸗ waltige Erdmasse des Raines herabgestürzt, die den bedauernswerten begraben hatte. Das obere Ende vom Stiel der Schippe, mit welcher Steinbacher gearbeitet, sah aus der Erdmasse hervor. Steinbacher wurde als Leiche heraus— gegraben. Der Fall erweckt die allgemeine Teilnahme.
Redaktion:= Erscheint täglich mit Ausnahme der Tage nach Sonn- und Feiertagen.. Expedition: Kreuzplatz Nr. 4. 2 E Preis der Anzeigen: 10 Pfg. für die ispaltige Petitzeile. 21 Kreuzplatz Nr. 4. —— 5 * der Betreffende bequemen, die Wirtschaft zu ver⸗er wolle ihr zu arbeiten geben. Auf Vorhalt j. Mainz, 19. Februar. Der im vorigen Hessischer Landtag. lassen. Wenn man solche Leute, die an jedem muß er zugeben, daß der Lohn, den diese Frau] Jahre zu Kastel verstorbene Dr. med. Klover,
dessen Frau von Flörsheim gebürtig war, hatte der Flörsheimer Gemeinde die Summe von 20000 Märk zur Gründung eines Hospi— tals testamentarisch vermacht. Die Genehmigung zur Annahme dieses Vermächtnisses ist dieser Tage eingetroffen. Die Summe soll vorerst ver⸗ zinslich angelegt werden.
Vermischtes.
— Antike Großstädte. Von antiken Großstädten pflegt sich der moderne Mensch ein recht verkehrtes Bild zu machen. Er glaubt vielfach, Großstädte in unserem Sinne habe es eigentlich im Altertum nicht gegeben. Das ist aber ein Irrtum. Denn wenn es überhaupt im Kulturleben der Alten gewisse Seiten gegeben hat, in denen wir, der Geschichtsforschung folgend, Vorbilder unseres eigenen modernen Lebens wiedererkennen, so gehört dazu in erster Linie die zeitweilige Zusammendrängung der Menschen in Großstädten, die an Umfang und Be⸗ völkerung, an Gegensätzen von Pracht und Schmutz, an Reichtümern und erbarmungswürdigem Elend den ersten Weltstädten der Neuzeit wenig oder gar nichts nachgeben. Was über Bauweise, Aussehen und Leben in den Welt⸗ städten des römischen Reiches uns erhalten ist, zählt unter die interessantesten Zeugnisse aller Kultur. Auffallend erscheint da, wie der„Hannoversche Kurier“ ausführt, zunächst die Höhe der Gebäude. Man ist wohl geneigt, die Bauweise des Altertums sich vorzugsweise ein- oder zweistöckig vorzustellen, während im Mittelalter die hoch⸗ giebeligen schmalen Bauten der engen Handelsstädte und in der allerjüngsten Zeit die unsinnigen, zehn⸗ bis zwanzigstöckigen Thurmbauten amerikanischer Spekulations⸗ orte zeitgemäß sind. Allein wie wird man an den steten Kreislauf gemahnt, wenn man hört, daß die römische Kaiserzeit so gut ihre„Himmelskratzer“ oder Thurmhäuser besessen hat, wie nur irgend ein Newyork oder Chicago! In Babylon gab es eine Menge vierstöckiger Gebäude; indischen Städten werden Gebäude bis zu sieben Stock zugeschrieben. Karthagos Häuser besaßen oft sechs Stock⸗ werke, und in Rom schrieb die Baupolizei unter Augustus eine Fronthöhe von etwa 20 Meter als Höchstmaß vor, was bei den niedrigen Wohnungen der Römer mindestens sechs Geschosse zuließ. In Konstantinopel waren um 500 n. Chr. 100 Fuß hohe Häuser(etwa 30 Meter) gestattet, gleichviel, ob sie den Nachbarn Licht und Aussicht raubten oder nicht; die Stadt soll damals zehn- bis zwölfstöckige Häuser, gerade wie Newyork, besessen haben. Nun mußten aber zwei Umstände derartige Hochbauten damals viel auf⸗ fallender u. gewagter als heute erscheinen lassen; einmal die Bauart und dann die schmale Anlage der Straßen. Die Bauweise der Privathäuser war im alten Rom so lüder⸗ lich, daß Hauseinstürze gar nichts Seltenes waren, und die in solchen, großenteils aus Holz bestehenden Wohn⸗ häusern herrschende Feuersgefahr erhöhte sich noch dadurch, daß eigentliche Treppeu kaum vorhanden waren, sondern nur Leitern mit schmalen Brettchen anstatt der Stufen, eine Stiegenart, die dem ersten Hauch des Feuers zum Opfer fallen mußte. Die Feuerwehr des alten Rom schnüffelte denn auch beständig in den Küchen herum, die Gelegenheiten zum Ausbruch eines Feuers mehr beachtend als die ausgebrochenen Brände, die in der Regel doch
Im südamerikanischen Carthago. Reiseskizze von Dr. Paul Remer. (Nachdruck verboten.)
