Gießen, Freitag, den 10. Juli
1896.
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Ausgabe Gießen.
Redaktion:
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Erscheint täglich mit Ausnahme der Tage nach Sonn- und Feiertagen. Preis der Anzeigen: 10 Pfg. für die Sspaltige Petitzeile.
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Expedition: Kreuzplatz Nr. 4.
bfales und Provinzielles.
L., Gießen, 9. Juli. Praktisch und angenehm teisen, ist eine Kunst, die gelernt und geübt sein und die Mancher, wie tausend Beispiele bezeugen, sich Amals zu eigen macht. Es giebt Leute, die einen ver⸗ wftigen Reiseplan, der doch unbedingt das erste und tigste Erfordernis beim Reise ist, trotz allen Grübelns Kopfzerbrechens nicht zu Stande bringen, denen das Frsbuch für ewig ein Buch mit sieben Siegeln bleibt, Aich auf Orientierungskarten absolut nicht zurechtfinden nen und ein kombiniertes Rundreisebillet wie ein Welt⸗ nder anstaunen, dessen geheimnisvolle Art gänzlich Serhalb ihres Begriffsvermögens liegt. Solche unglück⸗ sihen Menschenkinder— man möchte sie nach dem be⸗ uimten Muster der„Sonntagsjäger“ und„Sonntags⸗ wier“ als„Sonntagsreisende“ bezeichnen— thun immer nicht selbständig, sondern nur unter sachkundiger Füh⸗ ag größere Reisen zu unternehmen, sich einer Reisege⸗
aft anzuschließen oder einem Reisebureau anzuver⸗
len. Für Reisende, die schon Erfahrung im Reisen Men, die mit den Verkehrsverhältnissen genügend ver⸗ tut und in der heutigen, sehr ergiebigen Reiselitteratur wandert sind, dürften gleichfalls einige Winke am
e sein. Vor allem achte man streng darauf, den Mit⸗ enden gegenüber Anstand und gute Sitte zu zeigen.
gentlichen Reisebekannten begegne man mit Takt, Zart⸗
Ahl und Höflichkeit, und vermeide es, sie durch Hoch⸗ , brüskes Benehmen und förmliches Wesen zu ver⸗ Un. Der Großstädter spiele sich nicht prahlerisch auf, n dem gebildeten Kleinstädter und Landbewohner kein Angernis zu geben oder gar dem Fluche der Lächerlichkeit verfallen. Wie das geistige Reisekostüm, so sei auch n leibliche einfach und ungezwungen. Man trage keine afallenden und eleganten Kleider und überlade sich nicht it kostbarem Schmuck, da dies vielfach hinderlich und Fecllos ist und schlauen Hotelwirten willkommenen. Anlaß teuren Rechnungen giebt. Am vorteilhaftesten für umen wie Herren sind leichte, doch dichte Wollenstoffe m staubgrauer Färbung, die jeder Witterung trotzen und mer sauber aussehen. Den eigentlichen Touristen und Ipenbesuchern empfiehlt sich das Tragen von wollenen Alerkleidern, die nicht nur gegen äußere Eiuflüsse schützen, dern auch von der Wäscherin unabhängig machen. Die üüßbekleidung beim Reisen muß recht bequem sein; den damen ist anzuraten, auf hohe Schuhabsätze zu verzichten, se schon häufig beim Einsteigen in Eisenbahnwagen und üuhrwerke, beim Bergklettern und ähnliche Gelegenheiten pfindliche Verrenkungen, ja Beinbrüche herbeigeführt
chen. Auch vergesse man unter keinen Umständen den zlichsten Reisebegleiter: den Plaid. llte und Nässe, er ist Mantel und Ueberrock, bildet den
Er schützt gegen
kusatz für unreine Bettwäsche und dient im Kupee als jußkissen und Schlummerrolle. Man wähle den Plaid cht zu dick und zu derb, und trage ihn, fest zusammen⸗ eschnürt, im Riemen. Ueber weitere Einzelheiten der selsetollette ließe sich noch viel sagen, aber wir schreiben er keinen Bädecker, sondern wollen nur Anregungen ütten und müssen uns daher auf das nachdrückliche Her⸗ erheben einiger Hauptpunkte beschränken.
