Ausgabe 
8.4.1896
 
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Gießen, Mittwoch, den 8. April

1896.

K

Ausgabe

Gießen.

andeszeikung.

Redaktion:

4 Kreuzplatz Nr. 4. 8

Erscheint täglich mit Ausnahme der Tage nach Sonn und Feiertagen.

Preis der Anzeigen: 10 Pfg. für die Zspaltige Petitzeile.

D Expedition: 24 Kreuzplatz Nr. 4.

* Gießen, 7. April. Die letzte General- versammlung des Kaufmännischen Vereins war von etwa 40 stimmberechtigten Mitgliedern besucht. Der Vorsitzende verlas zunächst das Konkurrenz⸗Bauprogramm, worauf die Publikation des Schriftstückes der Preisbeurteilung folgte. In einer dem Vereins-Vorstand für die General⸗ versammlung von den Architekten Hamann und Kockerbeck eingereichten Beschwerdeschrift gegen diese Preisbeurteilung wird folgendes gerügt: Das Bauprogramm verlange für das Aeußere des Gebäudes eine gefällige, womöglich malerische Wirkung. Ob diese Richtung in dem von der Beurteilungskommission angenommenen Projekt enthalten sei, bezweifeln die Beschwerdeführer. Der als sehr gut bezeichnete Grundriß des Stein und Meyerschen Projekts wird im Erdgeschoß bei Anbringung des in der Vorderfront doch wohl sehr notwendigen Eingangs stark in Zweifel gezogen und ebenso die günstige Anordnung der großen Lehrsäle im Obergeschoß. Ferner wird in der Beschwerde die Verlegung des Restaurations saales an die Hoffront getadelt, da alsdann jede Vergrößerung nach der Steinstraße für später ausgeschlossen ist. Nach dem Gutachten der Be urteilungskommission war keiner der eingereichten Entwürfe in der vorliegenden Form für die Aus⸗ führung geeignet und ist deshalb eine gänzliche Umarbeitung der ee Pläne empfohlen

worden, was einem neuen Entwurfe gleich kommt. L, Sega. 701l Die beiden Beschwerdeführer sind nun der Mei⸗ 0, arif nung, daß sie mit dem gleichen Recht auch ihre r öh, Pläne einer Umarbeitung unterziehen können, um so mehr, da die Zeit zur Bearbeitung dieser 9, Denke,, Pläne eine viel zu knappe war. Bezüglich der

Lokales und Provinzielles.

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oon E. On, Kosten betonen Hamann und Kockerbeck, daß sie durch die Beteiligung sich einfach verpflichtet biaben, ihre Projekte für 32000 4 auch selbst auszuführen. Es wurde darauf nach langer

och Debatte folgender Beschluß gefaßt:Die Ver⸗ U sammlung beschließt, der Beurteilun skommission die Frage vorzulegen, ob sie sich der Prüfung

2 dreier neuer Pläne unterziehen wolle. Bejahenden en Grund) Falls sind die drei Architekten nochmals zur inreichung anderer Pläne aufzufordern. Sollte

1 8 die Jury nicht geneigt sein, auf den Wunsch ein⸗ zugehen, dann ist eine neue Generalversammlung ne Herren zur weiteren Beschlußfassung einzuberufen. Man rand an, schreibt uns noch, daß dieser Beschluß der General

11 1 bersammlung die Feiertage über in allen Kreisen n Alelel der Bürgerschaft den Gesprächsstoff gebildet hat. Mark an, Wir halten die von uns gebrachte Nachricht auf⸗ zan 4 Mane recht, daß zur Erbauung eines Kaufmännischen werk] Vereinshauses der Entwurf der Herren Stein

0 und Meyer nicht nur von der Beurteilungs⸗ ner Lu kommission, sondern auch vom Vorstande des ie. Kaufmännischen Vereins zur Ausführung und

das beste 9 zwar von beiden Instanzen einstimmig ange⸗ elt nommen ist, woran der Beschluß der General- versammlung vom vorigen Donnerstag nichts ändern kann. Die Kritik, welche die unter⸗ llegenen beiden Konkurrenten an dem genehmigten Entwurf in der der Generalversammlung vor⸗ gelegten Beschwerdeschrift üben, muß zurückgewiesen werden. Die Herren Hamann und Koöckerbeck

