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Gießen, Sonntag, den 13. Dezember
1896.
Poflztg. Nr. 3239 a. Telephon⸗Nr. 112.
Ausgabe
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Gießen.
Postztg. Nr. 3239 a. Telephon⸗Nr. 112.
Redaktion: Kreuzplatz Nr. 4.
640 —
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Expedition: Kreuzplatz Nr. 4.
— 8 öfales und Provinzielles.
5 Gießen, 12. Dezember.(Stadtverordneten⸗ Aksammlung. Schluß.) Zwei Gesuche, 1. der Frau Dampfmann, 2. der Frau Sommerlat, ihnen zu ge⸗ gegen eine Abgabe in der Vorhalle des alten ses ihre Verkaufsstände für Obst und Gemüse eren zu dürfen, werden aus prinzipiellen Gründen lehnt.— Ph. Kröck, der an der Rodheimerstraße here Hofratthen besitzt, beantragt, ihm zur Arrondierung el n im ganzen 46 Quadratmeter Gelände zu ver⸗ . fen. Es handelt sich hierbei um die Böschung der
ße, welche der Gesuchsteller benötigt, um vor seinen dohnhäusern Vorgärten anzulegen, damit dieselben mit Straße verbunden werden. Das Stadt⸗Bauamt be⸗ neilt den Wert dieses Geländes mit 4% pro Quadrat- nter. Der Stadt schlägt die Bau⸗Kommission vor, dem Igsuuche des Kröck zuzustimmen und demselben pro Qua⸗ utmeter 1,30 /, im ganzen also 59,80/ für die Ichietsabtretung zu berechnen, welchem Vorschlag seitens e Versammlung zugestimmt wird.— Kleinbahn Es handelt sich um den der Kleinbahngesellschaft seitens der Stadt abzu⸗ ießenden Vertrag wegen Ueberlassung des benötigten elraßengeländes; da dieser Vertrag noch die Bau⸗Kom⸗ Aton beschäftigt, wird dieser Punkt von der Tagesord⸗ ung abgesetzt.— Der Kirchen vorstand ersucht um bbriß des Spritzenhauses zwischen Turm und Stadtkirche, i dasselbe durch die Erbauung des Turmhauses am hand überflüssiig geworden, und Ueberlassung des Platzes un die Kirchengemeinde aufgrund einer Zusage der Stadt⸗ meinde, die im Jahre 1867 gemacht wurde. Nach arlegung der Verhältnisse durch den Oberbürgermeister id dem Antrag willfahren. Gleichzeitig wird dem krinzip zugestimmt, daß es mit der Kirchengemeinde bei em Umbau der Stadtkirche genau so gehandhabt werden poll wie bei jedem Privaten. Es sollen derselben die Kosten ber Verlegung der Treppe an der Kirchstraße ersetzt werden. — Henry Dumant. der Begründer des roten Kreuzes ud der Genfer Konvention, lebt in ärmlichen Verhältnissen einer Pension in der Schweiz. Es ist von Stuttgart n Aufruf erlassen, eine Ehrengabe zu stiften für diesen uneigennützigen Mann. Es werden 100, bewilligt.— Der nächste Punkt, Einrichtung von öffentlichen Feuer⸗ meldestellen, wird, da noch nicht spruchreif, von der Tagesordnung abgesetzt.— Das Gesuch der Witwe Karl Balser, Burggraben, ihren Wirtschaftsbetrieb auf ihren errichteten Neubau ausdehnen zu dürfen, wird genehmigt, ebenso ein Gesuch um Schankerlaubnis des J. F. Sorge r für den Deutschen Hof.— Die Gesuche der Oranien⸗ brauerei Dillenburg für die Häuser Neustadt 1 und Linden⸗ platz 5 um Erlaubnis zum Ausschank(es handelt sich um zu errichtende Stehbierhallen) werden mangels eines Be⸗ ebenso ein Gesuch des Karl aus gleichem Grunde.— Ein Gesuch des Joh. Ferber um Schankerlaubnis für Neustadt 11(Herkules) wird an⸗ genommen, da es sich hier um eine schon bestehende Wirt⸗ schaft handelt.— Es folgt eine geheime Sitzung.
* Gießen, 12. Dezember. Der Personal⸗ bestand an unserer Landes⸗Universität beträgt für das Wintersemester 626 immatriku⸗ lierte und 41 nicht immatrikulierte, zusammen 667 Hörer, davon gehören 51 der theologischen,
175 der juristischen, 196 der medizinischen und 204 der philosophischen Fakultät an. Der Staats⸗ angehörigkeit nach besuchen 451 Hessen und 175 Nichthessen die Vorlesungen.
