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8.10.1896
 
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Gießen, Donnerstag, den 8. Oktober

1896.

che Landeszeikung.

Ausgabe

Gießen.

Redaktion:

. Kreuzplatz Nr. 4.

Erscheint täglich mit Ausnahme der Tage nach Sonn- und Feiertagen. Preis der Anzeigen: 10 Pfg. für die Sspaltige Petitzeile.

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Expedition: Kreuzplatz Nr. 4.

Lokales und Provinzielles.

* Gießen, 7. Okt. Der provisorische Lehrer an dem Schullehrerseminar zu Friedberg, Lehr⸗ amtsassessor Ernst Hensing ist zum Lehrer an

dieser Anstalt ernannt worden. Dem Bauauf⸗ seheraspirant Heinrich Schlapp aus Staufen⸗ berg ist die Rettungsmedaille verliehen worden.

Gießen, 7. Oktober. Die Landtags⸗ wahlen im Großherzogtum lassen überall ein Anwachsen der sozialdemokratischen Stimmen erkeunen. In Mainz wurden die

beiden Sitze, welche die Sozialdemokraten früher

schon inne hatten, mit größeren Majoritäten wieder gewonnen. Ihre Stimmen vermehrten

seit 1890 um 350.(1890: 1285, 1896: 1635.) Offenbach-Land haben die So⸗ zialdemokraten ebenfalls behauptet. Für sie wurden 27 und für das Zentrum, welches mit Hochdruck gearbeitet hatte, nur 20 Wahlmänner 8. Am bedeutendsten ist der Erfolg er Sozialisten in der Stadt Offenbach. Das dort bisher von dem nationnalliberalen Kammerpräsidenten Weber innegehabte Mandat

haben sie erobert, trotzdem in Offenbach die

1155

in reicher Asterauswah,

bürgerlichen Parteien geschlossen den Sozial⸗ demokraten gegenüberstanden. Für letztere wurden 1573, für die vereinigten Bürgerparteien 1352 Stimmen abgegeben. In der zweiten Kammer werden also jetzt 5 Sozialisten sitzen.

Gietzen, 7. Oktober.(Viehmarkt⸗Be⸗ richt.) Auf dem gestern zur Abhaltung zuge⸗ lassenen Kuhmarkt war nicht ein einziges Stück Vieh aufgetrieben, so daß der zur Unter⸗

suchung des erwarteten Auftriebes zur Stelle

anwesende Beamten⸗Apparat unverrichteter Dinge wieder abziehen konnte. Die Passanten amü⸗ 1. sich kostbar über den Viehmarkt ohne

ieh. Ja, meinte ein alter Bürger aus der Neustadt: was brauchen wir bei der Klauenseuche einen neuen Viehmarktplatz.

* Gießen, 7. Okt.(Viehmarktbericht.) Auf dem heutigen Ochsenmarkt war ein Ochse von Staufenberg aufgetrieben, der unter⸗ sucht und für gesund befunden, unverkauft wieder in die Heimat zurückbefördert wurde. Der Auftrieb der Schweine belief sich auf 100120 Stück. Käufer waren wenig am Markt. Ge⸗ handelt wurden Ferkel, 6 Wochen alt, mit 18 bis 22, 12 Wochen alt mit 30 bis 36 Kl. pro Paar. Fettvieh erzielte 48 bis 28. pro Zentner Schlachtgewicht. Drei Viertel des Auftriebes blieben unverkauft. So muß es

kommen.

