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14.5.1896
 
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Gießen, Donnerstag, den 14. Mai

1896.

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Ausgabe

Gießen.

andeszeitung

okales und Provinzielles. 1* 11 0 13. Mai. Ernannt wurden: farramtskandidat Scherf zu Darmstadt zum arrassistenten in Hirschhorn, Dekan. Erbach; sarramtskandidat Prätorius zu Gießen m Pfarrverwalter in Ruppertsburg, Dekan. chotten; Pfarramtskandidgt Göbel zu Worms Pfiffligheim, Dekan. Worms; Pfarramts⸗ kandidat Landmann in Düdelsheim, Dekan. Büdingen, zum Pfarrassistenten daselbst; Julius Georg Holl zu Niederursel(Regierungsbezirk Wiesbaden) zum Pfarrassistenten in Darmstadt; Pfarrverwalter Heußel zu Sickenhofen zum Pfarrverwalter in Brauerschwend, Dek. Alsfeld; Pfarxassistent Lampas zu Vilbel zum Hilfs⸗ 10 en für die Pfarrei Bensheim(Heppen⸗

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eim⸗Lorsch), Dek. Zwingenberg; Pfarramts⸗ andidat Egelhoff zu Rodheim a. d. B. zum Pfarrassistenten in Vilbel, Dekan. Friedberg; Pfarrpikar für Büttelborn Stotz zu Groß⸗Gerau Zum 1

Pfarrverwalter für Büttelborn, Dekan. Groß⸗Gerau. 5 Harms. Gießen, 13. Mai. Divistous⸗Kommandeur früherJust General v. Wittich⸗Cassel sowie der Brigade⸗

andeur General v. Goßler-Darmstadt und der Generalmajor v. Hollwede⸗Darmstadt sind zur heutigen Bataillonsbesichtigung hier ein⸗ getroffen und im Hotel Kuhne abgestiegen.

* Gießen, 13. Mai. Der Ochsenmarkt war heute sehr schwach befahren: Es standen etwa 5060 Stück Vieh zum Verkauf. Die Tendenz des gestrigen Kuhmarktes war auch heute maßgebend. Ganz schwere Fahrochsen von denen einige Paar zu haben waren, gingen mit Mk. 900. pro Paar fort. 2. Quualität Ochsen wurden pro Paar mit 600 750 Mark gehandelt. Junge 23jährige Stiere erhielten pro Paar 450530 Mark. Auf dem Schweine⸗ markt konnten etwa 7800 Tiere aufgetrieben

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oir-Uhren n u-Remontolr- erne Herren. drand von 1 -Remontolr. Mark an, Stahl. ark an, Vielkel-

10 Mark an 1 Aar 5 5 en n lan eil, darunter weniger Ferkel. 2030 Wagen Aer Ferkel, welche aus dem preußischen Gebiet zum

Markt gekommen waren, mußten zurückgewiesen werden, obwohl die Leute sich darauf beriefen, daß ihr Landrat hätte bekannt machen lassen, daß unsere Märkte für preußisches Vieh wieder Isceigegeben seien. Der Handel ging, obschon

2 Käufer da waren, bis 11 Uhr sehr 5 ep⸗ pend und flau, setzte dann aber flott ein, so daß der Markt geräumt wurde. Ferkel erhielten ver⸗ 00 hohe Preise und wurden verkauft is 10 Wochen alt zu 4050 Mark pro Paar.

albjährige Läufer kosteten 7080 Mark pro

aar, ältere Läufer, welche stark aufgetrieben waren, wurden zu stark abweichenden Preisen gehandelt. Fettvieh, welches vereinzelt zu haben, wurde pro Zentner Schlachtgewicht mit 38 bis 40 Mark gekauft.

* Gießen, 12. Mai. Der Auftrieb auf dem heutigen Kuhmarkt belief sich auf 500 600 Stück, meistens Kreuzungsrassen, weniger Vogels⸗ berger⸗ und ganz vereinzelt Simmenthaler⸗Rasse.

einer Uhr leis tie.

das beste und führt. 4010

005 Zuchtvieh war ein sehr flaues Geschäft, nach 111 Milchkühen war starke Nachfrage, weil hierin augenblicklich starker Bedarf für die Bade orte vorhanden ist. Die eingetretene trockene Witterung wirkte auf die Preise drückend, sodaß diese gegen den letzten Markt noch abschlugen. Es wurden verkauft Kühe, tragend und frisch⸗ melkend, ganz schwere Ware, die in einzelnen Exemplaren vorhanden, bis 460., 1. Qual. 400420, 2. Qual. 250-340 l per Stück. Schlachtvieh wurde gehandelt mit 5054. per 100 Pfund Schlachtgewicht, Kälber durch⸗ schnittlich mit 50% per Pfund Schlachtgewicht. Reflektanten aus weiterer Ferne waren überhaupt nicht am Markt, der erst gegen 11 Uhr beendet war. Der Markt war diesmal überständig. Nächster Markt am 23. und 24. Juni d. J.

