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Gießen, Sonnabend, den 9. Mai
1896.
usgabe Gießen. Redaktion: 8. Erscheint täglich mit Ausnahme der Tage nach Sonn- und Feiertagen. 1 Expedition: Kreuzplatz Nr. 4. 8 Preis der Anzeigen: 10 Pfg. für die sspaltige Petitzeile. 2 Kreuzplatz Nr. 4.
Lokales und Provinzielles.
Gießen, 8. Mai. Das großherzogliche Paar nebst Gefolge traf heute Vormittag mit dem fahrplanmäßigen Schuellzug 10 Uhr 5 Min., von Fra kommend, hier ein. Ein Empfang fand nicht statt. Die Herrschaften verließen den Salonwagen nicht; der Hoftrain wurde zur Oberhessischen Bahn überführt und verließ als Extrazug 10 Uhr 15 Min. die Station. Betriebs⸗ Juspektor Baurat Schoberth begleitete den Zug bis nach Laubach. Heute Abend trifft die Hof—⸗ esellschaft zum Besuche des fürstlichen Hauses n Lich ein, wo im Schlosse Hofball angesagt 5 Die Ballmusik wird von der Kapelle des aiser Wilhelm⸗Regiments gestellt.
* Gießen, 8. Mai. Zu Morgen Samstag Nachmittag hat Frau Provinzialdirektor Freiin von Gagern, die Protektorin der Flickstunde, Einladungen ergehen lassen zu einem Garten⸗ fest, verbunden mit Bazar, zum Besten oben genannter Flickstunde. Die Veranstaltung findet in Schülers Garten statt.
* Gießen, 7. Mai. Prinz zu Solms⸗ ohensolms-Lich, Premierlieutenant vom egiment der Gardes du Corps, wurde zur
Bolschaft in St. Petersburg für die Dauer der in Moskau stattfindenden Krönungsfeier⸗ lichkeiten kommandiert.
* Gießen, 8. Mai. Die Oberbürgermeister der drei Provinzialhauptstädte— also Mainz, Darmstadt, Gießen— treten am heutigen Tage in Mainz zusammen, um über die Vergebung der Ludwig⸗Mathilde⸗Stiftung Beschluß zu fassen.
* Gießen, 7. Mai. Im„Mainzer Journal“ lesen wir folgende Notiz:„Ohne Kommentar. Der„Waisenschutz“ veröffentlicht in seinem gleich⸗ namigen Vereinsorgan die Ergebnisse aus den in verschiedenen Lokalen aufgestellten Sammel⸗ büchsen und da ist zu lesen: Offizier⸗Kasino Gießen 3 d Restauration Ottenthal Ww.⸗ Mainz 5,25 Mk.“
W. Gießen, 8. Mai. Folgendes inte⸗ ressante Vorkommnis teilte Herr Wein⸗ 0 Schwan einem unserer Berichterstatter
F Eiu Paar deutscher Kropftauben war mit einem Stamm Seidenhühner zusammen in einer Abteilung untergebracht. Die Hühner legten
g Eier, während die Tauben nach dieser tung hin zu streiken schienen. Und doch te der Besitzer der Tiere, daß das Tauben⸗
paar sich plötzlich mit Eifer dem Brutgeschäft hingab. Die Seidenhühner versuchten zwar mehr⸗ fach, die Tauben darin zu stören, aber energisch
setzten diese sich zur Wehre. Herr Schwan, welcher bestimmt dachte, die Tauben säßen auf ihren eigenen Eiern, war nicht wenig er⸗ staunt, als er nach mehr als 3 Wochen im Nest ein junges munteres Küken fand. Die Tauben atten also den Hühnern das Ausbrutgeschäft
sorgt; ein Fall, der gewiß selten vorkommen dürfte.
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Gießen, 8. Mai. In der dieser Tage stattgefundenen Vorstandssitzung des Freisin— nigen Vereins für den 1. hessischen Reichs⸗ tagswahlkreis wurde an Stelle des seitherigen 2. Vorsitzenden, Rechtsanwalt Grünewald, welcher aus dem Verein ausgetreten ist, der Stadtverordnete und Nähmaschinenhändler Th. Haubach zum 2. Vorsitzenden gewählt.
