Ausgabe 
6.4.1932
 
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Bezugspreis 1.50 vierteljährlich frei ins Haus. Redaktionsschluß früh 8 Uhr. Für Aufbewahrung oder Rück⸗ sendung nicht verlangter Manuskripte wird nicht garantiert

5. Jahrg.

Polilische Rundschau.

Die Osterpause in den Abrüstungs⸗ und anderen Völker⸗ bundsarbeiten nähert sich dem Ende. Diese Woche sinden be⸗ reits Besprechungen über Danzig und sozialpolitische Konferen⸗ zen statt. Am 11. d. M. beginnt dann die eigentliche Abrüstungs⸗ konferenz, am 12. die Natstagung über das Donauproblem und die internationale Arbeitskonferenz über Arbeitslosigleit und Weltkrise. g

Das Finanzlomitee des Völkerbundes hat sich mit der wirt⸗ schaftlichen und finanziellen Lage Oesterreichs beschäftigt und dem Völterbundsrat 1 9 77 für Oesterreich eine Anleihe im Betrage von 100 Millionen Schilling zu bewilligen.

e Mac Donald wird den Vorsitz bei der Viermächte⸗Konserenz, die am Mittwoch beginnt, führen.

Die am elne im Reichsarbeitsministerium geführten Nachverhandlungen über das Urlaubsablommen im Ruhrberg⸗ bau sind ergebnislos geblieben. Die Entscheidung liegt jetzt beim Reichsarbeitsminister und dürfte kaum vor Ablauf der Woche zu erwarten sein..

Der deutschnationale⸗ Parteivorstand richtete an den Reichs⸗ präsidenten und an die Reichsregierung eine Erklärung, die sich gegen denMißbrauch des preußischen Staatsapparates richtet.

DerRadikale Mittelstand, eine Absplitterung der Wirt⸗ schaftspartei, hat beim Reichsminister des N einen Zu⸗ lassungsantrag auf ein Volksbegehren eingebracht.

Aus 17 von insgesamt 37 Kreisen liegen die Ergebnisse der Neuwahl zur Ostpreußischen Landwirtschaftslammer vor. Die Nationalsozialisten erhielten bisher 22, der Landwirtschaftsver⸗ band Ostpreußen 14 Sitze.

Im Haushaltsausschuß des Bayerischen Landtages erklärte Minssterpräsident Dr. Held zum Fall Frick, daß dessen Wieder⸗ verwendung im bayerischen Staaksdienst durch ihn nicht beein⸗ flußt worden sei.

In Mittweida haben Kommunisten in der Nacht zum Mon⸗ tag mehrere Ueberfälle auf Nationalsozialisten ausgeführt, bei denen ein Nationalsozialist erstochen und sieben zum Teil schwer verletzt wurden. 8 85

Die gesamte Arbeiterschaft in der ostoberschlesischen Zinkin⸗ dustrie hat die Kündigung zugestellt erhalten. Wiedereinstel⸗ lungen sollen nur unter der Voraussetzung erfolgen, daß die Ar⸗ beiter sich mit einer e, um 12 v. H. einverstanden er⸗ klären. Bei Ablehnung dieser Kürzung sollen die Betriebe ge⸗ schlossen werden.

Die Verhandlungen zwischen dem Stahlwerksverband und der Sowjethandelsvertretung über die Lieferung von insgesamt 300 000 Tonnen Walzwerkserzeugnisse sind dieser Tage erfolg⸗ reich abgeschlossen worden.

Der ne e bei den Sparkassen des Deutschen l im Monat Februar eine Erhöhung von 9887,3 auf 9888,7 Mill. RM. erfahren.

Der Mitinhaber des in Liquidation befindlichen Frankfurter Bankgeschäftes Imhäuser u. Co., Dr. Walther Imhäuser, wurde wegen dringenden Verdachts der Devisenverschiebung sestgenom⸗ men, der Briefwechsel der Firma wurde beschlagnahmt.

Der Privatdiskont wurde auf 5% Prozent ermäßigt.

Der Generalstreik der Bergarbeiter in Nordwestböhmen geht unvermindert weiter.

In der Nacht auf Dienstag erlag Graf seinerzeit Außenminister Kaiser Karls, einem Ottolar Czernin ist 59 Jahre alt geworden.

Am Sonntag sand in Rom die Eröffnung des Goethe⸗In⸗ stituts für germanische Studien statt. Mussolini feierte Goethe in einer Ansprache in deutscher Sprache, worauf der deutsche Botschafter von Schubert in italienischer Sprache dankte.

