Ausgabe 
19.12.1896
 
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Gießen, Sonnabend, den 19. Dezember

1896.

Telephon⸗Nr. 112.

Ausgabe

Gießen.

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Postztg. Nr. 3239 a. Telephon⸗Nr. 112.

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5 Nedaktion: Kreuzplatz Nr. 4.

Postztg. Nr. 3239 a,.

Erscheint täglich mit Ausnahme der Tage nach Sonn- und Feiertagen. Preis der Anzeigen: 10 Pfg. für die Fspaltige Vetitzeile.

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Expedition: Kreuzplatz Nr. 4.

f ofales und Provinzielles.

Gießen, 18. Dez. Der außerordentliche Professor und Direktor der psychiatrischen Klinik sierselbst, Herr Dr. Robert Sommer, ist

m ordentlichen Professor bei der medizinischen Fakultät der Landes⸗Universität ernannt. SGießen, 18. Dez. Eine Extraausgabe gesStaatsanzeigers veröffentlicht das Gesetz letr, den Erwerb des Hessischen Lud vigsbahn⸗ Unternehmens, ferner einen aller⸗ löchsten Erlaß, wonach am 1. Februar 1897 in Nainz eine Eisenbahndirektion zu er⸗ ichten ist, der bis zum 1. April 1897 die Ver⸗ paltung der anderweitigen Strecken des ver⸗ ünigten preußisch⸗hessischen Bahnnetzes übertragen pird. Die Eisenbahndirektion untersteht un⸗ mittelbar dem preußischen Arbeits minister. Gießen, 18. Dezember. Als Nachspiel um Beleidigungsprozeß Liebe kontra Pirr steht, ie wir hören, ein Meineidsprozeß gegen inen Zeugen bevor. Anzeige ist bereits erhoben. Gießen, 18. Dezember.(Besitzwechsel.)

as dem Oberstlieutenant Cullmann gehörige Baugelände an der Gartenstraße ging für den Preis von 15000 4 an die Architekten Stein nd Meyer über, welche in der kommenden ausaison zwei Villen darauf errichten werden * Gießen, 18. Dezember. Herr Bergrat Zlegler bon hier, welcher am Dienstag dienst⸗ Isch in Bad Nauheim war, wurde beim Frühstück ai Hotel Kursaal von einem Schlagaufall 9, der den sofortigen Tod zur Folge hatte. Gießen, 18. Dezember. Oktroi von ostsachen. Wir werden ersucht, darauf auf⸗ lerksam zu machen, daß laut Oktroireglement le Gegeustände, welche mit der Post tier ankommen, innerhalb 24 Stunden ver⸗

ner Strafe, welche dem 15 fachen Betrag der linterzogenen Gebühr gleichkommt. Die Gegen nde, welche vorzugsweise mit der Post hierher selangen, sind: Hasen, Wildpret, geräuchertes ind konserviertes Fleisch, Würste aller Art, [branntwein, Wein in Flaschen und dergl. die darauf entfallende geringe Gebühr kann bei Ader beliebigen Oktroi⸗Erhebestelle entrichtet berden. Die Postboten sind nicht verpflichtet, le Empfänger von Oktroi⸗Gegenständen an Zahlung der Gebühren zu erinnern. Die Frinnerung an diese Bestimmung wird die eunde der Oktroibesteuerung sicherlich nicht mehren. Gießen, 18. Dez. Hagel versicherung. Inläßlich der ständischen Verhandlung über den Antrag der Abgeordneten Köhler und Genossen, betreffend die Errichtung einer staatlichen Frsatzkasse für Hagelschäden im Groß⸗ erzogtum, ist die Ergreifung weiterer Maß⸗ lahmen zum Zweck der Ausbreitung der Hagel⸗

