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3.7.1896
 
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Gießen, Freitag, den 3. Juli

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Gießen.

Redaktion: 5 Erscheint täglich mit Ausnahme der Tage nach Sonn- und Feiertagen. D Expedition: Kreuzplatz Nr. 4. 8 Preis der Anzeigen: 10 Pfg. für die Zspaltige Petitzeile. 24 Kreuzplatz Nr. 4.

Die Verlegung des Vieh marktes.

* Gießen, 2. Juli. III. Die Freunde der Verlegung und die Bürger⸗ geistere in ihrer Antwort, die am Samstag bend durch Herrn Eichenauer verlesen und an eser Stelle zur weiteren Kentnis gebracht wurde, ind in ihren Gründen anscheinend von allen Zweifeln wenigstens hören sich die Worte an und lesen ch die Sätze, wie wenn eine andere Meinung garnicht aufkommen könnte. Nun huldigen wir her Ansicht, daß mit dem sicheren Auftreten und nit der größtmöglichen Bestimmtheit für die gzweckmäßigkeit der Sache an sich, der Beides enen soll, noch nichts bewiesen ist, das Gewicht her Gründe hat unseres Erachtens zu entsche den, licht die Form, in der sie vorgetragen werden. Das Gewicht vermissen wir gleich bei der Frklärung der Bürgermeisterei, daß die ganze Anordnung und Verwaltung des Viehmarktes gemeinsam mit der gleichzeitig in Aussicht ge lommenen Anlage öffentlicher Lager- häuser und Lagerplätze am besten zu er⸗ solgen habe. So leid es uns thut, wir können liese Verbindung nicht anerkennen. Gegen die Errichtung öffentlicher Lagerhäuser und Lager llütze haben wir nicht das Geringste einzuwenden in wie weit sich bei uns ein Bedürfnis dazu herausgestellt hat, wagen wir nicht zu entscheiden,

irg, Verantw.* Ottmann, bebe.

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aber wir können nicht einsehen, daß die in ben Plänen des Stadtbauamtes vorgesehene Ver⸗ iudung mit dem Viehmarkt notwendig oder auch ir nützlich ist. Der Viehmarkt hat mit den derlichen Lagerhäusern nichts zu thun und ungekehrt; der eine kann am einen Ende der Stadt abgehalten, die anderen können im ent⸗ engesetzten Viertel errichtet werden und Beide önnen prächtig florieren. Sie bedingen si einander nicht; jedes Unternehmen ist für sich lebenskräftig und ausführbar. Wir sind je nach Lage der Umstände Freunde der Zentralisation, aber für jedes städtische Ge⸗ meinwesen, das doch ein Ganzes bilden soll, lulten wir es für das Beste, wenn die städtischen Industrie⸗ oder Erwerbsanlagen möglichst gleich⸗ ig über die Stadt verteilt werden, damit dem Verkehr, den eine jede Anlage im Ge⸗ kolge hat, verschiedene Bezirke Nutzen schöpfen. Du die Steuerzettel in jedes Haus fliegen, muß jede Gelegenheit benutzt werden, um mög⸗ lichst gleichmäßig den einzelnen Stadtgegenden Exwerbsquellen wieder zugängig zu machen. Das wird nach unserem Dafürhalten nicht krreicht, wenn verschiedene städtische Projekte möglicherweise, weil sie gleichzeitig auftauchen, die miteinander nicht in zwingender Verbindung stehen, zusammengekoppelt und gleichzeitig durchs Ziel getragen werden. Da ist doch die De zen⸗ lion der Bürgerschaft weit ersprießlicher.

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Ist dies einmal zugegeben, dann fällt auch die gewichtigste Empfehlung dafür, daß der Vieh markt am Seltersberg angelegt werden soll, in sich zusammen und wir hätten uns nur noch mit den Gründen zu befassen, die ein Verbleiben des Viehmarktes am Platze hinter dem Schlacht⸗ haus angeblich unmöchlich machen.

Gracchus. (Ein vierter Artikel folgt.)

Lokales und Provinzielles.