* Gießen, 8. Mai. Die Grundbesitzer, welche ihren Grundbesitz entweder ganz oder teilweise nicht selbst bewirtschaften, werden aufgefordert, bei der Bürgermeisterei derjenigen Gemeinde, in deren Gemarkung die Grundstücke liegen, bis zum 1. Juni l. J. schriftlich oder mündlich zu Protokoll den Antrag zu stellen, daß der auf die Steuerkapitalien ihrer Grundstücke oder ein— zelner derselben entfallende Beitrag zur Berufs— genossenschaft von einem Anderen, als Betriebs unternehmer zur Zahlung Verpflichteten, erhoben werden. Die Anträge müssen auch die nötigen Angaben über die Pachterträgnisse der einzelnen Lose enthalten.— Von nachverzeichneten Objekten wird ein Beitrag zur Berufsgenossenschaft micht erhoben: 1. von Grundstücken, welche zu einem land- oder forstwirtschaftlichen Betriebe überhaupt nicht gehören; 2. von allen Gebäuden nebst zu⸗ gehörigen Hofräumen, Haus- und Ziergärten; 3. von Grundstücken von Betrieben, deren Sitz außerhalb des Landes gelegen ist; 4. von steuer⸗ pflichtigen Grundstücken, deren land- und forst⸗ wirtschaftliche Benutzung dauernd eingestellt ist, sei es, daß jede Nutzung aufgehört hat, sei es, daß an Stelle der land- oder forstwirtschaftlichen eine gewerbliche Benutzung getreten ist(3. B. Verwandlung eines Ackers in einen Steinbruch). — Diejenigen Grundbesitzer, welche derartige Befreiungsgründe, die sich der amtlichen Kenntnis entziehen, geltend machen können, mögen die Befreiung bei der Bürgermeisterei derjenigen Gemarkung, in welcher das Grundstück gelegen ist, bis zum 1. l. J. beantragen.
* Gießen, 8. Mai. Die nach§ 6 des Reichsgesetzes vom 21. Juni 1887 über die Na⸗ turalleistungen für die bewaffnete Macht im Frieden ermittelten Durchschnittspreise, einschließlich eines Aufschlags von Fünf vom Hundert pro Monat April 1896 betragen: für den Lieferungsverband Gießen pro 100 Kilo Hafer 14,50, Heu 5,20%, Stroh 4,20.
* Münster(Kreis Gießen), 7. Mai. Nach dem Beispiel benachbarter Gemeinden wird nun⸗ mehr auch 1 Bau eines neuen Schul⸗ saales geschritten. Die Pläne, Voranschläge ꝛc. sind bereits fertiggestellt, so daß voraussichtlich in Kürze mit den Bauarbeiten begonnen und der neue Saal wohl noch in diesem Jahre in der Hauptsache vollendet werden dürfte.
* Grünberg, 6. Mai. Das diesjährige
ortes gedenkt mit diesem Feste die Weihe seiner von den Frauen und Jungfrauen gestiftete Fahne zu verbinden.— An demselben Tag findet zu Lon dorf die Fahnenweihe des dortigen Ge— sang vereins statt, aus welcher Veranlassung daselbst ein größeres Sängerfest, wozu 43 Ver- eine geladen sind, veranstaltet wird.
* Alsfeld, 7. Mai. Dem Vorsteher der hiesigen gewerblichen Lehranstalten, Herrn Haupt⸗ lehrer Kilp, wurden von Großh. Zentralstelle für die Gewerbe die amtlichen Funktionen der Visitation mehrerer Handwerker-Sonntagsschulen Oberhessens übertragen. Ferner wird derselbe auf mehrere Wochen zum Studium der Gewerbe— ausstellung nach Berlin entsandt. 5
Vilbel, 7. Mai. Das hiesige Schöffen⸗ gericht befaßte sich gestern mit der Privatklage einiger hiesiger Einwohner gegen den Verfasser und Drucker der zu Fastnacht erschienen Narren⸗ zeitung„Klimm Bimm“, die gegen erstere mehrfache Beleidigungen enthielt. Der Verfasser der Zeitung, die von dem hiesigen Turnverein herausgegeben wurde, Ph. Köppler, wurde zu 100, der Drucker Jeau Wagner zu 30 l. Geldstrafe, sowie in die Kosten verurteilt.
Darmstadt, 7. Mai. Der vierte Aus⸗ schuß beantragte bezüglich des Antrages des Abg. Muth, betr. die Revision des Normal⸗ Lehrplanes der Volksschulen, dem Antrage keine Folge zu geben. Die Regierung hatte sich hierzu dahingehend geäußert, daß der Normal- Lehrplan sich bewährt habe und Aenderungen nicht für erforderlich erachtet werden. Die Schul⸗ vorstände hätten schon jetzt das Recht, Beginn und Schluß des Unterrichts festzusetzen.