durften sich in diesem Falle nicht über die Preis⸗ richter stellen, um so weniger, als sie bei der Frage interessiert sind. Die Beurteilungskom⸗ mission war zusammengesetzt aus selbständigen Kaufleuten und Industriellen, die sämtlich dem Kaufmännischen Verein angehören. Dessen Vor⸗ stand war vertreten durch den ersten Vorsitzenden Orbig, als Bausachverständige gehörten der Kommisston an Oberbürgermeister Gnauth, Stadt⸗ baumeister Schmandt und der Hauptlehrer der hiesigen Gewerbeschule Traber. Gegenüber dem Urteil der so zusammengesetzten Kommission wiegt die Kritik der beiden Interessenten ziemlich leicht. Dem Wunsche der Donnerstagsversammlung, die Beurteilungskommission möge noch einmal eine Prüfung abgeänderter Pläne vornehmen, wird diese kaum nachkommen. Männer, welche un parteiisch unter Abwägung aller Um- stände ihr Votum abgegeben haben, werden sich mit der von ihnen getroffenen Entscheidung nicht in Widerspruch setzen. Sie werden es ablehnen, sich noch weiter mit dieser Sache zu beschäftigen und man wird diesen Beschluß verstehen.

Gießen, 7. April. Gestern Nachmittag war schon eine halbe Stunde vor dem ange⸗ kündigten Konzert unserer Regiments⸗ Kapelle Steins Saal ausverkauft. Der Spiel⸗ zettel war recht glücklich zusammengestellt. Herr Querchfeld erntete mit einem Violin⸗Solo all⸗ gemeinen Beifall. Ebenso Herr Schwarz, welcher denLiebestraum, komponiert von seinem Kollegen Hoch, auf dem Cornet à Piston meister lich zum Vortrag brachte. Aber Musikdirektor Krauße bot seinen Hörern gestern noch etwas Extraes. Die Kapelle hat sich historische Instru mente angeschafft(Heroldstrompeten) und kon⸗ zertierte hiermit in Gießen das erste Mal. Zwei Märsche von Henrion hieß es auf dem Programm; 4)Hie guet Brandenburg allewege, Kampfruf der Brandenburger unter Friedrich I. gegen die Quitzows 141415; b)Unterm Sparenschild, Erinnerung aus dem Leben des General-Feld⸗ marschalls Christoph von Spar. Der Applaus bei diesen mit den alten Instrumenten prächtig wirkenden Märschen war so überaus anhaltend, daß die Kapelle einen der Märsche wiederholen mußte.

Gießen, 7. April.(Besitzwechsel.) Das den Huhnschen Erben gehörende Haus Selters weg 63 ging heute für den Preis von 29000 Al an den Zigarrenhändler Wilhelm Möser, welcher bisher als Mieter dort wohnte, über.

Gießen, 7. April.(Berichtigung.) In unserer letzten Nummer befindet sich eine Notiz aus Darmstadt, in der mehrere Fehler stehen geblieben sind. In der 6. Zeile von oben muß es heißenAußer den Bürger meistern u. s. w. In der vorletzten Zeile muß es anstatt gesichert heißen: gescheitert.

K Daubringen, 6. April. Am Mittwoch Abend brach, auf dem Heimweg von Gießen be griffen, der Arbeiter Georg Rudolph von hier plötzlich vom Schlag gerührt todt zusammen. Rudolph war schon längere Zeit leidend, er glaubte aber sich eine kleine Erholungspause nicht gönnen zu dürfen und so ereilte ihn der Tod

auf dem Wege, den er seit 30 Jahren Tag für

Tag machte. Rudolph war überall geachtet und beliebt. Sein Tod wird aufrichtig betrauert.

Darmstadt, 6. April. Nach derDarmst. Zeitung haben Jury und geschäftsführender Ausschuß die von Professor Fritz Schaper in Berlin eingereichten Modellstücke zu dem Groß⸗ herzog Ludwig IV. hier zu errichtenden Reiter Stand bild zur Ausführung empfohlen. Das Denkmal, das auf den südlichen Teil des Pa⸗ radeplatzes zu stehen kommt, soll bis zum 18. August 1898 fertig gestellt sein.

Mainz, 6. April. In der Eichbaum⸗ schen Schuhfabrik ist weiteren 3 Arbeitern und 2 Arbeiterinnen gekündigt worden, wodurch sich die Zahl der Ausständigen auf 34 erhöht. In einer daraufhin stattgehabten Versammlung der Streikenden wurde beschlossen, falls der Fa⸗ brikant bei seiner Weigerung beharrt, den Ar⸗ beitern ausreichende Beschäftigung zu garantiren oder im Falle mangelnder Auftrage die Arbeits⸗ zeit zu verkürzen und gegen die Schuhwarenhand lungen am hiesigen Platze und auswärts, die dessen Fabrikate verkaufen, den Boykott zu ver⸗ hängen.