Gießen, 12. Dezember.(Stadttheater.) Am Sonntag Nachmittag findet die letzte Kinder— vorstellung statt, welche das beliebte Stück „Max und Moritz“, ein Bubenstück in sieben Streichen, bringt. Das ist wieder etwas für unsere Kleinen, welche am Sonntag sich wieder zahlreich einfinden werden. Lumpaci Vaga⸗ bundus wird am Sonntag Abend gegeben. In dieser beliebten Posse tritt Herr Hans Portz, der erste Komiker des Kölner Stadttheaters, als Schneider Zwirn auf. Da ist dann am Sonntag in der Besetzung des„liederlichen Kleeblatts“ wohl das beste geboten, indem Herr Helm den Schuster Knieriem und Herr Peickner den Tischler Leim neben dem bewäheten Gaste spielen wird. Gießen, 12. Dez. Die bekannte Posse „Kyritz⸗Pyritz gelangte gestern Abend in unserem Stadttheater zur Aufführung. Das Theater war ziemlich gut besacht. Die ge⸗ botenen Leistungen waren wieder vorzüglich. Besonders ausgezeichnet durch vielen Beifall wurde die Gastin Frl. Cela Enrici vom Frankfurter Stadttheater, Herr und Frau Helm, sowie Frl. Emma Dellmar. Morgen Sonntag Nachmittag wird die letzte Kinder- vorstellung stattfinden.
Gießen, 12. Dez. Die ersten Christ⸗ bäume kamen heute von Beltershain hier an. Dieselben waren für den Dienstmann Ferber bestimmt.
* Gießen, 12. u Auf dem Delegirtentag des Verbandes hessischer Freiwilliger Feuerwehren, der in Frank⸗ furt stattfand, hatte die Lang-Gönser Wehr beantragt:„Der Landesausschuß möge bei Großh. Regierung vorstellig werden, daß dieselbe bei den Kreisämkern die nötigen Schritte thue, damit innerhalb aller hessischen Kreisfeuerlösch⸗ ordnungen eine einheitliche Vergütung der Mannschaft pro Kopf und Stunde bei auswärtiger Brandhilfe einzuführen sei, sowie baldmöglichst eine Regelung der Ver⸗ gütung bei Hilfeleistung in benachbarten nicht⸗ hessischen Ortschaften erfolge.“ Der Antrag wurde jedoch wieder zurückgezogen, nachdem der Provinzialvertreter für Oberhessen, Feller von Lollar, erklärte, die nötigen Schritte zur Er⸗ ledigung dieses Antrages bei dem Großh. Kreis— amt Gießen zu thun.
Bad Nauheim, 11. Dez. Der hiesige Stadtrat hat für die Errichtung eines öffent⸗ lichen Schlachthauses 40000 Mark, für die Erbauung einer Markthalle oder von Marktlauben 10000 Mark ausgeworfen.
Ober⸗Ohmen, 10. Dez. Von einem recht traurigen Unfall mit tödlichem Ausgang wurde heute Mittag der hiesige Einwohner Greb betroffen. Derselbe, ein Holzmacher, war mit seinen Kameraden in einem Distrikte der Freiherrlich Riedeselschen Waldungen in der Ge—⸗ markung Ruppertenrod mit dem Zersägen eines durch Windfall gestürzten starken Baumstammes beschäftigt. Durch das Wurzelwerk lag der Stamm in einiger Entfernung am Boden. Bei dem Zersägen krachte plötzlich der Stamm ent⸗ zwei, schlug nach der Seite und begrub unter sich den Holzhauer mit solcher Wucht, daß er in den Boden eingedrückt wurde. Als Leiche zog man den Unglücklichen hervor. Greb war ein 61 Jahre alter Witwer.
*Darmstadt, 12. Dezember. Das Schwur⸗ gericht verurteilte den Backsteinmacher Valentin Eichhorn aus Offenbach, der am 26. Mai seinen ehemaligen Arbeiter Friedrich Beyer aus Löhnbach durch einen Revolverschuß ge⸗ tötet hatte, wegen fahrlässiger Tötung und mehrfacher Körperverletzung zu ein Jahr sechs Monate und 20 Tage Gefängnis, der Mitange⸗ klagte Heinrich Helfmann wurde freigesprochen.
