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Evangelische Warte
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Organ der Evangelischen Volksgemeinschaflt
Des Menschen Sohn ist nicht gekommen, daß er sich dienen lasse, sondern daß er diene und gebe sein Leben zu einer Erlösung für viele.“
Matthäus 20, 28.
Hauptschriftleiter: Edwin Hamburger in Staden(Oberhessen). Verantwortlich für Politik und Wirtschaft: Edwin Hamburger, für den Unterhaltungsteil: W. Greb in Weisenau bei Mainz.
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3. Jahrgang.
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Abonnements⸗ und Anzeigen ⸗Annahmestelle, Druck und Verlag: Gießen, Südanlage 21.
Sonnabend, den 26. März 1927.
Erscheint Samstags.— Bezugspreis 50 Pfennig monatlich. Anzeigenpreise: die 30mm breite Kleinzeile auswürls 24 Pfg
am Ort 12 Pfg., die 90 mm breite Kleinzeile im Text 96 Pfg., Platzvorschriften ohne Verbindlichkeit. Bei Wiederholungen Vergünstigung.
Rummer 13.
Mohr evangelisches Vewußtsein!
Vortrag von Superintendent C. Brandt, gehalten auf der Provinzialtagung der Evangelischen Frauenhilfe Hannovers in Osnabrück am 3.
Und nun darf ich noch eben einige Streifzüge auf das Gebiet des öffentlichen Lebens machen. Neulich reiste eine schlichte evangelische Frau in einem Abteil 4. Klasse. Alle Sitzplätze waren besetzt. Nur neben einem jungen Manne war noch ein Platz frei. Da stiegen neue Fahrgäste ein und der junge Mann lud sie zum Sitzen ein mit dem Worte:„Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken.“ Alles schwieg oder lachte, nur die Frau sagte ernst und bestimmt:„Hören Sie mal, junger Mann, ich bin eine evangelische Christin, und dies Port unseres Herrn ist mir heilig und teuer und ich kann und will nicht dulden, daß Sie es derartig in den Staub ziehen. Schämen Sie sich.“ Der Jüngling faselte dann etwas von Redefrei⸗ heit, da er aber sah, daß die anderen der Frau doch zu⸗ stimmten, so schwieg er. Kann von dieser Frau nicht mancher Evangelische lernen? Was lassen sich evange⸗ lische Christen alles bieten, und wenn es ihren heilig⸗ sten Gefühlen ins Gesicht schlägt! Mehr Bekennermut, mehr energischer Protest, wo man unsere Sache be schmutzen will! Denkt an die Geschäfte, die Schundlite⸗ ratur vertreiben. Geh hin und stell sie zur Rede und sage ihnen die Kundschaft auf! Denkt an die Zeitung. Ich blätterte auf der Reise hierher in dem gelben Ta⸗ schenfahrplan, der von der Reichsbahndirektion Han⸗ nover ausgegeben wird. Da fand ich auf der inneren Umschlagseite ein großes Inserat:„Hannoversche Volks⸗ zeitung, das Organ der Katholiken von Groß⸗Hanno⸗ ver, der Prov. Hannover und Nachbargebiete, 41. Jahr⸗ gang.“ Ich frage: Wo sind in unserer überwiegend evangelischen Heimat die Zeitungen, die man restlos als Organ des Evangeliums bezeichnen könnte? Wären wir besser organisiert, opferwilliger, eifriger, hätten wir mehr evangelisches Bewußtsein, so besäßen wir sol⸗ che Zeitungen und wir müssen sie haben. Bis dahin aber kontrolliert eure Blätter, geht auf die Redaktionen und beschwert euch, wenn ihr eure evangelischen Ge— fühle verletzt seht, und wenn das nicht hilft, dann ent⸗ zieht ihnen die Inserate, bestellt ab, und wenns euer Leib⸗Organ wäre, und veranlaßt andere zur Abbestel⸗ lung! Das ist der Punkt wo man empfindlich ist!
