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Gießen, Sonntag, den 6. Dezember

Postztg. Nr. 3239 a. Telephou⸗Nr. 112.

Ausgabe

Gießen.

Postztg. Nr. 3239a. Telephon⸗Nr. 112.

Redaktion: 1 Kreuzplatz Nr. 4. 2

Erscheint täglich mit Ausnahme der Tage nach Sonn⸗ und Feiertagen. Preis der Anzeigen: 10 Pfg. für die Ispaltige Petitzeile.

Expedition: Kreuzplatz Nr. 4.

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dokales und Provinzielles.

* Gießen, 3. Dez. Welche Vorteile gewährt Invaliditäts⸗ und Alters versicherungs⸗ sesetz den Versicherten? 1) Invalidenrente. ges ist die Hauptsache des Gesetzes. So wird jedem wührt, der mindestens 235 Wochen Wartezeit erfüllt t und durch Krankheit außerstande ist, etwa ein Drittel ortsüblichen Tagelohnes des Beschäftigungsortes zu dienen. Die Wartezeit wird erfüllt durch Verwendung an Beitragsmarken auf Grund versicherungspflichtiger üͤschäftigung oder in geeigneten Fällen durch freiwillige krtsetzung oder Versicherung oder Selbstversicherung, ferner uch Krankheits⸗ und Militärdienstwochen. Die Erwerbs⸗ nfähigteit muß dauernd sein, d. h. keine Hoffnung auf liederherstellung in absehbarer Zeit geben oder vorüber⸗ chend und mindestens 1 Jahr lang gewährt haben. de Rente beginnt mit dem Tage, an welchem die Hoff⸗ ung auf Wiederherstellung in absehbarer Zeit geschwunden bezw. mit der 53. Woche nach Erwerbsunfähigkeit; i richtet sich lediglich nach Höhe und Anzahl der ge⸗ teten Beiträge und beträgt 111 bis 415, jährlich. 2) Altersrente erhält derjenige, welcher 70 Jahre t ist, für 18881890 mindestens 141 Beschäftigungs⸗ ochen nachweist und die Wartezeit erfüllt hat. Letztere chiet sich nach dem Geburtstag und beträgt höchstens 410 Wochen 30 Beitragsjahre. Die Höhe der ltersrente richtet sich nach der Höhe des Jahresverdienstes 1888 1890 und der Höhe der Lohnklasse, in welcher e Versicherung erfolgt ist; die Rente beträgt 106,80 bis 91,40 4 jährlich. Invaliden⸗ und Altersrenten werden le nebeneinander gewährt. Wenn ein Alters⸗ kuner invalid wird, so tritt auf Antrag die In⸗ saltdenrente an Stelle der Altersrente. Dies ist zur dann ein Gewinn, wenn die Invalidenrente höher ist is die Altersrente. 3) Die Witwe und die unter 15 Jahre alten vaterlosen Kinder erhalten die Hälfte

ö zer für den verstorbenen Ehemann, bezw. Vater geleisteten

beiträge zurück, wenn mindestens 135 Beitragswochen vor⸗ egen und keine Invalidenrente oder Altersrente gewährt Bar, sowie keine Unfallrente aus Anlaß des Todes ge⸗ en wird. 4) Weibliche Versicher te, die selraten, erhalten die Beitragshälfte zurück, wenn 235 beltragswochen vorliegen und der Antrag 3 Monate nach em Eheschluß gestellt wird. 5) Erkrankt ein Ver⸗ schherter dergestalt, daß zu befürchten ist, er werde in⸗ lalid werden und den Anspruch auf Invalidenrente er⸗ gen, so kann die Versicherungsanstalt das Heilver⸗ fahren übernehmen, wenn der Arzt bezeugt, daß dadurch ahrscheinlich die Invalidität abgewendet und die Er⸗ erbsfähigkeit hergestellt wird. Das Heilverfahren ge⸗ ht durch Entsendung in einen Badeort, Luftkurort,

bezlelle Heilanstalt, Hospital, Klinik, mediko⸗mechanisches Institut oder auf sonstige Weise. Der Versicherte hat sagegen zu leisten; Woche, in welcher er beschäftigt ist.

die Hälfte des Beitrages für jede Die andere Hälfte Fägt der Arbeitgeber. In der II. Lohnklasse zahlt z. B. b Arbeiter jährlich 2 5.20 Mk., für 235 Wochen: 23.50 Mk. Da nun Krankheits⸗ 15

90 Militärdienstwochen ebenfalls gleich einer Marke II. asse gelten, so kann sich der von ihm zu leistende 505 ar

keinen Vorteil von der Versicherung hat hauptsächlich nur derjenige, welcher vor Erfüllung der Wartezeit von 235 Wochen stirbt oder invalid wird. Es ist jedem Versiche⸗ rungspflichtigen dringend anzuraten, sich rechtzeitig für ordnungsmäßige, vollständige Versicherung zu sorgen und die erforderlichen Nachweise für Beschäftigung und Krank⸗ heit zu beschaffen. Für die Ausführung der Versicherung ist zwar der Arbeitgeber verantwortlich, es empfiehlt sich aber für den Arbeiter, dabei mitzuwirken.

