Gießen, Donnerstag, den 20. August
1896.
adeszeikung.
Ausgabe
Gießen.
Redaktion:
6 Kreuzplatz Nr. 4. 8
Erscheint täglich mit Ausnahme der Tage nach Sonn- und Feiertagen. Preis der Anzeigen: 10 Pfg. für die Sspaltige Petitzeile.
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Expedition: Kreuzplatz Nr. 4.
Lokales und Provinzielles.
* Gießen, 19. August. Von hessischen Be⸗ hörden werden steckbrieflich verfolgt: Kaufmann Wilhelm Hansult aus Wieseck hom Amtsanwalt in Offenbach wegen Betrugs; Dienstknecht Heinrich Hoeres aus Lumda bom Amtsanwalt in Gießen; Taglöhner Jakob Müller aus Watzenborn von demselben Amtsanwalt. Gießen, 19. August. Am Sonntag, den 30. August, wird das Herbst⸗Bezirksfest des Nord-Bezirks(Gau 9) d. d. R. B. stattfinden, wobei ein Preis⸗Korso und ein Gala⸗Preis⸗Reigenfahren im Café
e Leib in Aussicht genommen ist. Der Haupt⸗ anziehungspunkt dieser Veranstaltung wird aber das Auftreten der beiden Kunstfahrer Ge⸗
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brüder Lippert aus Worms sein. Rudolf Lippert, geboren am 11. Februar 1883, und Georg Lippert, geboren am 30. August 1884 sind Amateure und im Besitz zahlreicher Ehren⸗ preise. Dieselben haben sich bereit erklärt, zum Radfahrerfest nach hier zu kommen, um sich dem Gießener Publikum als Kunstfahrer zu zeigen. * Gießen, 19. Aug. Der„Darmst. Ztg.“ zufolge hat ein hiesiger Unternehmer mit berschiedenen Gemeinden aus der Umgegend von Beltershain Verträge abgeschlossen, die ihn während einer Reihe von Jahren zur Aus⸗ beutung der in den betreffenden Gemarkungen befindlichen Bauxitlager berechtigen. Bauxit ist gegenwärtig sehr geschätzt und wird zur Ge⸗ winnung des Aluminiums verwendet. Eine große Anzahl Bewohner der dortigen industrie⸗ armen Gegend finden dadurch lohnende Be— schäftigung. 2 Gießen, 19. Aug. Zu den Neuwahlen
für den 33. Landtag sind die Vorbereitungen in der Weise Mane daß mit aenlepeun der Wählerlisten Montag, 21. September, begonnen wird und die Wahlmännerwahlen Montag, 5. Oktober, erfolgen, worauf die Abgeordneten⸗ wahlen Mittwoch, 14. Oktober, stattfinden. In den acht mit beson derem Wahlrecht be⸗ 3 Städten sind für folgende Abgeordnete euwahlen vorzunehmen: Darmstadt: Otto Wolfs⸗ Bankier, Arnold 7 Hofbuch⸗ händler; Mainz: Franz Jöst, Kehlleistenfabrikant (hat das Mandat niedergelegt, wie Zeitungsbe⸗ richten zu entnehmen war), Karl Ulrich, Buch⸗
Metz, Rechtsanwalt; Offenbach: Dr. Her⸗ mann Weber, Justizrat; Friedberg: Ane Jöckel, Justizrat; Alsfeld: Karl Gundrum, Gast⸗ wirt; Worms: Nikolaus Reinhart, Fabrikant; Bingen: Jakob Peunrich, Redakteur. In den übrigen 40 Wahlbezirken haben für 15 Abgeordnete Neuwahlen stattzufinden. Da⸗ runter in der Provinz Oberhessen: 3. Wahl⸗ bezirk: Dr. Emil Vogt, Apotheker in Butzbach, 6. Wahlbezirk: Carl Theobald Schönfeld, Kreis- rat in Schotten, 9. Wahlbezirk: Otto Ziußer, Bürgermeister in Schlitz, 9. Wahlbezirk: Christoph Muth, Bürgermeister in Salz, 11. Wahlbezirk; Wilhelm Sturmfels, Gutsbesitzer in Nidda.
Gießen, 19. August. Die Versamm⸗ lung deutscher Naturforscher und Kerzte, die im September in Frankfurt a. M. tagt, wird einen Abstecher nach Gießen zur Besichtigung der medizinischen Universitätsinstitute unternehmen. Wie verlautet, bietet die Stadt Gießen ein Frühstück, den Ehrentrunk die Aktienbrauerei. Sollte der gegenwärtig in aller Munde genannte Nordpolfahrer Frithjof Nansen der an ihn ergangenen Einladung zur Beteiligung an dieser Versamm⸗ lung Folge leisten, dann dürften die Gießener das Glück haben, diesen berühmten Mann per⸗ sönlich kennen zu lernen.