Oder nehmt die Sonntagsfrage! Ist es nicht ge⸗ radezu skandalös, und wollen wir uns das länger ge— sallen lassen, daß es immer mehr Mode geworden ist, ausgerechnet die Zeit unserer Gottesdienste mit Sport⸗ veranstaltungen, Tagungen und Versammlungen aller Art zu belegen? Eine wahrhaft beschämende Mißach⸗ tung der evangelischen Sache! Etwas kann jeder da⸗ gegen tun. Und wenn da die Stimme des Einzelnen
Gnädige heimsuthungen.
Lukas 19, 41 und 42. Und als er nahe hinzu⸗ tam, sah er die Stadt an und weinte über sie und sprach:„Wenn doch auch du erkenntest zu dieser deiner Zeit, was zu deinem Frieden dienet! Aber nun ist's vor deinen Augen verborgen.
Als ich diese Worte über die heutige Andacht stellte, da war ich im Zweifel, wie ich die Ueberschrift wählen sollte. Es lag mir nahe, im Anschluß an die obigen Worte unseres Heilandes über Patriotismus zu schreiben. Denn ganz unstreitig war Jesus ein Mann, der sein Volk und Vaterland liebte. Er ver⸗ weist seinen Jüngern zu gehen auf der Heidenstraße. Er weigert sich, im Heidenlande ein Wunder zu tun, wie wir aus der Ge⸗ schichte vom kanaanäischen Weibe ersehen. Heute ist er auf dem Wege nach der alten jüdischen Hauptstadt Jerusalem. Er kommt von Jericho her. Auf dem Oelberg ist er mit seiner Jünger⸗ schar angelangt. Dort war die Stelle, an der die Pilger Rast zu halten pflegten und sich weideten an dem Anblick der herr⸗ lichen Stadt. Ihre ganze glänzende Vergangenheit stand dann den Juden vor Augen. Aber sie dachten auch an die schweren Schicksale, die diese Stadt hatte durchmachen müssen. Ehe sie aber weiterzogen, dann freuten sie sich, daß die Stadt Davids wieder aufgebaut dastand und erglänzte in den Strahlen der morgenländischen Sonne. Ihre Freude ließen sie erklingen in den Weisen des 121. Psalms:„Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen, von welchen mir Hilfe kommt.“
Heute zieht wieder ein Pilgerhäuflein diese Straße. Sie blicken alle auf die herrliche Stadt. Vielleicht haben die Jünger das gewohnte Lied anheben wollen. Da bemerken sie Tränen in den Augen ihres Meisters. Jesus weint! Hören wir das oft, daß Jesus weint? Nein! Anter den schlimmsten Martern, die ex hat erdulden müssen, war er ein Mann. Er hat auch nicht um Schonung gebeten und seinen Feinden etwas vorgeweint.
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(Schluß.)
naturgemäß verhallt, so schließt euch den Organisatio— nen als eifrige Mitglieder an, die hier und auf anderen Gebieten den Kampf aufgenommen haben!
Auch die Politik dürfen wir nicht übergehen. Gott⸗ lob wird auch auf evangelischer Seite immer mehr Schluß gemacht mit dem überlebten Satz: Religion und Politik haben nichts miteinander zu tun, den schon der große englische Prediger Spurgeon„die schlaueste Er⸗ findung des Satans“ genannt hat. Ich kann dies Ge⸗ biet nur eben streifen. Aber gegenüber dem oberfläch⸗ lichen und einschläfernden Gerede von der„Eigengesetz⸗ lichkeit“ der politischen und namentlich wirtschaftlichen Dinge sollten wir evangelischen Christen uns doch viel mehr bewußt werden, daß da auf dem Gebiet der sozia⸗ len Frage, ja aller und jeder politischen Fragen, Auf⸗ gaben auf uns warten, zu deren Lösung wir kaum noch einen Finger gerührt haben, die aber geradezu nach Lösung durch uns schreien. Wir haben in der Politik nicht nur Interessen zu vertreten, sondern Grundsätze, Grundsätze, ohne die weder unser politisches Leben ge⸗ sunden noch auf die großen Lebensfragen unserer und aller Nationen eine Antwort gefunden werden kann.