ö seuert, werden müssen, und zwar bei Vermeidung 0

solche namentlich die thunlichste Förderung der

Kollektiv⸗Versicherungen bezeichnet worden. Man versteht darunter den Zusammentritt einer Mindest⸗ zahl von Landwirten einer und derselben Ge meinde oder eines Kreises zur Bildung einer gemeinsamen Versicherung, wobei die Versiche⸗ rungs⸗Gesellschaften gestatten, daß für sämtliche Teilhaber nur eine Police ausgefertigt wird. Jeder Teilnehmer an einer solchen Versicherung kann bis zu einer im voraus festgesetzten Maxi⸗ malsumme versichern und außer anderen Ver ber een wird den Versicherten das Recht er Bestellung eines Vertrauensmanues bei der Schadenaufnahme eingeräumt. Eintretenden Falles könnten die Kreis- und Gemeindeverwal⸗ tungen die Vermittelung zwischen den Versicherten und der Versicherungs-Gesellschaft übernehmen. Großh. Ministerium des Innern hat daher mittelst Ausschreibens vom 10. l. M. die Kreis⸗ ämter zum Bericht darüber aufgefordert, ob und in welchen Gemeinden und in welchem Umfange, nach Zahl der Personen, Größe der Feldfläche und Versicherungssumme Aussicht zum Abschlusse einer Kollektiv⸗Versicherung vorhanden sein würde, sowie ob und welche Versicherungsgesellschaften hierzu bereit, beziehungsweise geeignet wären und welche Begünstigungen dieselben einräumen würden. Für den Fall, daß ein Kreis oder eine Gemeinde im Interesse der Förderung von Kollektiv-Ver⸗ sicherungen thätig zu sein beabsichtigt, ist em⸗ pfohlen worden, dem Muster eines Vertrages zu folgen, wovon den gedachten Behörden ein 1 zur geeigneten Juformation mitgeteilt wurde.

Gießen, 18. Dez. Die Sitzbänke in der vierten Eisenbahnwagenklasse haben bei den Reisenden dieser Klasse wiederholt Anlaß zu Streitigkeiten gegeben, indem die Fahrgäste sich für berechtigt hielten, einen bestimmten Sitz⸗ platz für die ganze Dauer der Reise für sich in Anspruch zu nehmen und für sich zu belegen. Die Eisenbahnverwaltung hat daher neuerdings eine Verfügung erlassen, wonach Anspruch auf dauernde Besetzung eines Sitzplatzes in der 4. Wagenklasse nicht besteht, auch ein Belegen der Plätze unstatthaft ist. Die Sitzbänke sind ledig⸗ lich angebracht, um allen Reisenden dieser el Gelegenheit zu zeitweisem Ausruhen zu geben.

Mainz, 17. Dez. Die Strafkammer des Landgerichts verurteilte gestern die Inhaber der Schuhfabrik von Eichbaum und Co., die Herren Alexander und Samuel Eichbaum, wegen Uebertretung der Gewerbeordnung, begangen, indem sie ihren Arbeiterinnen höhere Preise als die ortsüblichen für Seide, Garn, Nadeln usw. vom Arbeitslohn in Abzug brachten, zu je 100 Mark Geldbuße eventuell 10 Tage Gefängnis. Vier junge Burschen, die im August d. J.

emeinsam aus der Untersuchungshaft aus⸗ Rechen wollten und in der Nacht bereits eine

des Fenstergitters durchgesägt

hatten, wurden wegen Meuterei zu je sechs Monaten Gefängnis verurteilt.

Vermischtes.