* Gießen, 5. Dez. Die Einberufung der zweiten hessischen Kammer dürfte, wie derW. Ztg. geschrieben wird, erst im nächsten Jahre 0 9 Nach derselben Quelle macht der Abschluß des vorzulegenden Staats budgets diese Verzögerung nötig, wenn auch jetzt schon feststehen dürste, daß der preußische Land⸗ tag den Staatsvertrag mit Hessen und damit die Verstaatlichung der Hessischen Ludwigsbahn gut⸗ heißen wird. Eine hochwichtige Frage für das hessische Budget sei, ob das schon lange und viel⸗ besprochene Beamtengesetz mit damit berbundenen Gehaltserhöhungen schon demnächst zur Vorlage gelangen wird. Die dadurch entstehenden Mehr⸗ ausgaben sollen sehr beträchtlich und nicht weit von 1 Million Mark sein. Dazu kommen vom 1. April 1897 an die gesetzlich bereits festgelegten Gehaltserhöhungen für die Volksschullehrer mit einer jährlichen Mehrausgabe von ca. 380,000% Wenn, wie die Kammern und Gemeinden wollen, künftig auch die Kosten der obligatorischen Fort⸗ bildungsschulen auf die Staatskasse übernommen werden, so tritt eine weitere Jahresausgabe von 150,000/ hinzu. Diese Entlastung der Ge⸗ meindekassen wäre aber billig. Die vorgenannten Mehrausgaben werden vermutlich den größten Teil der höheren Einnahmen aufbrauchen, welche die Deklarationspflicht für die höheren Ein⸗ kommen von 2600 an seit 1. April 1896 der Stadtkasse, vorzugsweise aus den Städten ein⸗ bringt.

* Gießen, 5. Dezember. In Betreff der Wirkungen von Deklarationspflicht und Progression bei Veranlagung der Ein⸗ kommensteuer ist wiederholt in der Presse die Behauptung einer sehr erheblichen Mehreinnahme aufgestellt worden. Es wurde insbesondere ein Mehrbetrag von etwa 530000 Mark als der⸗ jenige bezeichnet, welcher nur als eine Folge der Selbsteinschätzung und der ver⸗ besserten Progesston für das Steuerjahr 1896/97 sich ergeben habe. Diese Angabe ist, wie dieDarmst. Ztg. meldet, irrig und führt zu Mißverständnissen und falschen Be⸗ urteilungen der eingetretenen Gesetzesänderungen und des Standes der Staatseinnahmen.

Für die laufende Budgetperiode 1894/95, 1895/96 und 1896/97) war der jährliche Er⸗ trag der sämtlichen direkten Steuern mit 9700 000.. eingestellt worden.

Bei dieser Feststellung gingen Regierung und

Stände im Anschluß an die Erträge früherer Budgetperioden von der Unterstellung aus, daß ganz unabhängig von einer Gesetzesänderung die durchschnittliche Zunahme des jährlichen Ergebnisses der sämtlichen direkten Steuern auf etwa 200 000 J. zu veranschlagen sei; es wurde für 1894/95 ein Ertrag von 9 500 000, für 1895/96 ein Ertrag von 9700000% und für 1896/97 ein solcher von 9000 000, und dem- nach im Durchschnitt 9700900 im Hauptvor⸗ anschlag für jedes Jahr vorgesehen. Ausweislich der im Regierungsblatt bekannt gemachten Steuerausschläge betrug nun derjenige für 1894/5 9 292 758 s 9 429 997 , eee 9 951 810 sonach der Ausschlag aller direkten Steuern für die drei⸗ jährige Finanzperiode 28 674 565 Nach dem Budget sind nach obigem für dieselbe Periode vorgesehen(3549700000) 29 109.000 Der Gesammt ausschlag (also das Einnahmesoll) hat hiernach ein Minus ergeben Dil Hiervon sind in den beiden ersten Jahren durch Nach träge gedeckt worden im Jahre 1894/95 147725 1895/96 201463

425 435

349 188 und verblieb ein Rest⸗Minus für dieses Jahr von. 76 247 A.