3 Gießen, 9. Juli. Damit die zum weiteren Ausbau der Stadtfernsprecheinrichtung in Gießen forderlichen Vorbereitungsarbeiten rechtzeitig in Aagriff genommen werden können, werden die⸗ enigen Personen, welche ihre Wohnungen oder eschäftsräume im Laufe dieses Jahres mit der borbezeichneten Stadtfernsprecheinrichtung ver⸗ binden lassen wollen, von der kaiserlichen Ober⸗ postdirektion in Darmstadt ersucht, ihre Anmel⸗ hungen recht bald, spätestens bis anfangs August
deses Jahres an das kaiserliche Postamt in
ießen einzusenden. Nur für die bis zu diesem Zeitpunkt eingegangenen Anmeldungen kann die Ferstellung der Anschlüsse für den zweiten Bau⸗
abschnitt des laufenden Rechnungsjahres in Aus⸗ sicht gestellt werden. Verspätet angemeldete Auschlüsse können erst im ersten Bauabschnitt des nächsten Rechnungsfahres zur Ausführung gelangen.
Gießen, 9. Juli. Der gestrige Schweine⸗ markt hatte nnr einen sehr geringen Auftrieb, woran wohl auch die sanitären Vorschriften die Schuld tragen. Es mochten 400—500 Stück, zu, Ferkel am Markt gewesen sein. Käufer waren zahlreich vorhanden, doch setzte das Ge⸗ 1555 zu Anfang sehr langsam ein, weil die für ie Ware geforderten Preise sehr hoch waren. Zwischen 11 und 12 Uhr entwickelte fich der Handel dennoch sehr lebhaft trotz der angezogenen Preise, die die Verkäufer in Rücksicht auf den unbedeutenden Auftrieb behaupteten. Es wurden erzielt für 6 bis 8 Wochen alte Ferkel 20—26 Mark, für 12 bis 13 Wochen alte 38—46 Mk. pro Paar, Läufer wurden je nach Qualität sehr ut bezahlt. Vereinzelte fette Ware ging mit 0—45 Mk. pro Ztr. Schlachtgewicht ab.
Gießen, 9. Juli. Auf dem gestrigen Krammarkt beherrschte der Artikel Kirschen das Geschäft. In endlos langer Reihe standen die schönsten Früchte auf Oswalds Garten und längs der di de schon am Vormittag aus⸗ gestellt. Es wurde flott gekauft. Im Einzelnen schwankten die Preise zwischen 18 und 20 das Pfund, bei Mehrabnahme aber wurde selbst für die beste Ware auf 17„ heruntergegangen, während geringere Qualitäten mit 15 pro Pfund zu kaufen waren.
Gießen, 9. Juni. Der Inhaber der Fahrrad⸗Fabrik Opel hat, nachdem ihm die Mitteilung geworden, daß die Mannschaft der„Wanderer“ G. R.⸗G. am Sonntag in Dillenburg gesiegt und en Opel⸗Räder gefahren, dem Verein telegraphisch gra— tulirt und denselben zu einem von ihm arrangirten, am Samstag Abend im Restaurant Busch abzuhaltenden Kommers eingeladen. Herr Opel übernimmt sämtliche Kosten des Kommerses.
* Rödgen, 9. Juli. Nächsten den 12. Juli, feiert der hiesige Gesang verein „Concordia“ sein 15 e Stiftungs- fest, zu dem bereits eine beträchtliche Zahl auswärtiger Vereine ihr Erscheinen zugesagt hat. Der Festtag verspricht einen recht gemütlichen Verlauf zu nehmen. Die Festwirtschaft ruht in den bewährten Händen des Gastwirts Heinrich Wagner 2. Als Festplatz dienen einige reichlich beschattete Grasgärten. Möge dem Gesangverein ein guter Erfolg zu Teil werden.
