Ausgabe 
6.12.1896
 
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zu ziehen. Es wird darauf konstatiert, daß der vom Zeugen Winkler erwähnte Artikel mit dem Namen des Angeklagten unterzeichnet in derDeutschen Fleischerzeitung erschienen ist. In diesem Artikel, dessen Autorschaft Pirr zu⸗ giebt, wird der Schlachthofstierarzt Dr. Liebe maßlos angegriffen und zwar wegen eines angeblich tuberkulosen Ochsen. Prof. Winkler erklärt, daß ihm dieser Fall bekannt und daß es unwahr sei, daß jenes Stück Vieh Tuberkeln gehabt habe. Prof. Winkler bleibt als Sach⸗ verständiger während der Verhandlung im Saale an⸗ wesend. Als zweiter Zeuge wird der Schlachthausver⸗ walter Möhl vernommen. Dieser erklärt, die Fleisch⸗ beschau werde im städtischen Schlachthaus gewissenhaft vorgenommen, es werde ein Stück Vieh so behandelt wie das andere, ohne Rücksicht, ob dasselbe bei der Gießener Schlachtviehversicherung versichert sei oder nicht. Im Gegenteil seien ihm Fälle bekannt, wo bei der Kasse versichertes Vieh viel strenger kontrolliert worden sei als anderes, nicht versichertes. Der Zeuge Möhl glaubt, daß kein prozentualer Unterschied zwischen den beanstan⸗ deten Schweinen, die versichert waren, und denen, die unver⸗ sichert waren, vorhanden sei. Nach einer vom Zeugen vorgelegten Berechnung waren für einen bestimmten Zeit⸗ raum von 8960 versicherten Schweinen 145 Stück, von 2427 nicht versicherten Tieran 35 Stück beanstandet, so daß von einem Mißverhältnis nicht die Rede sein könne. Verwalter Möhl giebt nun weiter an, wie mit Ge⸗ nehmigung der städtischen Behörde Dr. Liebe als tech⸗ nischer Beirat, er(Zeuge) als Rechner für die Gießener Viehversicherung thätig sei. Ein Gehalt bezöge er für diese Thätigkeit nicht, wohl aber erhielte seine Familie Geschenke und Gratifikationen dafür, denn seine Frau unterstütze ihn sehr bei den Arbeiten für die Kasse. Von diesen Geschenken sei die Bürgermeisterei unterrichtet und die Annahme derselben mit deren Genehmigung geschehen. Möhl stellt es entschieden in Abrede, daß je von ihm oder in seinem Beisein von Dr. Liebe auf irgend jemand ein Druck ausgeübt sei, sein Vieh zu versichern. Metzgermeister Julius Rosenbaum, Mitglied der Gießener Viehversicherung, erklärt, im Februar d. J. als Mitglied der Fleischer⸗Innung von dem Obermeister Pirr in eine Versammlung geladen zu sein, wo die heute in Frage kommende Aeußerung gefallen sei. Es habe sich um die Schlichtung von Differenzen zwischen den Mit- gliedern der Innung gehandelt. Obermeister Pirr habe bei dieser Gelegenheit über die Schlachtviehversicherung von deren Gründung an referiert, er habe deren Thun und Lassen besprochen, wobei er die Aeußerung gethan: Es ist keine Kunst, die Kasse zu gründen. Die Schweinehänd⸗ ler sind gegen ihren Willen gezwungen worden, zu versichern. Früher(ehe dieselben ihr Vieh versicherten) waren es vom Hundert 13 Schweine, die verworfen wurden, und seitdem dieselben versichern, fallen nur noch 3 aufs Hundert. Hierin hat der Zeuge eine Beleidigung des Fleisch⸗ beschauers Liebe erblickt und dies auch dem Obermeister sofort erklärt, ihm aber versichert, er werde nicht hingehen und ihn bei Dr. Liebe denunzieren. Pirr stellt in Abrede, daß die Aeußerung so gelautet, wie Rosenbaum behauptet. Er habe gesagt was man nicht auf direktem Wege erreichen könne, läßt sich indirekt erwirken. Zeuge Rosenbaum erinnert sich dieser Redewendung nicht mehr. Schluß folgt.) Gießen, 5. Dez. Der erste Vortrags⸗ abend in der Gesellschaft für Erd- und Völkerkunde fand gestern von Uhr ab im großen Saale des GasthofsZum Einhorn statt, in dem sich eine außerordentlich zahlreiche Zuhöxrerschaft eingefunden hatte. Vor Beginn des Vortrages begrüßte der Vorsitzende die Er⸗ beten und legte nochmals in kurzen Worten en Zweck der Gesellschaft dar, die bis jetzt eine Mitgliederzahl von 193 aufzuweisen habe. Weiter wurde bekannt gegeben, daß an jedem zweiten Montag im Monat sog. Referier⸗ abende abgehalten werden, in denen Referate einschlägigen Inhaltes aus dem Kreise der Mit⸗ glieder gehört werden und zu welchem auch nur Mitglieder Zutritt haben. Betreffs einer An⸗ regung nach, welcher für die jüngeren Kaufleute eine Vergünstigung bei Besuch der Vortrags⸗ abende gewünscht wird, steht der Beschluß des Vorstandes noch aus. Der Vorsitzende begrüßte sodann den Redner des Abends, Wirkl. Geh. Admiralitätsrat Prof. Dr. Georg Neumayer, Direktor der deutschen Seewarte in Hamburg, dessen VortragUeber die Südpolarfrage wir kurz skizzieren: Der Südpolarfrage liegen nicht allein ideale, sondern auch praktische Ziele zugrunde. Seit 50 Jahren ist zur Erforschung des Südpols leider nichts geschehen, und auch in einem Teile des Publikums glaubt man nicht, daß diese Frage eine so große Bedeutung habe. Nur der Wissenschaftler hat die Aufgabe, diese Frage immer wieder vorzubringen, damit dieselbe in den Wogen der wissenschaftlichen Bestrebungen nicht untergeht. Vor 40 Jahren wurde vom Redner zu Melbourne ein Observatorium ge⸗ gründet, das lediglich dem Zweck dienen sollte, eine Basis für die Erforschung des hohen Südens zu 5 Schon das im Jahre 1837/38 erschienene Werk überDie Theorie des Erdmagne⸗ tismus hing mit der Südpolarfrage zusammen. Man gründete damals Observatorien auf dem Kap der guten Hoffnung, auf Vandiemensland, auf Helena, um die Phänomene des Erdmagne⸗ tismus zu beobachten. Von diesen Observatorien aus wurden dann Expeditionen, darunter zwei im Jahre 1838/43, von Melbourne aus nach der Südpolarzone unternommen. Aber so viel Resultate die Expeditionen auch heim brachten, vor allem blieb die Frage, ob man es im Kerne des Pols mit kontinentalen Massen zu thun habe, ungelöst. Auch heute schwebt diese Frage noch im Dunkeln. Es ist daher unmöglich, auf dem Gebiete des Erdmagnetismus weitere Fort⸗ schritte zu machen, so lange es noch nicht ge⸗ lungen ist, in den hohen Süden vorzudringen. Man hat sich vergeblich bemüht, im hohen Süden Beobachtungsstationen qu errichten und hat bis jetzt nur bis zum 57. Grad südlicher Breite vordringen können, trotzdem vom Sommer 1882 bis dahin 1883 nicht weniger als 14 Expe⸗ ditionen unternommen wurden. Die gemachten Beobachtungen genügen nicht, um etwas Ersprieß⸗ liches zu leisten. Ueber die Klimatologie des Erdballes können keine vollständigen Ergebnisse geliefert werden, wenn große Gebiete wie das⸗ jenige der Südpolargegeud fehlen, da keine