Mainz, 6. April. In einer Brauer⸗ versammlung wurde beschlossen, die zwischen den Vertretern des sozialdemokratischen Partei⸗ vorstandes des Gewerkschaftskartells und der Direktion der Rheinischen Bierbrauerei getroffenen Vereinbarungen anzuerkennen. Gleichzeitig wurde jedoch beschlossen, den Vorstand des Brauerver bandes zu beauftragen, dieselben Forderungen, die s. Zt. an die Rheinische Brauerei gerichtet wurden, in einem Schreiben der Meyerschen Bier⸗ brauerei(Inhaber J. Geyl) zu unterbreiten. Die Antwort hierauf soll dem Gewerkschaftskartell überwiesen werden.

Vermischtes.

Amerikanisches. Die Amerikaner ver drießt es sehr, daß so manche reiche, unter dem Sternenbanner geborene Erbin sich von der schiff brüchigen jungen Aristokratie Europas bethören läßt und einen armen, aber hochgeborenen euro päischen Adeligen heiratet. Es sind schon allerhand Vorschläge aufgetaucht, um das zu verhindern Der neueste ist die Bill, die jetzt der Legislatur des Staates Newyork vorliegt. Nach dieser soll eine Steuer auf die Mitgift derjenigen Damen gelegt werden, die europälsche Adelige heiraten oder deren Mitgift aus den Einnahmen ihres amerikanischen Eigentums fließt. Zwei vom Hundert sollen von der Mitgift erhoben werden. Das auf diese Weise in die Staatskasse fließende Geld soll zur Grün dung von Handarbeitsschulen für Mädchen und zu Asylen für alte und gebrechliche Frauen verwandt werden. Der Antragsteller meint, daß dem Staat auf diese Weise zehn Millionen Dollars jährlich zu fließen werden.

Die Frau Finanzminister auf dem Ra- del. Ju den maßgebenden Kreisen von Newyork ist ein seltsamer Konflikt ausgebrochen: Präsident Cleveland ist mit dem Staalssekretär der Finanzen zerfallen, aber nicht wegen einer Finanz- Angelegenheit. und auch nicht wegen der Währungsfrage, sondern weil

er es recht verständlich gerügt hat, daß die Frau

des Finanzministers sich gewöhnt, inBloomers (Pluderhosen) das Stahlroß zu besteigen. Die obersten 400 nehmen an diesem Konflikt lebhaften Anteil.

Ein Klavier-Dauerspieler. In Cuneo so wird aus Venedig berichtet hat der Pianist Bancia am 30. März abends sein 46stündiges Dauerspiel, nachdem er drei Flügel zu Schanden gespielt, mit einerglänzenden Paraphrase des Wallkürenritts beendet. Bancia ruhte nur drei Mal je 10 Minuten, ihm wurde während des Spieles flüssige Nahrung, Eier und Kaffee einge⸗ führt. Er gewann eine Wette in der Höhe von 10000 Lire und will demnächst 60 Stunden spielen.

Die Wahrsagerin von Paris. In den letzten Wochen wurde in Paris ohne nähere Angaben Allerlei von einem jungen Bürgermädchen erzählt, das seine Umgebung und auch Fremde durch eine erstaunliche Prophetengabe verblüffe. Heute wird endlich Näheres bekannt. Im August des vorigen Jahres verfiel die 22jährige Tochter des Advokaten Couesdon, ein vollkom⸗ men gesundes und ruhiges Mädchen, beim Mittagessen plötzlich in kataleptischen Schlaf, der drei Stunden währte. Bei ihrem Erwachen erklärte sie, der Erzengel Gabriel sei ihr erschienen und habe ihr mitgetheilt, er werde fortan durch ihren Mund sprechen. Seitdem weissagt sie auf Befragen, wobei sie die Augen schließt und mit entschie⸗ dener, männlicher Stimme antwortet. In die Wirklichkeit zurückgerufen, erinnert sie sich an Nichts. Zumeist ver⸗ kündet sie das himmlische Strafgericht, das über Frankreich hereinbrechen werde, einen großen Krieg und Aehnliches. Um das Vertrauen der Fragesteller zu gewinnen, schickt sie jedoch Enthüllungen aus deren geheimen Vergangenheit voraus, welche die Zweifler oft mit Entsetzen erfüllen sollen, so unheimlich treffen die Worte zu. Seit einigen Tagen ist der Zulauf ein ungeh⸗urer. Unablässig melden sich Besucher, die der Ruf des Mädchens anlockt. Die Zeitungen bestätigen jetzt das Gerücht. Man denkt all⸗ gemein an ein reactionäres Manöver, doch wird dieser Verdacht durch den Umstand abgeschwächt, daß die Eltern des Mädchens reiche, hochgeachtete Leute sind.

