Verantw.
Gießen, Mittwoch, den 15. Juli
1896.
e Landeszeitung.
Ausgabe
Gießen.
1 Redaktion: I Krenzplatz Nr. 4. 8 1„
Erscheint täglich mit Ausnahme der Tage nach Sonn- und Feiertagen. Preis der Anzeigen: 10 Pfg. für die öspaltige Petitzeile.
0 Expedition: 2
Kreuzplatz Nr. 4.
Hessischer Landtag.
Darmstadt, 13. Juli. (Erste Kammer.)
Die erste Kammer ist heute Vormittag zur Er⸗ Agung einer großen Zahl spruchreifer Gegenstände zu⸗ amengetreten. Sie nahm zunächst den Gesetzentwurf greffend Herabsetzung der Tilgungsnote für furlehen aus der Landeskreditkasse auf/ pCt. ohne teres an, nachdem Herr v. Heyl angeregt hatte, die fische Regierung möge sich im Bundesrate für die fündung von Depositenbanken im Interesse der Ver⸗ dlenng des landwirtschaftlichen Kredits verwenden, wie un auch die Verstaatlichung der Reichsbank geeignet sei, i Zinsfuß einheitlich zu regeln. Das neue Ku nst⸗ faßengesetz, das das gesamte Straßenwesen in Hände der Kreise legt, wurde im einzelnen durchbe⸗ ien und im wesentlichen in Uebereinstimmung mit den bchlüssen der zweiten Kammer erledigt. Nur die Frage, bewährte Kreistechniker bei der erstmaligen Beisetzung * Straßeninspektorstellen aufrücken können, wie das if Solms-Laubach beantragt hatte, blieb offen; an verwies diesen Gegenstand an den Ausschuß zurück, ühdem die Regierung den Antrag Laubach für unzu⸗ ig und als dem Sinn der Neuorganisation zuwider⸗ fend widersprochen hatte. Die Vorlage auf ander⸗
seitige Orga nisation des obersten Verwaltungs⸗
ütschts kam mit einem von Geh. Kommerzienrat. schel beantragten Zusatz zur Annahme, wonach auch keuerbeamte als Mitglieder des obersten Verwaltungs⸗ hichtes berufen werden, bei der Entscheidung über Steuer⸗ ichen aber die mit richterlicher Qualität ausgestatteten Altglieder in der Mehrzahl sein müssen. Den Gesetzent⸗ uurf, betreffend den Schutz der Heilquellen im unde, nahm das Haus en blok an und stimmte auch i Gegensatz zu dem ablehnenden Beschluß der hpbelten Kammer dem Gesetzentwurf zu, der een Besuch von Tanzbelustigungen und Wirt- haften durch jugendliche Personen unter bztrafe stellt. Die Altersgrenze wurde dabei auf das J. Jahr festgesetzt. Eine außerordentlich lebhafte debatte entspann sich zu dem Antrag Wasserburg auf lufhebung des Jesuiten gesetzes; sie brachte indeß In. früheren Verhandlungen gegenüber wenig Neues und digte mit der Ablehnung des Antrags gegen 4 Stimmen. Andere zur Verhandlung gelangte Gegenstände hatten kein Mteresse. Nächste Sitzung morgen Vormittag 10 Uhr.
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Lokales und Provinzielles.
