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Gießen, Sonnabend, den 2. Mai
Ausgabe
Gießen.
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Redaktion: Kreuzplatz Nr. 4.
Erscheint täglich mit Ausnahme der Tage nach Sonn- und Feiertagen.
Preis der Anzeigen: 10 Pfg. für die Sspaltige Petitzeile.
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Expedition: Kreuzplatz Nr. 4.
Lokales und Provinzielles.
erichtsperiode beginnt am 1. Juni, vor⸗
Alundig geschrieben.
Bezirks„Gießen“ erst am 17. Mai, nachmittags
1 Vergnügungs⸗Etablissement großen oe ist ein großer 800 Personen umfassender
Kinderspielplatz, sowie die Reer klünstlichen Sees sollen dem ganzen Etablissement einen großstädtischen Charakter verleihen.
n Albrecht von Preußen,
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* Gießen, 1. Mai. Die nächste Schwur nittags 9 Uhr. Den Vorsitz führt Landgerichtsrat
Kullmann.— Die Berufungssache der Studenten
445 und Schnitzler kam heute vor der Straf⸗ mmer nicht zur Verhandlung. Die Genannten
wurden wegen Widerstands gegen die Staats— walt vom Schöffengericht zu 120% Geld—
fa verurteilt. Wahrscheinlich haben sie ihre erufung zurückgezogen.
* Gießen, 1. Mai. Eine Denkschrift über die Errichtung eines Volksbades in Gießen hat Herr Dr. Fuhr im Auftrage des Arbeitsausschusses des Vereins„Gießener Volksbad“ verfaßt. Die Schrift wird der Stadtver⸗ ordnetenversammlung unterbreitet werden. Hoffen 2 daß unsere Stadtväter den Wünschen des
ereins„G. V.“ möglichst bald entgegenkommen. Das projektierte Bad ist thatsächlich ein dringen— des Bedürsnis für unsere Stadt. Die Denk⸗ schrift des Herrn Dr. Fuhr ist recht lesenswert. Sie ist kurz, trotzdem aber erschöpfend und sach—
* Gießen, 1. Mai. Infolge der in Gießen am 10. Mai stattfindenden Friedensfeier det eine auf diesen Tag anberaumt gewesene ezirksversammlung der Kriegervereine des
2½ Uhr, in Lenz⸗Felsenkeller statt.
* Gießen, 1. Mai. Ein auswärtiger Unter⸗ nehmer verhandelt augenblicklich mit der Aktien⸗ Brauerei, um auf deren Gelände am Leihgesterner— Weg in der Nähe der Schönen Aussicht ein
Stils zu errichten. Nach den bereits entworfenen
onzertsaal, an den sich eine Terrasse anschließt, e Eine geplante große Parkanlage wird eine Musikbühne erhalten. Laubgänge, ein eines
* Gießen, 1. Mai. Fürstlicher Besuch. Prinz Regent von Braunschweig, trifft am 5. Mai hier ein, begiebt sich nach Lau⸗ bach und von da nach Lich, um dem Fürstlich⸗ Solms⸗Licher Hause einen Besuch abzustatten. nächsten Tage nimmt der Prinz an der Einweihung der restaurierten Komthurkirche zu Nieder⸗Weisel Teil.— Das Großherzogliche Paar trifft am 8. Mai gegen 10 Uhr vorm. in ließen ein, begiebt sich zum Besuche des Gräf—⸗ lichen Solms⸗Laubacher Hauses nach Laubach und am Abend desselben Tages zum Fürstlichen Hause nach Lich. Die Rückreise erfolgt am 9. Mai abends. Butzbach, 1. Mai. Am hiesigen Bahn⸗ hof ereignete sich ein Unglücksfall, der noch
einigermaßen gut ablief. Ein Taglöhner wurde von einem Eisenbahnwagen, der zum Weiterbe— laden vorgeschoben und zurückgerollt war, wider einen Posten gedrückt, wodurch er eine Quetsch— ung der rechten Brustseite erlitt.
