Gießen, Freitag, den 3. April
1896.
Ausgabe
ische Landeszeilun
Gießen.
Redaktion: A Erscheint täglich mit Ausnahme der Tage nach Sonn- und Feiertagen. D Expedition: Kreuzplatz Nr. 4. 8 Preis der Anzeigen: 10 Pfg. für die Zspaltige Petitzeile. 2. Kreuzplatz Nr. 4.
Aus dem Verwaltungsbericht
der Großh. Bürgermeisterei.
* Gießen, den 2. April 1896.
XI.
Verschiedenes. Eine Kommission zur Förderung der Lahn⸗ kunalisation hatte auch an unsere Stadt sich ut der Bitte 0 einen Beitrag zu leisten den auf 12000 Mk. veranschlagten Kosten für sarbeitung eines neuen Lahnkanalisations⸗ sojektes. Bei den geringen Aussichten für Ver⸗ Arklichung dieses neuen, für größere Schiffs⸗ imensionen bestimmten, Projektes und bei dem angel eines erheblichen Interesses der Stadt eßen an Ausarbeitung desselben hat die Stadt⸗ frordneten⸗Versammlung jedoch beschlossen, von 2 er Leistung eines Kostenbeitrages abzusehen. , Nerat Zur Bestreitung der für Zwecke der Stadt⸗ eon. Ona, weiterung und zur Erbauung eines Kaserne⸗ ents erforderten Kosten hat die Stadt unterm 3.29. Juli 1894 bei dem Bankhaus Aron seichelheim in Gießen und der Mitteldeutschen sreditbank zu Fraukfurt a. M. ein zu 3½% ezinsliches Anlehen von 500000, zum „ bernahmekurs von 98,25% aufgenommen; fandgasse 9. gleichen zum Zwecke der Konsolidierung shwebender Schulden unterm 23.) 24. März 1895 11 e von 200000, zum Kurs von 4 7 0. Zugleich wurde auch der Zinsfuß für die us der Plockschen Stiftung bei der Stadt an⸗ legten Stiftungskapitalien auf 3 ¼ // ermäßigt. Die im vorigen Jahresbericht erwähnte Er⸗
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fechten mußte, um wenigstens an einzelnen Bühnen die Aufführung des als sozialdemokratisch ver— dächtigten Schauspiels zu ermöglichen. Glücklicher— weise sei die Erklärung der Breslauer Polizei, daß es sich um eine Dichtung handle, die ge— wöhnlich in der Sprache, künstlerisch aber wertlos sei, für die litterarische Welt nicht maßgebend. Zur Rezitation eigne sich nach viel— fachen Erfahrungen am besten der zweite, vierte und fünfte Akt. Nachdem er kurz den Inhalt des ersten Aktes skizziert hatte, begann Herr Oppmar mit dem Vortrag des zweiten Aktes, dem er sofort den vierten und nach einer kleinen Pause den fünften folgen ließ. Herr Oppmar rezitierte meisterhaft. Man hörte nicht nur die hüstelnden Weber, nein, man sah die abge— hungerten, elenden Gestalten auch. Der Eindruck des Vortrages war auf das Auditorium ein so mächtiger, daß sich nach Schluß des ersten Aktes kein Finger rührte, um den Vortragsmeister aus⸗ zuzeichnen. Es war wie in einer Kirche, deren heilige Stille niemand zu unterbrechen wagte. Und erst nach dem vierten und fünften Akt brach mit elementarer Gewalt der Beifallssturm los. Der Kaufmännische Verein kann mit dem gestrigen Abend zufrieden sein. Ihm sowohl als besonders auch Herrn Oppmar für die genußreichen Stunden warmen Dank.
* Gießen, 2. April. Wegen der Polizei⸗ verordnung betreffend Schrittfahren vor der Stadtkirche während des Gottes dienstes teilte der Oberbürgermeister gestern vor Eintritt in die Tagesordnung der Stadtverordneten-Ver⸗ sammlung folgendes mit: In Rücksicht auf die vom Kollegium geäußerten Bedenken gegen diese Maßnahme wolle man versuchen, durch einen Hinweis die Besitzer von Fuhrwerken zu veran⸗ lassen, an der gedachten Stelle der Straße Schritt zu fahren und die Verordnung vor— erst nicht in Kraft zu setzen.