* Gießen, 19. August. Zur Warnung für Eltern möge folgendes Bild dienen: Gestern Abend gegen 7 Uhr fuhr ein Kinder⸗ mädchen einen Kinderwagen, ihre Augen überall, nur nicht auf das ihr anvertraute Kind gerichtet. Ein Ruck, die Vorderräder des Wagens prallen mit Wucht gegen das Trottoir und im großen Bogen fliegt Decke und Kind auf das Pflaster. Zuerst wurde die Decke wieder in das Vehikel gepackt und dann kam das schreiende und zap⸗ pelude Kind an die Reihe. Eiligst ging dann die Fahrt weiter.
Gießen, 19. August. Gestern verhandelte die Strafkammer gegen Willi Bender, 19 Jahre alt, dreimal wegen Diebstahl vorbestraft, wegen Diebstahls und widernatürlicher Unzucht. Der Angeklagte ist im vollen Um⸗ fange geständig und wird zu 6 Monate Gefäng⸗ nis verurteilt. Der Staatsanwalt hatte ein Jahr beantragt.
* Gießen, 19. Aug. Gewisse Kinderspiele kehren alljährlich mit unheimlicher Regelmäßigkeit zu be⸗ stimmten Zeiten wieder und sind der Mode nicht unter⸗ worfen, welcher Umstand sehr für die konservative Ge⸗ sinnung des kleinen Völkchens spricht. Gäbe es keine
Kalender, so könnte ein aufmerksamer Beobachter nach der ewig wechselnden Art der Kinderspiele ziemlich sicher den Charakter der jeweiligen Jahreszeit bestimmen; sicherer manchmal, als nach der Witterung, die bekanntlich viel launenhafter und unzuverlässiger ist, als unsere in ihren Spielen so konservativen Dreikäsehochs. Gegenwärtig stehen wir im Zeichen des Drachen steichens— eine Thatsache, die unfehlbar darauf hindeutet, daß der Herbst nicht mehr lange auf sich warten lassen wird. Freilich ist die Hochsaison dieses beltebten Vergnügens noch nicht angebrochen, da die Winde, die zum richtigen Drachen⸗ steigen erforderlich sind, noch nicht in gewünschter Stärke und Ausdauer wehen. Buben und Mädchen bemühen sich um die Wette, aber leider vergeblich, die dürftigen Papier⸗ fetzen, welche an einer Baumwollenleine befestigt sind, zum Steigen zu bringen; ermattet sinken die armen Dinger, kaum daß sie den Anlauf zu einem bescheidenen Fluge gewagt haben, wieder zu Boden und nehmen ein klägliches Ende im Rinnstein oder auf dem harten, staubigen Straßen⸗ pflaster. Laßt aber noch vierzehn Tage ins Land ge⸗ gangen sein, und ihr werdet draußen im Freien, auf Wiesen und Stoppelfeldern, wahre Prachtschauspiele erleben! Die Drachen, die sich dann stolz in die Lüfte erheben, sind herrliche Meisterwerke der Buchbinderkunst und halten Balance wie der schneidigste Seiltänzer. Wünschen wir, daß der Sommer noch ein Weilchen den Herbstwinden Einhalt gebietet und noch eine stattliche Reihe sonniger Tage uns schenkt. Drachen und Herbstwinde kommen in der Regel früh genug!
