Ausgabe 
17.7.1896
 
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Gießen, Freitag, den 17. Juli

1896.

Ausgabe

Gießen.

iche Lundeszeikung.

Redaktion: Kreuzplatz Nr. 4.

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Erscheint täglich mit Ausnahme der Tage nach Sonn- und Feiertagen. Preis der Anzeigen: 10 Pfg. für die Sspaltige Petitzeile.

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Expedition: Kreuzplatz Nr. 4.

ö Lokales und Provinzielles.

* Gießen, 16. Juli. Der ersten Lehrer und Dirigent an der erweiterten Volksschule zu Guntersblum Dr. Karl Frenzel ist zum Lehrer an dem Schullehrer⸗Seminar zu Fried⸗ berg, mit Wirkung vom 11. Juni d. J. an, er⸗ stannt. Der ordentliche Professor an der

Landesuniversität Gießen, Geheimer Kirchenrat

Dr. Bernhard Stade ist für die Zeit vom

1. Oktober 1896 bis zum 30. September 1897

zum Rektor der Landesuniversität ernannt

worden. Ernannt wurden am 7. Juli 1896

der Heizer bei den Oberhessischen Eisenbahnen karl Gebauer zum Lokomotivführer bei den Hessischen Staatseisenbahnen und der Hilfsheizer hei den Oberhessischen Eisenbahnen Wilhelm Diel aus Geinsheim zum Heizer bei den Hessi schen Staatseisenbahnen.

* Gießen, 16. Juli. Der Verband der Stenographen des Main-Rhein-Gaues, her die Jünger Gabelbergers im Groß pberzogtum Hessen, in Hessen-Nassau und den

ungrenzenden Teilen Bayerns umfaßt, hält seinen

16. Stenographentag am Sonntag, den

19. Juli, in Heppenheim ab. Den Anfang

macht ein Wettschreiben in vier Abteilungen,

wobei mit einer Geschwindigkeit von 100190

Silben in der Minute geschrieben wird. Um

11½ Uhr folgt darauf ein öffentlicher Vortrag

bes Herrn Dr. Gantter aus Frankfurt a. M.

über den Siegeslauf der Stenographie.

Nach dem Mittagessen findet eine Vertreterver⸗ sammlung zur Beratung stenographischer Fragen statt. Den Schluß soll ein gemütliches Zu⸗ sammensein mit Konzert, ausgeführt von einer Abteilung der 115er Kapelle, im Garten des HotelsZum halben Mond bilden. Es ist dabei auf zahlreichen Besuch von auswärts zu kechnen; auch der Vorsitzende sämtlicher deutscher Stenographen⸗Verbände, Herr Gymnastalober⸗ lehrer Dr. Clemens aus Wolfenbüttel, hat sein Erscheinen zugesagt.

Gießen, 16. Juli. Nachdem der Pro⸗ yinzial⸗Kabbiner Dr. Levi hierselbst in den Ruhestand versetzt, läßt das Ministerium die craelitischen Gemeinde⸗Vorstände der Provinz Oberhessen darüber abstimmen, ob sie den Rab⸗ binatsstuhl für Oberhessen mit einem liberalen Geistlichen oder mit einem solchen streng gläu⸗ biger Richtung besetzt zu sehen wünschten. Das Ende vom Liede wird sein, daß das Ministerium für jede Richtung einen besonderen Rabbiner austellt, wodurch selbstverständlich die Lasten der Gemeinden vergrößert werden.

Gießen, 16. Juli. Gestern sind auch an unserem Amts- und Landgericht die Ferien ktingetreten. Dieselben dauern bis in den Sep⸗ tember hinein. Alle nicht eiligen Sachen können während dieser Zeit nicht erledigt werden. Die Strafkammer und das Schöffengericht arbeiten auch während dieser Zeit ruhig weiter. Bei der

Ersteren sind auch während der Ferien vorerst für jede Woche 2 Sitzungen anberaumt.

Gießen, 16. Juli. Mit Genehmigung der Ministerien des Innern und der Justiz vom 7. Juli 1896 ist der von unserer Stadtverord neten⸗Versammlung auf Grund der§§ 69 und 149 der Gewerbeordnung beschlossenen Wochenmarktordnung die Genehmigung er⸗ teilt worden. Im Inseratenteil der heutigen Nummer bringen wir die neue Marktordnung zum Abdruck.