* Lich, 8. Juli. Der Fall unseres ehe⸗ maligen Bürgermeisterei-Sekretärs Rotte ist, nachdem derselbe 6 Monate in Untersuchungshaft N wegen Mangel an Beweisen erledigt. Nicht zufrieden in dieser Angelegenheit sind die zahlreich geschädigten Arbeiter, welche zwar ihre Pfennige für einzuklebende Invaliditäts- und Altersversicherungs-Marken bezahlt haben, denen aber teilweise zu wenig Marken in die Karten geklebt sind und deren vollbeklebte Karten, ob⸗ wohl sie Quittung darüber in Händen haben, angeblich in e bei der Versicherungs⸗ anfalt nicht vorhanden sind. Im letzteren Fall erkennt die Zentralstelle in Darmstadt die wohl⸗ erworbenen Rechte dieser Arbeiter nicht an, wo⸗
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Sonntag,
für der nachstehende Fall als Belag dienen möge. Eine Dienstmagd, welche nachweislich der in ihren Händen befindlichen Beläge 5 Karten an die Bürgermeisterei Lich abgeliefert hat, ist in⸗ zwischen in die Ehe getreten und verlangte auf Grund des§ 30 des Invaliditäts- und Alters⸗ versicherungs⸗Gesetzes die Erstattung der Hälfte der für sie geleisteten Beiträge. Sie wandte sich dieserhalb an die Bürgermeisterei und bekam dort den Bescheid, daß trotz Quittung ihre Karte Nr. 4 bei der Versicherungs-Anstalt nicht ein⸗ eganger sei und daher die Rückzahlung der ver⸗ angten Summe nicht erfolgen könne. Es scheint, daß derartige Fälle, deren in der Gerichtsver⸗ handlung schon einige festgestellt wurden, eine ganze Anzahl vorliegen. Wer entschädigt nun die so Geschädigten, welche meistens einen Prozeß der hohen Kosten wegen scheuen? Die Leute wissen auch gar nicht, an wen sie sich wegen ihres Anspruches zu wenden haben. Der jetzige Bürgermeister weist diese Leute mit Recht ab, wenn sie ihre Ansprüche bei ihm geltend machen, denn unter seiner Amtsführung sind Unregel⸗ mäßigkeiten nicht vorgekommen. Sein Vorgänger, der allein verantwortliche Teil in dieser Sache, ist gestorben. Dessen Pflicht aber wäre es, die ge— schädigten Arbeiter zu befriedigen, erstens aus recht⸗ lichen Gründen, zweitens aber, um die Erregung und Unzufriedenheit unter den zu kurz gekommenen Leuten zu steuern und drittens um die Achtung und das Vertrauen zu den Behörden wiederher⸗ zustellen, welches durch solche Vorkommnisse wie in Lich auf das allertiefste erschüttert ist. Die Erben sollten dieser Pflicht freiwillig nachkommen und nicht mehr warten, bis sie verklagt werden, um so mehr, da das ganze Objekt für sie kein großes ist, die geschädigten Arbeiter aber schon aus moralischen Gründen zu ihrem Rechte kommen müssen. *ich, 8. Juli. Unser Städchen rüstet sich, um zum Sonntag und Montag unsere Gäste, die wir zum Sängerfest des Lahnthal⸗ Sängerbundes zu erwarten haben, würdig empfangen zu können. Das große 90 Personen zählende Festkomitee hat in rastloser Thätigkeit die Arrangements so getroffen, daß nunmehr die Hauptvorbereitungen zu dem Feste beendet sind und man ein glanzvolles Gelingen desselben erwarten kann. Die Bauten des nahe dem Bahnhofe gelegenen geräumigen Festplatzes sind beendet. Drei große Hallen, welche den Platz umsäumen, gewähren selbst bei minder gutem Wetter Schutz für 3—4000 Personen. Einen roßartigen Eindruck macht die von zwei Türmen flankierte Sängerbühne, von welcher die Massen⸗ chöre zu Gehör gebracht werden sollen. Die Bürgermeisterei hat den Einwohnern Tannen zur Verfügung gestellt, damit unser altes Städt⸗ chen den Sangesbrüdern zu Ehren Festschmuck anzulegen vermag, und unsere Bürgerschaft ist nie blöde, wenn es gilt, fremden Besuch festlich zu empfangen. Wir Licher haben gerne Gäste, und je zahlreicher solche eintreffen, um so besser werden sie bei uns aufgenommen. Die um⸗ fassendsten Maßnahmen sind getroffen, um auch außerhalb des Festplatzes den Gästen und Be⸗ suchern unserer Stadt Amüsement und Vergnügen zu verschaffen. Darmstadt, 8. Juli. Der Großherzog empfing gestern Mittag 1 Uhr den bisherigen
österreichisch-ungarischen Gesandten Grafen Zichy in Abschiedsaudienz und den neuen Ge⸗ sandten von Burian zur Ueberreichung seines Ep Um 2 Uhr fand zu Ehren der Gesandten im Restdenzschloß Gala⸗ tafel statt.
* Mainz, 8. Juli. Gestern Mittag stürzte sich die Frau des Schreinermeisters Gerster aus ihrer in dem Hinterhause der Bahnhofstr. Nr. 7 gelegenen Wohnung in den Hof hinab, wo sie mit zerschmetterten Gliedern und schweren inneren Verletzungen aufgefunden wurdeu. Wenige Minuteu darauf trat der Tod ein. — Herr Provinzialdirektor Geheimrat Rothe feiert heute mit seiner Gemahlin das Fest feiner silbernen Hochzeit. Die Liedertafel brachte dem Jubilar gestern Abend ein Ständchen; heute wurde es durch Morgenmusik einer Militär⸗ kapelle überrascht. Vormittags erfolgten die Gratulationen der Behörden. Sinnige Ange⸗ binde und Blumen trafen sehr zahlreich ein. Nachmittags fand ein Familiendiner im Kreis⸗ amtsgebäude statt, wozu ca. 50 Einladungen er⸗ gingen.
