Ausgabe 
11.1.1896
 
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G ießen, Sonnabend, den 11. Jannar

1896.

e Landeszeitung

Ausgabe

Gießen.

Redaktion: 4 Erscheint täglich mit Ausnahme der Tage nach Sonn- und Feiertagen. 1 Expedition: Kreuzplatz Nr. 4. 8 Preis der Anzeigen: 10 Pfg. für die 5spaltige Petitzeile. 2 Kreuzplatz Nr. 4.

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* Gießen, 10. Jan. Bei der großherzog lichen Zentralstelle für die Gewerbe in Darm stadt war ein Antrag zur Aeußerung über die Vermittelung von Lehrlingen und Lehr stellen eingelaufen, ob die Lehrverträge unter Mitwirkung der Gewerbevereine abgeschlossen werden sollen und ob etwa durch diese Vereine ein Ausschuß gebildet werden soll, durch welchen die von dem Gewerbeverein untergebrachten Lehr linge überwacht werden können. Die Zentral stelle hat sich u. A. auch an die Gewerbevereine der fünf größten Städte des Landes ge⸗ wendet, um ihr Urteil hierüber zu erfahren. Ihre Ansichten weichen wesentlich von einander ab. So beabsichtigt der Gewerbeverein Gießen eine Auskunftsstelle für die Vermittelung von Lehrlingsstellen in dem Gebäude der erweiterten Handwerkerschule zu er richten. Der Verein zu Offenbach kann sich wohl für eine Stellenvermittelung unter Mit⸗ wirkung der Lehrer an der Kunstgewerbe- ꝛc. Schule aussprechen, befürchtet aber für eine ständige Stellenvermittelungs- und Beauf sichtigungs-Kommission viele Mißhelligkeiten, ohne daß sie bei mangelnden Machtbefugnissen eine er⸗ sprießliche Thätigkeit zu entwickeln vermöchte; dagegen hält der Mainzer Verein an größeren Orten, an denen die einzelnen Arten des Ge⸗ werbes in großer Zahl vertreten sind, die Ver⸗ mittelung von Lehrstellen, die Ueberwachung der Lehrlinge, die Schlichtung etwaiger Differenzen durch eine Vereinigung der Meister gleichartiger Gewerbe für geeignet, wie eine solche in Mainz thatsächlich bereits geübt worden. In Darm⸗ stadt besteht ein Bedürfnis für eine mit dem Verein verbündete Lehrlings-Vermittelung nicht, da eine solche bereits mit der Zentralstelle für 5 2

Arbeitsnachweis verbunden ist und bei dieser der Gewerbeverein wie die Innungen vertreten sind. Wieder anders äußert sich der Gewerbeverein in Worms, indem er der Ansicht Ausdruck giebt, daß die in Vorschlag gebrachten Einrichtungen die erwarteten segensreichen Wirkungen nicht haben werden.

* Bensheim, 9. Januar. Während des Jahres 1895 sind in unserer Stadt 40 Familien mit 153 Personen, sowie 55 alleinstehende, zu sammen 208 Personen, gegen 197 im Vorjahre zugezogen: weggezogen sind 33 Familien mit 107 Personen und 28 alleinstehende Per sonen. Auf dem Standesamt wurden 205 Ge burten, 129 Sterbefälle(im Vorjahre 172) be urkundet, 80 Paare aufgeboten und 55 Ehe schließungen vollzogen. Bei der Bürgermeisterei, als der bestellten Meldestelllle für die versiche rungspflichtigen Personen, gelangten zur An meldung: 1442 kranken⸗ und 525 invaliditäts⸗ und altersversicherungspflichtige Personen. Alters rente beziehen 32 Personen im Gesamtbetrage von 4139 Mk., Juvalidenrente 18 Personen im Gesamibetrage von 2172 Mk. In Beleidigungs sachen haben 56 Sühneversuche stattgefunden; hiervon fanden 26 Fälle ihre Erledigung im Termin, wobei in 5 Fällen der Waisenkasse 15 Mark zugute kamen. Aus den Schlacht hausgebühren ist der Stadt eine Bruttoeinnahme von 3960 Mark erwachsen. Aus der städtischen Wasserleitung wurde an 300 Hausbesitzer Wasser aus Abstichleitungen abgegeben. Die Einnahme aus Wasserzins betrug 12 300 Mk. Die hiesige Naturalverpflegungsstation wurde von 2969(im Vorjahre 5090) Durchreisenden in Auspruch ge nommen; die Verpflegungskosten belaufen sich auf 2343 Mark. Uusere Stadt zählte bei der letzten Volkszählung 6666 Einwohner.