Geistesgegenwart in fürchterlicher Si⸗ tuation. In der Zwirnfabrik von Boschau in Hernals bei Wien ereignete sich am 30. v. M. folgender Unfall: Der 22jährige Monteur Adolf Goulasch wurde beim Montiren einer neuen Maschine von einer Transmissions⸗ scheibe erfaßt und emporgerissen. Alle im Zimmer An⸗ wesenden waren entsetzf; die Frauen und Mädchen stoben laut schreiend auseinander, die Männer eilten gleichfalls zur Thüre und machten Anstalten, die Dampfmaschine zum Stillstand zu bringen und dadurch die Trans mission aufzuhalten. Alle hielten Goulasch für verloren. Dieser bewies indeß in dieser gräßlichen Situation, den drohen⸗ den Tod vor Augen, eine vielleicht beispiellose Geistes⸗ gegenwart; er hatte nämlich soviel Besinnung, kaum daß er auf der Scheibe lag, sich mit dem Rücken fest an den Rand zu pressen, und sich gleichzeitig mit den Ellenbogen

festklammernd und sich vor dem Niederfallen bewahrend. So drehte sich aber die Scheibe ein- um das anderemal um die Transmissionswelle mit rasender Schnelligkeit, etwa eine halbe Minute hindurch, wohl an die 120 Mal. Goulasch hielt sich aber während der kritischen Zeit am Rande fest und stieß nur einige Male den Ruf: Rettet mich, rettet mich, Kameraden! hervor und war dann wieder ganz stille. Man sah nur, wie er sich immer fester an die Scheibe und den Kopf an den Rand drückte, um nicht mit der Decke, an welcher er immer knapper mit der Stirne vorbeischoß, zu caramboliren. Endlich gelang es, die Dampfmaschine und dadurch auch die Scheibe zum Stillstand zu bringen. Goulasch lag noch

:

Wie Onkel Johnny zu seiner Frau kam. Erzählung von O. Sandor.

(Nachdruck verboten.)

Schon als Kinder hörten wir nichts lieber, als wenn Vater uns von Onkel Johnny und seinen ehemaligen Flegelstreichen erzählte. Ein durch triebener Bengel war er nach Vaters Schilderungen von den ersten paar Höschen an gewesen, und als er heraugewachsen, war vollends Hopfen und Malz an ihm verloren gewesen. Als ihn sein dritter Prinzipal aus der Lehre jagte, schickte ihn der Großvater(Onkel Johnny war nämlich Vaters jüngerer Bruder) nach Amerika, wo er nach mancherlei abenteuerlichen Irrfahrten sich in The Delles im Staate Oregon niedergelassen hatte und woselbst er noch heutzutage einen schwunghaften Handel mit Klavieren und Särgen, Herren-Gar deroben und Kolonialwaaren, kurz mit allen denk baren Artikeln betrieb, der ihn schon seit Jahren zu einem wohlhabenden Maun gemacht hatte.

Niemand interessirte sich mehr für Onkel Johnny als ich. Vielleicht rührte das von einer Art Wahl⸗ verwandtschast unserer Seelen her. Wenigstens pflegte Vater, wenn ich ein unter aller Kauone schlechtes Zeugnis nach Hause brachte oder Klagen über zerschlagene Fensterscheiben einliefen, jedesmal grimmig zu murmeln:Genau wie Johnny. 4 Onkel Johnny hatte schon mehrere Male ge⸗