Aus dem westlichen Vogelsberg, 6. Okt. Gehört schon ein Gewitter Ausgangs Sep⸗ tember zu den selteneren Erscheinungen, so noch mehr ein solches im Oktober. Bei heftigem

Sturme donnerte es heute Nachmittag recht

7 Die Kartoffelernte liefert ein viel besseres Ergebnis, als man es sich ver⸗ sprochen hatte. Trotz der langen Regenperiode tritt die Fäulnis der Knollen nicht allzu häufig auf. Manche Kartoffelsorten, wie Weltwunder, blaue Riesen und gelbe Rosen, sind in Anbetracht der abnormen Witterungsverhältnisse erstaunlich gut gediehen. Die gute Kartoffelernte verstopft

manche Lücken, die bei der Getreideernte ent⸗ standen waren. Auch die übrigen Hackpflanzen, wie Dickwurzel, Kohlrüben und Kohl liefern reiche Erträge. Bei Kraut und Wirsing sind wahre Riesenhäupter keine Seltenheit. Die Grummeternte konnte noch nicht beendigt werden. Ihr Ergebnis ist sehr gering, dazu wird das wenige Grummet noch sehr schlecht heimgebracht, so daß es wohl nicht selten noch verderben wird. Das junge Korn geht trotz der Nässe des Bodens recht schön auf. Die Saat ist noch nicht beendigt, da noch viele Aecker mit Hackgewächsen ausge⸗ D

säet werden sollen.(D. Z.) Ein Flurschütze fand

Mainz, 6. Okt.

gestern früh vor dem Raimundigarten einen jungen Mann in bewußtlosem Zustand und sorgte für die Aufnahme in das Hospital. Der Be⸗ treffende war am Sonntag Abend nach Be⸗ endigung einer Festlichkeit von der beträchtlichen Höhe des Gartens abgestürzt und liegen ge⸗ blieben. Zwei Metallschleifer aus Offenbach wurden auf dem Schloßplatz festgenommen und der Zivilbehörde übergeben, weil sie aus Ueber⸗ mut eine exerzierende Truppe neckten. In der Cementfabrik Weisenau geriet heute der 21jährige Arbeiter Philipp Hähler aus Nieder⸗Saulheim in eine Maschine und wurde so fürchterlich verletzt, daß der Tod so fort eintrat.

* Mainz, 6. Okt. Wie bestimmt verlautet, soll die Reichstagsersatzwahl für den Wahlkreis Mainz⸗Oppenhe im in der ersten Hälfte des November sein. Bis dahin wird wohl auch die Wahl in Gießen stattfinden. In Mainz wurde bekanntlich das Mandat später frei wie in Gießen.

Schwurgericht. W. Gießen, 7. Oktober. (Fortsetzung.)

Die Zeugen Georg V und Maurer Aßmann belasten den Angeklagten, ebenso der Bürgermeister von Rainrod. Als letzter Zeuge bekundet der Gendarm Meußler von Grebenau, daß er auf die Mitteilung des Bürgermeisters von Rainrod über den Fall am 17. Oktober in die Mangoldsche Wohnung sich begeben, um die Sache zu untersuchen. Die Ehefrau des Angeklagten hat ihm er⸗ zählt, ihr Mann sei am 13. Oktober in der Düringschen Wirtschaft hinausgeworfen und gestochen worden. Der Angeklagte hat sich dem Gendarmen gegenüber später so geäußert, daß dieser annehmen mußte, Mangold habe in Alsfeld absichtlich unrichtige Angaben gemacht, resp. den Vorfall in der Düringschen Wirtschaft verschwiegen, weil er an die Möglichkeit glaubte, daß die ganze Affaire privatim auszugleichen sein würde. Auf Antrag des Verteidigers wird das Protokoll der Schöffensitzung vom 14. Juli 1895 verlesen, in der der Angeklagte das falsche Zeugnis abgelegt haben soll. In diesem Protokoll ist von dem unter Anklage stehenden Satz, den der Ange⸗ klagte beschworen haben soll, kein Wort ent⸗ halten. Auf alle weiteren Beweise wird verzichtet.