Bad Nauheim, 30. April. Ueber einen am Samstag bei Wegarbeiten in einem benach⸗ barten Walde gemachten größeren Münzfund läßt sich Herr Dr. Beste hier wie folgt ver— nehmen: Die Münzen, etwa 2000 an der Zahl, lagen lose in einem irdenen Henkeltopfe, der etwa 30 em tief unter Haselstauden in der Erde ver— graben war. Fast alle Münzen sind sogenannte Händelpfennige, an Größe etwa einem silbernen Zwanzigpfeunigstücke gleich; sie zeigen auf der Hauptseite eine Hand(daher der Name), auf der Rückseite ein Kreuz in verschiedener Ausführung. Anfänglich gegen 1300 in Schwäbisch Hall ge⸗ prägt(daher auch Häller, Heller genannt) ver— breitete sich dieser Münztypus bald über ganz Schwaben, Bayern und Franken bis Frankfurta/ M. Die gefundenen Münzen stammen größtenteils aus dieser Münzstätte. Nur vier andersartige Münzen sind, soweit es dem Schreiber bekannt, noch in dem Funde enthalten. Es sind dies zwei kleine, etwas dickere Silbermünzen(Denare) des Grafen Otto von Waldeck( 1305) mit dem Brustbilde des Grafen auf der Haupt- und dem Waldeckschen Wappen auf der Rückseite, und zwei Denare Johannes III. von Brabant(131255); diese haben auf der Hauptseite das vierfeldige Brabant⸗Limburger Wappen, auf der Kehrseite ein verziertes Lilienkreuz. Aus der Regierungs— zeit dieser beiden Fürsten und der zum Teil sehr starken Abnutzung der Münzen kann man schließen, daß die Münzen etwa im Jahre 1330 vergraben sind. Wahrscheinlich hat ein Handelsmann in einer der zu jenen Zeiten so häufigen Fehden sein Barvermögen auf diese Weise in Sicherheit zu bringen gesucht.
* Bad Nauheim, 30. April. Das seit vier Jahren jeden Sommer hier plazierte mediko⸗mechanische Zanderinstitut des Herrn W. Gabriel aus Mannheim wird am Montag, 4. Mai, hier wieder eröffnet. Bis jetzt befand sich das Institnt im Winter in Mannheim, im Sommer hier; die nicht unbe⸗ deutenden Kosten des Transports zwischen beiden Städten, die trotz aller Vorsicht unvermeidlichen Beschädigungen beim Transporte haben den Be⸗ sitzer veranlaßt, neue Apparate für Bad Nauheim speziell aufzustellen, die am meisten benutzten Appa⸗ rate in je zwei Exemplaren, wozu zwei von Herrn Dr. Zander neu konstruierte Apparate hinzuge⸗ kommen sind.— Fräulein Broberg, eine gebildete Dame aus Kopenhagen, hat sich in Stockholm als Masseuse, Krankenpflegerin und Unterrichtende für Zandersche Heilgymnastik speziell ausgebildet und wird für den hiesigen Platz die 42 Ua für Damen in⸗ und auch außerhalb des Instituts
übernehmen.— Die Inanspruchnahme des In— stituts war von Saison zu Saison steigend; im vorigen Jahre eine so starke, daß, wie bemerkt, manche Apparate doppelt aufgestellt werden mußten. — Der außerordentliche Aufschwung des Bades zeigt sich nicht am wenigsten im Depeschenverkehr des hiesigen Platzes. Während im Jahre 1894 hier 11,787 Depeschen aufgegeben wurden, stieg diese Zahl im vorigen Jahr auf 16,050; die Zahl der eingegangenen Depeschen stieg von 9114 in 1894 auf 12,601 in 1895.
* Darmstadt, 29. April. Das Großh. Ministerium hat ein Ausschreiben an die Kreis- ämter gerichtet, wonach gegen jene Personen, die im Notstands jahr 1893/94 Waren durch Vermittelung der Notstands kom mission bezogen haben, und deren Schuld vom Mi— nisterium nicht ausdrücklich gestundet worden ist, das Eintreibungs verfahren eingeleitet worden ist.