schrieben, daß ich, falls ich Lust zum Auswandern

verspürte, nur getrost auf ihn zusteuern sollte; aber Vater wollte anfangs obwohl ich Feuer und Flamme für Onkel Johnny und Amerika war, nichts von diesem Plan wissen. Deshalb gab er mich nach meiner Konfirmation zu einem Material- waarenhäudler in die Lehre, in dessen Haus ich Lehrling, Hausknecht, Kommis, Dienst- und Kinder mädchen in einer Person war. Eines Tages sollte ich den Ladenfußboden scheuern, und da mein älterer Kollege und Leidensgenosse mich bei dieser Beschäf tigung hänselte, nahm ich den nassen Aufnehmer, um ihm einen Schleudrich an die Ohren zu ver setzen. Zum Unglück verfehlte der Haderlump sein Ziel und flog statt meinem Kollegen dem eben ein tretenden Prinzipal an den Kopf. Da ich auch bei der Frau Prinzipalin verschiedene Unthaten auf dem Kerbholz hatte, brachte dies Letzte die Bombe zum Platzen, und das Ende vom Liede war, daß ich aus der Lehre gejagt wurde.

Ganz der Johnny, rief Vater verzweiflungs voll, nachdem er mir handgreiflich seine Meinung zu verstehen gegeben hatte. Weil nun aber doch nichts Gescheites mit mir zu machen war, beschloß man endlich, meinem Wunsche zu willfahren und Amerika resp. Onkel Johnny mit meiner werten Person zu beglücken.

Nun, niemand hat Ursache gehabt, diesen Ent schluß zu bereuen, ich selbst am wenigsten.

Onkel Johnny, ein famoses altes Haus so um

die Fünfzig, aber noch stattlich und wohlkonserviert

mit amerikauischem Kopf und deutschem Herzen, empfing mich mit offenen Armen und gab mir Alles in Allem die Stelle eines Sohnes.

Schon nach wenigen Monaten war ich in alle Kniffe und Trics des amerikanischen Geschäftslebens eingeweiht und sah ebenso blasiert und gering schätzend auf die Einrichtungen deralten Welt herab wie Onkel Johnny selber.

Das Einzige, was mir an Onkel Johunh fehlte, war, daß er keine Frau besaß. Sein komfortables home wäre mir noch einmal so behaglich gewesen, hätte eine gemütliche, behäbige Tante darin geschaltet.

Du solltest heiraten, Onkel, sagte ich eines Tages.

Er nickte.Wäre nicht abgeneigt. Aber woher nehmen und nicht stehlen? Ich meine so Eine.. keine von den eingeborenen Gänsen hier zu Lande . kalkuliere, daß Du Dir später auch die Finger verbrennen wirst, Junge..

Onkel Johnny reflektierte also auf eine deutsche Frau, und da ihm solche nicht gerade über den Weg lief, blieb er lieber Junggeselle. Ich be dauerte das, wußte aber in diesem Fall keinen Aus⸗ weg, dem Uebel seiner Unbeweibtheit abzuhelfen.

Mit meinem dreiundzwanzigsten Jahre machte Onkel Johnny mich zum Teilhaber seines Geschäfts. Meine Verhältnisse gestatteten es mir nun, mir eine eigene hübsche Wohnung einzurichten, in der mir öfter der Gedanke kam, daß es auch für mich

nicht übel wäre, wenn ich eine junge, heitere, liebenswürdige Lebensgefährtin hätte. Und meine Ge danken schlugen in diesem Punkte immer eine be⸗ stimmte Richtung ein.

Kurz vor meiner Konfirmation war das Häuschen, dessen Garten an mein elterliches Besitz tum grenzte, an eine von auswärts zugezogene Dame mit ihrem Nichtchen verkauft worden. Die Dame lebte sehr zurückgezogen, machte und empfing keine Besuche und ging fast nie aus. Ich wenigstens hatte sie nie gesehen. Desto öfter sah ich die kleine Nichte, ein reizender blonder Käfer mit blauen Augen und einem süßen, weißen Gesichtchen, im Garten hantieren, bald Pflanzen begießend, bald Unkraut jätend oder Gemüse brechend.

Das kleine Mädchen gefiel mir schon damals ausnehmend gut. Von meinen Schwestern erfuhr ich, daß sie Riekchen Wallau heiße, und meine Mutter sprach oft darüber, wie nützlich sich die Kleine stets zu beschäftigen wisse, und daß dies Kind sich gewiß einst zu einem guten Hausfrauchen entwickeln würde.

Als ich Riekchen zum letzten Mal sah, trug sie bereits lange Kleider und ging in die Konfir⸗ mationsstunde. Ich hatte nie ein Wort mit ihr gesprochen; aber wenn ich an meine künftige Frau dachte, stand mir immer das Bild des lieblichen Mädchens vor Augen.

(Schluß folgt.)

an die Kanten anzudrücken, solcherart sich an die Scheibe