Die den Geschworenen vorzulegenden Fragen lauten: 1. Ist der Angeklagte schuldig, am 14. Oktober 1895 vor dem Großherzoglichen Schöffengerichte Alsfeld unter seinem Eide wissentlich Falsches bekundet zu haben? Hilfsfrage: Konnte die Angabe der Wahrheit gegen den Angeklagten selbst eine Verfolgung wegen eines Vergehens nach sich ziehen? 2. Im Falle der Verneinung der

Frage 1: Ist der Angeklagte schuldig, den am 14. Oktober 1895 geschworenen Eid fahrlässig falsch geleistet zu haben?

Hierauf nimmt Staatsanwalt Zimmermann das Wort zur Begründung der Anklage. Nach der Beweis⸗ aufnahme stehe es fest, daß der Angeklagte sich die frag⸗ liche Verletzung im Gesicht nicht an der Wagendeichsel zugezogen, sondern, daß diese von dem Fall herrühre, den er gethan, als er aus der Wirtschaft hinausgeworfen wurde, folglich hat der Angeklagte objektiv falsch ge⸗ schworen. Daß dieser Eid wissentlich falsch geschworen, sucht der Vertreter der Staatsbehörde an Hand der Protokolle der Voruntersuchung nachzuweisen, worin der Zeuge selber behauptet, er habe nicht gewußt, wo er sich die Wunde eigentlich zugezogen. Hierzu kommen die Zeugenaussagen, die einstimmig erklären, sie haben weder im Hofe der Düringschen Wirtschaft, noch auf der Straße einen Wagen gesehen. Auch die Bekundung der Zeugen gehe dahin, daß der Angeklagte diesen gegenüber nie be⸗ hauptet hat, er sei über eine Wagendeichsel gefallen. Hierzu komme weiter das Zugeständnis der Frau des Mangold und die Aeußerung des Angeklagten dem Gen⸗ darmen gegenüber. Der Staatsanwalt bittet daher, die erste Frage zu bejahen, die gestellte Hilfsfrage aber zu verneinen. Was die zweite Hilfsfrage betrifft, so be⸗ hauptet der Mangold selbst nicht, daß er fahrlässig falsch geschworen.

Der Verteidiger Rechtsanwalt Weidig wirft zuerst die Frage auf: hat der Angeklagte auch wirklich das be⸗ schworen, was man ihm nachsagt? Von den 15 Zeugen hat dies nur ein Zeuge behauptet, und dieser könne sich irren. Warum hat man nicht mehr Zeugen dafür zu erbringen gewußt! Wahrscheinlich, weil nicht mehr Leute in denselben Irrtum verfallen sind. Aber fest stehe, der Angeklagte sei betrunken gewesen, wenn dies auch im Wirtszimmer ihm vielleicht nicht anzumerken ge⸗ wesen. Als er in die Luft kam, äußerte sich der Rausch. Es ist nicht nachgewiesen, daß der Mann sich nicht an einem Wagen gestoßen habe, als er am 14. Oktober nachts nach Hause getaumelt sei. Sein Klient habe durchaus nicht behauptet, er sei im Hofe der Wirtschaft jüber einen Wagen gefallen. Wo der Wagen gestanden, kann der damals Betrunkene selber nicht angeben. Es ist daher wohl möglich, daß der Mann die Wahrheit gesagt. Hieran fügt der Verteidiger eine Selbstbetrachtung über das Delikt des Meineids. So streng wie der Staats⸗ anwalt die Sache hinstellt, dürfe man es mit dem, was unter Eid gesagt wird, nicht nehmen, denn wenn man jedes falsche Wort, welches unter Eid gesprochen, aber gar nicht zur Sache gehört, unter Anklage stellen wolle, dann würde der Vertreter der Staatsbehörde viele Anklagen wegen Meineid zu erheben haben. Der Verteidiger ist der An⸗ sicht, die vorliegende Sache sei überhaupt kein Gegenstand einer Meineidsanklage. Der Staatsanwalt ist der An⸗ sicht, es komme gar nicht darauf an, ob die Bekundung wichtig ist oder nicht, die der Zeuge unter Eid macht. Hat er gelogen, so muß er bestraft merden, denn sonst würde die Rechtssicherheit bedenklich erschüttert werden. Noch ein Mal wiederholt der Vertreter der Staatsbehörde die Gründe, die für ein Schuldig im Sinne des Meineids sprechen und wiederholt seine Anträge.