* Gießen, 14. Juli. Spiele aller Art zu ben und zu pflegen, ist nicht nur ein Vorrecht der jugend; auch die Alten erfreuen sich weidlich am Spiel — und wer es tadelt oder gar verächtlich die Nase da⸗ über rümpft, der muß schon ein verknöcherter Pedant ber ein unverbesserlicher Griesgram sein. Jede Jahres⸗ eit hat ihre besonderen Spiele, die teils in der warmen Stube, teils in der frischen Luft gespielt werden, je nach⸗ ern die Temperatur oder Witterung es erlaubt. Puff, lotto, Domino, Schach, Mühle und Billard zum Bei⸗ hel sind ausgesprochene Winterspiele, während die große gahl der Kartenspiele: Skat, Schwarzer Peter, Sechs⸗ undsechzig, Pikett, Whist und dergleichen, allen vier Jahres⸗ aten gemeinsam sind und eben so gern auf der Bierbank un Ofen wie iu der mailich duftenden Gartenlaube ge⸗ plelt werden. Sehr reichhaltig ist die Liste der sommer⸗ llschen Spiele, die Groß und Klein zu froher Geselligkeit deinen. Die Männer erproben mit Vorliebe ihre Kraft lud ihr Geschick im Kegelspiel, die Frauen und Mädchen
r Aufebthal, verfen einander anmutig Bälle und Reifen zu, und die
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muntere Jugend ergötzt sich am Ringelreihen, am Topf⸗ scllagen, und Sackhüpfen, womit natürlich die schier end⸗ lise Menge der Spiele im Freien noch lange nicht er⸗ scöpft ist. Welche stattliche Reihe entzückender Pfänder⸗ ziele wäre da noch zu nennen, wieviel ließe sich allein
über die zwei beliebtesten sommerlichen Gesellschaftsspiele, über Krocket und Lawn Tennis, plaudern! Unsere Feder fühlt sich wahrlich zu schwach, um all' diesen mannig⸗ fachen Erfindungen des menschlichen Geistes, der auch im Austüfteln neuer Spiele seine stolzen Triumphe feiert, völlig gerecht zu werden. In der That sind die Spiele und besonders die Jugendspiele ein wahrer Segen für die erholungsbedürftige Menschheit, wenn sie— mit Maß ge⸗ übt und gepflegt werden. Ernste Arbeit und Spiel müssen harmonisch miteinander abwechseln, nicht aber gegenseitig in Konkurrenz treten. Die Arbeit soll reif und“ tüchtig für die ernsten Aufgaben der Zeit machen, das Spiel soll den Körper stählen, die Sinnesorgane schärfen und ausbilden, im Gemüt Frohsinn und Zufriedenheit wecken. Beide sollen nicht ausarten, weil jedes„Zuviel“ gleich schädlich für Seele und Leib ist. Auch sollen Arbeit und Spiel nicht als Mittel zum Zweck materiellen Gewinnes dienen. Eine Arbeit, die nur dem niedrigen Triebe dient, Schätze zu sammeln, welche Motten und Rost zerfressen, ist nicht minder verwerflich, wie das frevelhafte Glücksspiel in Monte Carlo, wo der rollenden Roulettekugel schon man⸗ ches blühende Leben zum Opfer fiel. Es ist eine schöne Pflicht für verständige Pädagogen, die Liebe zur Arbeit und die Lust am Spiel in empfäugliche Kinderherzen zu pflanzen; nur mögen sie zeitig mit sorglicher Hand alle Auswüchse wegschneiden, daß die keimende Saat nicht vom wuchernden Unkraut erstickt werde!
* Gießen, 14. Juli. In den Ruhestand versetzt wurde am 7. Juli 1896 der Steuer- aufseher Johann Daniel Faust zu Butzbach auf sein Nachsuchen mit Wirkung vom 15. dieses Monats an.
Gießen, 14. Juli.(Postalisches.) Wer seine Wohnung oder Geschäftsräume im Lauf dieses Jahres mit der Stadtfernsprech⸗ einrichtung verbinden lassen will, muß seine Aumeldung baldigst, spätestens bis an⸗ fangs August d. J., an das hiesige kaiserliche Postamt einsenden. Spätere Anmeldungen können erst im ersten Bauabschnitt des nächsten Jahres zur Ausführung kommen. Außer dem bereits bestehenden Fernsprechverkehr zwischen Gießen⸗ Bad⸗Nauheim, Friedberg(Hessen) und Frankfurt (Main) wird vom 14. d. M. ab auch der Fern⸗ sprechverkehr zwischen den vorgenannten Orten und Marburg und Cassel eröffuet.
* Gießen, 13. Juli. Am Samstag Abend hatten sich die„Wanderer G. R.⸗G. im Garten des Restaurant Busch eingefunden, um einer Einladung der Fahrrad⸗Fabrik Ada m Opel, Rüsselsheim bei Mainz, zu einem Banket, Folge zu leisten. Bekanntlich erfolgte die Ein⸗ ladung als Anerkennung für den von der Mannschaft dieses Vereins in Dillenburg ge— holten 1. Preis im Maunschafts rennen, bei welchem dieselben uur Opelräder benutzlen. Zahlreiche Freunde des Radfahrersports hatten sich zu dieser Veranstaltung eingefunden. Herr Wilh. Homberger begrüßte die zahlreich er— schienenen Damen und Herren als Freunde der Wanderer und als Gäste der festgebenden Firma und brachte das erste„All Heil“ der Firma Adam Opel. Viele Reden wurden noch ge— halten auf den Vorsitzenden der Wanderer, die Damen, den besten Fahrer des Nordbezirks, Karl Duill. Der Kommers verlief in der ani⸗ mirtesten Stimmung, wozu die Bauer'sche Ka— pelle mit ihren Weisen sehr viel beitrug.