Gießen, 13. Mai. Ein gewaltiges Trauer- . 1 begleitete gestern Nachmittag die sterb⸗ iche Hülle des Universitätsmusikdirektors Felch⸗ ner zu ihrer letzten Ruhestätte. Musikdirektor Krauße hatte es sich mit seiner Kapelle als be⸗ sondere Ehre ausgebeten, dem Sarge seines ent schlafenen Kollegen voranschreiten zu dürfen. Unter der Menge der Leidtragenden bemerkten wir die Lehrkörper der Universität, des Gym⸗ nasiums und Realgymnasiums mit dem Rektor resp. den Direktoren an der Spitze, die Mitglieder des Kronbauerschen Quartetts, sowie die Herren vom Akademischen Gesangverein. Der Sarg war förmlich von Blumenspenden überschüttet. Pfarrer Naumann hielt auf dem Friedhof die Trauerrede. Im Namen des Lehrkörpers legte Rektor Behaghel einen Kranz nieder, ein Gleiches geschah namens des Konzertvereins, des Akademischen Gesang⸗ vereins und des Kronbauerschen Quartetts durch den Geheimen Rat Prof. Oncken. Die beiden Direktoren Geheimrat Schiller und Direktor Rausch legten ebenfalls namens der Lehrer⸗ kollegien Kränze mit prächtigen Schleifen nieder. Das Kronbauersche Quartett gestaltete die Trauer⸗ feier durch Gesang zu einer weihevollen, während die Kraußesche Kapelle durch Trauermusik den ernsten Akt einleitete uud abschloß.

* Gießen, 13. Mai. Fran Witwe Koch verkaufte ihre in der Löwengasse belegene Hof raithe an den Schmiedemeister Wogt für den Preis von 4000.

* Gießen, 13. Mai. Schule und Haus sollen in Fragen der Kindererziehung nicht un⸗ einig sein, vielmehr sich einander ergänzen und gegenseitig unterstützen. Wie häufig hört man thörichte Eltern über pädagogische Maßregeln Klagen anstimmen, die völlig ungerechtfertigt sind, und die um so größeren Schaden anstiften, je rücksichtsloser sie in Gegenwart der unver⸗ ständigen Jugend geäußert werden. Denn Vor⸗ würfe, die Vater und Mutter wider den ab⸗ wesenden Lehrer richten, untergraben bei kindlichen Gemütern nur zu leicht die Achtung vor der Schule und reizen sie zu Handlungen der In⸗ subordination auf, die mit schweren Schulstrafen belegt werden müssen und meist eine ganze Kette

widriger Aergernisse zur Folge haben. Wie oft hört man beispielsweise gerade jetzt, zur Maien⸗ zeit, das alte Klagelied über zu frühen Schul⸗ anfang, über zu reichliche Schulaufgaben, welche die Kinder mit häuslicher Arbeit überbürden und sie hindern, ihre Gesundheit durch Tummeln im Freien zu stärken. Wer seine Kleinen, statt sie rechtzeitig ins Bett zu schicken, bis spät in die Nacht hinein auf Straßen und Plätzen herum lärmen läßt, der wird freilich seine liebe Not haben, sie morgens wachzuschütteln und zu er⸗ sprießlicher Thätigkeit anzuspornen. Aber die Schuld liegt nicht an der Schule, sondern an ihm, denn Kinder gehören abends zu guter Stunde in die Federn, wenn sie das schöne, noch immer zu wenig beherzigte Sprichwort:Morgenstunde hat Gold im Munde zu Ehren bringen wollen. Kinder, die genügend ausschlafen und früh aufstehen, werden mit Lust und klarem Kopf ihre Arbeit thun, nicht nur in der Schule, sondern auch zu Hause; das ewige Jammern der Trägen und Faulen wegen angeblicher Ueberbürdung wird ihnen höchstens ein mitleidiges Lächeln abnöͤtigen. Denn thatsächlich ist es mit dieser sogenannten Ueberbürdung nicht so weit her, wie schwache Eltern sich von verzogenen Muttersöhnchen viel⸗ fach einreden lassen. Wo wirklich einmal vom Lehrer dem Schüler zuviel zugemutet wird, da bedarf es in der Regel einer gütlichen Ver⸗ ständigung, um schnell Abhilfe zu schaffen. Anstatt gar zu nachgiebig das Ohr allen kindlichen La⸗ mentationen zu öffnen, richte man lieber ein scharfes Augenmerk auf die mancherlei Unarten, die bei unsern kleinen ABC-Schützen gang und gäbe sind.