Beobachtungen daselbst gemacht sind. Durch Observatorien ist dies zu erreichen. Man hat nur eine geringe Klarheit über gewisse Phänomene, Depression, Strömungen der Luft und des Wassers, obgleich ein ausreichenderes Wissen über diese Dinge im Interesse des Handels und Verkehrs notwendig wäre. Die Südgrenze aller Erdphänomene ist noch nicht bestimmt. Auch die Bestimmungen über die Schwerkraft der Erde sind nur vereinzelt gemacht worden. Es ist wichtig, die Figur der Erde, die Abplattungen an den Polen zu kennen. Das vorhandene Material ist dürftig. Man erkennt immer mehr, daß es keine wissen⸗ schaftliche Frage der Gegenwart giebt, die mehr Bedeutung hat, als die Südpolarfrage. Auch die geographische Kenntnis der Südpolarzone ist noch Stückwerk. Man schließt aus den in Eis⸗ stücken vorgefundenen Fragmenten, daß kontinen tale Gebirge vorhanden sind, ebenso können Län⸗ dergruppen, von Wasser umspült, vorhanden sein. Die britische geographische Gesellschaft ist gegen⸗ wärtig beschäftigt, eine Expedition auszurüsten, welche im nächsten Jahre zur Erforschung der Südpolarzonen ausgesandt werden soll. Doch auch die deutsche Nation muß sich an der Lösung der Frage beteiligen. Der Kernpunkt der Frage ist aus deutschem Geist entsprungen. Von ganz besonderer Bedeutung ist diese Frage für die maritime e e Nichts stählt den see⸗ männifchen Geist mehr als die Fahrt nach den Polen. Die praktische Bedeutung ist die, die Beeinflussung des Verkehrs durch die Störungen des Wassers und der Luft zu ergründen, denn vom Wesen des Erdmagnetismus weiß man noch nichts. Die Erforschung des Südpols ist eine große Aufgabe, die zu erledigen eine Pflicht der Kulturvölker ist.