* Gießen, 14. Juli. An dem nächsten Sonutag stattfindenden 50-Kilometer—
Straßenrennen zu Aschaffenburg werden
sich unsere Gießener Radfahrer voraussichtlich stark beteiligen.
Gießen, 14. Juli. Gestern wurde in unserer Gegend das erste Korn(Roggen) ge⸗ schnitten. Die Aehren sind stellenweise sehr körnerreich.
Gießen, 14. Juli. Am Sonntag rettete der Kaufmann W. Nagel, Sohn des 2 meisters M. Nagel, den Uhrmacher Pfaff vom Tode des Ertrinkens. Letzterer war im Boot ge— fahren und mit demselben umgeschlagen. Nagel sprang im letzten Moment hinzu und hielt den schon halb Bewußtlosen mit ganzer Kraft über Wasser, bis Hülfe herbeikam und man den Ge⸗ retteten in ein herbeigeschafftes Boot heben konnte. Dem mutigen Retter sei an dieser Stelle öffent— licher Dank gezollt.
Gießen, 14. Juli. Ein lebensmüder Deserteur. Der von dem 116. Jufanterie⸗ Regiment in Frankfurt desertierte Musketier Häfner machte den Versuch, sich im Nizza in den Main zu stürzen. Er wurde von seinem Vorhaben durch einen Herrn abgehalten, der ihm in Gemeinschaft mit einem Schutzmann vom Hauptbahnhof aus gefolgt war, wo sich Häfner verdächtig gemacht hatte. Der Deserteur wurde
zunächst in der Frankfurter Infanterie-Kaserne untergebracht.
Gießen, 14. Juli. Heute Vormittag wurde ein Deserteur vom hiesigen Infanterie⸗ Regiment in Begleitung z beier Soldaten aus Frankfurt a. M. nach hier zurückgebracht. Derselbe hatte sich Zivilkleider verschafft, in einer Wirtschaft zu Frankfurt sein Seitengewehr hängen lassen und dann versucht, sich in einem Abort in der Nähe der sogen. Nizzaanlage umzukleiden, woselbst er jedoch entdeckt und verhaftet wurde.
Wieseck, 14. Juli. Bei dem am ver⸗ gangenen Sonntag in Rödgen stattgehabten Sängerfest erhielt der hiesige Gesangverein „Jugendbund“ den ersten Preis(Kranz mit Schleife).
Lich, 14. Juli. Gestern wurden auf unserem Festplatz wiederum ca. 40 Hektoliter Bier verzapft. Unter den Besuchern des Fest⸗ platzes bemerkte man zahlreiche Gießener Rad— fahrer, überall gern gesehene Gäste, welche guten Durst und frohe Laune mitbringen, wo sie auch hinkommen.
*Berstadt in der Wetterau, 13. Juli. Gestern und heute feierte unser Gesangverein sein Stiftungsfest. Es wurde dabei ein riesiger Durst entwickelt. Trotzdem unser Fest nur kleineren Umfangs war, verzapfte man an beiden Tagen 70 Hektoliter Bier. Dasselbe mundete auch vorzüglich, denn es war von der Aktienbrauerei Gießen geliefert worden.
Bad⸗Nauheim, 13. Juli. Die Regie⸗ rung hat, wie wir hören, von den Ständen die Mittel zum Neubau eines sechsten Bade⸗ hauses angefordert. Der Finanzausschuß der zweiten Kammer beantragt Verwilligung.
Romrod, 13. Juli. Schwere Gewitter zogen vergangenen Freitag Nachmittag über unsere Gegend, vielfach Schaden anrichtend. In Ober-Gleen schlug der Blitz in die Kirche, in Kirtorf tötete ein Blitzstrahl 27 Schafe, in Schrecksbach(Preußen, nahe
ab und richteten die eindringenden Wassermassen beträchtlichen Schaden an den Häusern und Mobilien an. Auch sonst waren noch Blitzschläge in Wäldern u. s. w. bemerkbar. Der lang ersehnte Regen war in einzelnen Gemarkungen mehr wie ausgiebig, in anderen dagegen nur mäßig.