Gießen, 16. Juli. Die gestern Abend stattgehabte erste Generalversammlung des Vereins zur Züchtung reiner Hunde rassen war sehr stark besucht. Der Vorsitzende gab zunächst bekannt, daß sich bis jetzt 50 Mit⸗ glieder angemeldet hätten. Die Statuten wurden sodann durchberaten und mit einigen kleinen Aenderungen genehmigt. In den Vorstand wurden gewählt als 1. Vorsitzender Herr Ferd. Windecker, als 2. Vorsitzender Herr Fabrikant Heinr. Mylius, als 1. Schriftführer Herr Dr. Seiderer, als 2. Schriftführer Herr Adolf Bieler, als Kassierer Herr Ernst Müller, Prokurist, als Bibliothekar Herr C. Burk und als Schliefmeister Herr cand. med. Reif. Dem Vorstand sind noch drei weitere Herren zur Wahl eines passenden Schliefplatzes beigegeben. Als solcher sind in Vorschlag ge⸗ bracht dieSchöne Aussicht, die Pulvermühle und die Liebigshöhe. Die Herren werden sich diese Plätze ausehen und denjenigen, der zu ge dachtem Zwecke am geeignetsten erscheint, der nächsten Generalversammlung in Vorschlag bringen. Wie wir hören, hat sich der Besitzer derSchönen Aussicht, Herr Kuhnd, bereit erklärt, einen Schliefplatz, sowie das zum Anlernen und Er proben der Hunde nötige Raubzeug gratis zur Verfügung zu stellen. Mit der Konstituierung dieses Vereins ist nunmehr den Hundeliebhabern alles geboten, was zur rationellen Züchtung und Abrichtung reiner Hunderassen notwendig ist.

* Gießen, 16. Juli. Der Gesangverein Heiterkeit hielt gestern Abend im Vereins⸗ lokal, Gastwirtschaft Arnold(Schipkapaß), Bahn⸗ hofstraße eine Generalversammlung ab. Die Rechnungsablage vom letzten Halbjahre wies einen äußerst belegen, Kassenbestand auf. Die Vorstandswahl erledigte sich durch nahezu ein⸗ stimmige Wiederwahl der seitherigen Vorstands⸗ mitglieder. Beschlossen wurde sodann, das 18. Stiftungsfest im Monat September in größerem Maßstab zu feiern.

* Gießen, 16. Juli. Die Generalversamm⸗ lung des Schützenvereins beschloß gestern Abend, Mitte August ein nere Preis⸗ schießen, verbunden mit Volksbelustigungen, abzuhalten.

* Gießen, 16. Juli. Unsere Turner⸗ schaft wird bei dem in Usingen am Sonn⸗ tag stattfindenden Turnfest 100 Mann stark vertreten sein.

Gießen, 16. Juli. Der Segen der Gießener Schlachtvieh⸗Versicherung hat sich am eklatantesten während der heißen Tage in den letzten Wochen gezeigt. Es mußten nämlich in einer dieser Wochen soviel Schweine der Frei⸗ bank überwiesen werden, daß deren Fleisch nicht alles unterzubringen war, sodaß infolge der Hitze 4 Stück von den ausgeschlachteten Tieren verdarben. Das Fleisch mußte der Wasen⸗ meisterei überliefert werden. Auch mit dem Unterbringen der der Freibank überwiesenen Ochsen hat es öfter seine Schwierigkeit. Es wurden u. A. innerhalb 2 Wochen nicht weniger als 9 Ochsen, darunter Tiere bester Qualität, als nicht ladenrein befunden. Es kann bei dieser Gelegenheit den Landwirten nicht dringend ge⸗ nug empfohlen werden, Schlachtvieh, welches sie nach hier verbringen, zu versichern.

Gießen, 16. Juli. Eine neue Veran⸗ lassung, daß unser beliebter Ausflugsort die Liebigshöhe, sich immer mehr zum An⸗ ziehungspunkt des Publikums entwickelt, dürfte die Anlage einer Radfahrer-Rennbahn sein. Wie wir hören, ist heute ein hiesiger Radfahrer⸗ Verein mit dem Besitzer des Etablissements, Herrn Bierbrauereibesitzer Ihring aus Lich, wegen ider Anlage einer Rennbahn in Verhand⸗ lung getreten. Ferner wird uns mitgeteilt, daß auch eine Studenten-Korporation mit Herrn Fandel zwecks Erbauung eines Korpshauses ver⸗ handelt.