Und endlich unser Verhältnis zur katholischen Kirche. Es ist ja bekannt genug, und erfüllt manchen Evangelischen mit unnötigem Grausen, welche fieber⸗ hafte Tätigkeit der Katholizismus seit Jahren entfaltet zur Mobilisierung der eigenen Truppen mit dem End⸗ ziel: alle Völker der Erde sich zu unterwerfen und na⸗ mentlich auch die abtrünnigen Protestanten in den Schoß der allein seligmachenden katholischen Kirche zu⸗ rückzuführen. Das bedeutet Kampf, und dieser Kampf ist das gute Recht des Katholizismus. Es ist aber auch unser gutes Recht, ja unsere unabweisbare Pflicht, nicht nur allezeit zur Abwehr schlagfertig und bereit zu sein, sondern auch unsererseits zum Angriff vorzugehen Wenn da besorgte Volksfreunde und Politiker warnend den Finger erheben und das Schreckgespenst des Kultur⸗ kampfes an die Wand malen, so heißt das nichts ande⸗ res, als vor der Wichtigkeit die Augen verschließen. Der Kulturkampf ist da und muß da sein. Es ist vergeblich, in weltgeschichtlichen Geisteskämpfen Waffenstillstand zu gebieten oder gar Frieden diktieren zu wollen. Zwar sind, wie schon Sup. D. Rolffs im Schlußwort zu dem Buche„Revolution und Kirche 1919“ betont hat, katho⸗ lische und protestantische Kirche aufeinander angewiesen. Ein Zerfall der einen käme nicht der anderen, sondern dem Unglauben zugute. Sie haben beide von ein⸗ ander gelernt und werden noch von einander lernen müssen. Sie sollen im Konkurrenzkampf nach Gottes
Als sein Freund Lazarus gestorben war, und hier an dieser Stelle wird uns berichtet, daß Jesus Tränen hatte. Jesus war also gar nicht ein so weichlicher, rührseliger Mensch. Rühr⸗ seligkeit ist ein Zeichen der Nerven- und Seelenschwäche. Wenn nun Jesus weint, dann weint ein starker, harter Mann. Wie tief muß sein Herz erschüttert sein! Warum weint er? Er sieht diese Stadt mit den Augen des Sehers. Nicht Glanz und Herr- lichkeit, sondern Verderben und Untergang erblicken seine Augen. Jesus liebte sein Volt, liebte seine Geschichte, liebte auch diese Stadt Davids. Seine Vaterlandsliebe ist lebendig in seiner
Seele. Wie gerne möchte er das Unheil abwenden. Aber es geht nicht. Die Juden haben nicht gewollt.
Eine Gnadenzeit geht gerade im Volke der Juden vorüber. Der von Gott Gesandte geht hin, um zu sterben.„Wie oft habe ich deine Kinder versammeln wollen, wie eine Henne versammelt ihre Küchlein unter ihre Flügel; und ihr habt nicht gewollt.“ „Sie haben die gnädige Heimsuchung in der Person Jesu Christi nicht erkannt.“ Er hat es ihnen gesagt, daß er der Messias sei; aber sie wollten ihn nicht anerkennen. Er hat ihnen gezeigt, was Gott von diesem Geschlechte fordert; aber sie haben nicht darauf gehört. Nun sieht Jesus die schwere Strafe kommen. Was im Jahre 70 sich wirklich ereignete, das hat Jesus auf
diesem Gang vom Oelberg herab nach der Davidsstadt voraus⸗
gesehen. Aber waren nicht die Jünger dem Herrn gefolgt? Hatte nicht Petrus ein offenes Bekenntnis abgelegt, daß er in Jesus den Sohn Gottes erkannt hatte? Waren es nicht neben den Zwölfen noch siebzig weitere Nachfolger? Das ist alles rich⸗ tig; aber die wenigen sind nicht das Volk. Wie oft haben wenige das Richtige zum Wohle des Volkes erkannt. Aber wenige gelten nichts, sie werden übersehen. Die Masse in ihrer Urteilslosigkeit macht die Fehler und muß die Folgen tragen. So war es auch damals bei den Juden. Deshalb mußte auch das ganze Volk das Gericht über sich ergehen lassen, das die Römer über die Juden verhängten.