Offenbach a. M., 7. Mai. Das hier am 3. und 4. cr. veranstaltete Wohlthätig⸗ keitsfest hat die stattliche Bruttoeinnahme von 2425 000 Mark ergeben.
* Mainz, 7. Mai. Herr Gymnasialprofessor Dr. Karl Schall hierselbst wurde auf sein Nachsuchen unter Anerkennung seiner langjährigen treugeleisteten Dieuste in den Ruhestand versetzt. Der Großherzog verlieh dem verdienten Schul— mann aus diesem Anlaß das Ritterkreuz 1. Klasse des Philippsordens. Nur mit großem Bedauern sieht man den berehrten Pädagogen aus seinem langjährigen Wirkungskreise scheiden, worin er gewissenhaft seinem Amte obgelegen und der Jugend das leuchtende Vorbild eines gediegenen Mannes und Lehrers gab. Möge Herr Dr. Schall noch lange sich des otium cum dignitate erfreuen!
Vermischtes.
— Ein Duell und seine Ursache. Aus Buda⸗ pest wird berichtet: In Folge eines Wirtshausdiskurses
Bezirksfest des Kriegervereinsbezirks Grünberg wird am 5. Juli zu Flensungen
gefeiert werden. Der Kriegerverein des Fest⸗
duellirten sich in Dels der Oberlieutenant Julius Lang und der Steueroffizial Josef Donath. Lang wurde am rechten Handgelenk derart verletzt, daß er kaum im Dienste wird verbleiben können, während Donath der
Bauch aufgeschlitzt wurde, so daß sein Zustand als hoff nungslos bezeichnet wird. Donath ist erst seit Kurzem verheiratet; seine Gattin sieht einem freudigen Familien⸗ ereignisse entgegen. Der Steuerofffzial Donath unter⸗ hielt sich vor einigen Wochen mit einigen seiner Freunde in einem Gasthause und ein Mitglied der Gesellschaft ließ von den Zigeunern einen Marsch spielen. An einem anderer Tische saß Ob erlieutenant Jules Lang mit seiner Gesellschaft und verbot dem Zigeuner, den Marsch zu spielen, da dieses Tonstück sein Ohr beleidige. Der Zi⸗ geuner gehorchte, aber das herausfordernde Benehmen Langs ärgerte die andere Gesellschaft und auf das Er⸗ suchen seiuer Freunde setzte sich der verschiedene Instru⸗ mente spielende Donath zum Cymbal und setzte ununter⸗ brochen den Marsch fort. Wegen dieses Vergehens for⸗ derte Lang am nächsten Tage Donath zum Duell. Die Sekundanten Donath's erklärten, daß dieser keine be⸗ leidigende Absicht hatte und wenn Oberlieutenant Lang in dem Vorgehen Donath's eine Beleidigung erblicke, sei Jener bereit, sich zu entschuldigen. Die Sekundanten Langs erklärten hierauf Donath für einen Feigling, der eine solche Beleidigung nun nicht mehr auf sich sitzen lassen konnte. Er mußte auf dieses erzwungene Duell eingehen, in dem er unbedingt den Kürzeren ziehen mußte, da Ober⸗ lieutenant Lang der Fechtmeister seines Bataillons war.
— Eine schwimmende Konservenfabrik be⸗ absichtigt eine Handelsgesellschaft in New⸗York demnächst einzurichten, in der Art, daß ein Schiff mit allen Apparaten und Einrichtungen versehen werden soll, um Fische, Schild⸗ kröten, Wild, Eier, Früchte, Hummer zu verarbeiten und als Konserven zuzubereiten. Dieses Schiff soll beständig in den Flüssen und an den Küsten Amerikas unterwegs sein, um stets an dem Orte sein zu können, wo gerade etwas zu holen ist; ist also irgendwo die Lachsfang⸗ Saison im Schwunge, so begiebt sich das Schiff an die betreffende Stelle, begiebt sich dann vielleicht irgendwo anders hin zum Hummerfang, kauft im Herbst in Süden Ananas, Pfirsiche und andere Früchte ein, die auch auf dem Schiffe verarbeitet werden, und kehrt schließlich nach New⸗York zurück, um seine Produkte abzuliefern oder übergiebt dieselben anderen Schiffen zur Beförderung. Uebel ist die Idee jedenfalls nicht, wenn man bedenkt, wie viel Fracht und Arbeit des Transportes auf diese Weise erspart werden; auf gedachte Weise kann nichts verderben, da stets nur ganz frische Ware verarbeitet wird, wie außerdem die schwimmende Konservenfabrik auch den stets wechselnden Aufenthalt der betreffenden Fisch⸗ arten folgen und sich die ergiebigsten Gebiete aussuchen kann, also den ansässigen Etablissements eine schwer⸗ wiegende Konkurrenz bieten dürfte. Die Besetzung des Schiffes soll gar nicht groß gemessen werden und außer dem eigentlichen Schiffspersonal nur zwei Köche und sechs Hilfsarbeiter an Bord führen, da die übrigen Arbeitskräfte überall leicht zu beschaffen sind. Die Unternehmer wollen zunächst dem Schiff 150,000 Büchsen mitgeben, welche dasselbe gefüllt in fünf Monaten abliefern soll.