Ueber die englisch⸗französischen Beratungen wurde eine ge⸗ meinsame Erklärung veröffentlicht, in der es heißt, die Bera⸗ tungen hätten hauptsächlich den wirtschaftlichen und finanziellen 5 gegolten, denen die Donaustaaten gegenüber⸗ stehen.

Ministerpräsident General Ziwkovitsch hat am Montagmit⸗ tag dem König Alexander auf Schloß Dedinjew bei Belgrad den Gesamtrücktritt der Regierung unterbreitet. Der König hat den Rücktritt angenommen.

Die amerilanische Regierung bereitet als ihren eigenen Vei⸗ trag zur Beseitigung des Defizits einen gewaltigen Abbau aller Staatsausgaben vor.

Bei den allgemeinen Wahlen in Mexiko ereigneten sich mehrfach blutige Zusammenstöße, bei denen vier Menschen ge⸗ tötet und zwanzig teilweise schwer verletzt wurden.

Der erste Neichshaushalt ohne Beträge für Tribute.

In der Woche vor Ostern ist im Wege einer Notlösung die Haushaltgebahrung des Reiches bis zum 30. Juni 1932 geregelt worden, was sozusagen eine erlängerung des Haushaltsplanes 193132 darstellt. Vom 1. Juli ab soll der Haushalt 193233 laufen. Voraussichtlich wird 11 7 Ende dieses Monats der

Ottokar Cernin, Herzschlag. Graf

neue Reichshaushalt veröffentlicht werden. Das wichtigste Merkmal dieses Etats wird 1175 daß er

zum ersten Male in der Nachlriegszeit leine Beträge für Tribut⸗

zahlungen

beim Etat 193132 der Fall war. Damit . sich die Haushaltpolitik des Reiches konseguent im Sinne er Erklärung des Reichskanzlers und der Reichsregierung ein, die vor aller Welt feststellten, daß Deutschland nicht mehr in der Lage ist, Tribute zu bezahlen.

Der Memel⸗Skandal kommt vor den Haager Gerichtshof.

Kowno. 5. April. Nach einer amtlich nicht bestätigten Verlautbarung haben die Unterzeichnermächte, die litauische Regierung davon verständigt, daß die ganze Memelangelegenheit einschließlich des Falles Böttcher, infolge der Nichtbeachtung der bei dem letzten gemeinsamen Schritt der Mächte vorgebrach⸗ ten Warnungen jetzt vor den Haager Schiedsgerichtshof gebracht werden würde.

Remarques Bankkonto beschlagnahmt.

Berlin. Auf Veranlassung der Zollfahndungsstelle wurde das Danatbank⸗Konto des durch den RomanIm Westen nichts

enthält, wie es no

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(Gießener Tageblatt

Mitwoch, den b. April

Drud und Verlag von Albin Klein in Gießen

Geschäftsstelle: Gießen, Südanlage 21. Fernsprecher Nr. 2525 und 2526. Postscheckkonto Nr. 69 530 Amt Frankfurt a M.

Neues bekannt gewordenen Schriftstellers Remarque bei der Danatbank beschlagnahmt. Die Maßnahme erfolgte, weil der Verdacht der Devisenschiebung besteht.

Hessische Politik.

Am Donnerstag wird der Finanzausschuß des Hessischen

Landtages die allgemeine Aussprache über den Staatsvoran⸗

schlag 1932 einleiten. Der Etat schließt für den ordentlichen 2

Haushalt in Einnahme und Ausgabe mit 108 542 555 Reichsmark

ab. Gegenüber 1931 haben sich die Ausgabeziffern um 29,8 Mill. NM. vermindert. Zu den Einsparungen hat neben der allge⸗ meinen Tendenz, die Ausgaben des Staates zu senken, auch die Verminderung der. Einnahmeseite den Anstoß gegeben.

Die wirtsthaftliche Lage des Handwerks im Monat März 1932.