H. Aus Hessen, 10. Jauuar. Bei der Gemeinderatswahl in Mom bach(Mainz) siegten die fünf Kandidaten der Ortsfremden über die Angesessenen mit erheblicher Mehrheit. Die Wahl war s. Zt. kassiert worden, weil eine Anzahl Bayern, die bei den Kommunalwahlen in Hessen nicht stimmberechtigt sind, mitgewählt hatten.

D. Z. Vom Main, 9. Januar. Von den Land⸗ wirten wird über die diesjahrige Mäuse- und Rattenplage geklagt. Die auf dem Felde eingegrabenen Vorräte wurden infolge der ge linden Witterung dieser Tage aufgelichtet und ausgelesen. Man fand in mancher Grube ganze Kolonien von Mäusen und Ratten, die in den Vorräten bedenklich gehaust hatten. Ein Land wirt in F. fand unter 52 Zentner eingegrabener Kartoffeln 29 durch Mäusefraß völlig unbrauch bar gewordene. Gleich schlimme Erfahrungen macht man auch in den Hauskellern, wo be sonders viel Ratten vorgefundeu werden. Gegen letztere ist man ratlos, da es nur wenige Katzen giebt, die Ratten fangen. Man beschränkt sich deshalb auf das Legen von Gift und Stellen von Fallen, was jedoch gegen die Unmenge dieser schädlichen Tiere von nicht großer Wirkung ist.

Vermischtes. Explosion. Ein Pulverschuppen mit 50 Zentner Inhalt ist südlich von Mehlis im Thüringerwald in die Luft geflogen. Ob gleich der Schuppen 600 Meter von der Stadt entfernt liegt, richtete trotzdem die Explosion in Mehlis großen Schaden an Gebäuden an.

Masseuvergiftung durch Kohlen dunst. Eine Fahrlässigkeit bei Aufstellung von Kohlenöfen hat in Wien in dem Stadtteil Land straße die Bewohner eines ganzen Hauses in Vergiftungsgefahr gebracht. Im Hause Land⸗ straßer Hauptstraße 133 waren seit einigen Tagen die Wasserleitungsrohre eingefroren. Um diesem Uebelstande abzuhelfen, hat man Sonnabend Vor mittag in allen drei Stockwerken Holzkohlenöfen aufgestellt, um die Rohre aufzutauen. Man traf aber nicht die entsprechenden Vorsichtsmaßregeln. Das Kohlenoxydgas, welches sich bald entwickelte, drang unvermerkt in die Wohnungen, in denen sich des Werktages halber zumeist nur Frauen und Kinder befanden. Das tückische Gas wirkte bei Allen betäubend und zum Brechen reizend, doch brachte Niemand Ursache und Wirkung in Zusammenhang und überall glaubte man an ein plötzliches Unwohlsein. Nur der Zimmermann Wolf, der gleichfalls im Hause wohnt und heim⸗ kehrend seine 35jährige Gattin Marie und ihr vierjähriges Töchterchen Josepha von Erbrechen und Uebelkeiten befallen fand, ahnte sofort eine Vergiftung und eutfernte sich eiligst, um tele⸗ phonisch die Rettungsgesellschaft zu avisieren. Man öffnete die Fenster und entfernte augenblick lich die Holzkohlenöfen. Man ging von Thür zu Thür und fand thatsächlich noch dreizehn, im Ganzen also 15 Personen unter Vergiftungs symptomen auf. Am schwersten zeigten sich die Wirkungen des Gases bei der Schlossergehülfens gattin Angela Sakrawa und bei deren Schwester Anna Hanuschka, die eben zu Besuch bei ihr weilte. Bei ihnen traten die Symptome so be drohlich auf, daß sie in das Rudolfshospital gebracht werden mußten. Die anderen Ver gifteten erholten sich unter Einwirkunz der frischen Luft bei offenem Fenster sehr rasch und waren bald außer Gefahr.