— Nichts ist den Dieben heilig. Naumburg. Eingebrochen wurde in der Nacht zum Montag bet der kgl. Staatsanwaltschaft. Die Diebe haben die sämtlichen Akten durchwühlt und ist noch nicht festzustellen gewesen, ob der Besuch derselben einen bestimmten Zweck verfolgte. Die vorgefundenen Geldbeträge wurden mitgenommen.
— Kräftiger Menschenschlag. In Eichelberg bei Pressrath in der bayerischen Oberpfalz hat ein Bauern⸗ mädchen im Wirtshaus 21 Seidel Bier vertilgt und dann noch den Wirt durchgeprügelt. Alle Achtung vor
solcher Leistungsfähigkeit!
ungelöstes Rätsel. Von M. Behme. (Nachdruck verboten.)
Wir saßen in unserer Stammkneipe, dem„Grauen Bären“ in Sp., mein Freund, der Doktor R., der, Oberförster, Schreiber dieses, und der liebenswürdige Fahrikbesitzer Oskar B., der noch nicht lange unserm Kreise angehörte. Einer der rauhen unwirtlichen Spütherbsttage ging zu Ende, die Aeste der Linde vor der Thür des„Grauen Bären“ waren schon dick bereift, und ein dichter, kalter Nebel lagerte über unserm Hochthal und ließ unser behagliches, gemütliches Klubzimmer nur um so einladender er⸗ scheinen.——— Die gewöhnlichen Themata waren abgehandelt worden, die Wetterfrage und Tageser⸗ eignisse waren erschöpft, ebenso— wie das bekannt⸗ lich die starke Seite jedes ehrsamen deutschen Klein⸗ städters und Staatsbürgers ist— war mit Eifer gekannegießert worden, und jeder hatte mit Eifer seinen Standpunkt vertreten, nur unser Freund B. blieb einsilbig und ernst, sodaß es mir zuletzt auf— fiel.—„Na, Freund Oskar“, sagte ich scherzend, als er wieder zerstreut gegen das Fenster starrte und eben eine Frage überhört hatte,„was ist denn das mit Ihnen heute Abend? Sonst sind Sie doch nicht so weltvergessen, daß Sie sich um Ihre guten Freund nicht mehr bekümmern, als ob sie Holz⸗ puppen wären?“ Der Angeredete fuhr aus seinen Träumereien auf.„Ich muß vielmals um Ent— schuldi bitten“, sagte er—„allerdings war ich zerstreut, heute ist wieder einmal der 23 November, der Tag, an welchem vor zehn Jahren sich eins der seltsamsten und unheimlichsten Abenteuer meines
Ein
wieder vor die Seele. Ohne meinen guten Stern — oder vielmehr“, fügte er ernst hinzu,„die gnädige Bewahrung Gottes säße ich heute nicht hier wohlbehalten und munter in liebenswürdiger Gesell— schaft.“ Unsere Neugier war rege geworden.„Er— zählen Sie, B.“„Bitte erzählen“, hieß es auf allen Seiten. Die Pfeifen wurden wieder in Brand gesetzt, die Krüge frisch gefüllt und Freund B. be— gann:„Es ist freilich zehn Jahre her, aber doch ist mir jeder kleinste Umstand so frisch im Ge— dächtnis, als ob es eben so viele Monate seien, Ich war damals Prokurist der Firma B. und Co. in Hamburg und hatte eben um diese Zeit des Jahres, im November, Geschäfte in London für unser Haus zu erledigen, die vermutlich einige Zeit in Auspruch nehmen würden: Ich reiste also ab: Bekauntschaften hatte ich gar keine in London, auch keine Neigung solche anzuknüpfen— die euglische Nation war mir immer unsympathisch— so quar— tierte ich mich im Hotel ein und brachte als leiden schaftlicher Theaterfreund jeden freien Abend in einem der bekannten Theater zu. Einige derselben besuchte ich wiederholt und in einem von diesen war es, daß meine Aufmerksamkeit zuerst durch etwas auderes als die Musik und die Vorgänge auf der Bühne gefesselt wurde. Wie gewöhnlich, hatte ich eine Parquetloge inne, und dicht neben mir, in einer anderen saß eine Dame, deren eigentümliche Er— scheinung mir auffiel, trotzdem man in einem Lon— doner Theater an bizarre Erscheinungen gewöhnt wird. Und doch war sie weder jung noch hübsch — mir ist, als sähe ich sie noch— eine vornehme Figur, groß und hager, mit unbeweglichen, wie aus