* Darmstadt, 29. April. Der Zweiten Kam mer ist ein Gesetzentwurf zugegangen, betr. die Bildung und Zuständigkeit des obersten Ver⸗ waltungsgerichts. Der Entwurf lautet: „Art. 1. Zu Mitgliedern des obersten Verwal⸗ tungsgerichts(Verwaltungsgerichtshofs) können außer den in Art. 1 des Gesetzes vom 16. April 1879, betr. die Bildung und Zuständigkeit des obersten Verwaltungsgerichts, bezeichneten Per⸗ sonen ernannt werden: 1. Mitglieder der Land⸗ gerichte oder solche Personen, welche Mitglieder des Oberlandesgerichts oder eines Landgerichts gewesen sind; 2. Verwaltungsbeamte, welche ein höheres Verwaltungsamt bekleiden, oder solche Personen, welche ein derartiges Amt bekleidet haben, auch wenn jenes Amt juristische Bildung nicht voraussetzt. Art. 2. Die Berufung der in Art. 1 benannten Personen kann auch im Haupt⸗ amt erfolgen. Im Uebrigen finden auf deren Ernennung und Erteilung die Vorschriften des Art. 1 des Gesetzes vom 16. April 1879 An⸗ wendung. Art. 3. In Streitigkeiten zwischen den Gerichten und den Verwaltungsbehörden oder Verwaltungsgerichten in Betreff der Zu⸗ lässigkeit des Rechtswegs, ferner in Disziplar⸗ Angelegenheiten, in welchen das oberste Verwal⸗ tungsgericht(Verwaltungsgerichtshof) gemäß dem Gesetze vom 21. April 1880, die Disziplinarver⸗ hältnisse der nicht richterlichen Beamten betr., als Disziplinarhof zu entscheiden hat, endlich bei Rekursen gegen Entscheidungen der Provinzial⸗ ausschüsse im Falle des Art. 111 des Gesetzes, die innere Verwaltung und die Vertretung der Kreise und Provinzen betr., sind ausschließlich die in Art. 1 des Gesetzes vom 16. April 1879 genannten Mitglieder des Verwaltungsgerichts⸗ hofs zur Entscheidung berufen.“ Nach Art. 1, Nr. 2, sollen auch solche, die ein höheres Ver⸗ waltungsamt bekleiden oder bekleidet haben, zu
e des Verwaltungsgerichtshofs ernannt werden.
* Mainz, 30. April. Sämtliche Zwicker und Maschinenausputzer der Schuhfabrik von Albert Reifenberg, 24 an der Zahl, haben heute Mittag, nachdem der Fabrikant die ge⸗ stellten Forderungen nicht bewilligt und jede e abgelehnt hat, die Arbeit enieder⸗ gelegt.
Mainz, 30. April. In der geheimen Sitzung der Stadtverordnetenversam m⸗ lung wurde das Pensionsgesuch des Herrn Stadtbaumeisters Baurat Kreißig einstimmig genehmigt und demselben mit Rücksicht auf seine Verdienste um die Stadt Mainz das volle Ruhe⸗ gehalt mit 8000. bewilligt. Weiter wurde beschlossen, an Stelle eines Stadtbaumeisters einen Baumeister erster Klasse als besol deten Beigeordneten mit eiuem Gehalt von 7500 A anzustellen und den Posten öffentlich auszu⸗ schreiben. Ferner bewilligten die Stadtverord— neten mit 25 gegen 13 Stimmen die Regulirung der Schustergasse und bewilligten hierzu 85000.
Mainz, 30. April. Von 18 hiesigen Druckereien haben 13 den neuen Tarif mit der Wirkung vom 4. Mai ab bewilligt, da⸗ runter die bedeutendsten am Platze.
Vermischtes.
— Die Seeschlacht der Zukunft. Künftig wird ein entscheidender Kampf zur See nur noch nach Minuten zählen. Die Beschreibung des muthmaßlichen Verlaufes, die ein englischer Fachmann gegeben hat, liest sich schreck⸗ lich genug: Die Tragödie beginnt. Das letzte Manöver zur Schlachtordnung wird nur zweieinhalb bis 3 Minuten dauern, je nach der Geschwindigkeit, mit der die beiden Flotten vorrücken. Wahrscheinlich werden sie aus ver⸗ schiedenen Gründen ihre äuß erste Dampfkraft nicht ver⸗ wenden; schon deshalb, weil sie für jeden Zufall Reserve⸗ dampf aufsparen müssen, ferner um Kesselbrüche zu ver⸗ meiden, die stets leicht bei forcirtem Dampf stattfinden; dann um die Heizer so viel wie möglich vor der Qual zu schützen, die sie bei geschlossenen Schürlöchern zu er⸗ dulden haben, und endlich, um älteren und langsameren Schiffen das Aufrücken zu erleichtern. Höchst wahrschein⸗ lich werden sie mit einer Geschwindigkeit von 14 Knoten in der Stunde gegeneinander vorrücken. Die letzten zwei⸗ einhalb bis drei Minuten, die vor dem Zusammenstoß verstreichen, müssen voll ungeheurer, tödlicher Spannung sein; denn schon in ihnen kann das Schicksal der Schlacht entschieden werden. Die vorderen Partien werden unter dem Feuersturm fortgeblasen oder siebartig durchlöchert werden. Wasserdichte Thüren werden zwecklos, wo es keine wasserdichten Wände mehr giebt. Der Panzer wird zwar die empfindlichsten mittleren Theile des Schiffes schützen, aber ist es nicht schlimm genug, wenn es eines seiner Enden verliert? Dann wird es wahrscheinlich seine Fahrt nicht länger durchhalten können, hinter die Gefechts⸗ linie zurückfallen oder langsam in die See versinken. Was ist im Allgemeinen die Wirkung des auf ein Schiff gerichteten Geschosses? Das ganze Schiff bedeckt sich mit Trümmern, schnell ändert sich sein Aussehen durch den
Sascha. Novelle von Graf Günther Rosenhagen.
