Ausgabe 
11.4.1896
 
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1896.

Gießen, Sonnabend, den 11. April

andeszeitung.

Ausgabe Gießen.

Redaktion: Kreuzplatz Nr. 4.

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Erscheint täglich mit Ausnahme der Tage nach Sonn- und Feiertagen.

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Expedition: Kreuzplatz Nr. 4.

Preis der Anzeigen: 10 Pfg. für die§spaltige Petitzeile.

Lokales und Provinzielles.

Gießen, 10. April. In der gestern Abend im Frankfurter Hof stattgehabten General⸗ versammlung des astwirt⸗Vereins Gießen und Umgegegend wurden folgende Herren wieder gewählt: Karl Hein(Prinz Karl) 1. Vorsitzender, Riegelmann(Hotel Weber) 2. Vors., M. Jaskowsky(Aquarium) Schrift⸗ führer, Roth Rechner, Ph. Bauer, H. Meyer, Konrad Heuser, J. Stein und Peter König Beisitzer. Neugewählt wurde als Kontrolleur Prokop Schadeck.

* Gießen, 10. April. Das Frankfurter Dialekt-Ensemble brachte gestern Abend im Leib'schen Festsaale die beiden StückeFrank- furt im Feindesland u.Verspekulirt zur Aufführung. Der reiche Beifall, welchen die Künstler ernteten, war ein wohlverdienter. Be dauerlich war es nur, daß das Theater nicht sonderlich gut besucht war. Herr Strohecker war sowohl als Dragoner Müller wie auch als Rentier Knoblauch vorzüglich. Aber auch die übrigen Künstler waren am richtigen Platz. Vor Allem gilt das von Fräulein Mühlbach. Herr Hofmann war ein etwas korpulenter Lieb haber für das zarte geschmeidige Leuchen. Frau Schöning spielte ihre Obsthändlerin Schnatter recht gut. Alles in allem war es ein genuß⸗ reicher Abend. Auf Wiedersehen!

* Gießen, 10. April. Es soll die Absicht bestehen, das Bureau der Firma Buderus von Gießen wieder nach Wetzlar zu verlegen. Es wäre das im Interesse der Beamten, welche sich hier wohl fühlen und mannigfache Bezieh⸗ ungen angeknüpft haben, recht zu bedauern.

Gießen, 10. April. Der Gärtner Karl Becker, Schiffenbergerweg, versichert, durch ein von ihm erprobtes Verfahren es fertig zu bringen, den Blumenfreunden Maiblumen im Sommer und Lilien im Winter zu bringen. Die Pflanzen werden angeblich längere Zeit der Kälte aus⸗ gesetzt, dadurch im Wachstum behindert und dann zu geeigneter Zeit ins Treibhaus gebracht, wo sie zum Blühen kommen.

Gießen, 10. April. Heute Morgen stürzte

ein 2jähriges Kind beim Spielen auf Oswalds Garten in den Stadtbach. Das kleine Wesen wäre unrettbar ertrunken, wenn nicht zufällig ein Metzgerbursche den Vorfall wahrgenommen und herbeigeeilt wäre, um das Kind aus dem nassen Element herauszuziehen.

* Gießen, 10. April. Schulnervosität und Turnen. In einem Aufsatz über:Schul⸗ nervosität und Schulüberbürdung spricht sich der bekannte Nervenarzt Dr. Eulenburg über die Wirkung des Turnunterrichts bei geistiger An⸗ strengung aus und bekämpft die Meinung, daß diese Wirkung auf die Schüler eine wohlthätige sei. Eine Anordnung, welche den Turnunterricht als Gegengewicht gegen die Anstrengung des Gehirns empfehle, sei verderblich, wie der be⸗ rühmte Turiner Physiologe Maffo bewiesen habe. Der Turnunterricht biete weder eine Vorbereitung für die geistige Thätigkeit noch eine Erholung nach derselben, er dürfe also weder an den An fang, noch an das Ende der Lehrstunden gestellt werden. Auch die Ausfüllung der Pausen durch

Der Blinde. Von Felix von Stenglin. (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.)

Der junge Mann lachte.

Aber hören Sie mal, sagte nun die alte Frau,das junge Mädchen geht schon zum dritten Mal vorüber und blickt sie ganz verliebt an

Wie schaut sie aus?

Semmelblond, blaue Augen, weißes Kleid. Wenn sie wieder zurückkommt, werfen Sie ihr eine Kußhand zu, ich werde Ihnen sagen, wenn's Zeit ist.