* Darmstadt, 11. Dezember. Das Groß⸗ herzogliche Ministerium hat bezüglich der Errich— tung des Baues einer Kleinbahn nach Wiesbaden und nach Eltville bezw. Rüdesheim für die Dauer eines Jahres die Erlaubnis, Vorarbeiten und Vermessungen inner⸗ halb des Großherzogl. Staatsgebietes vorzu⸗ nehmen, erteilt: 1. Herrn Ph. Balke in Berlin für eine mit Dampfkraft oder elektrisch zu be⸗ treibende schmalspurige Eisenbahn von Rüdesheim nach Kastel und von da nach Wiesbaden; 2. der Süddeutschen Eisenbahn⸗Gesellschaft zu Darm⸗ stadt für schmalspurige elektrische Eisenbahnen von Mainz nach Wiesbaden und von Kastel über Biebrich und Schierstein nach Eltville.
Mainz, 11. Dez. Bei den gestrigen Be⸗ sprechungen zwischen Herrn Oberbürgermeister Dr. Gaßner und den Vertretern des hiesigen Journalisten- und Schriftstellervereins wurde das Jahr 1900 als Zeitpunkt der fünf⸗ hundertjährigen Geburtsfeier Guten⸗ bergs bestimmt. Mit Leipzig, das die Errich⸗ tung eines Gutenbergdenkmals beabsichtigt, sollen Verhandlungen durch den Oberbürgermeister eingeleitet werden, damit die beiden Feiern nicht kollidieren.
Mainz, 12. Dez. Nach einer Zusammen⸗ stellung über den Güterverkehr des abge⸗ laufenen Jahres in den Mainzer Hafen (Mainz—Kastel—Gustavsburg) ist dieser Verkehr gegen das Vorjahr um 2,233,000 Zentner ge⸗ stie gen.
Mainz, 11. Dezember. Der hier ent⸗ wichene berüchtigte Einbrecher Alois
Ziegler aus Pettau spricht außer perfektem Hochdeutsch auch französisch und angeblich italienisch und spanisch. Ziegler ist lange auf der See gefahren und soll sich in Amerika, Spanien, Portugal, Holland und der Schweiz aufgehalten haben. Bei seiner Flucht war er völlig mittellos, und dürfte er versucht haben, sich alsbald durch Einbruchsdiebstähle wieder Mittel zu verschaffen. Ein dieser Tage in einem benachbarten Dorfe verübter Einbruch, wobei dem Diebe 400. zufielen, dürfte wohl auf sein Konto zu setzen sein. Vermutlich wird er sich jetzt wieder auf ein Schiff begeben haben.
Schwurgericht. W. Gießen, 11. Dezember. (Fortsetzung.)
Landgerichtsrat Müller eröffnet heute Vormittag die Verhandlung gegen Heinrich Scheerer von Rüddingshausen, angeklagt des Verbrechens im Amt, der Urkundenfälschung und des Betruges. Die Anklage vertritt Staatsanwalt Zimmermann. Die Verteidigung führt Rechtsanwalt Kraft. Es sind 30 Zeugen zu vernehmen. Die be⸗ gangenen Delikte zerfallen in 2 Gruppen, deren erste in Fälschungen bei Bürgschaftsscheinen, die zweite Gruppe in falschen Beurkundungen, die zum Zwecke der Eintragung ins Grundbuch gemacht wurden, besteht. Der Angeklagte war vom Jahre 1888 in Rüddingshausen Bürgermeister, seit 1890 aber auch Ortsgerichtsvorsteher, vor 1 Jahren wurde er von der Strafkammer zu Gießen wegen Ver⸗ leitung zum Meineid zu 6¼ Jahre Zuchthaus verurteilt, von welcher Strafe er inzwischen 1 Jahr 2 Monate ver⸗ büßt hat. Heute erscheint er mit der harmlosesten Miene von der Welt, als wenn er kein Wässerchen trüben könnte, in Sträflingskleidern vor den Schranken des Gerichts und nachdem der ziemlich umfangreiche Anklagebeschluß ver⸗ lesen, erklärt er sich in einzelnen ihm zur Last gelegten Fällen für schuldig, bestreitet aber, daß es sich in all den Fällen um Vermögensvorteile für ihn gehandelt hat. Er set bei der 1888er Bürgermeisterwahl als Kandidat der geringen Leute mit einer Stimme Mehrheit zum Dorf⸗ oberhaupt gewählt. Sein Vermögen, das er damals be⸗ sessen, sei nicht sehr erheblich gewesen. Im Besitz von etwa 8 Morgen Land war sein Gütchen doch 4000 wert. Unwahr sei es aber, wenn die Anklagebehörde be⸗ hauptet, daß ihn das Traktieren vor und nach seiner Wahl finanziell zurückgebracht habe. Sein Wahlsieg sei verhältnißmäßig billig zu stehen gekommen. Einige Faß Bier, die er spendiert, seien kaum der Rede wert. Im Jahre 1890 habe man ihm auch das Vorsteheramt vom Ortsgerichtsamt übertragen. Wegen der Mitwirkung der anderen Ortsgerichtsmänner bei vorkommenden Geschäften befragt, gesteht Angeklagter mit einem gewissen Humor zu, die seien weiter nicht gefragt worden und hätten meistens unterschrieben, ohne viel zu lesen nachdem er ihnen über den Inhalt des Schriftstücks, das zu unterschreiben war, Bescheid gesagt; 5 Fälle der Gruppe 1 sind gleichartiger Natur. Es handelt sich um Schuldscheine, die der Ange⸗ klagte an die Kassen von Londorf, Geilshausen und Grün⸗ berg gegeben, auf denen er teilweise die Bürgschaftsunter⸗ schriften, in anderen die Beglaubigungsunterschriften der Ortsgerichtsmänner gefälscht. In einzelnen Fällen haben die Ortsgerichtsmänner die gefälschten Unterschriften der
* Mächte der Finsternis.