(Fortsetzung.)
Sie eilte die Treppe hinunter, sie dachte nicht mehr an das, was sie am Nachmittage mit ihm besprochen, daß sie sich von einander getrennt hatten, sie hatte nur noch die Empfindung, daß er allein helfen könne und müsse. In fliegender Hast ergriff sie Hut und Mantel, dann eilte sie durch die nur spärlich vom Gaslicht erleuchteten Straßen, sie achtete nicht auf den Regen, der in dichten Strömen zur Erde niederfiel und sie in we⸗ nigen Minuten vollständig durchnäßte, sie fühlte den Wind kaum, der heulend durch die Straßen pfiff und ihr den Hut vom Kopf riß, immer weiter eilte sie, bis sie endlich atemlos vor seinem Hause stand. Sie sah hinauf zu seinen Fenstern und ein „Gott sei Dank“ entrang sich ihren Lippen— das Licht der Lampe schimmerte hell und freundlich drinnen. Sie zog die Glocke, sie hörte, wie der schrille Ton durch das Haus gellte, da öffneten sich auch schon oben die Fenster und seine ruhige, weiche Stimme fragte:„Wer ist da?“ 3
„Markewitz, öffnen Sie die Thür, ich muß Sie sprechen, schnell, schnell.“
Schon bei den ersten Worten war er die Treppe heruntergestürzt, hatte die Hausthür geöffnet und sie in den Flur gezogen:„Gnädige Frau, Sie um diese Stunde und in diesem Aufzuge, was ist ge⸗ schehen?“
Willenlos ließ sie sich von ihm in sein Zimmer hinaufführen und zu einer Chaiselongue geleiten. Er nahm ihr den nassen Mantel von den Schultern, hüllte sie sorgsam in sein Plaid und schob ein Glas warmen, dampfenden Thee's vor sie hin.
den sie in Sascha's Zimmer gefunden und den sie krampfhaft in der Rechten gehalten hatte. Marke- witz ergriff das Papier:
„Mein liebes, gutes Mamming, ich habe Alles gehört, was Du mit Onkel Markewitz be⸗ sprochen hast. Du sollst glücklich werden. Ich gehe fort; wenn ich groß und erwachsen bin, komme ich wieder. Behalte lieb Deinen
Sascha.“
Er wollte lachen über diesen kindlichen Entschluß, über die Thorheit des Knaben, der in seiner greu— zenlosen Liebe glaubte, durch seinen Fortgang irgend etwas ändern zu können, aber das Lächeln erstarb gar bald auf seinen Lippen. Nur zu gut kannte er Sascha und dessen trotzigen, festen Charakter, noch immer hatte er ausgeführt, was er sich ein— mal gesagt,„und ein Mann muß stets das thun, was er versprochen hat.“ Schon oft hatte er be⸗ wiesen, daß er vor keiner Mühe und keiner Gefahr zurückbebte, um wie viel mehr würde er jetzt jedes Hindernis überwinden, da das Ziel, das er sich gesteckt, nichts geringeres war als das Glück seiner Mutter. Noch immer stand Markewitz in tiefes Sinnen versunken, während Frau von Smirning— hoff, leise vor sich hinweinend, ihm gegenüber saß.