Am frühen Morgen hatten wir Sabanilla ver— loͤssen, den Hafen von Baraquilla, der schuell auf— geblühten großen Handelsstadt an der Mündung des Magdalenenstromes, und nun dampften wir die güte von Kolumbien hinauf nach unserm neuen Lestimmungshafen Cartagena. Es war ein Sonn— glg hell und klar, aber mein Gemüt war ver— tlüstert,— mir stak noch von Baranquilla her eine lustige Feier mit deutschen Landsleuten in den Gliedern. Die Eindrücke, die ich von unsrer Fahrt eripfing, blieben so ein wenig undeutlich und ver— sbwommen. In meinem„Faullenzer“ ausgestreckt, lig ich auf Deck unter dem schützenden Sounenzelt, und wohlthätiger Halbschlummer hielt meine Sinne
uch in friedlicher Absicht kämen.
und Gedanken umfangen. Nur zuweilen drängte sih durch das träge geöffnete Auge ein Bild von draußen. Ich sah dann Berge, die au der nahen süste langbeinig mit uns liefen; Sonnendunst und
Eöshennebel umhüllten ihre gewaltigen Glieder.
Es mochte um die Mittagszeit sein, da jagte lich plötzlich dumpfes Gewittergrollen aus meinem eulen Hindämmern auf. Ueber der Küste stand ie große schwarze Wolkenwand am Himmel, und utter ihr wurden jetzt die Mauern und Häuser von Ertagena sichtbar. Ich rieb mir die Augen— mumte ich denn noch?... Finster und alters— dau, ein Stück ferner düsterer Vergangenheit, lag Stadt vor mir. Mir schien es, die alten Spanier müßten auf den Wällen stehn und neu— gerig und besorgt nach uns ausschauen, ob wir Und meine tsmantische Seele träumte uns in die Rolle von
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Flibustiern hinein, die drüben den spanischen Schätzen einen Besuch machen wollten— Erst das Pfeifen unsers Dampfers, der einen Lootsen verlangte, ver— setzte mich in die Gegenwart zurück und zerstörte meine kühnen Träume. Das Jahrhundert des Dampfes hat doch die Ehre, mich geboren zu haben — ich beugte mich dieser Thatsache nicht ohne ein Gefühl des Bedauerns. Aber die alte Stadt aus grauer Vergangenheit war kein Traum; sie blieb vor mir liegen, untilgbar, unzerstörbar, und am Ende mußte ich an ihre Wirklichkeit glauben, selbst im 19. Jahrhundert und trotz der neuen Welt!...
Meine Ungeduld, die Wunderstadt in der Nähe zu sehn, wurde zunächst auf eine harte Probe ge— stellt. Wir machten noch eine Fahrt von mehreren Stunden bis zur Ankunft im Hafen. Die alte Hafeneinfahrt nicht weit von der Stadt ist während der Befreiungskämpfe im Beginn unseres Jahr hunderts verschüttet worden, und die jetzige Einfahrt liegt mehrere Meilen oberhalb. Sie ist unheimlich schmal; das Schiff berührt auf der einen Seite fast den Strand, während auf der andern ein altes, spanisches Fort, auf einer Sandbank erbaut, den Seefahrer bedroht. Aber dann gleitet man durch ein ruhiges, schönes, tiefblaues Wasser; man befindet sich in der weiten Hafenbucht von Cartagena, auf allen Seiten von herrlichen Ufern umgeben. Zur Linken, dem Meer zu eine langgestreckle Insel, auf der malerisch unter Palmen zwei kleine urwald— mäßige Dörfer Bella Vista und Polonia liegen; zur Rechten sanft ansteigendes Land, gleichfalls dicht mit Palmen bestanden, an deren Fuß sich dunkles, saftiges Grün schmiegt. Tiefe satte Farben überall, und darüber der dunkle Gewitterhimmel, der sich mit Donner und Blitz über uns eutlädt, aber nur noch wenige Tropfen entsendet, die Kreise auf dem ruhigen Wasser ziehn. Bei einer Biegung taucht
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daun im Hintergrunde auch Cartagena wieder auf; unheimlich droht es mit seinen altersgrauen Wällen und Forts in die düstere Gewitterlandschaft hinein, bis dann die Welt langsam im Dunkel des frühen Abends untergeht.....