Gießen, 16. Juli. Die Verhandlung gegen die wegen Kindesmord angeklagte Wittmann findet am 28. ds. Mts., morgens 8 Uhr, vor der hiesigen Strafkammer statt.

Gießen, 16. Juli. Einem Soldaten kam am vorigen Sonntag in einem hiesigen Gartenlokal das Seitengewehr abhanden. Des Diebstahls verdächtig ist eine Frauensperson, welche angeheitert war und sich in der Gesellschaft des Soldaten befand.

Gießen, 16. Juli. Eine Betrügerin betreibt seit einigen Tagen in hiesiger Stadt ihrsauberes Gewerbe. Dieselbe giebt sich als Dienstmädchen aus, vermietet sich kurzer Hand, um gleich darauf mit dem erhaltenen Mietgeld zu verschwinden.

Gießen, 16. Juli. Von der Schutzmann⸗ schaft wurde heute morgen bei den hiesigen Bäckern eine Revision bezüglich des Brot⸗ gewichts vorgenommen. Eine größere Menge zu leicht befundenes Brot wurde beschlagnahmt.

Gießen, 16. Juli. Die Brüder David und Feist Sommer von Crainfeld haben beide ein Menschenalter die Bauern der Ge gend ausgewuchert. Jedes Mittel war ihnen Recht, ihre Zwecke zu erreichen. Beide Brüder waren nicht in Ehren grau geworden, da erreichte den David Sommer vor Jahren die Nemesis. Er wurde in Haft genommen und sollte wegen der verübten Verbrechen vor die

Geschworenen gestellt werden. Der 70 Jahre alte Sünder entzog sich aber damals die Sache ist etwa 1 Jahr her der weltlichen Gerechtigkeit, indem er sich zu Gießen in der Untersuchungshaft erhängte. Inzwischen mußte sich die Strafkammer mit einem Sohn des Feist Sommer beschäftigen, welcher wegen Unter⸗ schlagung verurteilt wurde. Ein Bruder dieses Verurteilten hatte sich wegen Meiueid vor 4 Mo⸗ naten vor den Geschworenen zu verantworten und wurde zu Jahr Zuchthaus verurteilt. Vor einigen Tagen ist der Feist Sommer in Crainfeld wegen Wuchers und Meiueid ebenfalls in Haft genommen und wird ihm dieserhalb hier in Gießen der Prozeß gemacht werden.

Gießen, 16. Juli. In Garbenteich hat sich ein freiwilliges Feuerwehrkorps gebildet. In Alten-Buseck ist eine freiwillige Feuerwehr in Bildung begriffen.

Gießen, 16. Juli. DerSiebenschläfer. hat zur großen Genugthuung unserer Ausflügler und Sommerfrischler die Hoffnungen gründlich enttäuscht, die schadenfrohe Gemütsmenschen auf ihn setzten: nach einer bescheidenen Anzahl heftiger Regentage, die zu den schlimm⸗ sten Wetterbefürchtungen Anlaß gaben, ist die Sonne glorreich zum Siege gelangt, hat die schwarzen Wolken⸗ massen zerstreut und zu Paaren getrieben und behauptet standhaft das Feld. In wundervoller Bläue, mit einem funkelnden Strahlendiadem geschmückt, wölbt sich der Himmel über der schwellenden Erde, die ihr farbigstes Sommerkleid angethan hat und unter der Glut der heißen Sonnenküsse leise erschauert. Nicht nur die muntere Schar der Vergnügungsreisenden atmet erleichtert auf, auch die sorgendurchfurchte Stirn des Landmanns glättet sich allgemach und giebt einem Ausdruck heiterer Zufrie⸗ denheit Raum. Wenn nicht ein unliebsamer Witterungs⸗ wechsel eintritt, so kann er befriedigt das ruhige Heran⸗ reifen seiner Feldfrüchte abwarten. Die Ernteaussichten sind jetzt das ausschließliche Thema seiner Gespräche, je nachdem es die Elemente gut oder schlecht mit ihm meinen. Hagelschaden und Blitzschlag eines Tages zer⸗ stören ihm oft die mühsame Arbeit langer Monate, und selbst eine übergroße Hitze kann ihm verderblich und ver⸗ hängnisvoll in sein Schicksal eingreifen. Wünschen wir, daß in diesem Jahr reicher Lohn ihm zuteil werde, daß die Sonne ihm seine Ernte aufs schönste gedeihen lasse und ab und zu ein heil samer Regenschauer seine durstenden Aecker neu erquicke. Jetzt muß er sich rüsten den Roggen zu ernten, Weizen und Hafer werden bald folgen. Welch' eine Lust dann, über die segenstrotzenden Felder zu gehen, wo tausende Hände sich fleißig regen, wo die Halme unter der Schwere der Aehren sich demütig neigen und froh sind, niedergesichelt, zu stattlichen Garben zusammen⸗ gebunden und reihenweis aufgeschichtet zu werden! Später noch geht es der edlen Knollenfrucht, der Kartoffel, an den Kragen, die gegenwärtig erst in zartester Blüte prangt. Fragt unsere Landsleute, was ihnen lieber ist, die stolze, würzigen Duft aushauchende Rosenblüte oder die sanfte, in Rosa und Weiß schlicht und duftlos schillernde Kar⸗ toffelblüte? Sie werden, ohne sich viel zu besinnen, der äußerlich minder bevorzugten Schwester den Preis er⸗ teilen. Denn die Rose, wenn sie entblättert ist und ihr Prachtgewand abgelegt hat, trägt nichts als Dornen und mit Dornen nimmt selbst der hungrigste Dichter nicht vorlieb, wogegen er ein solides Kartoffelgericht schwerlich von der Hand weisen wird. Die Moral dieser lehrreichen