Gießen, 5. Dezember.(Stadttheater). Wir machen auf die morgige Aufführung des LustspielsRenaissance von Schönthan und Koppel⸗Ellfeld hierdurch ganz besonders auf merksam. Im Berliner Theater hat das Stück im Sturm die Gunst des Publikums errungen und wurde bisher stets vor ausverkauftem Hause gegeben. Auch der Kaiser und die Kaiserin, die jüngst einer Aufführung desselben beiwohnten, sprachen ihre höchste Befriedigung sowohl über den Inhalt des Stückes als dessen Aufführung aus. Es ist entschieden eins der schönsten Stücke, die Schönthan geschrieben hat.

* Gießen, 5. Dezember.(Stadttheater.) Die gestrige Aufführung desKleinen Lord fand bei recht gut besetztem Hause statt. Käthe Basté erntete auch hier den gewohnten Beifall in überreichlichem Maße. Der gute Ruf, welcher der Künstlerin vorausgeeilt war, hat glänzende Bestätiguug gefunden. Aber auch die heimischen Kräfte unseres Theaters boten ihr Bestes. Be⸗ sonders gut waren Herr und Frau Helm als Hobbs resp. Mistreß Errol und Herr Peickner als Graf Dorincourt. Anerkennenswert war auch die Leistung des Fräulein Ella Dellmar. Die übrigen Mitwirkenden fanden sich mit ihren kleinen Rollen recht gut ab. Der gestrige Abend war ein wahrhaft genußreicher. Es steht wohl außer allem Zweifel, daß am kommenden Montag das Haus ausverkauft sein wird. Frl. Basté tritt bekanntlich an jenem Tage in Halbes Jugend auf.

Gießen, 5. Dez. Der Arbeits nachweis der Stadt Gießen hat im ersten Monat seines Bestehens, dem Monat November, eine verhältnis⸗ mäßig rege Inanspruchnahme erfahren u. man darf wohl erwarten, daß in Zukunft, wenn die Bevölkerung sich mehr an die neue Einrichtung gewöhnt hat, die Dienste dieser städtischen Arbeitsvermittelungs⸗ stelle noch häufiger in Anspruch genommen werden. Seitens der Arbeitgeber gingen 89 Gesuche ein, und zwar wurden 23 gewerbliche Arbeiter(darunter 12 Lehrlinge), 30 ungelernte Arbeiter und 36 weibliche Personen gesucht. Dem Angebot standen 114 Anfragen nach Ar⸗ beit gegenüber; von dieser Zahl entfallen auf die gewerblichen Arbeiter 33, auf ungelernte Ar⸗ beiter 63, und auf weibliche Arbeitskräfte 18 Gesuche. Während seitens der Herrschaften 33 Dienstmädchen gesucht wurden, haben nur 12 Dienstmädchen ihre Arbeit angeboten; vorerst noch scheinen die letzteren zum größten Teil die Dienste der Gesindevermieterinnen, welche sich für jede Vermittelung eine nicht unbedeutende Ver⸗ gütung bezahlen lassen, der kostenlosen Stellen vermittelung durch den Arbeitsnachweis vorzu⸗ ziehen. In 32 Fällen erhielt der Nachweis die Mitteilung, daß durch ihn Stellen besetzt worden sind. Es ist jedoch anzunehmen, daß durch die Thätigkeit des Arbeitsnachweises eine noch größere Zahl von Stellen vermittelt wurde, ohne daß demselben eine diesbezügliche Mitteilung zu⸗ gegangen ist. Im Interesse eines guten Ge⸗ schäftsganges ist es aber unbedingt nötig, daß Arbeitgeber und Arbeitnehmer, welche den Nach weis in Anspruch nehmen, sofort demselben unter Bezugnahme auf den Tag der Anfrage Kenntnis geben, sobald sie, sei es durch den Nachweis, sei es ohne denselben die erforderten Arbeitskräfte oder die gesuchte Arbeit erlangen.