Sebens zutrug, und der heutige Abend mit seinem Stein gemeißelten harten Zügen, leicht ergrautem,
dicken Nebel führte mir jenen Tag so recht lebhaft
vollem Haar und großen, grauen, ruhelosen Augen. Ihre Toilette war im tiefsten Schwarz gehalten, vom Kopf bis zu Fuß; kein glänzendes Schmuck— stück, kein noch so kleiner weißer Streifen am Halse milderte das Düstere ihres Anzugs, sie erschien mir wie eine Nonne aus der Unterwelt— in Gedanken betitelte ich sie„die Frau in Schwarz“. Sie war stets allein; pünktlich zu Beginn der Vorstellung erschien sie, um sofort nach Schluß derselben sich geräuschlos zu erheben, einen dunklen Mautel und Spitzenshwal umzuwerfen und dann wie im Geist in der Dunkelheit zu verschwinden. Nie— mals sprach sie zu Jemanden, Niemand begrüßte sie je, obgleich ihre rastlosen funkelnden Augen immer forschend die Meuge im Theater musterten, als ob sie jemanden suchten, aber dieser Jemand schien jedenfalls nie entdeckt zu werden. Natürlich bemerkte ich dies Alles nicht
gleich das erste Mal, wo ich sie sah, aber ich be⸗ suchte, merkwürdigerweise war sie auch stets meine Logennachbarin— daß ich zuletzt das Gefühl hatte, als sei sie eine alte Bekanntschaft und mich bei— nahe enttäuscht fühlte, wenn sie, was höchst selten geschah, einmal fehlte.— So ging es einige Wochen lang. Meine Geschäfte waren einem befriedigenden Abschluß nahe— nur noch einige Tage in London, wo ich mich immer einsamer fühlte, dann gings zurück nach Hamburg und in die Arme meiner Lieben. Es war gerade heute vor zehn Jahren, als ich nachmittags an einer Anschlagsäule das Auftreten der gefeierten Tänzerin Miß N. im Theater las, also entschloß ich mich, den Abend
Londoner Nebel
hing der gefürchtete
dort zuzubringen. Schon am Morgen dieses Tages wie ein
aber etwas gegen Abend.— Ich kam zum Theater und nahm meinen gewohnten Platz im Parquet ein, die erste Person, auf die mein Auge fiel, war wieder die meiner geheimnisvollen Unbekannten, der Frau in Schwarz. Wie gewöhnlich, saß sie dicht neben mir, ihre kalten, funkelnden Augen glitten wieder forschend und ruhelos über das Auditorium, ein— oder zweimal war es mir, als ob ihr Blick auf mir haften blieb, doch beachtete ich es weiter nicht, da das Spiel und das Auftreten der Miß N. meine ganze Aufmerksamkeit fesselte, sodaß ich meine Nach barin und London mit seinem Nebel fast völlig vergaß. Au letzteren wurde ich nun aber sehr un— angenehm und handgreiflich erinnert, als ich nach Schluß der Vorstellung aus den Pforten des Kunst— tempels trat mit der Absicht, eine Droschke zu nehmen und nach meinem Hotel zu fahren. Anstatt sich weiter zu zerteilen, hatte sich der abscheuliche Nebel dichter und schwärzer als je über die Stadt gelagert— als ich unter der Säulenhalle vor dem Theater stand, konnte ich nichts mehr von der Straße sehen, als ob ein Granitwall sich vor mir erhöhe. Von Droschken keine Spur, und wenn selbst hunderte von Wagen wenige Schritte vor mir gehalten hätten, ich hätte sie nicht sehen können. Was war zu thun? Ich mußte versuchen, mein Hotel zu Fuß zu erreichen. Unglücklicherweise war es wohl eine halbe Stunde entfernt, und obwohl ich meinen Weg in London ganz gut zu finden wußte, wenn ich sehen konnte wo ich ging, so war es unter diesen Umständen wohl mehr als zweifel— haft, ob ich es finden würde. (Schluß folgt.)
schmutziges graues Tuch über der Stadt, klärte sich