Der Verteidiger tritt nochmals für den Angeklagten ein. Die Geschworenen sollten nicht nach dem Buchstaben des Gesetzes urteilen, sondern sie sollten den gefunden Menschenverstand walten lassen. Nach der Rechtsbelehrung ziehen sich die Geschworenen gleich nach 5 Uhr zur Be⸗ ratung zurück. Um ½6 Uhr verkündet der Obmann, Fabrikant Busch⸗Gießen, den Wahrspruch, der dahin lautet, daß sämtliche Schuldfragen verneint seien. Hierauf er⸗ folgte die Freisprechung des Angeklagten.

Gießen, 7. Oktober. Heute wurde in die Verhandlung gegen den 40 Jahre

2 alten, wegen Konkubinats und Körperverletzung vor⸗ bestraften Ludwig Ruppel von Herger sdorf ein getreten. Derselbe ist beschuldigt des Verbrechens wider die Sittlichkeit an seiner 13 jährigen Stieftochter, der er Gewalt angethan. Die Anklage vertritt Staatsanwalt Zimmermann. Die Verteidigung führt Rechtsanwalt

Dr. Fuhr. Neun Zeugen und ein med. Sachverständiger sind zu hören. Die Verhandlung findet hinter verschlossenen

Thüren statt. Vermischtes.

Zigeunerpraris. In der Gegend von Glau⸗ chau stahl eine Zigeunerin einen Thaler. Sie erreichte damit ihren Zweck, nämlich in das Amtsgerichtsgefängnis zu kommen. Hier in den zwei engen Mauern, aber immerhin geschützt vor Wind und Wetter und unterstützt von fachkundiger Hand genas sie bald eines munteren braunen Knäbleins. Aus ihren späteren Erzählungen ging hervor, daß auch sie, sowie ihre Mutter, Großmutter und Urgroßmutter ꝛc. im Gefängnis geboren wurden, und daß es in ihrer Familie von jeher üblich war, zu dieser Zeit für ein derartiges sicheres Unterkommen Sorge zu tragen.

Ein Jubiläum der Hausnummer. In diesen Tagen sind es gerade 100 Jahre, daß Berlin als erste vou allen Städten der Welt die einzelnen Häuser jeder Straße fortlaufend zu numerieren begann. Eest im Jahre 1803 folgte Wien, 1805 Paris diesem Beispiele. Vor⸗ her bezeichnete man die Häuser entweder nach den Eck⸗ häusern oder nach den Emblemen, die an den Häusern angebracht waren. Heutzutage ist diese Art der Bezeich⸗ nung lediglich noch in Gebrauch bei Gasthäusern, Hotels und Apotheken.

Ein alter Student. Aus Halle a. S., 29 September schreibt man: An unserer Universität studiert gegenwärtig der 50 jährige Doktor der Theologie Johannes Linke, bisher Archidiakonus in Altenburg, Medizin. Linke hat seinerzeit die Doktorwürde in Jena rite erworben und war als Hymnolog und Kanzelredner in seinem Amte sehr beliebt. Die Gründe, die ihn veranlaßt haben, aus dem geistlichen Amte zu scheiden, müssen demnach wohl schwerwiegender Art gewesen sein.