* Gießen, 2. Juli. Wie wir gestern schon durch Extrablatt bekannt gemacht haben, ist das Mandat des seitherigen Vertreters unseres Wablkreises im Reichstag, des deutsch-sozialen Abg. Ph. Köhler in Langsdorf für er⸗ loschen erklärt. Die Reichstagswähler des 1. hessischen Wahlkreises stehen also vor einer Neuwahl. Das Stimmenverhältnis bei den letzten allgemeinen Wahlen im Jahre 1893 war folgendes: Es erhielten:

Köhler,(deutsch-sozial) 5230 Stimmen

Meinert,(uationallib.) 4118

Orbig,(Sozialdem.) 2852 5

Dove,(Freis. Vp.) 1884

In der Stichwahl zwischen Köhler und Meinert wurde dann ersterer gewählt. So viel

bis jetzt bekannt, sind erst die Kandidaten zweier Parteien bestimmt nominirt. Die deutsch-sozialen

Reformer stellen in Gemeinnschaft mit dem Bund der Landwirte den seitherigen Abg.

Köhler-Langsdorf wieder auf. Für die So⸗ zialdemokraten kandidiert Redakteur Scheid e⸗ mann⸗ Gießen. Der früher mehrfach als Kandidat der Freisinnigen Volkspartei als mehrsach genannte Rechtsanwalt Dr. Gut⸗ fleisch hat, wie wir hören, eine Kandidatur nicht angenommen. Ueber eine Kandidatur der Nationalliberalen verlautet ebenfalls noch nichts.

* Gießen, 1. Juli. Statistik aus dem städtischen Schlachthof. Im Jahre 1895/96 wurden im städtischen Schlachthof geschlachtet: 1369 Ochsen,(113 mehr als im Vorfahre), 90 Faselochsen,(30 mehr als im Vorjahre), 122 Kühe,(28 weniger als im Vorjahre), 284 Stiere, (46 mehr als im Vorjahre), 554 Rinder(103 weniger als im Vorfahre), 84 Pferde,(11 weniger als im Vorjahre), 8865 Schweine,(166 mehr als im Vorjahre), 4758 Kälber,(376 mehr als im Vorjahre), 5 Stoppelkälber,(6 weniger als im Vorjahre), 657 Hämmel, 646 weniger als im Vorjahre), 170 Schafe,(10 weniger als im Vorjahre), 15 Ziegen,(8 weniger als im Vorjahre). Einen zuverlässigen Schluß auf den Fleischkonsum unserer Bevölkerung lassen aller⸗ dings diese Zahlen nicht zu, weil es leider an jedem Anhalt wegen der von Auswärts einge⸗ führten Fleisch-Quantitäten fehlt.

* Gießen, 1. Juli. Heute Morgen 7 Uhr erschoß sich, im Bette liegend, ein Unter-

bringen. Gießen, 2. Juli. Ueber die Pflichten und Rechte der Radfahrer und des Publikums

bringt derFrankf. G.⸗A. die nachstehenden beachtens⸗ werten Auslassungen.Mit der stetig wachsenden Ein⸗ bürgerung des Fahrrades in allen Schichten der Bevöl⸗ kerung wird es immer notwendiger, daß sich das fahrende sowie das zu Fuß gehende Publikum über die Pflichten und Rechte der Radfahrer vollständig klar werde, ein Zu⸗ stand, der leider noch in weiter Ferne zu liegen scheint. Nicht einmal alle Radfahrer wissen, was sie nach den verkehrs polizeilichen Vorschriften zu thun und zu lassen haben, gegenüber Passanten und Fuhrwerken. Und doch ist die Stellung und das Verhalten des Radfahrers wie des Publikums dadurch vollständig gekennzeichnet, daß dem Rade die Eigenschaft eines Fuhrwerkes zugesprochen wurde. Der Radfahrer hat also das Recht, zu verlangen, daß Fußgänger ihm auf Straßen, Chausseen und erlaubten Banketten ausweichen, daß entgegenkommende Fuhrwerke vor ihm nach rechts ausbiegen u. a. m. Dagegen hat er die Verpflichtung, sich stets auf der rechten Seite der Straße zu halten, stets nach rechts auszuweichen, Ecken nach links nur in weitem Bogen zu nehmen, Fußgänger durch Glocken- oder Hornsignale zu warnen, und was vor Allem das, Wichtigste ist, Straßenecken nur in vor⸗ sichtigstem Tempo und unter vernehmlichen Signal zu umfahren. Ebensowenig wie beim Wagen- und Klein⸗ bahnverkehr Unglücksfälle ganz vermieden werden können, ebensowenig ist dies beim Fahrradverkehr möglich; eine große Anzahl Zusammenstöße kann aber vermieden werden, wenn die polizeilichen Vorschriften beobachtet werden. Jeder Fußgänger sollte, wenn er eine Straßenkreuzung passirt, erst einmal einen Blick über die einmündenden Straßen werfen, um sich zu vergewissern, daß er keinem Radfahrer ins Rad läuft. Auch wissen die meisten Leute nicht, daß auf allen Chausseen ein Bankett(Seiten weg) für Radfahrer freigegeben ist, wo Fußgänger dieselben Verkehrsregeln zu beobachten haben, wie auf jeder Feld⸗ straße, also dem Radfahrer ausweichen müssen. Das Rad ist nun einmal ein Verkehrsmittel mit dem gerechnet werden muß.