Roman von Helmuth Wolfhardt.
Ihnen recht herzlich.
(Fortsetzung.) „Ich habe eine Frage an Sie“, tönte ihm eine jugendliche, angenehm klingende Stimme an das
Ohr,„und ich bitte recht von Herzen, mir die Ant- wort nicht zu verweigern.“
„Nun, was wünschen Sie zu wissen?“ gab er zurück.„Wenn sich die Auskunft rasch erteilen läßt, sollen Sie sie gerne haben.“.
„Das Mädchen, welches soeben aus einem Wagen in den anderen gebracht wurde— Sie selbst waren behilflich es dahin zu tragen— ist es schwer verwundet?“ 0 1 5.
„Meinen Sie die dreizehn- oder vierzehnjährige Kleine mit der Verletzung an der Stirn?“
„Ja, die meine ich, Herr Doktor!“
„Ich glaube, Ihnen zu Ihrer Beruhigung sagen zu können, daß sie sehr gnädig davon gekommen ist; die Stirnwunde wird in acht oder zehn Tagen voll—
ständig geheilt sein, und andere Contustonen schienen nicht vorhanden.“
Mit ungestümer Lebhaftigkeit und Wärme drückte der Fragende die Hand des Arztes. f
„Ich danke Ihnen“, sagte er freudig,„danke Sie haben mich von einer
sehr großen Sorge befreit.“
Er wandte sich zum Gehen, und auf des Doktors Frage, ob er denn nicht auch mit dem sogleich ab⸗ fahrenden Zuge nach Hollingstadt zurückkehren wolle,
schüttelte er verneinend den Kopf.
ch muß jetzt so schnell als möglich nach 5 erwiderte er,„und da ist es am Besten, ich trete auf der Stelle die Wanderung an. Den Weg nach Rothhaide habe ich schon oft genug zu
Fuß gemacht, und ich kann hn nicht verschlen
denn da sehe ich ja ganz deutlich den Kirchthurm von Ragosewo.
Noch einmal dankte er für die erhaltene Aus— kunft; dann drehte er sich um und war schon in der nächsten Minute den Blicken des ihm verwundert nachschauenden Arztes entschwunden.
Viertes Kapitel.
Grau und nebelig dämmerte der Wintertag herauf. Noch zeichneten sich die Häuser des Städtchens Rothhaide nur in verschwommenen Um⸗ rissen gegen den weißlichen Himmel ab, als Bern— hard Milow am Ziele seines langen und beschwer— lichen Marsches anlangte. Er war von vielem Um— herstreifen mit der Umgegend seiner Vaterstadt wohl vertraut und hatte darum alle Fußpfade und Wiesensteige benutzen können, die ein Stückchen von der mannigfach gewundenen Landstraße abschnitten; aber er hatte trotzdem während der letzten Stunde fast daran verzweifelt, daß ihn die totmüden Füße noch bis zu seines Vaters Hause tragen würden.
Das kleine Besitztum des Packmeisters lag ein wenig außerhalb der Stadt. Es war ursprünglich ein Bauernhof gewesen, der seiner Frau noch vor ihrer Verheiratung durch Erbschaft zugefallen war. Milow aber hatte die dazu gehörigen Aecker und Wiesen verkauft und den Erlös zum Teil dazu verwendet, das Häuschen etwas anmutiger und solider aufzubauen. Nur ein kleiner, mit Blumen und mit Küchengemüsen be— pflanzter Garten war bei demselben geblieben, und wenn da drinnen in der guten Jahreszeit alles grünte und blühte, bot das bescheidene Heim des Packmeisters sogar einen sehr ansprechenden und freundlichen Anblick dar.
