Gießen, Sonnabend, den 15. August
1896
Ausgabe
Gießen.
ssche Landeszeitung.
Redaktion: Kreuzplatz Nr. 4.
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Erscheint täglich mit Ausnahme der Tage nach Sonn⸗ und Feiertagen.
Preis der Anzeigen: 10 Pfg. für die Sspaltige Petitzeile.
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Expedition: Kreuzplatz Nr. 4.
Lokales und Provinzielles.
N Gießen, 14. August. Das Großh. Mini⸗ sterium macht bekannt, daß der gesetzlich fest⸗ esetzte Mindestbetrag der jährlichen Tilgung für die fortan aus der Landeskreditkasse zu ewährenden Darlehen auf/ pCt. der ursprüng⸗ scchen Darlehnssumme herabgesetzt sei.
* Gießen, 14. August. Mit Rücksicht auf den Ausbruch der Maul- und Klauenseuche u Gießen, Heuchelheim und Großen Buseck wird ie Abhaltung des auf den 18. und 19. l. M. 1 Gießen anberaumten Viehmarktes ver⸗ oten.
* Gießen, 14. August.(Retourbillets vierter Klasse.) ie gemeldet wird, beab⸗
sichtigen die. isenbahn⸗Direktionen demnächst Retourbillets vierter Klasse einzuführen. Die Doppelkarten sollen für diejenigen Stations⸗ verbindungen zur Ausgabe gelangen, welche vor⸗ zugsweise an Markttagen oder bei sonstigen regelmäßig wiederkehrenden Anlässen einen be⸗ sonders starken Hin⸗ und Rückverkehr in der bierten Wagenklasse aufzuweisen haben. Eine Preiser mäßigung findet indessen
nicht statt. Die Karten bestehen aus grauer
Pappe mit weißen Streifen, sie gelten zur Hin- und Rückfahrt nur am Lösungstage und erhalten als Preisaufdruck das Doppelte des tarifmäßigen Fahrpreises vierter Klasse.
„Gießen, 14. August. Die Strafkam⸗
bon Mcher⸗ in der alen
* mer verurteilte den Tagelöhner Kourad Geist ö von Rebgeshain wegen Majestätsbelei⸗ n Grund) digung zu vier Monate Gefängnis unter Anrechnung der Untersuchungshaft vom 14.
-Uuren m] Juli an. Remontolr-* Gießen, 14. Aug.(Schöffen⸗Sitzung.) Mane Heute Vormittag hatten sich Heinrich Roß gemonlol. Joh. Roß und August Rausch von Wieseck bark an, Sta. wegen gemeinschaftlich begangener Körperver⸗ a, Alete. letzung vor den Schöffen zu verantworten. de 5 Dem Joh. Roß fällt noch eine Bedrohung zur ben e Last. Am zweiten Pfingstfetertag abends hatten sich der Schornsteinfeger Otto Boße und der ner ur leite] Vereinsdiener Karl Löber von Gießen in der . Gastwirtschaft„Gambrinus“ zu Wieseck einge⸗ a bea, funden. Löber hat mit den beiden Roß früher an e einmal vor Gericht zu thun gehabt. Als Boße Af und Löber gegen 8 Uhr die Wirtschaft verließen, gel sce Wohne wurden sie von den Angeklagten verfolgt und Nr 71 kurz hinter dem Dorfe von denselben mit Schirmen Lane und Stöcken schwer mißhandelt. Die beiden Roß, *. welche schon sehr häufig wegen Körperverletzung % Amen borbestraft sind, werden vom Assessor Ortwein, welcher die Anklage vertritt, als Raufbolde der — allerschlimmsten Sorte bezeichnet. Gegen die U Stube Angeklagten werden Gefängnisstrafen beziehungs⸗ enweh 4b. weise von 10 und 8 Monate 14 Tage beantragt. —— Der Gerichtshof verurteilte den Heinrich Roß
zu bel,
kuste und be zu 9 Monate, den Johannes Roß zu 7 Monate 1
14 Tage und den August Rausch zu 3 Monate
Il Swe lu Gefängnis und verfügte die sofortige Verhaftung
— ͤ der beiden Roß. 17 8 f
slienlog* Gießen, 13. August. Die mit so reichem 0 Beifall ausgezeichnete Ungarische National⸗
Kapelle, welche Anfang dieses Monats unter
1 l. 2292. Leitung Vilmos Bu dais in Steins Saal-
bau konzertierte, ist von Herrn Stein zu einem zweiten Konzert gewonnen worden, das noch in diesem Monat stattfinden soll.