Mainz, 8. Juli. Als Ergänzung der gestrigen Notiz über die vom Hitzschlag ge— troffenen Soldaten der Infanterie-Regimenter Nr. 87 und 88 berichtet die„Frkf. Ztg.“ weiter: Als die beiden Regimenter auf dem Heimmarsch begriffen waren, fielen die ermatteten Soldaten wie die Fliegen zur Erde. Die Mannschaften wurden von Leiterwagen aufgelesen und zur Stadt gebracht. Selbst auf der Straßenbrücke und in den Straßen unserer Stadt lagen die Soldaten, einige von Ermattung wie tot; sie erregten das größte Mitleid. Den ganzen Nach⸗ mittag wankten die ermatteten Mannschaften wie Betrunkene, mit Staub bedeckt, einzeln durch die Straßen nach ihren Kasernen. Es waren dies die Leute, die unterwegs bei dem Marsche zu⸗ sammengefallen waren und sich dann, als sie sich einigermaßen erholt hatten, nach Hause schleppten.
* Bingen, 8. Juli. Das hiesige Kreisamt hat eine Umfrage veranstaltet, welche Gemein⸗ den des Kreises noch mit älteren Kriegs⸗ schulden aus dem Ende des vorigen oder Anfang dieses Jahrhunderts belastet sind. Auch soll recherchiert werden, ob solche Schulden kon⸗ vertiert worden sind, wann dies geschah und mit welcher Zins⸗ und Amortisationsrate die Schuld
getilgt wurde. Vermischtes.
— Der Tod eines Sonderlings. In Dorn⸗ bach bei Wien wurde vor wenig Tagen ein Hausbesitzer, der früher Schiffskapitän gewesen war, unter seltsamen Umständen als Leiche aufgefunden. Man fand den Mann, der Heinrich Dierksen hieß und ein Alter von 78 Jahren erreicht hatte, in seiner Wohnung vollständig bekleidet tot in einem Lehnstuhle sitzend auf. Ein später herbeigerufener Arzt konstatierte aus dem Verwesungsgrade der Leiche, daß Dierksen bereits vor etwa vierzehn Tagen gestorben sein dürfte. Die Leiche zeigte keinerlei äußerliche Ver⸗ letzungen und eine nähere Untersuchung ergab, daß Dierksen einem Schlaganfalle erlegen sein dürfte. Von anderer Seite wird uns noch berichtet: Dierksen soll als Kapitän bei einer Seefahrt Schiffbruch gelitten und bei jenen Schreckensszenen seinen normalen Verstand eingebüßt haben. Seine geistige Irritation war indes eine verhältnismäßig harmlose, insofern er niemals ausartete und seiner Um⸗
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———— Ein Debüt. Novelette von Julius Pasig. (Nachdruck verboten.)
Stürmischer Applaus durchtobte das Haus, und immer und immer wieder mußte Azucena vor den Nampen erscheinen, um der jubelberauschten Menge zu danken und Kußhände zuzuwerfen für den en⸗ thusiastischen Beifall, den diese der genialen, wunder⸗ bar schönen Sängerin zu spenden nicht müde wurde. Ver sie war? Woher sie kam?— Niemand wußte es zu sagen.
Unsre Geschichte spielt in der Residenz eines surch seine Liebe zur Kunst bekannten, damals sigendlichen Fürsten des Deutschen Reiches.
Eines Tages wurde dem Intendanten der König⸗ schen Theater eine Dame gemeldet. Die Karte, welche der Kammerdiener auf silbernem Teller lereinbrachte, trug nur den einzigen Namen Hermione“.
„Führe die Dame in den blauen Salon“, sagte ger Intendant, ein Aristokrat von gewinnendem Aus- ehen und einschmeichelnden Manieren, während er elbst durch eine Seitenthür in den Salon eintrat. Unmittelbar nach ihm erschien in der weit geöffneten
Flügelthür eine hohe, schlanke, in tiefe Trauer ge⸗
(leivdete Dame von imponierender Haltung: ein
V wichter Schleier bedeckte das erschreckend bleiche
Gesicht der Eintretenden, konnte aber zwei große schwarze Augen nicht verbergen, vor deren Schön— heit und Feuer selbst der alte, an schöne Augen durchaus nicht ungewöhnte Herr wie gebannt stehen blieb. Es waren dies aber auch in der That ganz eigentümliche, schlechterdings unerklärliche Augen, der bestrickende Reiz der Schlange und die Einfalt der Taube, angeborene Herrschsucht und tiefe Demut, vulkanisches Feuer und eisige Ruhe sprachen gleich— zeitig aus denselben, und ein magnetischer, sinnver⸗ wirrender Zauber strahlte aus dem großen, bläulich schillernden, von langen, dunkeln Wimpern be⸗ schatteten feuchten Augapfel.