Heute freilich, in dem gelbgrauen Winteruebel, sah es nicht besser aus als irgend eine armselige Baracke, und noch niemals hatte sich Bernhard mit so wenig freudigen Empfindungen seinem Vater— hause genähert, als an diesem Morgen. Als er die wenigen Steinstufen erstiegen hatte, die zur Ein—
gangsthür emporführten, sah er zu seiner Ueber⸗
raschung, daß diese letztere nicht geschlossen, sondern
nur leicht angelehnt war. Er ging hinein mit dem Wunsche, sich womöglich unbemerkt auf das kleine Giebelzimmer zu schleichen, das ihm als Kind zum Schlafen zugewiesen worden war, und das sich, wie er wußte, noch immer in dem nämlichen Zu⸗ stande befand. Er hatte keinen Grund, auf einen besonders freundlichen Empfang gefaßt zu sein, und er fühlte sich jetzt so todesmatt, daß er sich wenig⸗ stens erst durch eine Stunde erquickenden Schlum— mers für die Kämpfe stählen wollte, die ihm be— vorstanden. Aber wie vorsichtig er auch zu Werke ging, so konnte er doch nicht hindern, daß die Stiege verräterisch unter seinen Schritten knarrte, und ehe er noch bis in das erste Stockwerk hinaufgekommen war, wurde unten im Erdgeschoß mit ungestümer Heftigkeit eine Thür aufgerissen.
„Wer schleicht da herum?“ rief ihm eine heisere Stimme nach.„Ich lasse mich nicht ausspionieren, denn ich habe nichts gethan?“
Im ersten Schrecken verharrte Bernhard regungs— los auf der Stelle, wo er stand. Die Biegung der Treppe entzog den Rufenden seinen Blicken,
aber bei dem fremden Klang der Stimme konnte“
er nicht glauben, daß dies sein Vater sei. Schnell genug sollte ihm indessen darüber Gewißheit werden, denn als ihm von oben her keine Antwort gegeben wurde, eilte der unten Befindliche mit schweren, wuchtigen Tritten die Stiege empor.
„Nimm Dich in Acht, nichtswürdiger Spion!“ keuchte er.„Ich will Dich lehren, einem ehrlichen Manne etwas anzuhängen!“
Unwillkürlich schmiegte sich Bernhard hinter einen Schrank, der auf dem Treppenflur stand, und diese Vorsicht war vielleicht nicht überflüssig gewesen, denn der riesenhaft gebaute Mann, welcher da hinaufstürmte, schwang mit drohend erhobenem
Arme einen schweren Zimmermannshammer, der in
solcher Faust zu einer der furchtbarsten Waffen wurde. Nun sah Bernhard freilich, daß es wirklich sein Vater war, welchem er gegenüberstand, aber er erzitterte zugleich bis ins innerste Herz vor der ent— setzlichen Veränderung, die seit seiner letzten Abreise mit demselben vorgegangen war. Das Gesicht des Packmeist os war gedunsen und tief gerötet, die Augen, welche etwas seltsam Starres und Glasiges hatten, traten weit hervor; dicke Schweißtropfen standen auf seiner Stirne, und das dunkle Haar hing ihm wirr und struppig um die Schläfen. Er war nur halb angekleidet, und Bernhard sah das wilde Arbeiten seiner breiten Brust unter dem offen⸗ stehenden Hemde. Nur der höchste Zorn oder die wildeste Todesangst konnten einen Mann in solchen Zustand versetzen.
Stephan Milow wurde des Knaben nicht sogleich ansichtig, und als er darum den Arm mit dem Hammer sinken ließ, trat Bernhard entschlossen aus seinem Versteck hervor.
„Ich bin es, Vater“, sagte er.„Ich gedachte mich leise auf mein Zimmer zu begeben, weil ich Dich nicht aus dem Schlafe stören wollte.“
Mit grimmigem Hohn lachte der Packmeister auf.
„Im Schlafe— ha, ha!— Als wenn ich schlafen könnte, wenn so Viele auf mein Verderben lauern! Aber zum Henker, Junge, woher kommst Du denn bei Nacht und Nebel?“
„Ich komme von Ragosewo, Vater, und bin müde zum Sterben.“
Milow umklammerte mit seiner nervigen Linken das Treppengeländer. Sein Gesicht nahm eine fast bläuliche Färbung an.
(Fortsetzung folgt.)