* Gießen, 2. Juli. Zu einer sehr harten Strafe, deren auffällige Strenge mit Recht allgemeine Bestürzung hervorgerufen hat, wurde kürzlich, wie die Blätter melden, ein Mann in Nürnberg vom dortigen Schwurgericht verurteilt. Der Bedauernswerte hatte auf einer Eisenbahnrückfahrkarte im Werte von zwanzig Pfennig das Datum gefälscht, um die Karte, die bereits verfallen war, noch benutzen zu können. Die Strafthat soll er nun mit sage und schreibe einem Jahr Zuchthaus büßen! Der Spruch des Nürnberger Schwurgerichts erregt bei jurkstischen Fachleuten wie bei Laien um so größeres Aufsehen, als grade im vorliegenden Fall mildernde Umstäände geltend gemacht werden dürfen. Die Urkundenfälschung ist freilich nicht abzuleugnen; aber sie geschah offenbar in der Meinung, daß der Eisenbahn⸗ verwaltung durch dieseharmlose Mogelei kein nennens⸗ werter Schaden erwachse. Denn die Karte war voll bezahlt und nur der Termin zur Rückfahrt vom recht⸗ mäßigen Besitzer nicht innegehalten worden. Die kleine Zahlenänderung kam zweifellos dem Angeklagten als eine rechtswidrige Handlung von sehr untergeordneter Bedeutung vor, über deren eventuelle Tragweite sicherlich er ein höchst unklares Urteil hatte: er gehört nämlich, wie es scheint, nicht zu der gebildeten Klasse, zu denoberen Zehntausend,

offizier mit seinem eigenen Gewehr. da die Zeitungsnotizen ihn schlichtweg alsMann und Ueber die Ursache konnten wir nichts in Erfahrung nicht alsHerrn bezeichnen. Leider wird verschwiegen,

ob der Verurteilte schon vorbestraft oder noch makellos war. Im Falle der Makellosigkeit wäre das Strafmaß ein ungeheuerliches; aber selbst, wenn frühere Delikte in ungünstigem Sinne auf den Gerichtshof einwirkten, bleibt das Urteil noch immer außergewöhnlich hart. Man möchte fast versucht sein, die ominöse Notiz für einen schlechten Hundstagsscherz zu halten, der von irgend einem boshaften Reporter ausgeheckt wurde und dann die Runde durch die gesamte Presse machte. Wie dem auch sek: jedenfalls mag das vielbesprochene Urteil leichtsinnigen Menschen, die es mit den gesetzlichen Vorschriften nicht allzu genau nehmen, als warnendes Menetekel dienen. Täglich werden von Leuten mit mehr oder minder weitem Gewissen Ver⸗ gehen begangen, die den Urhebern ziemlich belanglos dünken, aber vom Strafrichter, wenn sie zur Anzeige gelangen, schwer geahndet werden. Man benutzt in betrügerischer Weise skrupellos die Freikarten befreundeter Personen zum Besuche von Ausstellungen; man löst ein Eisenbahnbillet dritter Klasse und fährt wohlgemut zweiter; man giebt beim Mitnehmen von Kindern ein falsches Alter an, um eine unbedeutende Ersparnis zu erzielen und was der⸗ gleichen Ungesetzlichkeiten mehr sind. Wird man ertappt und gerichtlich zu einer Strafe verdammt, die scheinbar im schroffsten Gegensatz zu der Geringfügigkeit der Sache steht und die gesicherte Existenz einer Familie für immer untergräbt, so herrscht Weinen und Wehklagen; man überhäuft sich mit den bittersten Selbstvorwürfen, aber die Reue kommt zu spät, und der dunkle Fleck will trotz aller Mohrenwäsche nicht weichen. Schon mancher hat im Zuchthaus und im Gefängnis Muße gehabt, darüber nachzudenken, daß die Gesetze nicht dazu geschaffen sind, um verhöhnt zu werden, und daß ein winziger Fehltritt, eine unüberlegte Thorheit oft furchtbar verhänguisvoll in ein Menschenleben eingreifen kann!