* Oberau(Kreis Büdingen), 19. August. Welches furchtbare Unglück passieren kann, wenn kleinere Kinder, ohne daß die notwendigen Vorsichtsmaßregeln getroffen sind, vollständig sich selbst überlassen werden, läßt folgender Fall, der sich kürzlich in einem hiesigen Hause ereignet hat, wieder deutlich erkennen. Die Mutter eines dreijährigen Mädchens entfernte sich gegen Abend von ihrer Wohnung, um eine Gans einzutreiben, ihr Kind allein daheim lassend. Kaum hat die Frau dem Hause den Rücken gekehrt, als sich das Mädchen in die Küche begiebt und sich über die zum Abendessen bestimmten, noch im Topfe auf dem Herd stehenden neuen Kartoffeln her⸗ macht, um an denselben seinen Hunger zu stillen. Dabei kam es jedoch der Feuerungsanlage so nahe, daß sich das Kleidchen entzündete und bald in hellen Flammen aufloderte. Auf die Hilferufe des armen Mädchens kam eine im unteren Stock desselben Hauses wohnende Frau herbei; sie fand zum Glück rasch einen Eimer mit Wasser, womit es ihr gelang, das Feuer noch zur rechten Zeit zu löschen. Nicht bloß das Kleidchen, sondern auch schon das Hemdchen war größtenteils verkohlt, und das Kind hatte an mehreren Stellen seines Körpers, wie an der
Seite, am Rücken und an dem einen Ohr, nicht un⸗ erhebliche Brandwunden davongetragen; auch das Haar war stark gesengt. 4
* Darmstadt, 18. August. Der hiesige Radfahrerverein hält am nächsten Sonntag ein internationales Velocipedrennen ab, zu welchem Berufsfahrer aus dem Auslande, namentlich aus der Schweiz, Belgien und Frank⸗ reich zahlreich gemeldet haben. Auch der Frank⸗ furter Lehr, der seit Wochen auf der Rennbahn des Radfahrervereins trainiert, wird sich an dem Rennen beteiligen.
*Darmstadt, 19. 1 Der Histo⸗ rische Verein beabsichtigt, bei günstiger Witte⸗ rung am Ludwigstag Dienstag, 25. August, Hara mit dem neugegründeten Fried⸗
erger Geschichts- und Altertums⸗ verein eine Tour nach Oberhessen zu machen und die beiden kunstgeschichtlich so in⸗ teressanten Kirchenbauten von Ilbenstadl und Nieder-Weisel zu besuchen. um 6 Uhr findet in Friedberg im Hotel Trapp gemeinsames Mittagessen statt. Die Herren aus Ober⸗ hessen, die an dem Ausflug teilnehmen 1 melden sich direkt zum Essen in Fried⸗ erg an.
* Darmstadt, 18. Aug. Ein Radfahrer wurde am Samstag vor Pfingsten von zwei Taglöhnern ohne jede Veranlassung auf der Straße nach Eschollbrücken angehalten, arg miß⸗ handelt, mit„Totstechen“ bedroht und ihm schließlich die Maschine völlig zertrümmert. Die rohen Burschen wurden vom Schöffengericht wegen ihrer Heldenthaten zu 6 Monaten Ge⸗ fängnis verurteilt.
Mainz, 19. August. Die hiesige Tur⸗ nerschaft hat sich in einem gemeinsamen Schreiben an die Turnvereine des 1. Bezirks (Mainz) des Gaues Rheinhessen gewendet, mit dem Ersuchen, sich für eine Trennung des Gaues Rheinhessen in zwei Turng aue auszusprechen, da der Gau Rheinhessen mehr 100 100 Vereine und über 8000 Mitglieder zähle.
* Mainz, 19. August. In einer am Sonn⸗ abend Nachmittag stattgehabten sozialdem o⸗ kratischen Delegirtenversammlung aus dem Wahlkreise Mainz⸗Oppenheim wurde ein⸗ stimmig als Kandidat für die bevorstehende Reichstagsersatzwahl der Redakteur Dr. Ed. David aufgestellt. Die Aufstellung des Kandidaten für die Wahl zum hessischen Landtag wurde einer zweiten Konferenz überlassen, da
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druckereibesitzer in Offenbach; Gießen: August
Um Sekunden.
Eine Anregung von Teo v. Torn.
Der Herr Provisor stand vor Tabula B und ordnete die kleinen Flaschen mit Gasstöpsel und
mit dem weißen Totenkopf auf dem schwarzen
tikett, so daß sie in einer schnurgeraden Reihe und in haarscharf abgemessenen Zwischenräumen standen. Der Herr Provisor hielt etwas darauf, daß„seine Apotheke“ in Sauberkeit und Ordnung förmlich strahlte. Erstens war das gesetzliche und hygienische Vorschrift und zweitens hatte man noch nie beobachtet, daß der Binde⸗Shlips des Herrn Provisor auch nur um einen Millimeter in seinen, steif auf dem blütenweißen Vorhemd gelagerten Enden differierte,— um wieviel weniger durfte man ihm zumuten, das Porzellangefäß mit Cachou auch nur für eine Minute neben dem Gasballon mit aqua destillata zu dulden.