* Gießen, 2. April.(Stadtverord⸗ netensitzung.) Um 3½ Uhr wurde die gestrige Sitzung eröffnet. Gegen den Voranschlag des Großh. Realgymnasiums und der Realschule für 1897/1900 hat die Versammlung nichts einzu⸗ wenden. Derselbe balancirt in Einnahme und Ausgabe mit, 101727.— Der Zuschuß, den die Stadt zu leisten hat, beträgt zu den persön⸗ lichen Ausgaben 24 713.50, für sachliche Aus⸗ gaben 6173.05, im Ganzen also* 30 886.55, mithin ein Mehr von, 4655 gegen den vor⸗ herigen Voranschlag. Auf ihr Gesuch wird der Realschule ein an ihren Schulgarten grenzendes Gelände, welches bisher mit 1 5.— pro Jahr verpachtet war, zur Vergrößerung dieses Gartens überlassen.— Beim Geilfus'schen Neubau in der Marktstraße hatte man genehmigt, diesen ohne Durchfahrt nach dem Hofe ausführen zu können, wenn nach Fertigstellung des Hauses
zur Feuersicherheit auf dem Hofe ein Hydrant
angebracht würde. Die Versammlung genehmigt, daß ein Feuerhahn, auch innerhalb des Gebäudes angebracht, genügt, und man von dem Hydranten auf dem Hofe absehen könne.— Dem Brauerei⸗ besitzer J. Ihring zu Lich, dem Besitzer der Liebigshöhe, wird gestattet, daselbst einen Saal zu erbauen.— Außer dem schon bestehenden Abort auf dem Friedhof soll eine zweite der— artige Anlage auf dem neuern Teil desselben geschaffen werden. In den Etat pro 1896/97 sind hierfür ι 320 vorgesehen. Die Versamm— lung genehmigt das vorgelegte Projekt des
Stadtbauamts.— Die Unterhaltung der Wege
des Teiles vom Friedhofe, welcher Eigentum der israelitischen Religionsgemeinde bildet, hat schon einmal in jüngster Zeit das Kollegium beschäftigt. Nach einer Vereinbarung, die der Zustimmung der Stadtverordneten bedurfte, sollte die Religionsgemeinde pro Jahr, 20 bezahlen, wofür die politische Gemeinde die Unterhaltung der Wege besorgen lassen wollte. Stadtverord— neter Homberger wollte s. Zeit, wie auch heute diese Arbeit von der Stadt unentgeltlich besorgt wissen und zwar aus rechtlichen und toleranten Gründen und im Interesse der Einig— keit der Konfessionen. Der Oberbürgermeister hob hervor, daß nach den der juristischen Kom⸗ missiou vorgelegenen Kreisamts- und städtischen Akten die israelitische Gemeinde keines Falles ein Recht habe, diese Arbeit auf Kosten der All- gemeinheit ausgeführt zu verlangen. Stadtver⸗ ordneter Schmall stellt den Antrag, die in Rede stehende Unterhaltung auf städtische Kosten zu übernehmen, wenn die Eigentümer des Fried⸗ hofs auf die Grasnutzung zu Gunsten der Stadt verzichten. Stadtverordneter Dr. Gutfleisch verwahrt die juristische Kommission dagegen, daß sie mit ihrem Beschluß intolerant handle, wie der Kollege Homberger gemeint habe. Die Kon⸗ sequenz des Eigentums an Grund und Boden des Friedhofs bedingt auch die Unterhaltungs⸗ pflicht seitens der isralitischen Gemeinde. Das Kollegium beschließt die Instandhaltung der Wege des israelitischen Friedhofs auf städtische Kosten ausführen zu lassen, wenn der Stadt dafür als Vergütung pro Jahr. 20 gezahlt werden. (Stadtverordneter Heichelheim hat bei der Abstimmung den Saal verlassen.) Ein Gesuch der Apotheker W. Weiß und Dorn⸗ berger um Rückvergütung von Oktroi für 24 Flaschen Malkonwein à 6 wird dem Antrag der Finanz⸗Deputation gemäß abgelehnt.— Der deutsche Patriotenbund zu Leipzig hat si. g an die deutschen Städte gewandt mit der Bitte, um Beiträge für die Errichtung eines Völker⸗ schlachtsdenkmals bei Leipzig. Zur Errich⸗ tung desselden wurden Y 800000 gebraucht. Die Stadt Leipzig hat 10000 gezeichnet. Der Oberbürgermeister erklärt, daß man sich die Frage vorgelegt habe, ob man sich in Form einer