* Darmstadt, 13. Juli. Nach dem in Kürze zur Ausgabe gelangenden Programm für das Schuljahr 1896/97 der Großh. Landes-Baugewerkschule dauert der Unter— richt, der an allen Wochentagen vor- und nach⸗ mittags stattfindet, im Winter vom 1. November bis zum 15. März, im Sommer vom 1. Mai bis 31. August. Die Anstalt umfaßt 4 Abtei⸗ lungen für Bauhandwerker und 2 Abteilungen für Maschinenbauer und Schlosser. Die An⸗ meldungen zur Aufnahme in die Winterkurse haben längstens bis zum 1. September bei der Direktion der Landes⸗Baugewerkschule, Neckar⸗ straße 3, schriftlich zu geschehen. Das Unter⸗ richtsgeld beträgt für die Dauer eines Unter⸗ richtskurses 40 A. Bedürftigen und fleißigen Schülern kaun dasselbe teilweise oder ganz er⸗ lassen werden. Als Lehrer sind an der Anstalt thätig: die Herren Direktor Professor Müller, dessen Stellvertreter Professor Esselborn, die beiden fest angestellten Hauptlehrer und Ingenieure Alberti und Ackermann, zwei provisorische Hauptlehrer, 8 Reallehrer, 7 Volksschullehrer, 2 Geometer, 1 Bildhauer, 1 Buchhalter und 1 Stenograph. Die Haupt⸗Unterrichts⸗ fächer bilden die Zeichenfächer: Freihand- und Ornamentzeichnen, Darstellende Geometrie, Schat⸗ tenkonstruktionen, Perspektive, Baukonstruktions⸗ lehre, Bauzeichnen, Maschinenzeichnen, Entwerfen und kunstgewerbliches Zeichnen, sowie Straßen-, Wasser⸗, Eisenbahn- und Brückenbau. Von den Nebenfächern sind hervorzuheben: technisches Rechnen, Buchstabenrechnung, Geometrie, Physik und Mechanik, chemische Technologie, Stabilitäts⸗ und Festigkeitsberechnungen, Feldmeßkunde, ge⸗ werbliche Buchführung u. s. w.— Von den Schülern der Anstalt können die Bibliothek der Landes-Baugewerkschule, sowie die technische Mustersammlung des Landesgewerbvereins unent⸗ geltlich benutzt werden. In jedem Jahr werden einige Exkursionen zur Besichtigung inte⸗ ressanter Gegeustände und gewerblicher Etablisse⸗ ments unter Leitung der Lehrer unternommen.
(D. Ztg.)
* Mainz, 13. Juli, Wegen Ausbaues des Schlachthofes ist den Stadtverordneten eine neue Vorlage zugekommen. Es werden folgende Kredite gefordert: für die Erbauung der Schlachthalle für Groß- und Kleinvieh 118 700, wozu später noch 42 666 K für die innere maschinelle Einrichtung kommen, für die Schlachthalle für Schweine, ebenfalls ohne maschinelle Einrichtung, die noch etwa 29 116 K kosten wird, 97 500, endlich für Ausbau der Straßen und Wege im Vorhof und dem Viehhof 96000. Die Befestigung der Fahrstraßen soll in Mansfeldschen Schlacken-Pflastersteinen, gegossen aus feuerflüssiger Kupferschiefer-Schlacke, ausgeführt werden.— Der Hilfsrangierer bei der hessischen Ludwigsbahn, Johann Weinerth aus Guntersblum, hat im März dieses Jahres beim Rangieren im hiesigen Zentralbahnhof aus
der hessischen Grenze) deckte der Sturm Dächer
Fahrlässigkeit eine Entgleisung herbei⸗
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„Sapperment!“ rief Nazi bewundernd.„So vas hab' ich seit München, wo ich ein paar be⸗ rühmte Künstler zu barbieren hatte, noch nicht gesehen.“ 5 f
Er folgte der Zofe mit den Blicken nach dem
Feult hing in bbensgroßes Damenbildnis, jetzt gerade von der
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Schreibtisch an der einen Zimmerwand, wo sie das Jacket niederlegte. Ueber dem breiten Renaissance⸗ reichgeschnitztem Goldrahmen ein
Bormittagssonne beleuchtet.
„Ist dies vielleicht das Portrait Ihrer Baro⸗ esse?“ fragte Ignaz mit begreiflicher Neugier und vat näher.
„Nein, das ist eben— die erste Gemahlin des Brafen Degenstein, die Freundin Thekla; mein Fräulein malte sie, wenn ich mich recht erinnere, Als sie auf der Rückkehr von ihrer Hochzeitsreise nit dem Grafen hier Besuch machte. Seit der Zeit, aub' ich, haben sich die beiden Schulfreundinnen icht mehr gesehen.— Aber was haben Sie denn?“
Ignaz stand am Schreibtisch, ganz in den An⸗ lick des Portraits versunten. Es war ein Knie⸗ kück, buchstäblich genommen, denn die Dame war rgestellt, wie sie in graziöser Pose auf einem
noten Plüschfauteuil halbk niete, dem Beschauer das
Das blaue Herz. nn lächelnde, kindlich zarte Antlitz voll zu— ..„Dieses eigentümlich blonde Haar“, murmelte (Fortsetzung.) Ignaz gedankenvoll,„diese reizende Haltung des
Kopfes
„Schau, schau! Der Herr Ignaz scheint ja bei hellichtem Tage zu träumen“, bemerkte das Mädchen mit pikiertem Lächeln.„Die Frau Gräfin war freilich eine Schönheit, das muß wahr sein, AB
Da wurde sie von einem Ueberraschungsruf des jungen Menschen unterbrochen. Ignaz hatte zuerst nur allein den Kopf des Portraits fixiert, jetzt hatte er aber eine nach seiner Meinung sehr interessante Entdeckung gemacht.