Mai 1926.
geschichtlicher Führung ihre Lebenskraft beweisen, und die Erhaltung dieser Lebenskraft in der einen ist eine Lebensfrage für die andere. Dennoch: Wo katholische Christen und evangelische von der Wahrheit und Herr- lichkeit ihres Glaubens tief innerlich überzeugt sind, da können sie nur seine weiteste Verbreitung wünschen, sie müssen. Sie sollen im Konkurrenzkampf nach Gottes⸗ sion aber heißt Kampf. Nur daß dieser Kampf mit an⸗ ständigen, d. h. mit geistigen Waffen geführt werde! Unser evangelischer Glaube ist viel zu hehr, viel zu siegessicher und zukunftsfroh, als daß wir ihn mit zer⸗ brechlichen Krücken zu stützen brauchten, noch viel weni— ger mit Kampfesmethoden beflecken dürften, die vor dem Forum unseres Königs Jesus Christus nicht bestehen können. Das wollen wir Evangelischen uns immer wieder ins Gedächtnis rufen. In diesem Sinne noch einmal: Mehr evangelisches Bewußtsein, mehr Wille zum Kampf, aber zum Kampf in der Lauterkeit und Wahrheit!
Ich bin am Schluß und kehre zum Anfang zurück, Evangelisches Bewußtsein kann nur der in voller Stärke in sich tragen und mit Ernst und Eifer betätigen, der die Herrlichkeit seines evangelischen Glaubens als lebendigen Besitz in sich trägt. Und das wiederum hat nur der, der täglich wächst in der Gnade und Erkenntnis unseres Herrn Jesu Christi und seine Seele tief hinab— taucht in das Meer der Liebe Gottes, die in Jesus Christus erschienen ist. Nur da wird der Ruf: Mehr evangelisches Bewußtsein! ein lebendiges Echo finden, wo man in tiefer, voller Ueberzeugung mit Ernst Moritz Arndt sprechen lernt:
Ich, weiß, woran ich glaube, Ich weiß, was fest besteht, Wenn alles hier im Staube Wie Sand und Staub verweht. Ich weiß, was ewig bleibet, Wo alles wankt und fällt, Wo Wahn die Weisen treibet Und Trug die Klugen prellt.
Das ist das Licht der Höhe, Das ist der Jesus Christ,
Der Fels auf dem ich stehe, Der diamanten ist;
Der nimmermehr kann wanken, Der Heiland und der Hort,
Die Leuchte der Gedanken,
Die leuchten hier und dort.
Hat nicht unser deutsches Volk auch seine Gnadenzeiten ge⸗ habt? Damals, als Dr. Martin Luther, dieser von Gott zu den Deutschen gesandte Mann, gegen die Irrlehren in der Christen⸗ heit auftrat, da rief er aus:„Kauft, ihr lieben Deutschen, so lange der Markt ist!“ Damals war große Zeit für unser deut⸗ sches Volk. Nocht öfter hat Gott unserem Volke bedeutende Männer gegeben. Da war der Tisch reich gedeckt. Da konnte unser Volk zugreifen. Nach solchen fetten Zeiten kam dann immer wieder magere Zeit. Dann mußte man von der Ver⸗ gangenheit leben. Darum müssen solche gnädige Heimsuchungen unseres Gottes festgehalten werden. Wann wird wohl für unser Volk wieder eine solche Zeit der Heimsuchung kommen? Wir wissen es nicht. Aber wenn sie kommt, dann laßt es uns nicht machen wie die Juden, von denen der Herr sagt:„Ihr habt nicht gewollt!“ Dann laßt uns zugreifen und nehmen, was Gott uns anbietet.
Eben scheint bei uns magere Zeit zu sein. Wir warten auf eine reichere Zeit. Gebe Gott, daß die erwartete Gnaden⸗ zeit bald über unser deutsches Volk komme. Denn nichts kann unsere dunklen Tage hell machen als der Allgütige allein mit seinem wunderbaren Lichte.
Geist des Lichtes, leuchte, leuchte, Wo es finster ist und Nacht,
Daß die Finsternis bald weiche Und die Nacht zum Tag erwacht.
Geistesflamme, zünde, zünde Heller hier dein Feuer an, Daß es alle Christenherzen Wärmen, heil'gen, läutern kann.
Jesus Christus, höre, höre! Sprich dein Amen, wenn wir fleh'n: Sende, Herr, in unsre Lande
Ein gewalt'ges Geistesweh'n! Amen. Hr.