Sammlung an der Sache beteiligen solle, um doch wie viele anderen deutschen Städte bei dem Werke beteiligt zu sein, man habe sich entschlossen, eine einmalige Bewilligung von 100 A. nachzu⸗ suchen. Stadtverordneter Haubach erklärt sich
gegen diese Bewilligung aus öffentlichen Mitteln
für solchen Zweck. Das Denkmals-Komitee möge
sich an das deutsche Volk wenden, es sei nicht Sache, der Stadtverwaltung für den in Rede
stehenden Zweck Gelder zu bewilligen. Stadt⸗
verordneter Grünewald ist der gleichen An⸗ sicht, ebenso der Stadtverordnete Jughardt. Stadtverordneter Schmall tritt sehr warm für die Bewilligung eines Beitrages für das Völker⸗
schlachtdenkmal bei Leipzig ein. Die Leipziger Schlacht brachte uns die Entscheidung für die
Geschicke unseres Vaterlandes. Stadtverordneter Dr. Gutfleisch weist ebenfalls auf die Be⸗
deutung der Leipziger Schlacht in nationaler
Beziehung hin und tritt für eine Beteiligung
der Stadt durch die Bewilligung an* 100 ein.
Die Summe wird gegen eine geringe Minorität
bewilligt. Das Gesuch des Ausschusses zur
Förderung des Ciller deutschen Studententums
um Widmung eines Beitrages wird ohne Debatte abgelehnt.— Die folgenden Gesuche um Wirt⸗ schaftskonzessionen werden genehmigt: Des Metzger Fr. Führer für das Haus Bleichstraße 5, August
Mühleisen Brandgasse 3(Schnellsche Wirtschaft), Ludwig Flammi Schiffenbergerstraße(Hauser'sche
Wirtschaft), Ludwig Feldhaus(Wiener Hof). Ferner wird der Firma Jean und Karl Noll. für deren Spezereihandlung Bahnhofstraße 6 die Erlaubnis erteilt, Branntwein über die Straße verkaufen zu dürfen. Es folgt eine geheime Sitzung.
* Gießen, 2. April. In der gestrigen Stadtverordnetensitzung fand eine Debatte zwischen den Stadtverordneten Dr. Gutfleisch und Grünewald bezüglich der Fernieschen Steuerangelegenheit statt. Wir werden die Dar⸗ legungen der Redner in der nächsten Nummer unseres Blattes bringen und für heute uns da⸗ rauf beschränken zu berichten, daß Herr Stadt⸗ verordneter Grünewald das Verfahren der Herren Dr. Gutfleisch und Oberbürgermeister Gnauth als unzulässig und den parlamentarischen Sitten und Gebräuchen widersprechend bezeichnete. Man hätte die Angriffe nicht erheben und eine Zu⸗
stimmung der Stadtverordnetenversammlung zu
denselben nicht provoziren dürfen in seiner Ab⸗ wesenheit.„Eines Mannes Rede ist keines Mannes Rede, man muß sie billig hören Beede“. Redner legte dar, daß ihn nicht der leiseste Vor⸗ wurf in dem Sinne treffe, daß er die Stadt⸗ verwaltung getadelt habe; der Stadtverordnete Dr. Schäfer habe sogar durch Antragstellung wirksamer sich betheiligt wie er. Warum seien gegen diesen keine Vorwürfe erhoben?— Er, Redner, werde, wenn man die Sache weiter
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Neu eröffne 5
9 0 schtung einer Diezstiftung von Seiten der N dtadt hat in der Fachlitteratur der romanischen fel 9 länder mehrfach rühmende Anerkennung gefunden; üchdem die Satzungen der Stiftung mit dem geren Senat der Landesuniversität endgültig le kreinbart waren, ist im Juli 1895 erstmals ein
diezpreis zuerkannt worden.
1 tz 1 Der Deutschen Landwirtschafts-Gesellschaft 9 at zurde zur Veranstaltung eines Preisausschreibens, 11 1105 treffend Klärung der Abwässer, ein Bei⸗
dag von 100. zur Verfügung gestellt; dem Pd. M. Lad deutschen Hilfsverein in Paris ein ständiger Duft Jahresbeitrag von 50 4 verwilligt. Pfd. M. 0 d 5 e kokales und Provinzielles. „ 0,30* Gießen, 1. April. Der Kaufmännische len erein hat mit seinen diesjährigen Winter⸗
25 ktragsabenden Glück gehabt. Würdig wurde
id,„ 0, sstern die Saison durch die Rezitation der Ger⸗ „rt Hauptmannschen„Weber“ durch den kgl.