Gießen, 14. 1755 Die anläßlich des bevor⸗ stehenden Preisschießens unseres Schützen⸗ vereins gestifteten, besonders in kunstgewerb⸗ licher Beziehung sehr wertvollen Preise stehen heute und morgen im Erker des Herrn A. Kil⸗ binger, Seltersweg, aus.
„Gießen, 14. August. Wir werden er⸗ sucht, die gestrige Notiz betr. einer Wette zwischen dem Radfahrer Duill und dem Universitäts⸗ Reitlehrer Creutzburg zu widerrufen, da die Sache auf Unwahrheit beruhe.
L. Gießen, 13. August. Göttin Mode ist eine gar strenge Dame, und je mehr die„Saison“ vorrückt, je näher wir mit jedem neuen Tage dem Herbst kommen, desto augenfälliger macht ihre allgewaltige Herrschaft sich fühlbar. Der herrliche Sommerhut, den der aufmerksame Gatte eben erst vor wenigen Wochen der zärtlich geliebten Frau seiner Wahl aufs zierliche Haupt setzte, ist über Nacht gänzlich„unmodern“ geworden; nur ungern schmückt sich die Besitzerin noch damit und die Art, wie sie den Ehegemahl bei traulichen Spaziergängen vor die Auslagen der Putzmacherinnen führt, wie sie ihm die neuesten Pa⸗ riser Modelle zeigt und auf seine Freigebigkeit zart an⸗ spielt, läßt darauf schließen, daß sie die kunstreiche Kopf⸗ bedeckung ohne Reue mit einer„moderneren“, welche der nahenden Herbstsaison mehr entspricht, vertauschen würde. Aehnlich verhält es sich mit dem kostbaren Sommerkleide, das durchaus noch nicht abgetragen, wohl aber schon, wie der sachverständige Damenschneider behauptet, bei dem Madame arbeiten läßt, ein wenig„aus der Mode“ ist. Was ist überhaupt noch von all den duftigen Sommersachen„mo⸗ dern“, wenn der Sommer selbst dahinzuwelken beginnt? Bald wird er vorüber sein, und dann wandert so manches wunderhübsche Kleid, so mancher entzückende Sommerhut in den Schrank und in die Schachtel, allwo sie in der Verborgenheit besseren Zeiten entgegenträumen oder ge⸗ duldig darauf warten mögen, bis sie hervorgeholt, zer⸗ schnitten und zertrennt und in anderer Form zu anderen Triumphen verwandt werden. Vorläufig, da wir uns noch nicht einmal auf der Grenzscheide zwischen Sommer und Herbst befinden, fangen kluge Geschäftsleute bereits an, zu billigem Preise ihr Sommerlager zu räumen, so weit es nicht schon geräumt ist und kauflustige Liebhaberinnen gefunden hat. Damen, die nicht gar zu vernarrt in Alles sind, was„modern“ heißt, haben jetzt treffliche Gelegen⸗ heit, preiswert einzukaufen und für zukünftige Tage zu sorgen. Freilich, wo ist die Frau, die es wagt, der Herrscherin Mode zu trotzen? Nicht mit schönen Worten nur, sondern durch Thaten? Wir hoffen, unsere verehrten Leserinnen werden eine oder zwei dieser rühmlichen Aus⸗ nahmenaturen aufweisen!