Der junge Eleve, welcher vor vierzehn Tagen erst die Schulbank mit der Tonbank vertauscht, konnte ein Liedchen davon singen. Alle die Re⸗ gungen männlicher Würde, die ein wohlbestandenes Abiturium und das Gefühl, sich von einer Kousine geliebt zu wissen, sonst in jungen Herren dieses Alters zur Blüte bringen, waren gleich in den ersten Tagen dieser phänomenalen Ordnungsliebe gegenüber zu einer kleinlauten Lehrlingsfolgsamkeit zusammengeschrumpft. Er hatte Schreckliches zu erdulden. Wie ein Laubfrosch mußte er„um eine einzige lumpige Büchse“ vier- und mehrmal die Leiker auf und niederhüpfen, wenn das Ding nicht so in Reih' und Glied stand, daß selbst ein preu⸗ ßischer Sergeant an der„Richtung“ nichts hätte auszusetzen gefunden. Schließlich,— so ganz Un⸗ recht hatte der Provisor mit dem energischen Training seines Tripdelfitz nicht, denn der junge Mann hatte eine merkwürdige Neigung, Weinsteinsäure für Bullrichs⸗ salz zu verkaufen und mit der Spachtel für Zink⸗ salbe beim Abwägen des dickflüssigen Traubensirup nachzuhelfen.
Heute war wieder ein Tag erster Ordnung.
Wiohrend der Herr Provisor bei Tabula B ope⸗ J
rierte, hielt er dem, mit dem Abwägen von Corella' Eleven eine
An lo ötzlich beschäftigten chen Pulver ergötzlich beschäftig den Ladentisch
Standpaule über die Notwendigkeit,
selbst dann sauber zu halten, wenn man, was übrigens zu bemängeln sei, einen Tatterich in den Fingern habe. Das erhöhte nun zwar die Füll⸗ sicherheit der Hand des jungen Mannes nicht, da⸗ für aber batte er die Genugthuung, die Aufmerk— samkeit und den Redefluß des Herrn Provisor bald von sich abgelenkt zu sehen. Eine alte, ärmlich ge— kleidete Frau war in höchster Eile eingetreten und hatte atemlos, mit einem angstvollen Ausdruck in den rotgeweinten Augen, ein Rezept übergeben.
Der Provisor nahm das Papier in die Hand, deren kleine Finger er dabei elegant spreizte und studierte mit umständlicher Sorgfalt die Krähenfüße, aus denen er die Mixtur zu komponieren batte. Die Frau war kraftlos auf eine Bank gesunken, hatte sich die wirren grauen Haare aus dem ver⸗ grämten Gesicht gestrichen und dann die Hände, krampfhaft gefaltet, in den Schooß gelegt. Den Oberkörper vornübergebeugt, verfolgte sie mit unge⸗ duldiger Spannung die gemessenen Bewegungen des feinen Herrn. 5 f
Nach der Lektüre des Rezepts fuhr sich der Provisor mit den Spitzen des Zeige- und Mittel⸗ fingers nachdenklich über das blauschimmernde, glattrasterte Kinn und warf daun über die Brillen⸗ gläser hinweg einen bedauernden Seitenblick auf die Frau.
„Ihr Kind?“
„Ja, Herr, mein einziges—“
„Te te, böse Dosis! Diphteritis, nicht wahr?“
„Ja, Herr“, schluchzte sie auf,„sowas hat der Kassenarzt gesagt, und— wenn—— wenn das nicht hilft, hat er gesagt,— dann ist's aus mit Gustchen. Ich sollte schnell laufen, Herr;— ich bitt' gar schön, geben Sie mir die Medizin, damit das Gustchen—.“ Hier schlug die Frau den Zipfel ihres Kopftuches vor das Gesicht und ihr Körper erbebte in krampfhaftem Weinen..
Der Provisor setzte seine Brille, die er, während die Frau sprach, abgenommen, gegen das Fenster gehalten und mit einem Lederläppchen sauber abge⸗ rieben hatte, rasch auf, rückte nur noch zweimal an derselben und machte sich dann mit Energie an die Arbeit. Eigenhändig holte er zwei Glasbehälter vom Regal, wog selbst je ein paar Körnchen auf
einer sensiblen Wage ab und that sie in eine, vor⸗
her sorgfältig ausgewischte Porzellanschale, wo er sie unter Beigießen einer Flüssigkeit so nachdrücklich zerrieb, als wenn er Diamantsplitter zu zerkleinern hätte. Nachdem er dann das Gemisch in ein Fläschchen gegossen, setzte er dieses in andauernde schüttelnde Bewegung und verfolgte dabei mit scharfem Auge die Bemühungen des Eleven, den ihm zugeschobenen Porzellannapf zu reinigen. Schließlich stellte er noch für einen Augenblick die Flasche hin, um den erschreckenden jungen Mann auf eine gelbe Stelle aufmerksam zu machen, die sich nur bei schärfstem Hinsehen auf dem Geschirr entdecken ließ.—
Die Frau hatte sich erhoben. Mit der Rechten auf die Rückenlehne der Bank gestützt, streckte sie die Linke flehend gegen den Mann aus, von dem sie doch meinte, daß er die Rettung ihres Kindes in der Hand habe.