85 Gießen, 5. Dez. Im Monat Oktober 1896 haben sich im Vergleich zum selben Monat des Vorjahres bei den Oberhessischen Hauptbahnen im Personen verkehr Mehr⸗ einnahmen von ca. 6,07 pCt., im Güter⸗ verkehr dagegen Mindereinnahmen von ca. 4,58 pt. ergeben. Im letzteren Verkehr sind hauptsächlich Ausfälle bei Transporten von Zuckerrüben, Braunkohlen und Briketts, Steinen und Erzen zu ver⸗ zeichnen. Hinsichtlich der Nebenbahnen ist nur der Ausfall im Personenverkehr der Strecke Stockheim⸗Gedern auffällig, der indessen lediglich aus einer Verschiebung des Ortenberger Marktes in den Monat November herrührt.

lesen wir: Eine wahre Parforcejagd wurde gestern gegen Abend durch verschiedene Straßen auf einen Soldaten des 116. Infanterie⸗ Regiments von Gießen gemacht. Derselbe fand das Soldatenleben unschön und kam ohne Urlaub hierher. Die Schutzmannschaft hatte Weisung, denselben zu arretieren.

Gießen, 5. Dezember. Oeffnet die Fenster! In der kalten Jahreszeit sieht man wieder häufig, daß in vielen Wohnungen die Fenster ängstlich zugehalten und vielfach den ganzen Winter über nicht geöffnet werden. Be⸗ tritt man ein solches ungelüftetes Zimmer, so strömt uns eine widerliche Luft entgegen, die das Atmen in der ersten Zeit fast unmöglich macht. Die Annahme, daß man bei geschlossenen Fenstern und Thüren eine wärmere Stube be⸗ kommt und dadurch an Brennmaterial spart, ist eine ganz irrige, denn reine Luft erwärmt sich viel leichter als unreine. Jede Wohnung muß täglich einigemale gelüftet werden, ganz speziell wenn sich Kinder darin aufhalten. Um ein Zimmer mit frischer Luft zu versehen, genügt übrigens im Winter eine Spalte des geöffneten Fensters. Viele Krankheiten, vor allem die lästigen Kopfschmerzen ꝛc., lassen sich dadurch vermeiden.

Vermischtes.