Ein heftiger Schiffs zusammen stoß fand, wie aus Brüssel gemeldet wird, am 4. Januar abends auf der Schelde nahe bei Doel zwischen dem deutschen DampferDrachen fels, der von Antwerpen nach Bombay ging, und dem nach Batum dampfenden belgischen DampferUral statt. Der letztere Dampfer erlitt so schwere Beschädigungen, daß er seine Weiterfahrt aufgeben und sofort nach Antwerpen zurückdampfen mußte. Die Schiffahrt auf der Schelde ist gegenwärtig gefährlich; dichter Nebel bedeckt oft den Fluß und hemmt stundenlang die Schiffahrt.

Ein nodernes Kind. Der Hausarzt: Linchen, möchtest Du nicht einmal eine Frau Doktorin werden? Linchen: Aber, Sie schlim mer Herr Doktor! Sie sind ja doch schon ver heiratet!

Humor vor Gericht.

Es mußte gar nicht so leicht sein, sie zu putzen. Es war keine von diesen gewöhnlichen Nasen mit einer ordent⸗ lichen Spitze, die man zwischen Daumen und Zeige⸗ finger nehmen kann, nein, es waren eigentlich nur zwei kreisrunde, nicht zu kleine Löcher, welche an eine laternen⸗ lose Lokomotive erinnerten. Das gab seinem Gesicht etwas Herausforderndes, Vorlautes, und dieser Eindruck wurde noch erhöht, als er folgende Rede vom Stapel ließ: Ick möchte blos det am Sonntag sind, wat so'n Hauswirt sich uf eenen jewöhnlichen Wochendag inbildet. Die Zeiten haben wir denn doch Jott sei Dank eenmal jehabt, wo so'n Hauswirt die Mieter kujunieren kann, un womöglich verlangte, man sollte uf'n Hof ieber'n Müllkasten jehn, wenn man nießen wollte. Wir sind denn doch mit'n Zeitjeist vorjeschritten, aber wat der is, der mir denunzirt hat, der is in der Kultur zurückjeblieben un... Vo rs.: Nun hören Sie vorläufig mal auf, Sie scheinen ein Schwätzer zu sein. Angekl.: Verzeihen Sie, Herr Jerichtshof, nach't preußische Landrecht, Paragraph sowieso, derf en Anjeklagter an die Zunge nich beschnitten wer'n. Vors.: Ich sehe schon, weß Geistes Kind Sie sind. Aber nehmen Sie sich in Acht, daß Sie die Feiertage nicht hinter Schloß und Riegel zubringen müssen. Wer sich ungebührlich benimmt, kann sofort eingesperrt werden. Haben Sie denn etwas getrunken? Angekl.: Ehe ick hier einjing, habe ick mir draußen den Löwenkampf an⸗ jesehen un als der Denunziante jerade vorbeijing, habe ick ihm jesagt,hier kieken Sie mal, der Löwe, det bin ick un die Schlange, det sind Sie! Nun passen Sie mal Achtung, wie et Ihnen jehen wird. Un denn habe ick vor'n Termin noch so'n Paar kleene Nordhäuser verhaftet, aber von wegen anjedrunken, da is nich an zu denken. Vors.: Nun denn, nehmen Sie sich zusammen und erzählen Sie kurz, wie Sie mit Ihrem Wirt in Streit geraten sind. Angekl.: Also er is Meester un ick bin man Jeselle. Er hat et zu'n Haus un Vermöjen jebracht un ick habe et zu nischt jebracht, sonst sind wir aber beede Töpper. In diesen Frühjahr reitet mir det Unjlück, det ick bei ihm eene Wohnung mieten muß. Na⸗ tierlich man eene kleene uf'n Hof für 30 Mk. monatlich. Als ick ihm bei't Miethen sagte, det wäre eijentlich een Bisken dheier, da meente er, er hätte vorne im Hause nur feine Mieter un wenn sie uf Sommerwohnung wären, denn ließe er in alle Wohnungen die Oefen un Maschinen nachsehen und mit Lehm aussch mieren, un det Stück Arbeet sollte ick denn machen. Is jut, sage ick, un nehme richtig die Wohnuug. Nu hören Sie blos, wat er for eene Schlange war. Die Herrschaften sind im Aujust merschtendeels doch weg, un ick denke jeden Dag, er soll tommen un mir sagen:hier, schmieren! Fällt ihm aber jar nich in. Da kriege ick eenes Morjens uf'n Hof in eene Ecke eenen Klumpen Lehm zu sehen. Nanu? denke ick, wer töppert denn hier? Ick den annern Morjen früh uf die Beene un jehe sachteken in't Vorderhaus die Treppe ruf. Mit eenem Male, wat sehen meine Oogen? Kömmt mein Wirth zu die Wohnung aus die zweete Etasche raus un hat eene blaue Schürze vor un eene Molle mit Lehm in die Hände. Denken Sie blos an, schmiert der Mann selbst! Er wurde ja so'n bisken verlejen, als ick sage;Jut'n Morjen, Kollege, un meent:Ja, ja mein lieber Meier, so'n Hauswirt muß sich quälen, aber arbeeten ist keene Schande.Nee, sage ick, det is es nich, aber schämen dun Sie sich doch vor mir. Damit lasse ick ihm stehen. An denselbichten Nachmittag schreibe ick ihm einen höf⸗ lichen Brief, un wann er denn bei mir zum Schmieren käme, der Kochmaschine d'häte det sehr nötig. Un nu schrieb er mir zurück, det er zu meine Verfüjung stehen würde, ick möchte ihm blos anzeijen, wenn ick mit meine Familie in't Bad reisen würde. Denken Sie blos an,