Vom Reichsverband des deutschen Handwerks wird uns geschrieben:

Die immer weitergehende Schrumpfung der deutschen Wirtschaft machte sich im Monat März auch für das Hand⸗ werk in einem weiteren Auftragsrückgang ungeheuer ungüustig bemerkbar. Die Belebung, die sonst das Frühjahr brachte, blieb so gut wie vollkommen aus. Zum Teil sind hieran die Witterungseinflüsse schuld, zum größten Teil aber dürfte diese Tatsache auf die allgemein wirtschaftlichen Verhältnisse zurück⸗ zuführen sein. Die Zahl der Handwerksbetriebe, die gänzlich still liegen oder nur noch vom Meister allein betrieben werden, nimmt ständig zu. Der allgemeine Arbeitshunger führte zu einem Kampf um die wenigen noch vorhandenen Aufträge. Das Preisnibeau ist daher allgemein so stark gesunken, daß ein nen⸗ nenswerter Gewinn überhaupt nicht mehr zu erzielen ist.

Die Deflationspolitik, die von der Reichsregierung beson ders in der Vierten Notberordnung dom 8. Dezember 1931 an gewandt wurde, konnte im Handwerk nicht belebend wirken, im Gegenteil, der Lohn- und Gehaltsabbau hat sich in einem Rück⸗ gang der Aufträge ausgewirkt, doch ist festzustellen, daß durch die Politik der Regierung im Publikum sehr starke Hoffnungen auf einen erheblichen Preisabbau gestärkt wurden, die zur Zu⸗ rückhaltung noch vorhandener Aufträge führten. Die durch die Preissenkungsaktion gleichfall⸗ genährte Auffassung weiter Kreise des Publikums, daß die Preise im Handwerk allgemein überhöht seien, förderte die Vergebung von Reparaturarbeiten an Schwarzarbeiter. Sogar Personenkreise, die früher niemals daran gedacht haben, ihre Aufträge an solche Personen zu ver⸗ geben, wandten sich in größerem Umfange dieser Bedarfs deckung zu.

Die Vorverlegung des Vorauszahlungstermins für die Einkommensteuer hat sehr nachteilige Wirkungen hervorgerufen. Die erfolgte Senkung der Preise für Gas und Elektrizität war nur so gering, daß dadurch eine fühlbare Entlastung des Be⸗ triebskostenkontos nicht eintreten konnte. Alles in allem ge⸗ sehen, sind die Preisbedingungen für das Handwerk in einem ganz unerträglichen Zustande. Ueber den Eingang der Zah⸗ lungen wird allgemein sehr geklagt. Die Eintreibung der For derungen wird häufig durch die sehr hohe Lohnpfändungsgrenze unmöglich gemacht.

Die Zukunftsaussichten für die nächsten Monate sind um so betrüblicher, als Anzeichen für eine Belebung des Baumark⸗ tes nicht vorhanden sind. Außerdem ist die Lage des Alt⸗ und des Meuhausbesitzes so drückend, daß Reparaturarbeiten auch für die Zukunft nur in ganz geringem Umfange zur Vergebung kommen werden. Eine Belebung der Handwerkswirtschaft ist nur möglich, wenn eine vollkommene Umgestaltung der Wirt⸗ schafts⸗ und Sozialpolitik der Reichsregierung mit möglichster Beschleunigung eingeleitet wird. Ob das in Aussicht stehende Arbeitsbeschaffungsprogramm nach dieser Seite wirken kaun, muß nach den bisherigen Verlautbarungen noch sehr stark be zweifelt werden. Das Haupterfordernis dürfte eine Regierungs⸗ politik sein, die auf eine Stärkung des wirtschaftlichen Ver⸗ trauens abzielt, damit das an und für sich noch vorhandene Ka⸗ pital wieder belebend in die Wirtschaft eingeleitet werden kann.

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. 8 2 1 Das rufsische Paradies.

Ein Wuppertaler Beigeordneter erzählt seine Erlebnisse in Nußland.

Ein Wuppertaler Beigeordneter gab nach denDüsseldorfer Nachrichten anläßlich einer Aussprache im Stadtparlament eine Schilderung über Sowjet⸗Rußland. Da es sich um eine Schilderung nach eigenen Erlebnissen handelt, dürfte sie beson⸗ deres Interesse beanspruchen.

In der Wuppertaler Stadtperordnetensitzung kam es anläß⸗ lich einer Auseinandersetzung über den Straßenbau zu einer be⸗ merkenswerten Aussprache über russische Verhältnisse. Als nämlich der Beigeordnete Dr. Rot Einzelheiten ausführte über die geringen Möglichkeiten, das zuppertaler Straßennetz zu verbessern, machten die Kommunisten Zwischenrufe, in denen sie auf die besseren Zustände in Sowjet⸗Rußland hinwiesen. Dr, Roth ging auf diese Bemerkungen ein, da er auf Grund einer langen Studienreise in Rußland wohl in der Lage sei, Ver⸗ gleiche 1 0 Der Beigeordnete erklärte im Wortlaut Bügel folgendes:

Wenn Sie(die eee Stadtverordneten) eine Ahnung hätten von den wirklichen Zuständen in Rußland, dann würden Sie es unterlassen, Parallelen zwischen Rußland und uns zu ziehen.