Jetzt lächelte auch der Alte.Sie verführen meinen Schwiegersohn zu allerhand Streichen

Nun, er wird doch ein junges Mädchen hübsch finden dürfen, und noch dazu ein so sauberes, dem die Herzensgüte aus den Augen strahlt

Ach, die Herzensgüte! meinte der Blinde seufzend.

Sie meinen, sie kann auch zu weit getrieben werden, die Herzensgüte? Ohne Zweifel. Da muß ich Ihnen mal die Geschichte von dem guten Fritz erzählen, der bei meiner Nachbarin mit verschiedenen anderen jungen Herren zur Miete wohnte. Und sie berichtete, wie der gute Fritz in seiner Herzens güte kurz vor Pfingsten all sein Geld an die Pen⸗ sionsgefährten verborgt habe, so daß er seine Stiefel nicht vom Schuhmacher abholen konnte und als

turnerische Uebungen, als Springen, Gerwerfen, sei zu verwerfen, weil dieselben eine Anstrengung der Muskeln zu der Anstrengung des Gehirns noch hinzufügen. Die einzige Erholung nach angestrengter geistiger Thätigkeit bestehe in Ruhe des Körpers und Nahrungsaufnahme. Die wesentlichste Anforderung der Schulhygiene müsse also darin erblickt werden, die dem jugendlichen Alter entsprechende Befriedigung des Schlaf- wie des Nahrungsbedürfnisses in ausgiebigem Maße zu sichern; nur hierdurch würden Arbeitskraft und Gesundheit der Jugend dauernd erhalten. Das Erfordernis von Ruhe und Nahrungszufuhr nach geistiger Arbeit sei übrigens eine physio⸗ logische Thatsache, die neuerdings durch Kraepelin wieder eingeschärft sei.

* Darmstadt, 9. April. Das Regierungs⸗

blatt veröffentlicht soeben folgende gesetzliche Be stimmungen für die Provinz Rheinhessen: Die Bestimmung in S 15 des Gesetzes vom 4. Juni 1849, die Ausführung der allgemeinen Deutschen Wechselordnung im Großherzogtum betreffend, wird aufgehoben und durch folgende Vorschrift ersetzt:Allgemeine Feiertage sind: der Neujahrs⸗ tag, Charfreitag, Ostermontag, Christi Himmel⸗ fahrtstag, Pfingstmontag, Frohnleichnamstag, Mariä Himmelfahrtstag, Allerheiligentag und der erste und zweite Weihnachtstag. * Darmstadt, 9. April. Heute Vormittag fand der Einweihungs-Akt des neuen Dienst⸗ gebäudes für die Großh. Zentralstelle für die Gewerbe statt. Der bauleitende Architekt, Herr Baurat Wiessell, überreichte den Schlüssel des Neubaues an Herrn Staatsminister Dr. Finger Exz., der einen Rückblick auf die Ent⸗ wickelung desLandesgewerbvereins warf u. allen am Neubau beteiligten Faktoren Dank sagte. Darauf hielt der Vorsitzende der Großh. Zentralstelle für die Gewerbe, Herr Geh. Baurat Sonne, die Fest⸗ rede, worin er die Gäste mit den Einrichtungen des Neubaues bekannt machte, alte und neue Auf gaben des Landesgewerbvereins betonte und auf die ad hoc veranstalteten Ausstellungen einen Blick warf, auch das Verhältnis zwischen dem Landes⸗ gewerbverein und den neuen Innungen berührte, die beide, jeder in sachgemäßer Erfüllung seiner Obliegenheiten, neben einander wirken könnten. Daran schloß sich eine Besichtigung des Gebäudes und der Ausstellungen.

* Darmstadt, 9. April. Verstgatlich⸗ ung der Hessischen Ludwigsbahn. Die Bank für Handel und Industrie zu Darmstadt und das Bankhaus Arons und Walter zu Berlin sammeln Vollmachten von Aktionären, um diese in der bevorstehenden Generalversammlung zu vertreten, obgleich die Verstaatlichung der Lud wigsbahn bekanntlich nicht auf der Tagesordnug steht und bindende Beschlüsse in dieser Richtung nicht gefaßt werden können. Es sollen jedoch Erklärungen abgegeben werden, daß die Aktinäre das jetzige Regierungsangebot anzunehmen nicht gewillt sind.