Schiffsuntergang. Nachdem der Kapitän Vanselow mit der Mannschaft der Danziger Bark George Linck in Danzig eingetroffen ist, liegen auch über den Untergang des Schiffes nähere Nachrichten vor. Die Mannschaft des Schiffes hat Leiden zu erdulden ge⸗ habt, wie sie wohl selten vorkommen. Am 20. Sep⸗ tember ging das Schiff von Quebec mit einer Ladung Holz nach London in See; vom 24. September an be⸗ gannen bereits die Drangsale, die einen vollen Monat währen sollten. An dem genannten Tage geriet das Schiff in schwere See, welche die Schanzkleidung zum Teil losschlug. Die Ladung scheint durch das Schlingern und Stoßen in Bewegung geraten zu sein und an der untersten Ladeluke eine Beschädigung veranlaßt zu haben. Die Mannschaft konnte nicht zu dem Leck kommen; man setzte nun die Windmühlen⸗ und andere Pumpen in Bewegung, die, da die Stürme nicht nachließen, fast unausgesetzt in Bewegung gehalten werden mußten. Trotzdem nahm das Wasser im Schiffe nicht ab, sondern stieg immer mehr. Man sah sich veranlaßt, die Deckslast über Bord zu werfen und zu diesem Zwecke die Reeling zu rasiren. Am 15. Oktober stand das Wasser bereits 89 Fuß; an diesem Tage wurde beim Ueberbordwerfen der Ladung ein Matrose schwer verletzt. Am 18. Oktober versagte die Windmühlenpumpe, und von nun an mußte die Mann⸗ schaft allein die Pumpen bedienen. Das Wasser nahm immer mehr zu und stand am 23. Oktober bereits zirka 12 Fuß. Am Tage darauf versammelte Kapitän Van⸗ selow, nachdem zwei Schiffe in Sicht gekommen waren, seine Mannschaft und beratschlagte über die weiteren Schritte. Die total erschöpften Leute weigerten sich, die Pumpen weiter zu bedieuen und blieben nach dreimaliger Aufforderung dabei, so daß nun das Notsignal gesetzt wurde. In dieser kurzen Zeit, während welcher die Pumpen nicht im Betrieb waren, stieg das Wasser auf 13½ Fuß. Von einem Viermaster, dem Schiffe General Gordon aus Liverpool, wurde ein Boot an Bord desGeorge Linck entsandt. Dem englischen Steuermann erklärte Herr Vanselow, er müsse das Schiff verlassen, in dem etwa 15 Fuß Wasser ständen und das binnen Kurzem volllaufen müßte. Man schaffte die Effekten, den Proviant usw. an Bord desGeneral Gordon. Als dies geschehen war, wurde noch einmal das Wasser im Raum gemessen und 18½ Fuß gefunden. Hierauf legte, damit das Wrack nicht eine Gefahr für die Schiff⸗ fahrt würde, der englische Steuermann Feuer in der Kajüte an, das sich bald über das Schiff fortpflanzte. Die Danziger Mannschaft rühmt die freundliche und ent⸗ gegenkommende Aufnahme auf dem englischen Schiffe.

Ueber die Ausdehnung der Morphium⸗ sucht in Paris hat zunächst ein Pariser Arzt bemerkens⸗ werte Angaben gemacht. Auf Grund von Mitteilungen einzelner Apotheker und Aerzte kann die Zahl der in Paris lebenden Morphiumsüchtigen auf mindestens 50 000 veranschlagt werden. Die Mehrheit davon, mindestens 30000, gehört dem weiblichen Geschlechte an. Ein ebenso auffallendes als lehrreiches Ergebnis bietet die Zusammen⸗ stellung mehrerer hundert Fälle vou Morphiumsucht nach den Berufen. Da kommen zunächst die Aerzte mit ihren Frauen, die fast ein Drittel der Kranken ausmachen, die zweitstärkste Ziffer weisen die Offiziere auf, denen sich dann die Apotheker anreihen. Ungewöhnlich viel Mor⸗ phiumsüchtige findet man unter den Handwerkern und Tagelöhnern, weniger heimgesucht von diesem Laster sind der Künstler⸗ und Schriftstellerstand. Die seltsame Er⸗ scheinung, daß gerade die Aerzte, welche die unheilvollen Folgen der Morphiumsucht am besten kennen, den größten Teil des Heeres der Morphiumsüchtigen bilden, kann nur damit erklärt werden, daß sie infolge ihres so häufig un⸗ dankbaren und aufreibenden Berufs am leichtesten in die Versuchung geraten, in dem Morphiumrausche ihre Müh⸗ sale zu vergessen. Das Schlimmste dabei ist, daß der morphiumsüchtige Arzt einen unwiderstehlichen Hang hat, für seine Leidenschaft Propaganda zu machen, daß er diese erst in seiner Familie und dann unter seinen Kranken verbreitet. In ähnlicher Weise tragen auch die Apotheker an dem Ueberhandnehmen des Morphiumlasters Schuld, da sie teils aus Gewinnsucht, teils aus einer gewissen Sympathie für die diesem Laster fröhnenden Kunden, den strengsten Vorschriften zum Trotz, das Gift oft sogar ohne jedes Rezept verabfolgen. So wurde vor Kurzem ein Pariser Apotheker zu einer Geldstrafe verurteilt, weil er einer reichen Dame innerhalb weniger Monate ohne ärzt⸗ liche Verordnung eine große Menge Morphium verkauft hatte. Ebenso leicht, wie es den Morphiumsüchtigen ge⸗ macht wird, sich das verderbenbringende Gift zu ver⸗ schaffen, können sie auch in den Besitz der erforderlichen Pravazschen Spritze gelangen; denn nicht nur der Er⸗ zeuger chirurgischer Instrumente, sondern auch andere In⸗ dustrielle haben sich auf ihre Herstellung verlegt. In Paris giebt es Juweliere und Goldschmiede, deren Haupt⸗ geschäftszweig die Herstellung eleganter Pravazscher Spritzen ist. Sie verkaufen Schirmgriffe, Fächer, Riech⸗ fläschchen, ja selbst Bucheinbände, die nichts anderes sind, als ein Versteck für das zierliche und doch so schlimme Gefahren bringende Instrument.