* Büdingen, 1. Juli. Während der Reuo⸗ vationsarbeiten in unserer Kirche findet der Gottesdienst in der hiesigen Schloßkapelle, die einen kostbaren Schatz an den alten wunder- voll geschnitzten Chorstühlen und der schönen steinernen aus dem Anfang des 17. Jahrhunderts stammenden Kanzel besitzt, statt. Unsere Ein⸗ wohnerschaft hat dem das abgelaufene Gau turnfest in die Wege leitenden Ausschuß die Mühe und Arbeit durch größtes Entgegenkommen wesentlich erleichtert. So war es nicht nötig geworden, trotz der großen Anforderungen an Schlafräume Massenquartiere einzurichten. Auch Se. Durchlaucht der Fürst zu Isenburg und dingen hatte Zimmer zur Verfügung gestellt, die belegt wurden. Die Turner schieden von uns voll des Lobes über die herrliche Umgebung unseres Städtchens und die große Gastfreundschaft seiner Bewohner.

* Darmstadt, 1. Juni. Für Augehörige des Großherzogtums hat die Zentralstelle für die Gewerbe in Darmstadt einen Wettbewerb zur Erlangung von Entwürfen einer schmiedeeisernen Einfriedigung nebst drei Thoren vor dem Dienstgebäude der Zentral⸗ stelle für die Gewerbe ausgeschrieben. Der erste Preis beträgt 170 /. und der zweite Preis 130.. Die Eutwürfe sind bis zum 1. Sep⸗ tember bei der Zentralstelle einzureichen.

Das blaue Herz. Roman von Karl Ed. Klopfer.

(Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.)

Und diese Einbildungen reizten ihn schließlich zu einer Art von merkwürdigem Groll gegen diesesMalermädel. Er hätte gerne gewünscht, ihr bald wieder zu begegnen aber nur, um ihr durch ein Benehmen voll eisigerKorrektheit zu zeigen, daß er doch kein leichtentflammter Gymna⸗ siast mehr sei, wahrhaftig nur deshalb! Aber andererseits wagte er es doch nicht, der Ein⸗ ladung Vollwangs allzurasch Folge zu leisten; das Gespräch wäre doch sofort aufdie Berg ge⸗ kommen, und dieser Mephisto von einem Professor hätte am Ende gar glauben können... ah! Fröden fühlte keine Lust, wieder den Schalk in den Augen⸗ winkeln des alten Knaben zu wecken und sich spöttisch belöcheln zu lassen. Er wollte Vollwang also erst dann besuchen, bis sie beide diese Begegnung mit der Asta, Amanda oder Ada Berg wirklich Ada? Teschen vergessen hätten. Und das würde bei ihm, Fröden, sehr bald der Fall sein, oh! sehr bald, selbstverständlich. Was ging ihn denn dieses fremde Geschöpf auch an? Ada ein eigentlich unan⸗ genehmer Name! Ja, unangenehm, das war das richtige Wort denn es ist doch nicht an⸗ genehm, wenn sich so ein Name durch seine Kürze

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und Einfachheit wider unseren Willen in's Ge

bächtnis einnistet! A- da! Es war eigentlich dumm,

es klang wie kindisches Lallen... Weg damit!

Denk' an was Andres! Heute Abend ließ sich Fröden von seinem neuen Erxcellenzʒ⸗Chef in das gastliche Haus des Freiherrn von Effenberg einführen; er hatte dem Baron, einem

bohen Staatsbeamten, schon gleich nach seiner An kunft in Wien einen kurzen Besuch in offizieller Angelegenheit gemacht. Heute sollte er die Familie des jovialen, alten Herrn kennen lernen. Und er hat sie kennen gelernt, o ja! die Mama, die Tochter und sogar noch einen künftigen Ver⸗ wandten des Hauses.

Fröden lachte krampfhaft auf, blieb in das Federkissen und warf sich auf die andere Seite herum.

Wie er den Damen des Hauses vorgestellt worden war eine Szene, wie sie in einem Lust spiele Platz finden könnte, ein Auftritt zum Malen! Warum nicht? Die Baronesse von Effen berg war ja Malerin eine recht tüchtige Malerin, behauptete Vollwang, vielleicht sogar ein Genie. Vielleicht bringt sie den Namen Ada Berg noch zu wirklicher Berühmtheit oder am Ende braucht sie dann, auf der Höhe, ihren eigentlichen vollen Namen nicht mehr unter dem Pseudonym zu verbergen.