* Darmstadt, 12. Mai. Dr. Friedrich Bock in Berlin, Direktorialassistent bei den kgl. preußischen Museen, wurde zum Museums⸗ Inspektor hier ernannt. 5

Worms, 11. Mai. Heute fand man am Rheinufer Kleidungsstücke, die als Eigentum des hier beschäftigten Kaufmanns Hermann August

Arzt aus Schönbach in Sachsen ermittelt wurden. In einem zurückgelassenen Brief an eine Hauswirtin bat er diese kleine Ver⸗

bindlichkeiten zu erledigen, und bemerkte, daß er wegen unglücklicher Liebe in den Tod gehe.

* Mainz, 11. Mai. Die hiesige Ortsgruppe der deutschen Friedensgesellschaft hat sich heute Abend konstituirt. In den Vorstand wurden gewählt die Stadtverordneten Herren M. M. Mayer, Schäfer, Tiefel, Notar Wolf, und die Herren Buder, Klein und J. B. Falk III.

* Mainz, 12. Mai. Der Kreistag des Kreises Mainz wählte heute den Bürgermeister Löffelholz von Kastel den Bürgermeister Eckert von Kleinwinterheim, die Stadtverordneten Böm⸗ per, Dr. Otto Gastell und Eugen Haffner, sowie Herrn Ferdinand von Löhr zu Abgeordneten des Provinzialtages der Provinz Rheinhessen. Die Kreistagsmitglieder Oberbürgermeister Dr. Gaßner und die Rechtsanwälte Dr. Schmidt

Redaktivn: 15 Erscheint täglich mit Ausnahme der Tage nach Sonn- und Feiertagen. 1 Expedition: 1 Kreuzplatz Nr. 4. Preis der Anzeigen: 10 Pfg. für die Sspaltige Petitzeile. 24 Kreuzplatz Nr. 4.

und Görz wurden zu Mitgliedern des Kreis⸗ ausschusses des Kreises Mainz gewählt.

Vermischtes.

Wetzlar, 13. Mai. Das königliche Land⸗ ratsamt hat die Abhaltung der auf den 19. Mai zu Braunfels, den 20. Mai zu Schwal⸗ bach, den 28. Mai zu Leun angesetzten Märkte wegen der in mehreren Orten des Kreises herrschen⸗ den Maul- und Klauenseuche verboten. 1

Ein 44 jähriger Rekrut wurde dieser Tage nach derFreib. Ztg. in der Person eines dortigen Bürgers von der Gendarmerie in St. Märgen ver⸗ haftet. Der Mann wurde im Jahre 1872 von der Militärersatzbehörde als tauglich befunden und erhielt demgemäß Ordre zum Eintritt in den Militärdienst zu⸗ gestellt. Anstatt dem Gestellungsbefehl Folge zu leisten, zog er es vor, nach Amerika auszuwandern. Im Jahre 1888 kehrte er wieder nach Hause zurück, verheiratete sich, gründete sich ein leidliches Familienleben und der seiner Zeit flüchtig gegangene Rekrut schien von Seiten der Militärbehörde gänzlich vergessen zu sein, bis er jetzt er⸗ mittelt wurde. Er wurde an die Militärbehörde nach Freiburg abgeliefert und wartet dort seiner kriegsgericht⸗ lichen Aburteilung als Deserteur.