Die rarste Briefmarke. Der höchste Preis für eine Briefmarke wurde kürzlich in Amerika für ein Stück der sehr seltenen Marke erreicht, die der Postmeister James M. Buchanan im Jahre 1846 für den Postver⸗ kehr in der amerikanischen Stadt Baltimore verausgabt hat. Die Mekell Stamp Comp. in St. Louis hat diese Marke, von der überhaupt nur zwei Exemplare bekannt sind, an den amerikanischen Sammler W. A. Castle für den Preis von 4400 Dollar, d. i. etwa 18 500 Mark, verkauft. Die berühmteblaue Maurtttus, die schon für 6000 bis 8000, verkauft worden seln soll, ist da⸗ mit um ein Bedeutendes geschlagen worden. Preise von mehreren Tausend Mark für eine Briefmarke sind augen⸗ blicklich, wo das Briefmarkensammeln besonders in Eng⸗ land, Frankreich und Amerika so sehr in der Mode ist, gar keine Seltenheit mehr.

Das Tandem vor Gericht. Das jetzt allenthalben immer mehr in Gebrauch kommende Doppelsitz⸗ Niederrad hat eine für das Radfahrrecht höchst wichtige gerichtliche Entscheidung hervorgerufen. Es waren nämlich,

der Hauptstraße auf dem für Fußgänger bestimmten Wege gefahren waren, deshalb aufgeschrieben und je mit einer Strafe von 3 belegt worden. Während der auf dem Rade vorn Sitzende die Strafe bezahlte, erhob der Andere Einspruch und wurde vom Schöffengerichte frei⸗ gesprochen. Aus der Begründung ist hervorzuheben, daß dem auf dem hinteren Sattel Sitzenden eine Einwirkung auf die Fahrrichtung in keiner Weise zustand, da diese lediglich in der Hand desjenigen lag, der den ersten Sitz

Schwester Adele. Novelette von A. Schöbel. (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.)

Und mit dem Sommer kam die Genesung für den Schwerverletzten. Stundenlang lag er da, die weit offenen Augen auf seine Pflegerin gerichtet. Längst konnte er Briefe empfangen und in Kürze beantworten, längst konnte er Besuche annehmen. Schwester Adele zog sich bei solcher Gelegenheit siets diskret zurück. Jüngere und ältere Architekten und Offiziere kamen, kein weibliches Wesen. Die Mutter des Verunglückten, eine gelähmte Frau,

lebte in Dresden und mußte dem Sohn fern bleiben. Anfangs durch die Freunde, später von ihm selber, erhielt sie tröstliche Nachrichten über das Befinden des einzigen Kindes. 5

Die kräftige Natur des jungen Baumeisters überwand schneller, als die Aerzte es berechnet hatten, den schweren Unfall. Die baldige Ent⸗ lassung aus dem Krankenhause zur völligen Stärkung in einem Badeort wurde in Betracht gezogen.

Von dem Tage an, da man ihn von diesem neuesten Plan in Kenntnis gesetzt hatte, schien den Genesenden ein Gedanke zu beschäftigen. Immer sinnender hing sein Blick an den Zügen der jungen flegerin. Er befragte sie nach ihrer Kindheit, ihrer ersten Jugend. Er ließ sich erzählen, wie

alles in ihrem Leben hingedrängt habe auf den Be⸗

uf einer barmherzigen Schwester,

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und wie alles so nd natürlich gekommen sei.

Barmherzige Schwester! wiederholte ernst der junge Baumeister.Es klingt so schön, so heilig! Aber es paßt so schlecht zu Ihnen, Schwester Adele! Er richtete sich auf.Können Sie denn nicht ein einziges Mal die häßliche Haube ab⸗ nehmen?

Sie schüttelte den Kopf.

Wenn ich Sie nun darum bitte? Er hatte es leise und iunig gesagt.

Das Lied klang auf vor ihrer Seele, sie mußte der heimlichen Küsse auf ihre Hand gedenken. Ihr schwindelteEs ist gegen die Ordnung, murmelte sie. Und dann, wie schlafwandelnd, schob sie mit einer müden Bewegung die Haube zurück. All die goldigen Löckchen, die darunter ihr heimliches Spiel getrieben hatten, schimmerten auf Schwester Adele stand da, voll süßen Liebreizes, die Stirn demütig gebeugt, die Wimpern lang und schattig auf die erglühenden Wangen gesenkt.