Ihre Aufasssung von Rußland beruht von A bis Z auf einen

großen Irrtum. Ich hatte Gelegenheit, in Petersburg und Moskau die Straßen und Häuser zu besichtigen, und ich muß Ihnen sagen: es ist ein⸗ fach grauenhaft! Wenn Sie, meine Herren Kommugisten, eine Rußlandbesichtigung nach einem von mir, nicht pon der Sowjet⸗ Regierung, ausgearbeiteten Programm vornehmen würde, Sie alle würden mindestens als Sozialdemokraten Al m Die Zustände spotten einfach jeder eschreibung. Als wir seinerzeit ein Kinderheim besuchen wollten, das nach der eigenen Aus⸗ sage des Führers in einem der feinsten Viertel von Petersburg liegt, da war es einfach nicht möglich, mit dem Auto dorthin zu gelangen, weil der Wagen buchstäblich im Dreck stechen blieb,

Von einer ehemaligen, im zaristischen Rußland angelegten Asphaltbahn waren nur noch kümmerliche Reste zu erkennen. Und das war die einzigeAutostraße des ganzen Petersburger Nordpiertels! Unsere Wuppertaler Straßen könnten noch fünf Jahre lang ohne jede Reparatur bleiben, und sie würden immer noch Gold gegen die russischen Straßen sein. Nicht anders ist es bei den Häusern. Unsere Notwohnungen sind kleine Villen dagegen! In einembesseren Hause, in dem der Direktor einer Schiffahrtsgesellschaft wohnt, gibt es beispielsweise nur einen einzigen Abort für 36 Personen! Die enster sind mit Brettern vernagelt oder mit Papier überklebt. Gußeiserne Balkone sind mit Stricken an den Häusern befestigt. damit sie nicht herunterfallen. Kurzum: die Zustände sind ein⸗ fach unbeschreiblich. Es gibt zwar einige Paradeviertel, die ee Besuchern gezeigt werden. ber das sind Ausnah⸗ men. azu stammen sie noch aus der aristischen Zeit! Wenn die deutschen Kommunisten nur eine oche lang das wirtliche Rußland kennen lernen würden, sie würden sich an den Kopf fassen und bekennen: Wir sind jahrelang belogen und betrogen worden! Ihr Phantasie⸗Rußland würde endgültig ausgewischt werden. Ein prominenter russischer Kommunist sagte mir wörtlich:Der deutsche Arbeitslose lebt besser, kleidet sich besser und wohnt besser als der hochbezahlte russische Industriearbeiter! Am Lenin⸗Mausoleum haben mir a e Kommunisten erklärt: Wir leben hier spottschlecht! Alles, was als angebliche Er⸗ rungenschaft aus Rußland gemeldet wird, ist lediglich Zukunfts⸗ musik. Ich bin jederzeit bereit, in einer mi Ver⸗ sammlung weitere Auskünfte zu geben, und ich bin überzeugt: Ihnen werden die Haare zu Berge stehen!

Wohl selten hat eine solche, mit tiefem Ernst vorgetragene Anklage eines nüchtern beobachtenden Fachmannes solchen Ein⸗ druck im Wuppertaler Stadtparlament hinterlassen. Einige lär⸗ mende Zwischenrufe konnten diese Wirkung nicht abschwächen.

Die Stadt Berlin kann ihre Gehälter nicht zahlen.

Die Stadt Berlin ist, wie aus Berlin gemeldet wird, infolge schlechter Steuereingänge nicht in der Lage, die zweite Gehalts⸗ zahlung für ihre Angestellten und Beamten, die zwischen dem 9. und 11. April zur Auszahlung kommen sollte, rechtzeitig zu diesem Termin aufzubringen. Infolgedessen werden die städti⸗ schen Angestellten und Beamte diese Rate erst mit dem letzten Drittel zusammen am 18. April erhalten, falls bis dahin ge⸗ nügend Mittel vorhanden sein werden. Nur die kleinen Ge⸗ hälter bis zu 200 Mark werden insofern berücksichtigt, als man ihren Beziehern schon jetzt eine Abschlagszahlung von 50 Mark

auszahlen will.

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