Dieser Betrag wird zwar durch die Steuer⸗ nachträge pro 1896/97 zweifellos gedeckt, es geht aber aus der vorstehenden Zusammenstellung zur Genüge hervor, daß von einem erheblichen lleberschuß des budgetmäßig vorgesehenen Er⸗ trags der direkten Steuern für die gesamte jetzt zu Ende gehende Budgetperiode nicht die Rede sein kann.

Die Einkommensteuer allein ergab in fünfzehn von 31 Steuerkommissariatsbezirken, also in der Hälfte derselben ein Minus gegen das Vorjahr (hauptsächlich infolge der Ha der Ein⸗ kommeunsteuerkapitalien der unteren Klassen) und in sechzehn Bezirken ein Plus.

Unter den letzteren sind diejenigen der größeren Städte, und ist der Mehrbetrag sogar fast aus⸗ schließlich den letzteren zu verdanken, deren Er⸗ träge diejenigen des Vorjahres erheblich über⸗ stiegen und hierdurch zugleich das Minus der Landbezirke aufwogen und den Minderertrag der beiden vorderen Jahre deckten.

Es betrug nämlich

1. das Plus an Einkommen⸗

steuer in 16 Steuerkom⸗

missariatsbezirken... 478 385 A.

2. das Minus in 15 zirlen 8 3 39822 Verbleibt ein Plus von 78563 Nahezu dieser ganze Mehrbetrag fällt auf die fünf größten Städte, nämlich l Mainz J 142 152% Darmstadt 88 877 Offenbach 96 206

Be⸗

19 Worms Gießen. 1 427 T7 7

Von dem Mehrertrag an Einkommensteuer des laufenden Jahres in dem vorstehend be⸗ zeichneten ziffermäßigen Betrag von 438 563, muß etwa ein Drittel als regelmäßige Steige⸗ rung, ein Betrag aber von etwa 280000% als Folge der Deklarationspflicht und hauptsächlich der Progression in den größeren Städten an⸗ gesehen werden. Von einem erheblichen Gesamt⸗ überschuß, wie solcher von manchen Seiten erwartet und behauptet worden ist, kann also zweifellos nicht gesprochen werden.

* Gießen, 5. Dez. Gestern Vormittag um 9 Uhr begann vor dem Schöffengericht die Verhandlung gegen den Obermeister Pirr wegen Beleidigung des Schlachthoftierarztes Dr. Liebe. Zahlreiche Personen aus Metzger⸗ und Viehhändlerkreisen bezeugten ihr In⸗ teresse für die vorliegende Sache, welche schon einmal ver⸗ handelt werden sollte, aber damals vertagt wurde. Der Obermeister der Fleischer⸗Innung, Metzgermeister Pirr, wird beschuldigt, in einer Innungsversammlung, in der auch ein Nichtinnungsmitglied anwesend war, im Februar d. J. in Bezug auf den Schlachthofstierarzt Dr. Liebe behauptet zu haben, dieser handhabe die Fleischbeschau partelisch, er verwerfe von den Tieren, welche bei der Kasse der Gießener Schlachtviehversicherung versichert würden, weniger, und nehme dagegen die Sache bei nicht⸗ versichertem Vieh strenger. Die Anklage wird diesesmal vom Amtsanwalt Brühl vertreten. Als Vertreter für den Nebenkläger Dr. Liebe ist Assessor Neuschäfer an⸗ wesend. Die Verteidigung des Pirr führt Rechtsanwalt Dr. Jung. Der Angeklagte bestreitet die fragliche Aeußerung, so wie sie ihm zur Last gelegt, gethan zu haben. Er habe in der fraglichen Innungsversammlung im Februar d. J. nur die Verhältnisse der Gießener Schlachtvieh⸗Versicherung erörtert, ihm stehe hierbei der § 19 schützend zur Seite, denn er habe zweifellos das Recht gehabt, diese Verhältnisse einer Kritik zu unterzieheu. Eventuell aber sei er bereit, die Wahrheit des von ihm Gesagten voll und ganz zu beweisen. Zeuge Kreis⸗ veterinärarzt Prof. Dr. Winkler erklärt, daß er in Streitfällen die höhere Instanz für die Beurteilung des Fleisches auf dem Schlachthofe sei. Er müsse sagen, daß er nie Anstände gegen Dr. Liebe gefunden habe. Der⸗ selbe sei ein äußerst gewissenhafter und pflichttreuer Be⸗ amter, der allerdings in Zeitungsartikeln wegen der von ihm geübten Fleischbeschau heftig angegriffen sei. Assessor Dr. Neuschäffer bittet diesen von Pirr verfaßten Artikel zu verlesen. Rechtsanwalt Jung protestiert gegen das Eingehen auf diesen Zeitungsartikel als zu der in Frage stehenden That in keiner Beziehung stehend. Amtsanwalt Brühl hält die Verlesung dieses Artikels für wichtig, um Schlußfolgerungen für die vorliegende Sache daraus

Mächte der Finsternis.