„Da sehen Sie einmal her!“ rief er, ganz blaß vor Erregung, und deutete auf die Hände des Portraits. Sie ragten, leicht gefaltet, scheinbar aus dem Bilde heraus; die Unterarme, von den lofen Aermeln des duftigen, hellen Sommerkleides um⸗ geben, waren auf die Fauteuillehne gestützt, so daß man noch die Armbänder an den Handgelenken sehen konnte. Am linken Arm trug die Dame ein blauemailliertes Bracelet mit einem Berlok— einem kleinen blauen Herzen.
„Sie meinen— das Anhängsel da an dem ge—⸗ malten Armband?“ fragte Wetti erstaunt.„Ach ja, das erinnert Sie wohl an ein ähnliches Ding, wie Sie es zu besitzen behaupten?“
————
„Ein ähnliches?“ rief Ignaz, griff in die Westentasche, holte daraus ein winziges Pappschäch⸗ telchen hervor und wickelte aus einem Stück Rosa⸗ Seidenpapier seinen—„Talisman“.„Es ist— dasselbe! Vergleichen Sie nur und überzeugen Sie sich!“
Mit dem ganzen Eifer der Evastochter in solcher Lage nahm Wetti den kleinen Gegenstand entgegen und betrachtete ihn von allen Seiten.
„Nun— hab' ich nicht Recht? Da, da sehen Sie's deutlich! Das sind die kleinen Perlen am Rande— die erkennt man auch auf dem Bilde ziemlich genau. Und die zarte Goldschrift„Napoli“ unter dem Mittelstern, sie ist dort auf der Leinwand nur angedeutet, aber immerhin zu erraten. Vor allem sehen Sie doch, daß die Größe genau über⸗ einstimmt, auch die Farbe.“
„Es scheint so“, gab Wetti zurück und ver— suchte das Berlok wie ein gewöhnliches Medaillon zu öffnen; aber da entriß es Nazi ihr wieder.
„Es geht nicht auf, es ist massiv.— Daß Ihr Frauensleut' bei Allem ein Inwendiges auszu— forschen sucht!— Sie wären imstande, mir das Ding zu ruinieren.“
„Nein, nein, ich will nichts daran thun. Lassen Sie mich's nur noch einmal genau ansehen. Bitte, bitte!“
Die Neugierige bat so nett, daß Nazi nicht
„Nehmen Sie sich in Acht, daß Sie mir keine Perle ausbrechen!“
„Aber— Sie kindischer Mensch“, meinte Wetti, während sie den Gegenstand auf's Neue drehte und wendete und immer mehr Gefallen dran fand,„Sie werden doch nicht behaupten wollen, daß es diese Dame, die Gräfin Thekla Degenstein war, die die Ehre hatte, von Ihnen als— Jugendideal ange— betet zu werden?“
„Unmöglich wär' es nicht“, sagte Ignaz, wieder das Bild betrachtend.„Diese Haare— und wie gesagt, die graziöse Kopfhaltung, der Nacken Hatte die Gräfin nicht einen Bruder?“
„Nein, das weiß ich gewiß. Sie war das einzige Kind eines Fabrikanten, eines Millionärs. Boshafte Leute behaupten, eben deßwegen— weil sie die Universalerbin des Riesenvermögens ihres Vaters war— hätte sie der Graf geheiratet.“
„So so.— Und wie sieht denn der Graf aus? Hat er nicht ein gelbliches Gesicht, kohlschwarzes Haar und einen ebensolchen Schnurrbart?“
„Nein, er ist dunkelblond oder hellbraun.“
Ignaz dräugte weitere Fragen zurück, da ihn der spöttische Ton der Zofe ärgerte. Sie sah in ihm offenbar nur einen komischen Phantasten. Plötzlich hob er das Knie und schwang sich auf die Platte des Schreibtisches hinauf.
(Fortsetzung folgt.)
widerstehen konnte. Er reichte ihr das Berlok wieder.