Im fernen Westen Amerikas spielt bei Prozessen außer der advokatischen Beredtsamkeit oft auch So wird jetzt aus Spokane im

der Revolver eine Rolle.

* Gießen, 5. Dez. ImOffenb. Abendbl. Territorium Washington gemeldet: Ein Prozeß,

der ganzen Pacific⸗Küste und namentlich 119 Kreisen Aufsehen erregte, ist hier nach langw

handlung zum Abschluß gekommen, und nur eine 1 Stunde bedurfte die Jury, um sich auf einen fre

den Urteilsspruch zu einigen. Henry Seiffert, e Rechtsanwalt, hatte am 31. Juli d. J. im bieten

richtsgebäude den Advokaten und Politiker L. e. dun nach kurzem Streite erschossen und sich darauf dem Sherß; 0

des Nachlasses des reichen Brauers Rudolph Cad, 5 Eu

gestellt. Seiffert war dem Nachlaßrichter als

kurz zuvor gestorben war, empfohlen worden. hatte sich ein Jahr vorher mit einer Varietäten⸗Kün verheiratet, die Ehe war aber unglücklich verlaufen m f Garkow hatte auf Scheidung geklagt und in 0 Testamente der Frau nur einen Dollar ausgeworfen Ehe die Klage verhandelt werden konnte, trat der dazwischen. Frau Garkow focht das Testament an un! engagierte Platter als Anwalt. Dieser opponierte Seiffert Ernennung und machte dabei einige Bemerkungen, die 585 Angegriffene als ehrenrührig auffaßte. Nach der Ver. handlung bot Seiffert Platter, mit dem er bis dahit befreundet war, die Hand und erbot sich, ihm sein Unren nachzuweisen. Platter versetzte als Antwort Sesffert nl dem Stock einen Hieb, worauf der nochmals Bel 1 seinen Revolver zog und, trotzdem mehrere Advokaten dies zu verhindern suchten, den Menschen erschoß. Die Wer

handlung des Prozesses war eine sehr aufregende. Alz der Urteilsspruch verkündet wurde, sank Frau Seiffen ihrem Gatten weinend um den Hals. Die ganze Be⸗ völkerung billigt das Verdikt.

Standesamtliche Nachrichten.

Geburten. Am 25. November. Dem Kaufmann Wolf Werthe eine Tochter, Martha. 25. Dem Schneider Hei Heinze ein Sohn, Gustav. Am 27. November. Den Vorarbeiter Heinrich Kaspar Müller ein Sohn. N Dem Gemüsehändler Bernhard Schmitt eine Tochter, Emma Elise Anna. Am 28. November. Dem ilfe bremser Adam Zinn eine Tochter. 28. Dem. Wiegand Wagner ein Sohn, Ferdinand Christian

mann. Am 29. November. Dem Tagelöhner Rola Port eine totgeborenes Kind, weiblichen Geschlechts. Aufgebote.