* Mainz, 9. April. Eine heute Vormittag abgehaltene Versammlung der Interessenten des Weinbaues und des Weinhandels, einberufen von den Handelskammern zu Mainz, Wies⸗ baden und Koblenz, war sehr gut besucht. Es

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wurde u. A. Verwahrung dagegen eingelegt, daß

durch den, dem Reichstag vorliegenden Artikel 88 der Gewerbeordnungsnovelle, dem Weinhandel, das sogenannte Detailreisen d. h. das Aufsuchen von Privatkundschaft unter⸗ sagt werden soll.

* Mainz, 9. April. Der Pyrotechniker Wilh. Hager aus Bonn, der beschuldigt ist, beim Rochusfeste in Bingen durch die Explosion von Feuerwerkskörpern den Tod eines mit dem Abbrennen derselben betrauten Schuhmachers ver ursacht zu haben, wurde heute von der Straf kammer zu einer Geldbuße von 100, verur- teilt. Der Staatsanwalt hatte 4 Wo hen Ge⸗ fängnis beantragt. In der heutigen Sitzung der Strafkammer wurde ferner ein Radfahrer, der vor einiger Zeit im Gartenfelde durch Ueberfah ren mit dem Rad den Tod eines Mannes verursacht hatte, zu einer Gefängnisstrafe von 3 Wochen verurteilt. Mit dem Wiederaufbau des im vorigen Herbst in der Wallaustraße zusammen⸗ gestürzten Berle'schen Hauses wurde begonnen und sind die Arbeiten desselben dem Bauunternehmer Herrn Suder, der auch das eingestürzte Haus errichtet hat, nachdem eine Einigung zwischen den Parteien zu Stande gekommen ist, wieder übertragen worden. Die Anklage der Staatsanwaltschaft gegen Herrn Suder wegen Körperverletzung mit tötlichem Erfolg ist nun⸗ mehr vor die Strafkammer des Landgerichts ver wiesen; sie stützt sich darauf, daß derselbe durch den Zusammensturz des Hauses den Tod des damals verunglückten Dachdeckers verschuldet habe.

Mainz, 9. April. In einer gemein⸗ schaftlichen Sitzung der Armendeputation und der Kommission für Stellenbesetzung kam man zu der übereinstimmenden Ansicht, das jetzt bestehende Institut der Armenärzte auf⸗ zuheben und dafür die freie Aerztewahl für die Stadtarmen einzuführen. Der Polizei gelang es gestern, einen Kellner zu ver haften, der die Masseneinbrüche hier verübt haben, soll; sieben Einbrüche hat der Verhaftete bereits eingestanden.

Vermischtes. Siehste wohl, da kimmt er schon, der verliebte Schwiegersohn! Aus Hirschhorn in

Baden wird folgendes Stückchen berichtet: Auf einem be⸗ nachbarten Dorfe konnte letzte Woche eine auf 10 Uhr früh angesetzte Hochzeit nicht stattfinden, weil der aus der Eberbacher Gegend stammende Bräutigam auf seinem Wege zu viel Haltestationen gemacht hatte und erst nach mittags 3 Uhr, stark berauscht, ankam. Hierüber geriet die Braut in so gerechte Aufregung, daß sie dem flehent⸗ lichst bittenden Bräutigam auf Nimmerwiedersehen die Thüre wies. Beherzte Hochzeitsgäste nötigten mit Gewalt das Fuhrwerk zur Umkehr und selbst die dringende Bitte: man möge ihm doch nur einmal gestatten, mit der Braut Gesundheit trinken, wurde zurückgewiesen. Die Hochzeit soll alsdann ohne den Bräutigam in ganz heiterer Weise zu Ende gehalten worden sein. Wie die Fama weiter erzählt, sei der Bräutigam anderen Tages in ganz nüch⸗ ternem Zustande zur Kopulation erschienen; aber die Braut hat derart den Geschmack an ihm verloren, daß der Herr Bräutigam hoffnungslos abziehen mußte.