Herrn Nepomuk Malzhubers erste und letzte Liebe.

Von Gottfried König. (Nachdruck verboten.)

Der Herr Oberlehrer Nepomuk Malzhuber war einer jener beneidenswerten Naturen, deren Blut nur bei außerordentlichen Ereignissen in höhere Wallung gerät, während sie auf die unbedeutenden Begebenheiten des alltäglichen Lebens mit olympischer Ruhe herabschauen.

Heute aber hatten seine Sekundaner es doch gar zu schlimm getrieben! Nicht nur, daß der Se bastian Kleemeier, dieserleidige Windhund in seinem lateinischen Extemporale mit eiserner Kon sequenz einen falschen Kasus zu setzen sich unterstand, nein, auch der ehrsame Primus Gottlieb Beude mann, auf den er allezeit so große Stücke gehalten, er hatte mitten in seine wirklich prächtige Abhand lungUeber den Einfluß der Reden Ciceros auf die römische Rechtspflege statt des wöchentlichen Klasseuberichts ein glühendes LiebesgedichtAn Elise hineingelegt. Das war denn doch zu bunt! Malzhubers Stirn zog sich in düstere Falten, zornig spraug er auf und durchmaß mit feierlichen Schritten das Zimmer.Ein falscher Casus! ein Liebes brief, rief er in tiefster Erbitterung.Ein Liebes brief! Ein falscher Kasus! Es ist unglaub lich! Aber ich will unter Euch treten und fürch terlich Musterung halten!

Und die hielt er. Mit tiefem Richterernst machte er dem unglücklichen Beudemann die Ver werslichleu seiues leachtsiaalgen Thuus klar und hielt ihm vor versammelter Sekunda eine Straf

predigt, deren sittliche Entrüstung dem zerknirschten Primus kalten Schweiß auf' die entweihte Dichter stirne trieb.

Aber herzlich sauer war dem guten Malzhuber die Musterung doch geworden; denn als er am Tage des Gerichts die heimischen Penaten wieder erreicht und seinen müden Leib in einen bequemen Lehnstuhl versenkt hatte, seufzte er tief und sprach

Wann wird kommen der Tag, da ich freudig den lastenden Schulstaub schüttle vom wandernden Fuß badend, Natur, mich in Dir? Und damit griff er resiguiert zum Schopenhauer.

Die Philosophie war überhaupt sein Lieblings studium. Sie ersetzte ihm alles. Er trank nicht, spielte nicht, haßte das Rauchen und ließ die Rede fluten seiner zungenfertigen Frau Wirtin, die ihm täglich die Annehmlichkeit eines geordneten Familien lebens vor Augen führte, mit stolschein Gleichmut an seinem Ohre vorübersausen. Nein, wenn ihm eines zuwider war, so war es das Heiraten! Hatte er doch erst jetzt wieder an dei unglücklichen Beuda mann koustatieren können, wie weit die Liebe, diese Wahnvorstellung eines nicht existierenden Ideals, einem sonst vernünftigen Menschen das gesunde Deuk vermögen zu rauben im staude ist und ihn ablenkt vom engen Pfade der reinen Wissenschaft.