Am 27. November. Theodor Karl Ludwig Johgm Frutig, Zahnarzt dahier, mit Elsbeth Agnes Mach Dreßler zu Leipzig. Am 30. November. Seydel, Gärtner dahier, mit Johannette Bellersheim g Wetzlar. Am 1. Dezember. Heinrich Oestreich, Fuh mann dahier, mit Christine Lippert hierselbst. 1. Karl Jakob Hermann Finger, Privatdozent dahier, Karoline Marie Luise Weiffenbach hierselbst. 1. Rudolph Wilhelm Georg Friedrich Koch, Zahnarzt de ji mit Klara Emilie Florentine Krauße hierselbst. 9 3. November. Heinrich Jakob Schmitt, Schlosser.

Gießen, mit Katharine Elise Eich bierselbst. 3. Alb

Neubürger, Kaufmann dahier, mit Ida Nußbaum hie selbst. Am 4. Dezember. Heinrich Kratz, Statlons

Assistent dahier, mit Katharine Karoline Ernstine Wilh.

mine Anna Marie Rapp zu Nieder-Gemünden.

Markus Bauer, Kaufmann dahier, mit Sophie Baer

hierselbst. Eheschließungen.* Am 28. November. Wilhelm Petri, Maschinenarbell dahier, mit Clisabeth Johanna Katharine hierselbst. 28. Heinrich Knorr, Metzger dahler, Luise Christiane Schmidt hierselbst. 28. Philipp

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dehnen vol Ju 100

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Fuhrmann dahier, mit Katharine Susanna Auguste Mol 1

hierselbst.

Sterbefälle. 1

Am 27. November. Marie Katharine Hedwig Dauer heim, geb. Stohr, 74 Jahre alt, dahier, Witwe 99 Hauptkassebuchhalter Wilhelm Dauernheim. 27. Geht Mufang, 35 Jahre alt, von Ilbenstadt. Am 20 November. Karl Wagner, 8 Monate alt, Sohn 99 Fuhrmann Johann Wagner dahier. Am 30. Noh Georg Heinrich Schomber, 74 Jahre alt, Rentner dah l 30. Lützellinden. Am 1. Dezember. Jahre alt, von Niederdiefenbach.

Neueste Telegramme.

Hd. Hamburg, 5. Dezember. Haltung der Streikenden fortgesetzt ruhig. Trotz der Prol mation des Generalstreiks ist im Haf⸗ der Verkehr wenig schwächer, als

den Tagen vorher. Nur die Quais sind

vollständig verödet. Heute Vormittag

fanden 10 von der Streik⸗Kommission

angesetzte Versammlungen der Aus ständigen statt. Von Seiten der Ar beitgeber ist nicht die geringste Nachgiebigkeit zu erwarten. Deshalb sind die Aufrufe und Flugblätter der Arbeiter in

scharfer Sprache gehalten und an

heftigen Ausfällen reich.

Hd. Bombay, 5. Dezember. Die in der

europäischen Kolonie ausgebrochene Pest Die mee hat euche

fordert zahlreiche Opfer. eine Anzahl Aerzte zur Bekämpfung der beordert.

Hd. Paris, 5. Dezember. Depeschen aus

Nantes, Brest, Havre und Calais

melden heftige Stürme an der Küste.

Marktpreise.

Gießen, den 5. Dezember.

eler 1 St. 78, Enteneier, Gänseeier,

58, Käsematte 3, Erbsen per Liter 17, Linsen 28 Pfg., Tauben per Paar 5060 Pfg., Hühner p. St. 901,0

Hahnen 60 100, Enten 1,50 1,70, Gänse per

45 55, Ochsenfleisch 66 74, Kuh- und Rindfleisch 60

bis 66, Schweinefl. 56 66, Schweinefl., gesalz. 7072, Kalbfleisch 50 54, Hammelfleisch 5065, Kartoffeln pro 100 Kilo 4,00 4,50, Zwiebeln per Zentner 4,00 Mark, Milch per Liter 16 Pfg. 5

Verleger: Paul Bader in Marburg, Verantw. Redak⸗ teur: Wilhelm Sell, Druc von E. Ottmann, beide in Gleßen.

Georg Wenzel, 34 Jahre alt, Wagenputzer 9 on ö Anna Hanappel, 2

Auf dem heutlgen b Wochenmarkte kostete: Butter per Pfd. 1 1,10, Hühner⸗

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M0 1555

0 1 2 Mittag 8 Leparat

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