Digitalis purpurea.

Eine Erzählung nach dem Leben von A. Oskar Klaußmann. g 8(Nachdruck verboten.)

Der Assistent Dr. Brettschneider vom bota nischen Garten zu Breslau wollte an einem Sommer⸗ ö luge des vorigen Jahres gerade Mittagspause machen, als ein Diener des Gartens im Direktionsgebäude irschien und ihm mitteilte, es sei soeben ein fremder Herr verhaftet worden, weil er gegen die Vorschrift Hlumen im Garten abgerissen habe.

Brettschneider begab sich nach dem Hause, das am Eingange des Gartens stand und das die Woh⸗ nung des Kastellans und den Aufenthaltsraum für lie diensthabenden Gärtner enthielt, und fand hier tenen anständig gekleideten Mann, der in dem Uugenblicke verhaftet worden war, als er den Harten verlassen wollte.

Einer der Gärtner, intten, erzählte:

Ich sah diesen Herrn schon wiederholt hier in Garten, und es kam mir vor, als pflücke er desmal Pflanzen ab und verberge sie unter seinem Locke. Ich habe ihn heute besonders scharf auf's

born genommen und habe bemerkt, wie er im west⸗ schen Teil des Gartens, als er sich unbemerkt laubte, mit seinem Taschenmesser eine ganze Pflanze bPschnitt und unter seinem Rocke verbarg. Ich ging em nach und verhaftete ihn, als er soeben den Harten verlassen wollte. Der Herr verweigert die Lennung seines Namens, und wir haben nach bhnen geschickt, Herr Doktor, um zu erfahren, ob eir den Herrn der Polizei übergeben sollen. Sie hören, was der Gärtner gegen Sie aus⸗

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die den Aufsichtsdienst

sagt, erklärte Dr. Brettschneider,was haben Sie zu erwidern?

Ich möchte Sie einen Augenblick allein sprechen, Herr Doktor, sagte der Verhaftete,ich bitte Sie dringend um eine Privatunterredung.

Dr. Brettschneider überlegte einen Augenblick.

Kommen Sie in das Nebenzimmer! sagte er;was haben Sie mir mitzuteilen?

Als Brettschneider mit dem Fremden allein war, verbeugte sich dieser und sagte:

Mein Name ist Brinkmann und ich bin hier in Breslau ansässig. Ich bin leidenschaftlicher Botaniker, obgleich mir meine Berufsgeschäfte dazu wenig Zeit lassen. Vor Allem habe ich mir ein Herbarium angelegt und suche dasselbe auf's Eifrigste mit wertvollen Pflanzen zu versehen. Haben Sie Mitleid und Nachsicht mit einem Menschen, der von Sammelwut ergriffen ist, und der nicht in der Lage ist, nach seinen eigenen Nei gungen zu leben. Ich bin königlicher Beamter und den ganzen Tag über an das Bureau gefesselt. Es bleibt mir kaum in den Abendstunden Zeit zu botanisieren, und so habe ich mich heut verleiten lassen, bei Ihnen im Garten eine Pflanze mitzu nehmen, weil ich glaubte, Sie würden den Verlust nicht besonders bemerken, da ja von dieser Art noch eine ganze Anzahl anderer Pflanzen vorhanden sind. Ich weiß nicht einmal, was es für eine Pflanze ist. Das größte Vergnügen bereitet mir zu Hause das Bestimmen der Pflanzen aus Büchern. Tage⸗ lang kann ich dann nachgrübeln und nachsinnen, um zu bestimmen, in welche Klasse die Pflanze ge⸗ hört, und kein Mensch, der ein Lotterieloos gewinnt, mag eine ähnliche Freude empfinden, wie ich, wenn es mir geglückt ist, eine Pflanze in der richtigen