Bei dieser Lebensweise fühlte sich Herr Nepomuk Malzhuber außerordentlich wohl und war allzeit ruhigen und zufriedenen Gemütes. Man brauchte nur auf die liebliche Rundung seines nicht unan sehnlichen Bäuchleins zu blicken, um dieses schöne Faktum zu bestätigen. Audererseits mochte das stetige Vorrücken seiner hohen Denkerstirn, die sich letzt shon beinahe bis zum Wirbel hin ausdehute,

ein Zeuguis sein für die außergewöhnlich hohe Geistesthätigkeit des seltenen Mannes.

Augenblicklich war er beschäftigt, mit Eduard von Hartmann au der Existenzberechtigung seines lieben Ich zu zweifeln, und es ist nicht zu ver wundern, daß ihn bei einem derartig tiefgehenden Studium die Ferien trotz seiner Sehusucht über raschten. Was nun thun? Schon überlegte er erustlich, ob er die begonnenen Zweifel in der Stille seines Studierzimmers fortsetzen sollte, als ihn ein Brief seines alten Freundes Heinrich Brösicke aus allem Grübeln riß. Derlauge Hinrik, wie er früher bei den Komilionen geheißen, hatte sich nach zehn Semestern jus als bemoostes Haupt auf die väterlichen Güter in Pommern zurückgezogen und lud nun seinenleiwen ollen Nepomuk auf's Herz lichste ein, die diesjährigen Ferien bei ihm zu ver bringen. Malzhuber dachte nach. Richtig, es ging; Brösicke war Wittwer. Nach kurzem Schwanken wanderte Schopenhauer und Hartmann in den Bücherschrank und Herr Malzhuber auf den Bahn hof, nachdem er von der liebenswürdigen Frau Hannemann einen schnellen Abschied genommen und sich in der Eile noch mit einer Reservebrille und Ovids Metamorphosen zur geistigen Nahrung ver proviantiert hatte.

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Na, n' Dag ok, min lewe olle Fruend, sagte Hinrik Brösicke herzlich und umarmte seinen ollen Nepomuk, daß ihm alle Rippen im Leibe krachten. Dann rief er mit Stentorstimme ins Haus:Lise, Düwelskind, koam rut ut Din Kla bus! Unkel Nepomuk is do un will Di go'n Dagg seg zen! Und ehe der bestürzte Malzhuber sich

von der Umarmung seines zärtlichen Freundes er⸗ holt hatte, sah er auch schon etwas Weibliches auf sich zufliegen, fühlte zwei weiche Arme um seinen Hals geschlungen und einen herzhaften Kuß auf seinen bartlosen Lippen.

Det is Lise, sagte Hinrik lakonisch.Un nu kumm un vernüchtere Dir'n beten. Du wirst woll hungrig sin vun Din grote Reis'. Und da⸗

mit zog er den zerschmetterten Freund ins Eßzimmer. Malzhuber trug das Unvermeidliche mit Würde. Ja, er wunderte sich im Stillen über die welt männische Gewandtheit, mit welcher er der jungen Pflegetochter Brösickes entgegentrat, als welche sich Lise schließlich entpuppte. Brösicke hatte die junge Waise nach dem Tode seiner Frau ins Haus ge⸗ nommen und hing mit rauher Zärtlichkeit an dem lieblichen Kinde, die es durch eine rührende Sorge und Anhänglichkeit vergalt. Lise mochte etwa achtzehn Jahre alt sein und schien sich durchaus nicht mit Zweifeln um ihre Existenzberechtigung zu plagen. Wenigsteus deuteten die lachenden, braunen Augen, die frischen Wangen und der kleine Mund auf alles andere, als auf Weltflucht oder philosophische Grübelei. Dieses Wesen war natür lich für Herrn Nepomuk Malzhuber ein unerklär lich Meerwunder, und er begnügte sich auch dem- gemäß in den ersten Tagen seiner Auwesenheit in Remblin mit wortlosem Staunen, wenn er sie über seinen Ovid hinweg durch die neue Reservebrille ansah. Nach und nach aber gewöhute er sich an das helle, fröhliche Lachen und das muntere Geplauder des Mädchens, mit dem er viel allein war, da Hinrik meist in frühster Morgenstunde auf die aus gedehnten Felder hinausritt.(Schluß folgt.]