Wozu sind die Notbremsen da? Der un⸗ befangene Leser meint sicherlich, daß sie den Zweck hätten, bei eintretender Gefahr in Thätigkeit gesetzt zu werden. Die Eisenbahnverwaltung aber ist der Ansicht, daß die

Notbremse dazu da sei, nicht benutzt zu werden und daß man lieber im Waggon verbrennen solle, als die Bremse ziehen; thut man dies doch, so soll man wenigstens Strafe zahlen. Vor dem Schöffengericht in Düren(Rheinprovinz) stand in voriger Woche ein Herr unter der Anklage, die Eisenbahn-Notbremse, ohne daß hierzu Veranlassung vorlag, benutzt zu haben. Der betreffende Herr benutzte am Fastnachts-Montag den vor dem fahrplanmäßigen Abend⸗ persouenzug von Köln abgelassenen Extrazug. Als der Zug die Station Horrem verließ, machte der Wagen, in welchem der Herr saß, verdächtige Bewegungen. Ihm und den übrigen Reisenden wurde es unheimlich, und als sie beim Hinausblicken aus dem Fenster sahen, wie wahre Feuergarben von den Rädern des Wagens aus⸗ schossen, zog der Herr die Karpenterbremse, worauf der Zug zum Stehen kam. Das Zugpersonal versicherte sich des Namens desUebelthäters. Einige Zeit nachher erhielt der betreffende Herr einen auf 20 Mark lautenden Strafbefehl. Das Schöffengericht erkannte aber auf Frei⸗ sprechung, was allerdings der Eisenbahnverwaltung nicht gefallen wird, desto mehr aber dem Publikum.

Der größte und schönste Bahnhof der Welt für Personenverkehr ist der neue Union-Bahnhof in St. Louis. Das Gebäude ist 700 Fuß lang und 606 Fuß breit. Die Fläche vor dem Bahnhofsgebäude ist 42 Akres groß. 26 Geleise laufen in den Bahnhof ein. Der zweitgrößte Eisenbahnhof ist der in Frankfurt a. M. Dieser hat 18 Geleise. Diesen Prachtbauten reiht sich würdig an der berühmte Klosterthorbahnhof in Hamburg.

Immer im Beruf. Gerichtsrath(zu seiner Tochter):Wenn Du Dein Benehmen gegen die Herren⸗ welt nicht änderst, so wirst Du in erster, zweiter und dritter Instanz sitzen bleiben!(Fl. Bl.)

Genügend... Den berühmten Professor soll ich heirathen?.. Aber, Papa, ist für den großen Ge lehrten mein Wissen nicht zu gering?Wie heißt, Dein Wissen zu gering wo Du weißt, daß Du kriegst eine Million!

Naturgeschichte des Mannes, dessen Fang, Zähmung und Dressur.

Das Jagd-FachblattSt. Hubertus bringt folgende im Jäger⸗Jargon geschriebene naturwissenschaftliche Be⸗ lehrung, die wir mit kleiner Aenderung zum Abdruck bringen: Das nützlichste Hauswesen, das für die Frauen⸗ welt von großer Bedeutung ist, bleibt in seinem akkli⸗ matisierten Zustande der Mann homo sapiens mas- culinus. Im wilden Zustande heißt er Junggeselle gefangen, gezähmt und dressiert jedoch nennt man ihn Ehemann. Im wilden Zustande, in dem ihm noch die Fesseln der Natur, gewöhnlich Ehejoch genannt, unbekannt sind, lebt er meist in Rudeln, die gewöhnlich des Abends zur Tränke ziehen. Diese Tränken sind überhaupt sein Lieblingsaufenthalt, und dort schöpft er mit Vorliebe Bier. Es giebt Exemplare, deren Durst unergründlich ist, sie sind leicht erkennbar an der rötlichen Färbung des Wind⸗ fanges; wir haben es jedoch hier nicht mit einer be⸗ sonderen Art, sondern mit einer Farbenvarietät zu thun. Nebenher schlagen diese Individuen die Zeit mit allerlei Kurzweil tot, wobei sie oft große Ausdauer an den Tag legen. Ihre Lieblingsbeschäftigung ist Karten-, Kegel-, Würfel⸗ oder Billardspiel. Dabei lärmen sie oft viel und blasen Rauchwolken aus dem Geäse, sodaß sich Zimmer⸗ decke und Gardinen ihres Baues verfärben. Ein hohes Interesse bringen sie den jungen Damen entgegen, zeigen jedoch große Abneigung und bodenlose Angst, sobald ihnen ältere Damen und Schwiegermütter nahe kommen. Ihr Benehmen bei jungen Damen ist sehr verschieden und hängt von der Körperformation des betreffenden Stückes ab. Diesen gegenüber bemühen sie sich, von einem inneren Drang getrieben und in der Absicht, näheren Anschluß zu gewinnen, im besten Lichte zu erscheinen. Hat ein solches Individuum diesen Zweck erreicht oder glaubt ihn erreicht

Einziger zu Hause bleiben mußte. Anstatt aber den anderen jungen Leuten zu zürnen, habe er, als die Langweile ihn in seiner Einsamkeit plagte ihr Kammzeug gereinigt. Mehr kann man doch nicht verlangen, wie?