* Gießen, 14. August. Es kommt beim Spielen der Kinder oft vor, daß ihnen Steinchen, Erdklümpchen und dergleichen Körper ins Ohr geraten. Die Eltern wissen in solchen Fällen gewöhnlich nichts eiligeres zu thun, als mittelst Haarnadeln oder sonstigen geeignet er⸗ scheinenden Instrumenten im Ohr herumzustochern, um den betreffenden Körper herauszuholen. In den meisten Fällen werden durch solche Manipulationen die Gegen⸗ stände nicht nur nicht aus dem Ohr entfernt, sondern immer tiefer in dasselbe hineingestoßen. Dabei kann es sehr leicht vorkommen, daß entweder das Trommelfell verletzt wird oder der Fremdkörper sich in dem engen Gehörgang so festsetzt, daß eine Eiterung entsteht, die, sobald sie sich nach dem mittleren Ohr fortsetzt, sogar zum Tode führen kann. Das beste bis jetzt in Anwen⸗ dung gebrachte Mittel, Fremdkörper aus dem Ohr zu entfernen, ist das Einspritzen. Es ist daher allen Eltern
nicht dringend genug zu empfehlen, eintretendenfalls mög⸗ lichst bald, solange der Körper noch nicht zu tief in das Ohr eingedrungen ist, einen Arzt aufzusuchen, damit dieser jenes Mittel anwende. In Södel ist vor wenigen Tagen der Fall vorgekommen, daß einem Kinde ein mehr als erbsendickes Kieselsteinchen in das Ohr ge⸗ raten war. Anstatt nun sofort an die richtige Schmiede zu gehen, probierten die Eltern, das Steinchen in der oben angedeuteten Weise zu entfernen. Es schob sich aber immer weiter in den Gehörgang hinein und setzte sich schließlich so fest, daß die Eltern nicht bloß ihre Versuche aufgeben mußten, sondern, da das Kind bald heftige Schmerzen hatte, genötigt waren, ärztliche Hilfe in Anspruch zu nehmen. Nach wiederholten vergeblichen Bemühungen gelang es dem Arzt denn auch endlich, durch sehr kräftiges Einspritzen den Fremdkörper herauszuschaffen. — Möchte Vorstehendes von allen Eltern wohl beherzigt werden!
Büdingen, 13. Aug. Unser so glänzend verlaufenes Gauturnfest des Gaues Hessen hat einen Rei nüherschuß von 1500 ab⸗ geworfen, welcher Betrag als Grundstock für die Erbauung einer Turnhalle angelegt ist. Aber auch für das Turnwesen ist das Fest in unserer Stadt von Einfluß gewesen. Die Sym⸗ pathien für die edle Turnerei sowohl, als auch für unseren Turnverein haben sich in unserer Bevölkerung seit der Zeit sehr gehoben.
Nidda, 14. August. In dem neulich er⸗ wähnten Hause, wo der Kopf eines Gedenksteins der Bäckerinnung gefunden wurde, fand man weiter, überragt von einer anders gebildeten Krone als bei ersterem, das Kopfstück eines weiteren Gedenkste ins, dessen von Engeln gehaltenes Wappenschild einen zierlichen Hand⸗ korb enthält. Außerdem wurden noch Bruch— stücke von Steinen, die Engelsköpse zeigen, ge⸗ funden. In dem Keller des Hauses wird man allem Anscheine nach noch weitere derartige Steine finden. Dieselben müssen beim Abbruch eines Gebäudes, in dem die Gedenksteine der verschiedenen Innungen gestanden, hierher ge⸗ bracht worden sein, denn auch der Plattenbelag des Ganges des betreffenden Hauses ist mit altertümlichen Steinplatten belegt. Die Steine dürften wohl von dem alten Rathause stammen.
Vermischtes.