An die Person des Antonio Maceo knüpft sich, man könnte beinahe sagen, die in seiner Fa⸗ milie verkörperte kubanische Revolutionslegende. Die Geschichte dieser Familie ist interessant: Mariana Grajales, eine Mulattin von Santiago de Cuba, war zwei nal ver⸗ heiratet. Das erstemal mit Manuel Reglieferos, das zweitemal mit Marcos Maceo. Aus der ersten Ehe hatte sie vier Söhne: Felipe, Manuel, Fermin und Justo, aus der zweiten sieben: Antonio, Jose, Marcos, Rafael, Miguel, Julio und Tomas. Der Vater Marcos Maceo, seine sieben Söhne und seine vier Stiefsöhne ergriffen im Auf⸗ stand von 1878 die Waffen gegen Spanien, und wenn sich an der jetzigen Erhebung nur zwei von den zwölfen, welche die Familie bildeten, Antonio und Jose, beteiligten, so hängt dies damit zusammen, daß die anderen zehn entweder auf dem Schlachtfelde fielen oder nachher an den Folgen ihrer Wundeu starben, oder aber infolge der früheren Kämpfe invalid sind. In diesem letzteren Fall befindet sich der ältere Bruder Felipe Reglieferos; die drei anderen Reglieferos fielen 1878. Von den Söhnen aus zweiter Ehe, den Maceos, starb Rafael an den Folgen einer schweren Verwundung auf fremdem Boden, woh in er sich geflüchtet hatte, Miguel fiel in der Schlacht von Nuevitas und Julio blieb in einem Vorpostengefecht in Nuevo Mundo, Tomas und Marcos leben noch, sind aber infolge von Schußwunden Krüppel. Marios Maceo, der Vater, fiel 1878 im Kampfe gegen die Spanier. Jose Maceo wurde im Laufe diesen Jahres wegen persönlicher Zwistigkeiten von einigen Untergebenen ermordet, und so blieb von allen Mitgliedern dieserrevolutionären Dy⸗ nastie nur noch Antonio Maceo übrig, der von den spanischen Truppen in der Provinz Pinar del Rio ein⸗ geschlossen, sich so lange und so hartnäckig gewehrt hat. Antonio Maceo ist während der jetzigen Revolution drei⸗ oder viermal verwundet worden; in der vorhergehenden erhielt er nicht weniger als dreiundzwanzig Wunden. Verschiedene Male haben Kugeln seinen Körper gänzlich durchschlagen, und für die ihn untersuchenden Aerzte war es unfaßbar, daß er leben konnte. Eine seiner Ver⸗ wunduugen hinderte ihn, laut zu sprechen; seine Stimme war so schwach, daß man, um ihn zu verstehen, ganz in seiner Nähe sein mußte. Jetzt ist sie für immer erloschen. Daß ein solcher Kandillo in den Augen seiner Leute, auf die nur persönliche Bravour Eindruck macht, mit dem Nimbus eines beinahe überirdischen Helden umgeben war, daß er sie zu den äußersten Anstrengungen fanatisieren konnte, ist leicht erklärlich, ebenso aber, daß ein Führer, wie er, für sie fast unersetzlich ist.

Eine interessante Neuerung im Fahr⸗ radbau hat ein Charlottenburger Mechaniker erfunden und patentamtlich schützen lassen. Es handelt sich um eine von der bisherigen abweichende Sitzvorrichtung, die nach verschiedenen Richtungen hin wesentliche Vorteile gewährt. Im Gegensatz zu den bisher üblichen Sätteln ist der neue, stuhlartig eingerichtete Sitz beweglich, sodaß er dem Druck der Schenkel nachgiebt. Außerdem ist er mit einer Lehne versehen, die dem Rücken einen festen Halt gewährt und solcherweise eine bedeutend erhöhte Kraftentwickelung zuläßt. Das Vorderrad ist um ein Drittel verkleinert, was eine wesentliche Verkürzung der Maschine und eine dieser entsprechende Gewichtsverminderung zur Folge hat. Der Unterschied zwischen Herren- und

Damenrad fällt fort und die Gefahr bei etwaigen Stürzen ist bedeutend vermindert. Die Maschine ist bereits praktisch erprobt und hat namentlich auch beim Bergfahren vor⸗ zügliche Resultate ergeben. Von großer Wichtigkeit ist schließlich, daß der Fahrer unter allen Verhältnissen einen bequemen geraden Sitz hat.