Am andern Morgen, sobald es der Tag erlaubte, der in den Tropen erst verhältnismäßig spät, gegen sechs Uhr aus den Federn kriecht, machte ich mich ans Land, um dem südamerikanischen Carthago meinen Besuch abzustatten. Am Strande geriet ich ich zunächst in lebendigste Gegenwart hinein, in das Leben und Treiben des Frühmarktes, der Cartagessa mit den nötigen Lebensmitteln und Früchten ver— sorgt. Größere und kleinere Böte, darunter auch Kanoes von Indianern, schaukelten iu großer Zahl auf dem Wasser; sie hatten die Waren gebracht, die nun mehr oder minder schwarze Hökerinnen feilboten. Da lagen alle die Schätze des Südeus, die saftigen Früchte, durch die das Lichtblut der Tropeusonne rinnt: Bananen in allen Größen, Limonen, Apfelsinen, Brot- und Butterfrüchte, Aua— nasse— wer nennt alle die Namen außer einem botanischen Lehrbuch, und wer kann sie alle kosten außer einem tropengehärteten Magen? Das kau— fende Publikum gehörte zur größeren Hälfte der schöneren Hälfte an; meist waren es farbige Dienst— mädchen, nur selten tauchte ein schwarzes Spitzen— tuch auf und, von ihm eingerahmt, das feine edle Gesicht einer Kreolin und Herrin. Nicht unerwähnt darf ich die Fliegen von Cartagena lassen, sie er— freuen sich eines weiten Rufes wegen ihrer großen Zahl und Fruchtbarkeit. Wie eine schwarze Kruste überzogen sie die meisten ausgelegten Waren, be— sonders das Fleisch, ohne jedoch irgendwie die Kauf lust des Marktpublikums zu stören.
Der weite geräumige Marktplatz liegt vor den Thoren der eigentlichen Stadt. Er ist gleichfalls schon
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in alter Zeit angelegt, und jahrhundertalte Gebäude erheben sich ringsum. Eine Stadt außerhalb der Stadt hat sich hier gebildet mit eignen Häusern und Straßen, mit eignen Kirchen und Klöstern und selbst eignen Festungsmauern. Ueber die Mitte des Marktes führt eine Promenade mit einer ganzen Allee von Bildwerken. Es sind die Büsten von zehn kolumbischen Generalen, die 1810 während des Befreiungskrieges hier von den Spaniern erschossen wurden. Am Ende der Allee steht ein alter, finsterer, halb verfallener Bau,— ein verlassenes Franziskanerkloster aus dem 16.
Jahrhundert. Durch ein großes, offen stehendes Portal trat ich ein. Steinerne Weihwasserbecken
wie die ganze Anlage des Raums verrieten mir, daß ich mich in der alten Klosterkapelle befand. Die Wände stauden noch fast unversehrt, mit ver— wittertem und zerbröckeltem Zierat bekleidet; in der Höhe aber fehlte das Dach, und statt dessen wölbte sich die blaue Himmelskuppel über dem heiligen Raum. Nur ein kleiner runder Ausbau hatte sich sein Kuppeldach bewahrt, und hier entdeckte ich in der Höhe die Ueberreste eines eingelegten Deckenge⸗ mäldes. Besonders ein schöner ausdrucksvoller Kopf, wohl der eines Apostels, war ganz erhalten, und das Leben, das er noch heute wiederstrahlte wie vor einem halben Jahrtausend, bildete einen sonderbar traurigen Gegensatz zu dem Verfall ringsum. Lange habe ich geschaut und gegrübelt, aus dem kleinen Bruchstück Leben das Ganze herzustellen—
umsonst es blieb einsam dort oben, und mein Traum vermochte nicht das Tote lebendig zu machen
(Schluß folgt.)