— Ein neuer Eisenbahnwitz. Die Buch⸗ staben H. L. B. an den Mützen der Beamten der Hes⸗ sischen Ludwigsbahn haben schon verschiedentliche Aus⸗ legungen gefunden. Bald sollen sie bedeuten:„Helft liebe Brüder“, bald auch:„Hoch lebe Bismarck“ u. s. w. Da nunmehr der Geh. Oberregierungsrat Breidenbach aus Altona, der zukünftige Präsident der Eisenbahndirektion Mainz, seit einiger Zeit hier weilt, wird den Buchstaben schon wieder eine neue Deutung gegeben; sie sollen näm⸗ lich heißen:„Hilf lieber Breidenbach“, und wenn er ge⸗ holfen hat, dann werden ja die Initialen verschwinden, aber ihr letzter Abgang soll noch verkünden:„Hoch lebe Breidenbach!“
— Ein betrunkener Zeuge. In der letzten Sitzung der Ferienstrafkammer zu Mainz wurde u. a. eine Strafsache wegen schwerer Körperverletzung ver⸗ handelt, wozu außer den Angeklagten eine größere Anzahl von Zeugen erschienen waren. In die Verhandlung konnte jedoch nicht eingetreten werden, weil einer der Hauptzeugen ganz betrunken war. Das Gericht
beschloß, die Verhandlung zu vertageu und legte dem betreffenden Zeugen sämtliche Kosten der Ver⸗ handlung einschl. der den Angeklagten durch ihr Erscheinen bei der gestrigen Sitzung entstandenen Auslagen auf.
— Opfer eines Scherzes, der leicht einen bösen Ausgang hätte nehmen können, wurden dieser Tage ein Beamter der Pfälzischen Bank und ein Angestellter eines industriellen Werkes in Ludwigshafen. Die Beiden be⸗ traten eine Abteilung der Gewölbe der genannten Bank, als durch einen Dritten scherzweise die Thür ins Schloß geworfen wurde. Da aber Schlüssel und Reserveschlüssel im Besitze der Eingeschlossenen waren, so mußte schleunigst der Erbauer der Gewölbe von Mannheim herbeigeholt werden, dem es nach einstündiger angestrengter Arbeit gelang, eine Oeffnung herzustellen, durch welche die Schlüssel von den Eingeschlossenen herausgereicht wurden, worauf die Befreiung erfolgen konnte. Es war höchste Zeit, denn bei der geringen Größe der Abteilung hätte die Luft vielleicht nur noch für kurze Zeit ausgereicht.
— Selbstmord eines Schulknaben. Der elfjährige Sohn des Kutschers Kunzendorf in Haynau hat sich Montag früh aus Furcht vor der Schule erhängt. Der Knabe war am Sonntag noch lustig und guter Dinge und legte sich seine Schulbücher zurecht, deun die Ferien waren vorüber. Montag um 6 Uhr wurde er geweckt; er erklärte, er wolle noch etwas besorgen und entfernte sich aus der Stube. Als eine längere Zeit verstrichen war, suchte man nach ihm und ein älterer Bruder fand ihn auf dem Boden an einem Balken hängend. Als er abgeschnitten wurde, war er bereits tot.
— Ein Bittgesuch. Ein an den Kaiser gerich⸗ tetes Bittgesuch, das wohl einzig in seiner Art dastehen dürfte, hat jetzt auf dem üblichen Instanzenweg seine Er⸗ klärung gefunden. Der Sachverhalt ist folgender: Der Brunnenbauer Fiebrandt aus Marienfelde hatte vor kurzem das Unglück, bei Ausübung seines Berufes in einem Brunnen in Tiefenau bei Marienwerder verschüttet zu werden, und man konnte seine Leiche bisher nicht bergen. Die Witwe des Verunglückten hatte sich nun an den Kaiser gewandt, ihr die Mittel zur Herausholung der Leiche ihres Mannes aus dem tiefen Grab bewilligen zu wollen. Das Gesuch der Bittstellerin mußte jedoch nach den in dieser Angelegenheit stattgehabten eingehenden Er⸗ mittelungen abschläglich beschieden werden.