1 ofschauspieler Herrn Oppmar zu Ende gebracht. wurst herr Oppmar erläuterte zunächst die Entstehungs⸗ Pfd. Ii schichte des Werfafserr Dramas und den Kampf, velat⸗ helchen dessen Verfasser erst mit den Behörden durch⸗ Pp. Margot's Muff.
1„ ee Von Cethegus. 1„„0,(Schluß.) Sie wagte es nicht, den Großen, Edlen, Un— 10 llcklichen anzureden oder auch nur länger zu be⸗ i kachten; eilenden Fußes lenkte sie seitab in einen
leinen, hübsch mit Akazien eingefaßten und mit „ Ruhebänken ausgestatteten Thalgrund, in dessen itte sich ein schmalfadiges Springbrünnchen seines tu erwachten Daseins freute. Margot's Herz bte vor Wonne, indem sie sich ausmalte, welch' 5 idvolle Gesichter die Freundinnen im Kränzchen hen würden, wenn sie ihnen von ihrer Begegnung it dem Dichter der„Götterdämmerung und Toten⸗ Kfompeten“ berichtete.
Doppelt mächtig ergriff sie in dieser Stimmung Eindruck ihrer stillen und einsamen Umgebung; d harmlose Akazienrondell erhielt von ihrer in krgnüglichem Weltschmerz schwelgenden Seele einen bglanz des Schauerlichen, der ihm in Wahrheit kwiß sehr mangelte, und an eine Bank neben dem g Springbrünnchen gelehnt deklamierte sie voll schmerz⸗ her Wonne Lenau's Verse:
„Wildverwachs'ne dunkle Fichten,
Leise klagt das Bächlein fort;
Herz, das ist der rechte Ort
Für Dein schmerzliches Verzichten!“
Als sie kaum einige hundert Schritte weiter ge⸗ solendert war, merkte sie erst, daß ihr Muff ver⸗ wunden war. Es war ein sehr hübscher, kleiner Puff von Nerz, mit vier allerliebsten Schwänzchen. dermutlich hatte sie ihn unbewußt von der Hand reift, um besser deklamieren zu können, und dann der Bank stehen lassen. Somit wandte sie sich (lends wieder dem Rondell zu. Als sie aber halb demlos dort aulangte, bot sich ihr ein merkwürdiger
b Kobin
umer mit ern
mit einem Kneifer an goldenem Fädchen vor der Brust, sehr elegant gekleidet und von wahrhaft blühendem Aussehen; in der fein behandschuhten Linken hielt er eines von den vier Nerzschwänzchen, mit der Rechten bedrohte er eifrig und erfolglos einen großen Wolfsspitz, der in ausgelassenen Sprüngen umherkreiste und leider den Muff im Maul trug.
„Mein Herr, Margot entrüstet.
Der junge Herr überreichte ihr mit gezierter Verbeugung das Einzige, was er einstweilen von ihrem Muff besaß.„Aeh, gnädiges Fräulein,— bedauere unendlich——“
„Aber so nehmen Sie doch dem Hund den Muff ab!“ befahl Margot.
Der junge Herr blickte ziemlich hülflos erst sie und dann den Hund an.„Aeh“, machte er,„die verfluchte Bestie pariert nicht!— Habe sie nämlich erst heute gekauft. Aber warten Sie, wenn ich sie erst habe!“
Der Hund, sanguinisch wie alle seiner Rasse, schien sich aus diesen Worten nicht das geringste zu machen. In frevelhaftem Uebermut turnte er mit seiner Beute weiter herum und schickte sich an, zu— nächst auch die drei übrigen Schwänzchen abzu- reißen, unbekümmert um dte Bitten, welche ihm nun auch Margot fast weinend vortrug.