Der letzte Ausweg. Vergiftet hat sich in Berlin die 33 Jahre alte Frau Albertine Kotelmann, die Frau eines reichen Plantagenbesitzers in Zentralamerika. Frau Kotelmann, deren Mann früher in Berlin Weinhändler war, ging mit ihm vor nahezu zwei Jahren nach Amerika, wo er Kaffee, Zucker, Kakao u. s. w. baut. Sie konnte jedoch das Klima auf die Dauer nicht vertragen und kehrte deshalb im August d. J. nach Berlin zurück. Von ihrem Manne hatte sie 10 000 Mark erhalten, um sich eine Wohnung einzurichten und ihrer Gesundheit zu leben. Vor kurzem verlangte der Mann, daß die auffallend schöne Frau wieder zu ihm zurückkehren solle. Frau Kotelmann wollte das jedoch nicht, in der Befürchtung, dort sterben zu müssen, weil ihr Mann noch zehn Jahre in Amerika bleiben will. Sie wollte lieber, wie sie erzählte, hier sterben, da sie ja hier nicht einmal vom Fieber befreit sei. Auf eine dahin lautende Mitteilung an den Mann erfolgte die Antwort, daß er dann kein Geld mehr schicken werde, und als Frau Kotelmann am 28. v. M. beim Bankier ihres Mannes in der That kein Geld vorfand und nicht einmal mehr ihre Wohnungsmiete bezahlen und die fällige Ab zahlung auf die Möbel leisten konnte, beschloß sie, aus dem Leben zu scheiden. Sie bestellte nun bei ihrem Bäcker das Frühstück ab, da sie verreisen müsse, und ist seitdem nicht mehr gesehen worden. Am Dienstag kam der Möbelfabrikant, um Geld zu holen. Die Hauswirtin bestellte ihn zum nächsten Tage wieder und benachrichtigte endlich auch die Polizei. Die Wohnung wurde amtlich geöffnet. Frau Kotelmann lag zugedeckt in ihrem Bette und war tot. Ihre rechte Hand hielt sie auf dem Herzen, ihr Aussehen war bereits ganz dunkelschwarz. Wahr⸗ scheinlich hat sie Gift genommen, denn ihr Körper war wie von Krämpfen zusammengezogen. In einem Neuen Testament fand die Polizei einen Zettel, der die Mit⸗ teilung enthält, daß man sich an einen Herrn V. wenden möge, wenn Frau Kotelmann ernstlich erkranken sollte. Auf dem Tische lag außerdem folgendes Abschiedsgedicht:

Das Ende. 1. Und also war's zum letzten Mal, daß unsere Hände sich umfangen, dann bin ich stumm, wie Hagar einst, in Nacht und Not hinausgegangen. 2. Aus meines Lebens Himmel war der letzte lichte Stern gesunken, die heilige Glut in meiner Brust, erloschen bis zum Aschenfunken. 3. Was jetzt noch kommt, ist Schmerz und Schmach, ist ruhiges Entsagen, ich werde meines Daseins Last, mit ungebeugtem Haupte tragen. 4. Und sagt ich's euch, ihr glaubet's nicht, selbst nicht den früh gebleichten Haaren. Wie riesenstark das Menschenherz, muß Jeder an sich selbst erfahren. Auf der Rückseite enthält das Blatt noch folgende Notiz:Die wahrhaft edle Natur läßt sich von Keinem knechten, und kommen Schicksalsschläge vernichtend über sie, so zeigt ihr Unter⸗ gang den Schwächlingen, daß es eine Seelengröße giebt, die sie nicht kennen.

Frau Kotelmann lebte ganz vereinsamt und hatte nicht einmal Bedienung.

Für Briesmarkeninteressenten. Aus dem Bericht über die letzte in Berlin abgehaltene Brief⸗ markenbörse werden die nachfolgenden Bemerkungen für Briefmarkensammler besonderes Interesse haben: Für Albumverkäufe kann aber der Katalogpreis in keiner Weise

Mächte der Finsternis. Roman von Helmuth Wolfhardt. (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.)