Die beiden Mäuner stimmten la hend zu.

Dann mahnte der Schwiegervater zum Aufbruch.

Wo denkst Du hin, Papa! Ich bleibe! sagte der Blinde abwehrend.Noch mehr erzählen liebe Frau, ja? bat er.

Und sie ließ sich nicht lange bitten. Sie schwatzte über alles, was ihr gerade in den Sinn kam, er zählte von der geizigen Professorsfrau, die sich, als der Mann auf der Reise fünfzig Pfennige Trink geld gegeben, fünfundvierzig habe vom Kellner herausgeben lassen, von dem Thüringer Bauern, der die Stadtleute mit nachgemachten Truhen an führte, indem er diese als Futterkisten in seinen Stall stellte und von Reisendenentdecken ließ, berichtete von einer Einzugsfeierlichkeit Unter den Linden, wobei man eine dicke Dame zuvorkommend auf eine Tonne gehoben, sie nachher aber habe dort stehen lassen und trotz ihrer flehenden Bitten ihr zugerufen habe:Du Dicke, bleib man oben!

Und all' das schilderte sie in ihrer naiven Weise mit mancherlei humoristischen Randbemerkungen.

Plötzlich aber unterbrach sie sich und rief: Halt, da kommt Ihre Anbeterin! Nun aufgepaßt7,

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Ei freilich! Ich zähle bis drei. Wenn Sie die Kourage nicht haben, bin ich Ihnen ewig böse. Eins zwei drei Jetzt! Ach, Du gütiger Himmel, was haben Sie gemacht! Einen Posttag zu spät. Der alten Schreckschraube da haben Sie die Kußhand zugeworfen. Das wütende Gesicht hätten Sie sehen sollen. Aber die Nacht kann sie nicht schlafen. Nein, Sie sind doch wirklich ein gefährlicher junger Mann! Die alte Frau bekam fast einen Lachkrampf.

Ach, und Sie sind Balsam für mich! rief

der Blinde lachend aus. Doch der Erust kam gleich zurück.Wenn die Stimmungen nicht wären!

Stimmungen! Ei ja, die hat wohl Jeder.

Stellen Sie sich vor: Eine sonnige Vormittags stunde im Winter, der Schnee liegt auf Gesimsen und Dächern, und in seinen Kristallen glitzert die Sonne. Im Zimmer ist's warm und hell. Da ist die Stimmung fertig: Sonntag in der Seele. Und dann wieder: Ein trüber Nachmittag im Herbst. Ein Dauerregen kommt vom Himmel. Dazu die Dämmerung. In den Winkeln und Ecken ist's finster, Unholde können jeden Augenblick daraus hervorspringen. Kalt ist's nicht gerade, aber warm auch nicht. Man nimmt sich ein Tuch um die Schultern und kauert sich im Sessel nieder. Und dann seufzt man tief: Ist das ein elendes Leben! Schon wieder eine Stimmung und eine ganz

andere. So wirkt es von überall her auf uns ein. Am Morgen blüht die Seele nach dem stärkenden Schlaf der Nacht auf wie eine Knospe; am Mittag gleicht sie der reifen Blume, die Frische ist fort, aber noch freut man sich des Lebens; der Nach- mittag ist das Absterben, das ist immer unge⸗ mütlich; der Abend ist sanft und wohlthuend wie die ewige Ruhe. Stimmungen überall. Einer neigt mehr nach Weiß, ein Anderer mehr nach Schwarz, manche lieben das Grau in Grau.... Ich seh's Ihnen an, wenn Sie lachen, daß Sie eigentlich einen Schelm im Nacken haben. Unter- drücken Sie den armen Kerl nicht so; passen Sie auf, dann wird's besser mit den Stimmungen.

Ja, ja, aber es giebt Dinge Wenn ich zum Beispiel meinen Jungen auf dem Schoß habe, und ich kann ihn nicht sehen

Lassen Sie nur! Sie stellen ihn sich ja viel hübscher vor als er ist. Und es wär manchmal ganz gut, wenn die Männer nicht sehen könnten, daß ihre Frauen altern.

O, meine Frau ist schön, das weiß ich. Und jung. Erst 21 Jahre alt.

Die arme Frau! entfuhr es der Alten. Der Blinde hob schnell den Kopf.Nun ja, meinte er dau! zögernd.

(Fortsetzung folgt.)