Eine Scheußlichkeit, die ihresgleichen sucht, ist diefer Tage in Friedberg bei München entdeckt worden. Schon seit längerer Zeit war es den Nachbarn des dort wohnenden Oekonomen Ried aufgefallen, daß sich dessen 40 jähriger, etwas schwachsinniger Bruder Paul nicht mehr sehen ließ. Allmählich verbreitete sich das Gerücht, daß Ried seinen Bruder eingesperrt halte. Das Bezirksamt, welches von diesem Gerücht Kenntniß erhielt, beauftragte einen Polizeidiener, der Sache auf den Grund zu gehen. Als dieser das Haus revidierte und, nachdem er nichts vorgefunden, was auf die Anwesenheit des Schwachsinnigen schließen ließ, auch in den Keller wollte, behauptete die allein anwesende Fran des Ried, keinen Schlüssel dazu zu haben. Durch das sonderbare Verhalten der Frau in seinem Verdacht bestärkt, ließ der Beamte die Oeffnung des Kellers durch einen Schlosser vornehmen. Den Ein⸗ tretenden zeigte sich ein entsetzlicher Anblick, welcher das umlaufende Gerücht nur zu sehr bestätigte. Der so lange Vermißte befand sich wirklich im Keller und zwar in einem Zustande, der jeder Beschreibung spottete. Das Hemd war dem Unglücklichen buchstäblich auf dem Leibe verfault und hing in Fetzen herunter. Den ganzen Körper von Schmutz starrend und von Ungeziefer zerfressen, bot der Arme, welcher auf diese Weise von seinem un⸗ menschlichen Bruder schon zwei lange Jahre gefangen ge⸗ halten wurde, ein Bild des Jammers. Selbstverständlich wurde er sofort anderweitig untergebracht und für seine Pflege gesorgt. Gegen den unnatürlichen Bruder ist das Weitere veranlaßt worden. Derselbe war kein Sozial⸗ demokrat, wohl aber ein frommer Mann, der den religlösen Formen gewissenhaft nachkam.

Die Anwendung der Photographie in der Kriminal justiz erläuterte an der Hand neuer interessanter Fälle der Gerichtschemiker Dr. Jesexich vor der deutschen Gesellschaft von den Freunden der Photo⸗ graphie. Dr. Jeserich benutzt die Mikrophotographie ein⸗ mal, um vergängliches Beweismaterial im Bilde festzu⸗ halten, sodann, um Dinge, die mit dem Auge nicht sichtbar sind, durch die Vergrößerung zur Erscheinung zu bringen, und endlich mit Verwendung der Spektralanalyse, um überhaupt sonst Unsichtbares darzustellen. Zur Entdeckung eines Mordes führte die Spektralanalyse in folgendem

Außerdem waren etwa 200 Kälber am Markt.

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Tante Doris.

Novelle von Cethegus. (Fortsetzung.)

Haus). Eines Abends war wieder einmal die Rede auf 1 den neuen Friedhof gekommen. Das war damals rthier seit einiger Zeit der bessebteste und ergiebigste Ge⸗ und sprächsstoff in der ganzen Stadt. Der alte, schöne chterei. Friedhof hatte nicht mehr ausgereicht, man hatte billisst. einen neuen angelegt aus mancherlei Gründen 3 möglichst weit draußen vor der Stadt; die Gegend

beste une war dort gar nicht schön, auch fehlte dem neuen

Friedhof natürlich noch die ganze Patina des alten, es war einstweilen eine kahle und unfreundliche Be⸗ gräbnisstätte, und jedes fühlende Herz, besonders wenn es in einem weiblichen Busen schlug, hätte es vorgezogen, dereinst auf dem alten, gartengleichen Friedhof zu ruhen. Das wurde denn nun besonders in besseren Familien gründlich erörtert, es gab Ge⸗ legenheit, die und die Verwandten und Freunde aufzuzählen, welche auf dem alten Friedhof Erb⸗ gräber und somit das Recht besäßen, sich dort be⸗ graben zu lassen; auch knüpften sich zwanglos manche wehmütig⸗füßen Erinnerungen au liebe Da⸗ hingeschiedene, schöne Begräbnisse und rührende Leichenpredigten daran. Wie gesagt, der Stoff war ergiebig, und es mag sein, daß man ein wenig Raubbau damit trieb. Als wir nun damals wieder so recht behaglich darüber verhandelten, ließ sich guf einmal nach kurzem Faltenglätten die leise Stimme der Tante Doris vernehmen: 5In meinem Heimalsstädtchen hatten wir auch einen Frievhof, ja. Und da waren sehr schöne Wege, einige waren schmal, ja, und andere breit.

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Und da waren dann Gräber links, ja, und auch rechts. Und sehr viele Denkmäler drauf, wenn man das Geld dazu hatte, ja, ja. Und wenn man so ein ganz altes Grab aufmachte, da war nichts drin als Knochen, ja, ja. Ja!

Ein ander Mal saßen wir Abends um eine Bowle herum; es waren außer mir noch einige Gäste da, und der Assessor Fritz Walding war natürlich auch dabei. Er saß neben der schönen Helene und erzählte ausführlich von dem Manöver, welches er jüngst als Reserve-Lieutenant bei den Husaren mitgemacht. Ganz nett erzählte er, etwas schneidig, vielleicht auch etwas renommistisch, aber doch sehr zur Zufriedenheit der meisten Zuhörer. Die Ritter schauten mutig drein und in den Schoß die Schönen. Da ließ sich die bewußte leise Stimme vernehmen:

In meinem kleinen Heimatsstädtchen waren auch einmal ein paar Jahre lang Soldaten, ja. Und von der Kavallerie waren sie auch. Ja! Und sie erzählten auch immer so. Es waren sehr nette Leute dabei. Einer war dabei, ein Lieutenant, der ging nachher ab und wurde Juspektor, und es soll ein ganz ordentlicher Mann in seinem Fache ge⸗ worden sein. Ja, ja!