„Markewitz, um Gottes Willen, helfen Sie mir, was soll ich thun, um den Knaben wieder— zufinden?“
Er sah sie ruhig an:„Sie, gnädige Frau, nichts. Ich werde anspannen lassen und Sie zu Hause der Pflege Ihrer treuen Dienerin übergeben, denn Sie bedürfen der Ruhe und der Schonung. Alles Uebrige überlassen Sie mir. Noch in dieser Stunde mache ich mich auf den Weg und das Eine schwöre ich Ihnen:„Entweder mit Sascha oder nie sehen Sie mich wieder.“
Wortlos reichte sie ihm den Zettel hinüber,
Es war ein Blick der grenzenlosesten Liebe und
Dankbarkeit, mit dem sie zu ihm hinaufschaute und noch nie waren ihr seine Züge so ernst und männ⸗ lich erschienen, wie in diesem Augenblick. Gerührt reichte sie ihm die Hand.
„Nun lassen Sie uns aber nicht länger zögern“, fuhr Markewitz fort,„und gebe Gott, daß ich Ihnen bald gute Nachricht schicken kann.“
Er schellte dem Diener:„Es soll sofort ange— spannt werden, die beiden Orloff. Wir fahren zuerst die gnädige Frau von Smirninghoff nach Hause, dann machen wir uns auf die Suche nach dem kleinen Sascha, der seit einigen Stunden spurlos verschwunden ist.“
In dem Gesicht des alten Dieners zuckte es schmerzlich auf, auch er liebte den munteren, fröh— lichen Knaben, den erklärten Liebling Aller, mit denen er in Berührung kam. Der Diener ver- schwand. Markewitz machte sich zur Fahrt bereit und eine Viertelstunde später rollte der Wagen, nachdem Vera ihr kleines Häuschen erreicht hatte, in die dunkle Nacht hinaus.„Fassen Sie Mut“, bat Markewitz zum Abschied,„Sascha ist ja erst einige Stunden fort, weit kann er bei seiner Jugend noch nicht gekommen sein. Schöpfen Sie wieder Hoffnung und glauben Sie mir, daß ich Ihnen Ihren Sohn bald zurückbringe.“
Aber Sascha, wohl wissend, daß man ihm folgen würde, hatte seine Flucht beschleunigt. Als er, im Garten arbeitend, die Unterredung wider Willen gehört und belauscht hatte, war in seinem jugendlichen, leicht erregbaren Herzen der Gedanke entstanden, daß mit seiner Flucht sich für seine heißgeliebte Mutter Alles gut gestalten würde. Er hatte einen Augenblick geschwaukt, seinen Vorsatz auszuführen, nicht seinet-, sondern seiner Mutter wegen, aber als er sie, nachdem Markewitz ge— gangen, weinend und traurig auf der Veranda
hatte sitzen sehen und sich sagte:„Du kannst die Thränen trocknen— wenn Du nicht mehr bist, ist das Hindernis beseitigt“, war sein Entschluß be— festigt worden. Leise war er die Treppe hinaufge— gangen, hatte sich ein paar Sachen und den In⸗ halt seiner Sparbüchse eingesteckt und war, nachdem er den Zettel an seine Mutter geschrieben, aus dem Haus geschlichen, wohin, das wußte er vorläufig selbst noch nicht. Sein erster Gedanke war: an das Meer, dort, an den Dünen würde er am sichersten sein, dort würde ihn so leicht Niemand finden und dort wollte er über das weitere Ziel seiner Flucht nachdenken. Unbekümmert um das Unwetter lief er den Strandweg entlang und plötzlich war ihm das Ziel seiner Wanderung klar: Nach Deutschland wollte er fliehen; nicht weit von der Grenze, in der großen Handelsstadt, wohnte seine Großmutter, zu der wollte er gehen, sie würde ihm weiter helfen. Vor vielen Jahren war er schon einmal mit seiner Mutter bei ihr gewesen. Der Weg dorthin war so klar und deutlich, immer am Wasser entlang, immer neben den Dünen her, ein Verirren war unmöglich. Tapfer schritt er durch den weichen, nassen Sand vorwärts, nicht entmutigt durch die Aussicht auf die weite, beschwerliche Wanderung, die Liebe würde seine Kräfte erhöhen und verdoppeln. Tief sanken seine Füße bei jedem Schritt in den haltlosen Boden, der Sturmwind blies ihm entgegen und oft mußte er sich auf Minuten umwenden, um Atem zu schöpfen. Immer dunkler wurde es rings um ihn herum, wie graue gespenstische Nebel zogen sich die Dünenketten zu selner Linken hin und nur die weißen Wogenkämme, die ihm oft Gesicht und Haar benetzten, vermochte er zu unterscheiden.
(Schluß folgt.)