Gleich nachdem die unmittelbare Gefahr der rankheit gebrochen war, hatte Bernhard seinem Jater die Gründe dargelegt, welche ihn veranlaßt hatten, trotz seiner Neigung für den erwählten eruf seinem brutalen und rücksichtslosen Lehrmeister

It entlaufen. Um dem Leidenden jede Erregung zu

essparen, hatte er indessen sogleich hinzugefügt, daß

bereit sei, sich ohne Widerspruch der Entscheidung bes Vaters zu unterwerfen. Aber Stephan Milow har weder zornig aufgefahren, noch hatte er ver⸗ Ungt, daß Bernhard das eigenmächtig abgeworfene 90 ch wieder auf sich nehme. Ein wiederholtes summes Kopfnicken war Alles, was er auf jenen

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bVericht zu antworten hatte, und als der Jüngling

lach mehreren Tagen noch einmal auf den Gegen⸗

1 5 zurückgekommen war, ging er nunmehr ernstlich

bit dem Gedanken um, das Vaterhaus zu verlassen

, ind sich irgendwo, wenn auch in der bescheidensten

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d niedrigsten Stellung, seinen Lebensunterhalt

bst zu erwerben.. Die Vermögensverhältnisse des früheren Pack⸗ beisters zeigten sich günstiger, als seine Bekannten vermutet hatten. Wenn er auch infolge seiner roben Pfli ytwidrigkeit ohne jeden Anspruch auf ine Pension aus dem Dienste entlassen worden bar, so hatte sich doch in seinem Schreibtische eine Summe Geldes vorgefunden, welche groß genug Var, um ihn auf eine Reihe von Jahren hinaus Er wirklicher Not zu schützen, und im schlimmsten ö auch die Möglichkeit gegeben, das

1 war 3 8 175 Garten um einen hübschen Preis zu

9 7 erkaufen.

bersscherung für empfehlenswert erachtet und als eiserne Stange

So bedurfte er vor der Hand zwar keiner Unterstützung von Seiten seines Sohnes, aber Bernhard konnte ebensowenig daran denken, die Geldmittel des Vaters, der nach dem Gutachten des Arztes jetzt noch ein langes Siechtum vor sich haben konnte, für die Erfüllung seiner eigenen ziemlich hochfliegenden Wünsche in Auspruch zu nehmen.

Bernhard ward es somit nicht leicht, einen be stimmten Entschluß über die Gestaltung seiner Zu kunft zu fassen. Hatte er doch keinen erfahrenen Freund und Berater, der ihn auf den rechten Weg geführt hätte, und war es doch seiner Jugend recht wohl zu verzeihen, daß ihm der Verzicht auf seine schönsten Träume immer von Neuem schwere Kämpfe kostete, wie oft er auch wähnte, dieselben siegreich überstanden zu haben. Und jene Kämpfe würden viel⸗ leicht minder schmerzlich und aufreibend für ihn ge wesen sein, wenn er im Stande gewesen wäre, das lieb⸗ liche Gesicht und die glänzenden Augen seiner kleinen Reisegefährtin; ganz aus seinen Gedanken zu ver bannen. Er hatte sie seit der Katastrophe nicht mehr wiedergesehen, und was er von ihr gehört hatte, war wenig dazu angethan, ihn zu der Hoff nung auf ein Wiedersehen zu ermutigen.

An dem ersten Tage, da man ihn am Kranken⸗ bette des Vaters hatte entbehren konnen, war er auf der längst wiederhergestellten Eisenbahn nach Hollingstadt gefahren. Bereitwillig hatte ihm der Pförtner des Krankenhauses über das Mädchen Auskunft gegeben, dessen er sich nach Bernhards Beschreibung sehr wohl zu erinnern vermochte.