Weißt Du, sagte mir Fritz Walding einige Zeit nach diesem Abend, als wir einmal bei einem kleinen Frühschoppen zusammensaßen,diese Tante Doris ist doch ein märchenhaftes Geschöpf mit ihren Geschichtenaus meinem kleinen Heimats städtchen. Man sollte sie eigentlich Tante Harmlos nennen.

Ich sagte nichts dagegen, obzwar ich hin und

wieder gewisse Beobachtungen gemacht hatte, die

mich im Stillen einige Zweifel an der Harmlosig⸗ keit der guten Tante und ihrer Anmerkungen hegen ließen. Fritz Walding stand mir nicht so nahe, daß ich verpflichtet war, ihm diese Zweifel zu beichten. Unsere Brüderschaft rührte aus den aller⸗ letzten Stunden eines studentischen Kommerses her, dem er als junger Fuchs und ich alsalter Herr derselben Verbindung beigewohnt hatten. Später hatte er sich daran wieder erinnert, als er Jemand brauchte, der ihn in Helene's Elternhaus einführen sollte. Uebrigens konnte kein Meusch etwas da⸗ gegen haben, wenn die Beiden ein Paar wurden. Sie paßten jedenfalls vortrefflich zusammen, oben⸗ drein war Helene nachgerade alt genug, um ihre Wahl nicht länger hinauszuschieben, und der Assessor war eine gute Partie, aus bester Familie, strebsam und höheren Ortes wohl empfohlen.

Irgend wer will gefunden haben, daß junge Leute edler Art, wenn sie einander lieben, unter dem Einflusse ihres neuen Glückes auch gegen Andere, insbesondere gegen ältere Verwandten ganz besonders liebenswürdig werden. Bei dem Assessor und Helene traf dies jedenfalls zu; sie behandelten Tante Doris mit einer zunehmenden Aufmerksam⸗ keit, ein schlechter Mensch würde vielleicht sagen: sie dienerten vor ihr. Die alte Dame ließ sich das freundlich gefallen. Es fügte sich aber sehr nach Wunsch für Fritz Walding, daß just in dieser Zeit eine neue Persönlichkeit in unseren Kreis trat, die ihrem Benehmen zu dem höflichen Assessor die schönste Folie bildete.

Dies war der Doktor medieinae Paul Henning, ein entfernter Verwandter meines Vetters,

der seit Kurzem als Assistent bei dem berühmten

Leiter des städtischen Hospitals untergekommen war. Es mochte ein ganz tüchtiger Arzt sein; aber um mich des Ausdrucks meines Vetters zu bedienen, er verstand es zu wenig, seine Pillen zu verzuckern, das heißt, er war in der Unterhaltung aufrichtig bis hart an die Grenzen der Unhöflichkeit. Auch in seiner äußeren Erscheinung konnte er gegen die glänzende Figur Fritz Walding's nicht aufkommen. Ganz besonders aber war ihm dieser überlegen in der Kunst, auf die vermutlichen Ansichten der Tante Doris zuvorkommend einzugehen. Eines Tages hatte eine auswärtige Dame im Auftrage eines Vereins für Frauen-Emanzipation in unserer Stadt einen Vortrag gehalten, in welchem sie die damalige Lage des weiblichen Geschlechts in ungemein düsteren Farben schilderte und sehr weitgehende Reformforderungen stellte. Tante Doris hatte sich von Helene den Zeitungsbericht darüber vorlesen lassen, und es war Helene nicht entgaugen, daß sie während des Vorlesens ein paar Mal mit dem Kopfe schülttelte. Als nun abends das Gespräch auf diese Dinge kam, trat Fritz Walding als ein entschiedener Verteidiger deralten, gesunden An⸗ schauungen, wie er sich ausdrückte, auf.Was ich von einer deutschen Hausfrau verlange, er⸗ klärte er,ist, daß sie Küche und Haus in Ordnung hält und mit den Künsten weiblicher Anmut die Mußestunden des Mannes erheitert. Der Hausherr fand diese Ansicht sehr vernünftig, und seine Frau stimmte seufzeud bei. Tante Doris aber bemerkte mit ihrer neutralen Freundlichkeit: Mein seliger Mann häak das ja wohl auch

ge meint. (Fortsetzung folgt.)