„Geben Sie mir, Herr, o geben Sie mir—“
Den jungen Mann mit einem grollenden Blicke messend, ergriff der Provisor die Flasche, schüttelte dieselbe noch heftiger und ging dann zu einem Stehpult, wo er die Flasche vor sich hinstellte und aus einem offenen Pappkästchen einen schmalen, etwas breiter auslaufenden Zettel entnahm, die be—⸗ kannte Fahne. Den Kopf leicht seitwärts geneigt, warf er mit selbstgefälliger Verve den vom Rezept gelesenen Namen und das„viertelstündlich einen Theelöffel“ darauf, nahm dann den Federhalter quer in den Mund, trocknete den Zettel sorgfältig ab und schlug dann ein Buch auf, ein schönes, großes, sauberes Buch, wo er das Rezept kalli⸗ graphisch eintrug.
Die Frau war an den Ladentisch gewankt. Auf ihren Wangen malte sich hektische Röte und die zitternden Hände tasteten nervös auf dem Wachs— tuch, als ob sie die Flasche zu erreichen strebten.
Die Eintragung war fertig. Indem er wieder— um den Halter zwischen die Lippen nahm, überlas der Provisor aufmerksam das Geschriebene, legte vor— sichtig ein Löschblatt zwischen die Seiten, klappte den Folianten zu und stieß seine Feder in eine riesige Kartoffel, welche er in einem besonderen Napf eigens für die Schonung der Feder vor sich hatte. Mit einem befriedigten„So...“ wandte
——
„Eine Mark siebzig, wenn ich bitten darf—“
Die Gepeinigte griff in die Tasche. Ihre Hand flog dermaßen, daß ihr das Geldstück entfiel und unter eins der Regale rollte. Der Eleve sprang herzu und der Provisor beugte sich über den Laden⸗ tisch, dem jungen Manne eingehende Kombinationen über die Möglichkeit und Wahrscheinlichkeit der Richtung, die das Geldstück genommen, zurufend.
Die Frau preßte die gefalteten Hände an die Brust und schrie auf:
„Um Gottes Barmherzigkeit willen— die Medizin,— mein Kind....
Mit einem Ruck war der Provisor wieder bei der Arbeit. Kunstgerecht legte er ein rundge— schnittenes weißes und ein rotes Papier um den Kork.
„Wieviel waren das, liebe Frau?“
„Zwei Mark“, schluchzte die Aermste.
„Nun, dann will ich Ihnen die dreißig Pfennige herausgeben auf Treu' und Glauben,— obgleich der Ordnung wegen—“
„Treiben Sie mich nicht zum Wahnsinn!— Ich will die Flasche! Behalten Sie das andere Geld, nur geben Sie mir, geben Sie mir sofort!“
Sich vor den gegen ihn ausgestreckten Armen der Frau zurückbeugend, zog der Herr Provisor noch schnell ein Scheerchen aus der Westentasche, womit er den Faden durchschnitt, mittels welchem er die Fahne an den Flaschenkopf befestigt. Dann be⸗ schnitt er fein säuberlich die Papierumhüllung des Pfropfens und holte schließlich ein in Weiß und Rosa gestreiftes Papier unter der Tonbank hervor, in welches er die nun ganz„ordnungsgemäße“ Medizin einzuwickeln versuchte. Die Frau aber entriß ihm die Flasche und stürmte davon.
„Exaltierte Person,“ murmelte der verblüffte Provisor vor sich hin, hieß daun den Eleven den Faden aufwickeln und sammelte selbst die kleinen Papierschnipsel vom Fußboden und vom Ladentisch auf.
5 Ob Gustchen gesund geworden ist, das weiß ich nicht. Ich hoffe es, der armen Mutter wegen, mit der ich nicht einzusehen vermag, welche Heil— kraft in so dringenden Fällen der Fahne und der akkurat beschnittenen Pfropfenhülle an Medizin⸗
er sich um.
flaschen innewohnt.