Entzückt betrachtete sie der junge Mann.Ein Brautkranz gehört auf dieses Köpfchen, rief er. Nicht die Krone der Märtyrin! Schwester Adele, oh, könnt' ich Sie glücklich sehen

Sie wollte die Augen aufschlagen da klang Geräusch von Schritten im Gang. Voller Schrecken rückte sie die Haube in die Stirn. Durch die Thür⸗ spalte schob sich Schwester Gertrudes wie von Spinnweben überhangenes, geheimnisvolles Gesicht. Ihre kalten Augen glommen so eigentümlich in die Szene hinein.Es ist Zeit zu ruhen, Schwester Adele, sagte sie kühl und ernst.

Ruhen! Mit klopfenden Pulsen eilte die junge Pflegerin über den Korridor in ihr stilles Zimmer. Sie warf sich quer übers Bett, die Arme ausge⸗ breitet, das fiebernde Antlitz in die Kissen gepreßt. Wie ein umgestürztes Kreuz lag sie da.

Als Schwester Adele zum Nachtdienst antrat, fand sie ihren Kranken noch wach. Die Gedanken hätten ihn nicht schlafen lassen, die Gedanken an sie

Die junge Schwester sank auf ihren Stuhl. Sie starrte in das Licht, das unter einer Kuppel mild brannte neben dem Bilde des Erlösers.

Wie unter Schleiern hervor drang die geliebte gefürchtete Stimme an ihr Ohr.Seien Sie mir nicht böse, Schwester Adele, aber ich kann's nicht mitansehen, daß Sie hier so vergraben sind in dem traurigen Hause

Sie preßte beide Hände auf die Brust. Wie eine Flamme branute plötzlich ein Wunsch in ihrem Innern auf, der Wunsch, daß er ihr die Hand reichen möge, um sie aus der kühlen Dämmerung hinauszuführen in die Sonne.

Schwester Adele, glauben Sie nicht, daß es auch draußen in der Welt eine Mission für Sie geben könnte, eine Mission, die besser paßt für rote Lippen und ein junges Herz als Ihr Wirken hier? Ihre sauften Hände würden genug zu thun finden draußen. Sehen Sie, da ist meine alte Mutter, sie ist gelähmt, und ihre Pflegerin wird sie demnächst verlassen. Vielleicht könnten Sie

Schwester Adele war aufgesprungen. An allen

Gliedern zitternd stand sie neben dem Krankenbett. Um Gotteswillen, schweigen Sie, schweigen Sie, murmelten ihre Lippen, während ihre Wimpern sich senkten, als lausche sie einer fernen Musik und ließe sich überfluten von Zauberklängen.Mein Ge lübde, stieß sie hervor

Er schob die Brauen zusammen.Oh Ihr Gelübde! Es ist kein Nonnengelübde! Es bindet nicht für Zeit und Ewigkeit. Sie dürfen's zurück⸗ legen in die Hände, die es empfingen. Es giebt aber süßere, seligere, heiligere Gelübde, Schwester Adele

Er fühlte plötzlich seine Lippen verschlossen, von heißen, zuckenden Fingern. Die goldbraunen Augen Schwester Adeles leuchteten nahe vor seinem Gesicht. Ein Strahl von Seligkeit flog ihm daraus entgegen.

Er lehnte sich in die Kissen zurück. Mit einem Lächeln um den Mand schlief er ein. Und neben seinem Bett saß hütend, wachend Adele, die zittern⸗ den Hände gefaltet, das weiße Gesicht betend empor⸗ gerichtet, wie ein Engel, der zurückbebt vor der Schwelle des Paradieses

Der junge Baumeister sollte nur noch für kurze Zeit im Hospital verbleiben. Neue Pläne fingen an, ihn zu beschäftigen. Auch schrieb er jetzt täglich an seine Mutter umfangreiche Briefe.

(Schluß folgt.)

lautM. N. N., zwei Brüder, die wegen des Schmutzs