0

ö Roman von Helmuth Wolfhardt. (Nachdruck verboten.) (Fortsetzeng.)

Dieser Rodewald ist doch ein ausgemachter Sonderling, hatte der Beamte gesagt.Er ist der reichste Gutsbesitzer hier in unserer unmittel⸗ baren Umgebung. Aus einem Komplex ausgesogener Aecker und verwahrlostem Forst hat er Sandhofen zu einer vielgerühmten Musterwirtschaft gemacht, und jeder seiner adeligen Nachbarn würde sich's als eine Ehre anrechnen, mit ihm in Verkehr zu treten. Dabei führt der Mann in seinem weitläufigen Herrenhause das Leben eines Einsiedlers. Er macht so wenig einen Besuch, als er welche empfängt, und wenn er es durchaus nicht vermeiden kann, mit anderen Menschen in Berührung zu kommen, wie zum Beispiel heute Abend mit uns, so setzt er sich in eine Ecke und bleibt vollständig stumm. Man müßte es eigentlich als eine Beleidigung ansehen, ergänzte ein Anderer,denn wenn wir uns auch an Wohlhabenheit nicht mit dem Herrn Rodewald messen können, so ist er am Ende doch auch nichts Besseres als wir.

Der ältere Mann, welcher mit dem Ausdrucke des Mitleids die Geschichte des Packmeisters erzählt hatte, und welcher mit den Verhältnissen der Gegend 3 besten vertraut schien, schütlelte mißbilligend den Kopf.

ei thun dem Besitzer von Sandhofen schweres Unrecht, wenn Sie ihn für hochmütig halten, sagte

er.Er dünkt sich ebenso wenig etwas Besonderes, als er daran denkt, die Menschen zu hassen Ich weiß das aus eigener Erfahrung, denn ich muß ihn oft genug im Interesse der Ortsarmen in Anspruch

g i be bei ihm noch jederzeit offenes oe e 5 Das Meiste thut

Herz und offene Hand gefunden. er obendrein im Stillen,

ohne daß ein Anderer

etwas davon erfährt als Derjenige, welchem er seine Wohlthaten erweist. Daß er aber vereinsamt ist und sich scheu vor jeder Berührung mit der Welt zurückzieht, kann nicht gar zu sehr Wunder nehmen Es ist ihm in seiner Ehe noch schlimmer ergangen als dem Packmeister Milow. Jahrelang hat er seine von schwerer Krankheit befallene Frau mit auf⸗ opfernder Hingebung gepflegt, bis er sie endlich, als sich zu dem körperlichen Siechtume auch noch geizig gesellte, in eine Irrenanstalt bringen mußte. 3 Ich weiß nicht, ob die Unglückliche bereits von ihrem Leiden erlöst wurde oder ob sie sich noch immer am Leben be⸗ findet, denn Rodewald selber spricht niemals von ihr oder von seiner Tochter.

Von seiner Tochter? fragten mehrere zugleich. Man hat ja gar nichts davon gehört, daß er auch eine Tochter habe.

Aber es ist so, fuhr der vorige Sprecher mit behutsam gedämpfter Stimme fort.Sie dürfen mirs schon glauben! Ich habe das Kind bis zu seinem fünften oder sechsten Lebensjahre gekannt und habe gesehen, mit wie abgöttischer Zärtlichkeit Rode⸗ wald an ihm hing. Dann aber es mögen wohl zehn Jahre seitdem vergangen ein stellten sich eines Tages bei der kleinen Hertha die ersten drohenden Vorzeichen derselben fürchterlichen Krank⸗ heit ein, an der die unglückliche Mutter seit der Geburt ihres einzigen Kindes litt. Damals sah ich den stillen und ernsten Mann bei einem Besuche auf Sandhofen in der wildesten Verzweiflung, und wie lange Zeit auch seitdem verstrichen ist, muß ich mich jenen erschütternden Anblickes doch immer noch erinnern, so oft ich ihm begegne. Er reiste dann mit seinem gefährdeten Liebling zu den ersten und berühmtesten ärztlichen Autoritäten, obwohl er da⸗ mals noch keineswegs der reiche Mann war, für welchen er heute gilt. Nach Verlauf eines Viertel⸗ jahres kam er zurück, tief gebeugt und allein!