Es war also recht komisch, wie der Attaché in der Baxonesse Adele von Effenberg die Schülerin seines einstigen Mentors, dasstille, schlichte Maler mädel vom gestrigen Nachmittag in der Kunstaus stellung erkannte. Aber damit waren die Ueber raschungen, die wirkungsvollen Auftritte in dem gastfreien Hause des Freiherrn Nikolaus von Effen berg noch nicht erschöpft; es sollte noch besser kommen.

Fröden war in Wahrheit zuerst durchaus nicht, unangenehm berührt von diesem Wiedersehen mit Ada Berg, umsomehr, als ihm die Baronesse unter einem Erröten entgegentrat, das seine Be fürchtungen, von ihr verspottet zu sein, zerstreuen

mußte. Der flehende Blick, mit welchem sie ihn

begrüßte, wurde von ihm sofort richtig verstanden, daß er ihr einen Gefallen that, wenn er vor den Eltern und den Gästen verschwieg, daß, wo und wie er die Tochter des Hauses bereits kennen ge lernt habe. Damit war der Anlaß zu einer Art Kameradschaftlichkeit zwischen ihnen gegeben! Fröden sah sich mit der Baronesse durch einGeheimnis verbunden. Selbstverständlich konnte Adele auch nicht umhin, die erste gelegene Minute dazu zu be nutzen, dem Attaché eine Erklärung ihres Ver- haltens zu geben. Ihre Eltern, besonders die über aus konventionelle Mama, sähen es nicht gerne, daß sie ihre geliebte Kunst anders als blos dilettantisch treibe, sie wüßt⸗n auch nichts davon, daß sie es ge wagt habe, ihr Selbstportrait auf die Ausstellung zu bringen. Ihr Lehrer, Professor Vollwang, habe das vermittelt, und vorgestern habe sie in seiner Begleitung eben zum ersten Male ihr Bildim Lichte der Oeffentlichkeit besucht. Mama dürfe davon beileibe nichts erfahren. Fröden war glück selig über diese ganzen Geschichten, in die er da bineingeraten war und neckte die Baronesse fort während mit demGeheimnis. Vollwang schalt er lächelnd einen alten Filou, bemühte sich aber, der Baronesse zu zeigen, wie warme Freundschaft ihn an den Professor fessele, auf den sie so große Stücke hielt. Man sprach von der Orientreise, die der Attaché mit Vollwang seiner Zeit unternommen, und da machte Fröden die angenehme Entdeckung, daß der Maler seiner Schülerin schon mehrfach von seinem jungen Reisebegleiter und späteren Busen freund erzählt habe. Unter diesen anregenden Ge sprächen schwanden dem Attaché die Viertelstunden wieder wie Minuten dahin; er hatte sich noch nirgends so wohl gefühlt als in diesem Hause. Er schmeichelte sich mit der Hoffnung, die Baronesse

auch zu Tisch führen und da ihr Nachbar bleiben zu dürfen. Aber siehe kurz vor dem Souper trat ein neuer Ankömmling in den Salon, näherte sich der Baronesse und wurde von der Hausfrau dem Attaché vorgestellt:Der Bräutigam unserer Tochter! Fröden hatte dabei die Empfindung, als ob man ihn mit siedendem Wasser übergösse oder mit siedendem Pech. Den Namen des Herrn verstand er gar nicht; er hörte nur einen Grafen titel. Auch die übrigen Eindrücke dieses Abends kamen ihm recht verworren zu Sinn. Die Barouesse erschien ihm von der Minute an wie dicht ver schleiert; er suchte keine Gelegenheit mehr, sie zu

sprechen, und an der Tafel vermied er es sehr sorgsam, nach der Seite hinzusehen, wo das Brautpaar saß. Was kümmerten ihn denn diese

Zwei?... Sobald es mit Schicklichkeit geschehen konnte, empfahl er sich dann und dies war die Ursache, weshalb sich sein Diener über die frühe Heimkehr wundern durfte.

Was sich Herr von Fröden aber in den langen, qualvollen Stunden vor dem Einschlafen hartnäckig zu beweisen suchte: daß ihm diese Baroneß Adele völlig gleichgültig, weun nicht gar unsympathisch sei, das straften dann seine Träume Lügen. Es war ein schwerer Sehnsuchtsseufzer, unter dem er am Morgen erwachte, und da erhob sich sein Ignaz vom Ofen, wo er eingeheizt hatte, mit der ge⸗ lassenen Frage, ob der gnädige Herr schon rasiert zu sein wünsche.

Meinetwegen! Ich will ousgehen. aun kaunst Du mittlerweile den Auftrag besorgen, von dem ich Dir gesagt habe.

(Fortsetzung folgt.)

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