— Vom Hofbräuhause.) Aus München be⸗ richtet die Allgemeine Zeitung: Nach Verlegung des Brauereibetriebes in die stattlichen Neubauten an der Wiener Straße wird nunmehr mit dem Umbau des Hof⸗ bräuhauses begonnen. Nach den Plänen wird sich der Neubau in folgender Welse präsentieren: Der Hof, als der eigentlich historische Teil, wird auf ca. 780 Quadrat- meter vergrößert, mit Bäumen bepflanzt und mit Brunnen und Arkaden versehen. Auf einer Seite des Hofes werden Küche und Schränke so plaziert, daß sowohl Garten wie Restaurationslokale eigens bedient werden können. Auf der anderen Seite des Hofes entstehen, große Lokale mit versenkbaren Fenstern. Diese Restaurationslokale, der Baueigentümlichkeit des alten Sudhauses angepaßt, um⸗ fassen ein luftiges Lokal mit sieben Meter hohen Gewölben und eine Bierhalle. Ueber dem hohen Lokal zieht sich durch das ganze erste Stoswerk ein großer Saal, während der zwischen diesem und der Bierhalle sich ergebende Zwischenraum als Wirtswohnung, das Erkergemach als Studentenzimmer Verwendung findet. Neben dem Saal, der für Sonntagsgäste und zur Abhaltung von Kom⸗ mersen ꝛc. dienen soll, finden sich Gesellschaftszimmer. Die Ausstattung aller Räume soll eine solide und doch geschmackvolle werden. Der Saal wird mit Wand⸗ malereien ausgeschmückt. Saal und Wirtswohnung er⸗ halten eigene Treppen. Den Uebergang von den Lokalen auf die Straße vermitteln Lauben. Für Fuhrwerke ist eine eigene Zufahrt vom Kostthor neben dem Hotel Roth
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+ 4 bun
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Quietschmann.
Skizze von Felix von Stenglin. (Nachdruck verboten.)
(Schluß.)
„Ich komme im Interesse Quietschmann's, Herr Professor!“ begann die Frau Rätin bescheiden. Dioch die erwarkete Wirkung ihrer Worte blieb aus, das Zucken im Gesicht des Professors wurde nur noch heftiger. 5
„Er befindet sich in großer Not!“ setzte die Rätin erläuternd hinzu.
„Quietschmann?“ sagte der Professor laut und
1 scharf.„Kenn“ ich nicht!“ ac Die Frau Rätin lächelte halb verlegen, halb . e eee nete die wen nicht. „Aber Herr Professor! Sie werden sich doch Hesel,. be e— a 4„Nein!“ schrie Nolte. .„ Dem Sie zwei Jahre lang unentgeltich Unter⸗ — richt gegeben haben—“(der Professor legte die Fb Feder hin und trommelte nervös mit den Fingern 10 1— 1 auf den Tisch)„— sehen Sie, er hat sch aus en e, Leipzig an mich gewendet, weil er das Reisegeld 170 oh. nicht hat, um eine gut bezahlte Stelle in Bremen 2 175 anzutreten. Sie wissen, daß er ein begabter Mensch
— il, und es wäre doch jammerschade, wenn er un 1 diese Stellung käme, nicht wahr, Herr Professor, das müssen Sie doch selbst sagen! Und sehen Sie, deshalb komme ich eben. Ich bin auch nur eine
„Mein Gott, mein Gott!“ murmelte der Pro— fessor wie verzweifelt.
Aber die Frau Rätin ließ sich nicht stören. „Und da dachte ich, Sie, der Sie doch wohlhabend sind und schon soviel Gutes an ihm gethan haben—“.
Der Professor sprang mit einem Satz in die Höhe und stand mit rollenden Augen, die Hände zusammengekrampft, vor ihr. Jetzt sah sie erst, daß er ihr nur bis zum Kinn reichte. Unwillkürlich trat sie vor seinem wütendem Blick zurück.
„Sind Sie verrückt oder bin ich es?“ schrie er sie an. 5
„Aber, Herr Professor,— nein, ich begreife Sie nicht. Ich glaube, daß wir Beide—“
„Wir Beide! das glaub' ich auch!“ schrie er weiter, ohne die Fortsetzung ihrer Rede abzuwarten.