Die Kleine ist schon seit mehreren Wochen nicht mehr hier, hatte der Mann gesagt.Ein alter, weißhaariger Herr, der in einem Wagen an⸗ kam, hat sie mit sich genommen. Wie er hieß,

weiß ich ebensowenig, als, woher er kam. Darüber wird Ihnen einzig der Direktor Auskunft erteilen können.

Zu dem Direktor zu gehen, fehlte es Bernhard an Mut. Unter welchem Vorwande hätte er sich auch bei ihm einführen sollen, und was hätte er ihm antworten können, wenn er gefragt worden wäre, welches Interesse er an dem Schicksal des Mädchens habe?

In tiefster Niedergeschlagenheit kehrte er nach Hause zurück. Zu keinem Menschen konnte er von seiner flüchtigen Reisebekanntschaft sprechen, aber in langen Stunden der Unthätigkeit, zu welcher er jetzt verurteilt war, gestalteten sich in seiner Phantasie schöne verlockende Bilder von einem Ritter, der die Welt durchzog, um ein armes, verstoßenes Aschen brödel zu suchen und es mit starkem Arme aus Niedrigkeit und Verlassenheit zu Glanz und Reich tum zu erhöhen. Auf langen, einsamen Spazier⸗ gängen malte er sich diese Bilder in immer neuen Umrissen und in immer prächtigeren Farben aus, bis ihn irgend ein geringfügiger Umstand in die kahle, nüchterne Wirklichkeit zurückoersetzte und ihn nur zu grausam daran erinnerte, wie weit er davon entfernt war, ein Ritter zu sein, und daß viele viele Jahre vergehen müßten, ehe er sich selber auch nur eine halbwegs geachtete Stellung in der mensch lichen Gesellschaft erkämpft und erarbeitet haben würde.

Auf einer dieser einsamen Streifereien kam er auch wieder einmal in eine Gegend, die er seit seinen Kinderjahren nicht mehr betreten hatte. Jenseits eines kleinen Gehölzes, in welchem sich eben das erste Weben und Treiben des Frühlings bemerkbar machte, dehnten sich weithin die Wiesen und Aecker, welche zu dem Gute Sandhofen gehörten. Zu seiner Linken

aber, einer unbedeutenden, wellenförmigen Erhebung des Bodens ragte der graue, verwitterte Thurm eines schloßartigen Gebäudes über die kahlen Baum- wipfel einer ziemlich ausgedehnten Parkanlage empor.

Das war, wie Bernhard wußte, das alte Herren⸗ haus von Sandhofen, ehemals der Stammsitz eines der vornehmsten Adelsgeschlechter der Provinz, bis Leichtfertigkeit und schlechte Wirtschaft im Verein mit den verheerenden Wirkungen einer furchtbaren Ueberschwemmung den letzten Besitzer gezwungen hatten, einem einfachen bürgerlichen Manne den Platz zu räumen. Bernhard erinnerte sich nun auch deutlich des schönen Parkes mit seiner Unzahl von Sandsteinfiguren, die er als die ersten Kunstwerke, welche ihm überhaupt zu Gesicht gekommen waren, betrachtet hatte.

Fast unwillkürlich lenkten sich seine Schritte dem kleinen Hügel zu. Die hohe Mauer, welche den Park umfriedigte, war inzwischen neu getüncht und jener steinernen Vasen beraubt worden, die mit ihren vielfachen Rissen und Sprüngen immer ge⸗ droht hatten, einen ahnungslos vorüberschreitenden Wanderer im Herabstürzen zu erschlagen. Sie sah nun freilich viel weniger vornehm und romantisch aus und Bernhard fürchtete bereits, daß es den verwitterten Sandsteinstatuen drinnen in den An lagen nicht viel besser ergangen sein möchte als ihr. Trotzdem ging er weiter bis an das kunstvoll ge schmiedete eiserne Gitterthor, und als ihn ein Griff auf den Drücker überzeugt hatte, daß dasselbe nicht verschlossen sei, trat er mit der Dreistigkeit eines alten Bekannten ein.

(Fortsetzung folgt.)