Klasse unterzubringen.

Wollen Sie mir einmal die Pflanze zeigen.

Brinkmann griff unter den Rock und holte eine Pflanze mit Blüten hervor, die er Brettschneider zeigte.

Brettschneider Gesicht.

Das ist digitalis purpurea, sagte er;der Fingerhut, eine Giftpflanze.

Brinkmann schien erschrocken.

Eine Giftpflanze? sagte er;davon habe ich keine Ahnung gehabt. Sie ist doch nicht gefährlich?

Allerdings ist sie gefährlich, erklärte Brett schneider.Der Fingerhut mit seinen Abarten ist eine unserer giftigsten Pflanzen. Sie finden ihn ja auch als Zierpflanze in den Gärten; aber das ist die ungefährlichere Art. Was Sie da in der Hand haben, ist die Abart lexxuginea, eine Spezies des syrischen Fingerbuts, und ich muß Sie vor Allem bitten, diese Pflanze sofort zurückzugeben. Sie dürfen dieselbe nicht mit sich aus dem Garten nehmen. Sie sehen, wohin es führt, sich wider⸗ rechtlich in den Besitz von Pflanzen zu setzen, die

man nicht kennt.

Machen Sie mich nicht unglücklich, Herr Doktor! sagte Brinkmann.Denken Sie, ich bin königlicher Beamter und eine Anzeige bei der Polizei bringt mich um meine ganze Karriere. Ich will Ihnen auch bei Allem, was mir heilig ist, bei meinem Ehreuwort schwören, mich nie wieder au Pflanzen des botanischen Gartens zu vergreifen. Die Pflanze sah so verlockend, so eigentümlich aus, daß ich in einem Augenblick der Unzurechnungs⸗ fähigkeit mich an ihr vergriff.

machte ein etwas erstauntes

Dr. Brettschneider dachte einen Augenblick nach.

Er konnte den Mann, der sich an den Pflanzen

vergriffen hatte, nicht ohne Weiteres laufen lassen; aber er that ihm leid. Der Mann war königlicher Beamter, und durch eine Anzeige wurde wahrschein lich seine Stellung vernichtet. Das hohe Interesse, das Brinkmann für Botanik hatte, machte ihn auch bei Dr. Brettschneider, der selbst ein eifriger Botaniker war und als Privatdozent der Botanik an der Universität funktionierte, recht sympathisch.

Er erklärte daher:

Mein Herr, ich kann keine Entscheidung treffen, denn das ist lediglich Sache des Herrn Direktors. Dieser ist augenblicklich nicht da. Aber ich glaube Ihren Versicherungen und werde die Sache in möglichst mildem Lichte dem Herrn Direktor dar stellen, muß Sie aber um Ihre Adresse bitten, damit eventuell an Sie geschrieben werden kann. Ich hoffe, Sie werden mit einer Verwarnung da von kommen. Ich glaube Ihnen jetzt schon ver⸗ sprechen zu können, daß die Polizei sich in die Sache nicht einmischen muß. Wenn der Herr Direktor es verfügt, müssen Sie allerdings eventuell für den Schadenersatz aufkommen, und dieser dürfte doch 5 bis 6 Mark betragen.

Ich will den Schaden selbstverständlich recht gern tragen, erklärte Brinkmann,wenn es sein muß, auch noch irgend ein Strafgeld für die Armenkasse zahlen, nur bitte ich Sie, mich nicht weiter zu denunzieren, da Sie mich unglücklich machen würden. Ich habe eine alte Mutter, deren Tod es sein würde, wenn ich wegen einer solchen Handlung mit Schimpf und Schande aus dem Dieust gejagt würde.

(Fortsetzung folgt.)