„Besinnen Sie sich doch nur, Herr Professor! Quietschmann—“
„Bleiben Sie mir mit Ihrem Quietschmann vom Leibe! Habe nie einen Quietschmann gesehen, habe nie in meinem Leben unentgeltlich Unterricht gegeben“,(das schrie er besonders laut)„und bitte Sie, mich nicht weiter zu ennuyiren. Denn Sie ennuyiren mich, verstanden?“
Frau Rätin wich um einen Schritt weiter zurück.„Nein, ich verstehe Sie nicht, Herr Pro⸗ fessor“, sagte sie.„Erlauben Sie, daß ich Ihnen noch einmal die Einzelheiten in's Gedächtnis zurück⸗ rufe. Also Quietschmann, dem Sie zwei Jahre
arme Frau, eine Witwe, die fünf Kinder zu er⸗ . hren hat.“
lang Unterricht gaben—“(Der Professor streckte
verzweifelt beide Hände in die Höhe und schritt dann wie rasend im Zimmer auf und ab)— Be⸗ ruhigen Sie sich doch nur! Bis vor einem halben Jahre kam er doch jeden Tag von 2—4 Uhr zu Ihnen. Wenn er auch nicht viel zu sprechen pflegte, soviel konnte ich aus seinen Aeußerungen doch entnehmen, daß Sie ihn mit großer Liebens⸗ würdigkeit und Güte behandelten—“.
Nolte blieb vor der Frau stehen.„Bin nie liebenswürdig, bin nie gütig! Wünsche dringend, allein zu sein!“
„Nun gut“, sagte jetzt Frau Rätin etwas be⸗ leidigt,„ich will ja gehen. Aber vorher muß ich Ihnen sagen, Herr Professor, daß Ihr Benehmen einer Dame gegenüber—“.
„Sie sind keine Dame! Sie sind ein Vampyr! Verstanden? Ein Vampyr!“
Jetzt wandte sich die Rätin um.„Bitte, bitte, ich gehe ja!“ Noch einmal blieb sie stehen.„Also muß ich annehmen, daß Herr Quietschmann mich die zwei Jahre lang, wo ich ihn noch obendrein frei beköstigt haben, belogen hat?“
„Selbstverständlich!“
„Und daß er die ganzen zwei Jahre von 2—4 Uhr, selbst im stärksten Unwetter, auf der Straße zugebracht hat, um den Anschein zu er⸗ wecken, als wäre er bei Ihnen?“ Die Rätin wollte damit sagen, daß sie dies für sehr unwahrscheinlich, wenn nicht unmöglich halte und erwartete, daß der Professor vielleicht doch noch in sich gehen werde.
Aber er sagte garnichts mehr, sondern ging an
die Klingel und klingelte wohl eine halbe Minute lang.
„Was wollen Sie denn? Sie wollen mich wohl hinauswerfen lassen?“
Der Diener trat ein.
„Die Dame maltraitiert mich!“ schrie Nolte wie ein gequältes Kind.
Da hielt sie es für besser, sich zu entfernen. „Herr Professor, es war mir sehr augenehm!“ glaubte sie als höfliche Frau bemerken zu müssen.
„Mir war's entsetzlich!“ brüllte er ihr nach.
Frau Rätin mußte zwei Tage zu Bett liegen. Dann aber begab sie sich in ein Auskunftsbureau, um endlich Näheres über Quietschmann in Er⸗ fahrung zu bringen. Nach vier Wochen erhielt sie einen Zettel folgenden Inhalts:
„Quietschmann, August, geboren 18.. zu Cöslin. Vater seit drei Jahren tot, war Tafel⸗ decker. Student der Philosophie. Keine Mittel, das Studium fortzusetzen. Sucht sich bei Familien durchzubringen, zuletzt München, Leopoldstraße 104, bei Frau Wapperl, von dort verzogen mit Hinter⸗ lassung von 245 Mark Schulden, wohin unbekannt.“
Frau Rätin wußte genug. 245 Mark! Bei ihr war's noch mehr.
Am Hause des Professors Nolte aber geht Frau Rätin auch jetzt nur mit scheuem Seitenblick vorüber; sie hat immer das Gefühl, als werde er das Fenster aufreißen und herunterrufen:„Sie sind keine Dame! Sie sind ein Vampyr! Ver⸗ standen? Ein Vampyr!“