Man hatte ihm gesagt, daß die einzige Hoffnung, Hertha vor dem Schicksal ihrer Mutter zu be wahren, in einem längeren, vielleicht mehrjährigen Aufenthalte im Süden unter der ständigen Obhut eines geschickten und sorgsamen Arztes zu erblicken sei. Ich bin gewiß, daß ihm der Gedanke an diese Trennung beinahe das Herz gebrochen hat, aber er hatte sich um des Kindes willen dennoch in dieselbe gefügt. Ich habe ihn später hier und da nach dem Ergehen seiner Tochter gefragt und erfahren, daß sie noch immer nicht stark genug sei, um in das rauhe Klima des Nordens zurückzukehren; aber es bereitete ihm unverkennbar jedesmal so viel Herze⸗ leid, von dem armen Kinde sprechen zu müssen, daß ich seit Langem auf alle weiteren Erkundigungen verzichtet habe. Sie sehen, meine Herren, daß Rodewald nach solchen Schicksalsschlägen weder ein hochmütiger Narr, noch ein hartherziger Menschen⸗ feind zu sein braucht, um kein sonderliches Gefallen an lustiger Gesellschaft und an gleichgiltigen Ge sprächen zu finden.

Es schien in der That, als ob die Zuhörer dies jetzt einsähen, denn Niemand fand sich veranlaßt, dem Erzähler zu widersprechen, und eine längere Stille folgte seinen Worten. Gleichsam, um die etwas bedrückende Wirkung derselben aufzuheben und der Unterhaltung eine minder ernste Wendung zu geben, sagte der Bahnhofsinspektor, indem er nun eben⸗ falls einen Blick auf die Wanduhr warf:

Der gemischte Zug hätte bereits vor zwanzig Minuten einlaufen sollen, und nun ist noch nicht einmal seine Abfahrt von Steinfelden signalisiert.

Fast die nämlichen Worte richtete in demselben Augenblick der Gutsbesitzer Rodewald an den dienst⸗ thuenden Stationsassistenten, welcher draußen auf dem regennassen Bahnsteige zu ihm getreten war.

Ja, es ist eine fast unbegreifliche Verspätung,

trüben Lichte der im Winde flackernden Laterne auf fallend ernst erschien.Erwarten Sie Jemand mit diesem Zuge, Herr Rodewald?

Mit merklichem Zögern nur wurde die Antwort gegeben.

Ja, ich erwarte meine Tochter, die nach zehn⸗ jähriger Abwesenheit aus dem Süden zurückkehrt.

Der Beamte vermied es, ihn anzusehen, und blickte angelegentlich in die nächtliche Finster nis hinaus, nach jener Richtung, aus welcher der fällige Zug hätte kommen müssen.

Eine unbegreifliche Verspätung, wiederholte er langsam,und hoffentlich nichts anderes als eine Verspätung..

Eine heftig zitternde Hand ergriff seinen Arm.

Was wollen Sie damit sagen, Herr Thomas? kam es hastig und heiser wie im höchsten Entsetzen von Rodewalds Lippen.Sie glauben doch nicht, daß dem Zuge ein ein Unglück widerfabren sei?

Ich habe bis jetzt keine dahin gehende Meldung erhalten, und ich bitte Sie, meine Worte nicht schlimmer zu deuten, als sie gemeint waren. Nur eine entfernte Möglichkeit ist es, an die ich dachte, und selbst, wenn irgend ein Unfall vorgekommen wäre, brauchte er ja noch keineswegs die Reisenden gefährdet zu haben.

Rodewald umklammerte mit beiden Händen den Elfenbeingriff des Stockes, auf den er sich stützte. Seine Brust arbeitete ungestüm, wie wenn er müh⸗ sam nach Atem ringen müsse.

Sie würden nicht so zu mir sprechen, Herr Thomas, sagte er endlich,wenn es sich wirklich um nichts anderes als um eine fernliegende Mög⸗ lichkeit handelte. Aber ich beschwöre Sie, mir Alles mitzuteilen, was Sie von dem Schicksal des Zuges und von den Ursachen dieser Verspätung wissen.

(Fortsetzung folgt.)

erwiderte ihm der Beamte, dessen Gesicht unter dem