Was ihre Lage noch peinlicher machte, war die Entdeckung, daß der junge Herr sie mit beleidigen— dem Eiser durch das Augenglas musterte. Auch näselte er etwas von„angenehmer Bekanntschaft,— äh,— unter sonderbaren Umständen,— eigentlich dem Köter noch dankbar, äh—“
Aber nun kam Hilfe. Aus einem Seitenwege
das ist mein Muff!“ rief
und betrübender Anblick. Da stand ein junger Herr
trat plötzlich in seiner ganzen Größe Margot's Dichter auf den Schauplatz.
„O Macht des Genies!“ flüsterte Margot unter Thränen lächelnd. Denn kaum hatte der Wolfs— spitz den neuen Ankömmling bemerkt, so ließ er den Muff fallen und versuchte mit eingeklemmtem Schweife zu entrinnen.
Aber der Mann im Flausrock war behender als der Hund. Mit einer blitzschnellen Bewegung zog er einen langen Strick aus der Tasche des Flausrocks, und im nächsten Augenblicke zappelte der Wolfsspitz in der Schlinge, worauf der Sieger Margots Muff aufhob und ihr mit freundlichem Lächeln überreichte
„Dank edler Mann,“ hauchte sie—„aber nun lassen Sie, bitte auch das arme Tier wieder frei!“
„Ja, Fräulein, das geht nicht so schnell,“ er⸗ widerte der Andere,„der muß jetzt mit, später können Sie ihn auslösen.“
„Herr, was unterstehen Sie sich!“ rief der junge Herr, der bisher dem Gang der Dinge ziemlich blöde zugesehen hatte.„Wollen Sie wohl augen— blicklich das Tier frei lassen!“
„Nur immer man sachte,“ erwiderte der Andere und hielt ihm ein merkwürdiges Blechschild vor die Nase. „Wenn Sie mir zu nahe kommen, dann kostet die Geschichte noch mehr. Hier ist meine Leschiti— mazyon,— ich bin der städtische Hundefänger. Gehen Sie man lieber gleich mit dem Fräulein Braut zur Polizei, da können Sie das Protokoll vor sie bezahlen. Nich wahr, Fräulein, das schickt sich?“
„Lassen Sie mich in Ruhe,“ rief Margot mit halberstickter Stimme,„der Hund gehört mir gar nicht, der gehört dem Herrn da!“
„Ja woll,“ meinte der verwandelte Dichter,
„gehört der Herr denu nich zu Ihnen?“
Auf diese letzte Kränkung vermochte Margot kein Wort mehr hervorzubringen, fassungslos lehnte sie an einem Baum. Der junge Herr hatte in⸗ zwischen aus seiner Börse ein Goldstück herausge— fischt und hielt es dem Manne hin:„Aeh, nehmen Sie sich das und lassen Sie jetzt mal das Biest los!“
Aber der Mann schüttelte den Kopf.„Nee, Herr Baron,“ meinte er,„das könnte mich meine ganze Stellung kosten. Bestechung is nich. Aber wenn Sie mit mich zu meine Wohnung gehen, da will ich Ihnen das Tier ausnahmsweise gegen Em- pfangsschein und eintägige Fütterungskosten aus⸗ liefern, die Polizeistrafe zahlen Sie dann später extra. Aber Sie müssen sich leschitimiren können, wer sind Sie eigentlich?“
„Zum Donnerwetter,“ rief der junge Herr,„dann lassen Sie uns doch gehen, mein Name ist Franz Tober, Schriftsteller und Rittergutsbesitzer, ich denke, das genügt für Sie einstweilen!“
Es genügt auch für Margot. Sie hörte weiter nichts von der Wechselrede der Beiden und hatte auch für die überhöflichen Entschuldigungs- und Abschiedsworte des jungen Herrn nur ein schwei⸗ gendes Kopfnicken, so stolz und abweisend, daß ihm unwillkürlich ein halblautes„Aeh,— alle Hasen!!“ entfuhr. Als aber dann die Beiden mit dem kläg⸗ lich seufzenden Hunde zwischen den Büschen ver⸗ schwunden waren, eilte sie, so schnell sie konnte, auf einem anderen Wege der Villa ihrer Tante zu⸗ nur von einem Wunsche beseelt, möglichst bald aus ihrem zierlichen Handkörbchen daheim ihr aller⸗ zierlichst in blauen Saffian gebundenes Hand⸗ exemplar der„Götterdämmerung und Toten⸗ trompeten“ hervorzuholen und so recht con amore Blatt für Blatt in den Ofen zu werfen.
Hoffen wir, daß sie es gethan hat.