Die Fremde hob den Schleier und zeigte dem Grafen ein Gesicht von vollendeter Schönheit, die hohe Stirn, die feine Nase, der feste, beinahe bitter geschlossene Mund waren wie in Marmor gemeißelt, und über das ganze Gesicht breitete sich ein Hauch tiefer Melancholie.
„Womit kann ich so glücklich sein, Ihnen zu dienen?“ fragte der Intendant und lud mit einer höflichen Handbewegung seinen Gast ein, in einem der bequemen Fauteuils Platz zu nehmen, während er selbst, die eine Hand leicht auf ein vor ihm stehendes, mit Albums bedecktes Tischchen stützend, stehen blieb und forschend in das Gesicht der schönen Besucherin blickte.
„Herr Graf“, antwortete die Fremde mit einem
tiefen, glockenähnlichen Organ, das den Zuhörer
durch einen eigentümlichen Ton merkwürdig ergriff, „ich habe eine große, große Bitte.“ Dabei hatte sie die Augen wie flehend gegen den aufrecht ssehenden hohen Mann gerichtet, und aus diesen schönen Augen drangen zwei Thränen hervor und perlten langsam über die marmornen Wangen.
„Wenn es in meiner Macht steht, diese Bitte zu erfüllen, so mögen Sie, mein Fräulein, trotzdem ich nicht die Ehre habe, Sie zu kennen, im voraus ihrer Erfüllung versichert sein.“
Ein Seufzer entrang sich den Lippen der schönen Bittftellerin, und mit fest auf den Grafen gerich⸗ teten Blicken, gleichsam als wollte sie denselben be— schwören, ihr die nun vorzutragende Bitte gewiß zu gewähren, fuhr sie mit vor Erregung zitternder Stimme fort:
„Herr Graf, ich bitte Sie, mich die Azucena im„Troubadour“ singen zu lassen.“
Ein zweiter Seufzer und ein strom begleitete diese Worte.
Befremdet und ergriffen zugleich faßte der Graf die schmale weiße Hand der sonderbaren Bitt— stellerin:
„Wissen Sie auch, mein Kind— Sie erlauben doch meinem weißen Haar, daß ich Sie so nenne — wissen Sie auch, was es heißt, hier bei uns in einer so bedeutenden Partie, welche unserm Publikum von den ersten Künstlern immer dargestellt wurde, zu debütieren?“
neuer Thränen⸗
—
„Ich weiß es!“
„Haben Sie die Partie studiert, und wo, wenn ich fragen darf?“
„In Wien mit den besten Meistern.“
„Wie aber, mein Fräulein, wenn dieses Debüt nicht den von ihnen gehegten Erwartungen ent⸗ sprechen sollte? Würde Sie dies denn nicht ab— schrecken, und nach Ihrer ganz besondern Bewegung zu schließen, sehr unglücklich machen.“
„Herr Graf, es soll das kein Debüt sein, ich will bloß einmal und eben die Azucena singen, und was den zweiten Teil Ihrer teilnahmsvollen Frage betrifft, so danke ich Ihnen sehr, sehr für Ihre Güte, ihr Mitgefühl, aber ich kann nicht noch un— glücklicher werden, als ich es schon bin— lassen Sie mich, ich bitte, ich beschwöre Sie darum, lassen Sie mich die Azucena singen, gewähren Sie mir diese eine Bitte, deren Erfüllung mich unendlich, unsagbar glücklich machen würde,— ich glaube, ich kann die Azucena selbst hier singen.“
„Gut denn, mein Fräulein, erlauben Sie, daß ich den Kapellmeister rufen lasse, und unterziehen Sie sich dann einer Klavierprobe.“
„Mein Wohlthäter, wie soll ich Ihnen danken!“
Der Graf klingelte und befahl dem Diener, den Kapellmeister, einen in der musikalischen Welt hoch⸗ gefeierten Mann, rufen zu lassen.
(Schluß folgt.)
—
ische Landeszeitung.


