Sonnabend, den 25. Juni 1927.
2 1
Wenn wir hinzufügen, daß sich diese Sätze auf einer Seite finden und daß sie stehen in einer Monats⸗ schrift„zur Pflege der deutschen Eintracht“, so können unsere Leser sich eine hinlängliche Vorstellung machen von der Art der Waffen, deren man sich zur Bekäm— pfung unserer E. V. bedienen zu dürfen glaubt!
Fürwahr, wir hätten und hielten lieber Frieden, als daß wir Kampf führten. Aber das wäre ein fau⸗ ler Friede, wenn man nicht mehr die Wahrheit sagen und die Dinge beim richtigen Namen nennen dürfte! Evangelisch sein heißt doch, für Recht und Wahrheit eintreten auch dann, wenn einem„Unannehmlichkeiten“ und Feindschaft dadurch erwachsen, heißt doch, mit Lu— ther sprechen:„Es ist weder sicher noch geraten, etwas wider das Gewissen zu tun!“ Daß wir den Frieden wollten, sofern wir dadurch nicht unserem Gewissen Ge walt und unserer evangelischen Sache Schaden antun müßten, haben wir durch jene Besprechungen bewiesen, über deren schließliche Ergebnislosigkeit Dr. B. sich im „Zusammenschluß“ so enttäuscht und zornig zeigt. Aber wie war es denn? Da saßen sich als Verhandlungs— partner gegenüber: auf der einen Seite die offiziellen Vertreter der evangelischen Volksgemeinschaft und auf der anderen Seite Männer, die immer wieder betonten, daß sie beileibe nicht als offizielle Abgesandte der Zen⸗ trumspartei angesehen werden dürften! Das schuf von vornherein eine Atmosphäre des Zwielichtes und der Zwiespältigkeit, die unser Vertrauen minderte.„Tak⸗ tisch“ mag solches Verhalten der Gegenseite vielleicht 2„klug“ genannt werden. Das Zentrum mag sich nicht gern kompromittieren. Darum tritt es nicht selber of⸗ fiziell in Funktion, sondern schickt Mittelsleute. Haben die Erfolg, so schreibt ihn das Zentrum bereitwilliast sich selber gut; haben sie keinen(wie in unserem Fal— le), so hat das Zentrum eben„von nichts gewußt“ und Mißerfolges unbelastet! Daß als dritte Gruppe an den Verhandlungen noch Leute teilnahmen,„die, wiewohl evangelischen Bekenntnisses,„Verständnis“ selbst dafür bekundeten, daß bei der öffentlichen Stellenbesetzung das Zentrum nicht bloß paritätisch behandelt, sondern auch noch für seine angebliche Zurücksetzung in der Vor⸗ kriegszeit nachträglich voll entschädigt werden müsse, sei nur als Kuriosum erwähnt.
Auf das Ergebnis der Verhandlungen kommen wir noch zurück. Wir bedauern es nicht, dieselben ge— pflogen zu haben. Denn es war uns Gewissensdrang, zu versuchen, ob nicht doch ein„modus vivendi“, eine einträchtige und einmütige Zusammenarbeit zwischen Evangelischen und Katholiken, soweit sie in Evange— lischer Volksgemeinschaft und Zentrum gesammelt sind, auf politischem Gebiete möglich sei. Die Verhandlungen haben uns gezeigt— und das buchen wir nicht als negatives, sondern als positives Resultat— daß die Zeit bezw. das Zentrum noch nicht reif dafür ist. Die bürgerliche Toleranz, zu der das Zentrum sich in der N Theorie bekennt, wird in der Praxis immer wieder durch
die dogmatische Intoleranz, zu welcher die Zentrums— katholiken von ihrer Kirche erzogen werden, gefährdet und zunichte gemacht. Sehr lehrreich ist in dieser Hin— 1 sicht der Artikel des Reichsarbeitsministers Dr. Brauns (Br. ist katholischer Priester und Zentrumsmann)„Zen— trum und evangelischer Volksteil“ in Heft 11, 192627 des„Zusammenschluß“. Als Voraussetzung für das Zusammengehen des Zentrums und einer evangelischen Partei stellt er hin,„daß man beiderseitig an der dog⸗ matischen Intoleranz keinen Anstoß nimmt“. Dabei muß er als Theologe wissen, daß evangelisches Chri— stentum dogmatische Intoleranz, wie sie katholischer— seits gepflegt und geübt wird, überhaupt nicht kennt, 5 daß ihre Wahrung also ausschließlich im katholischen Interesse liegt und einseitig gegen den evangelischen 3 Volksteil ihre Spitze kehrt! Ebenda bezeichnet Brauns als Ziel auf kulturpolitischem Gebiete„die paritätische Behandlung der beiden Konfessionen“k. Wenn man nur
klar wüßte, was er darunter versteht?
„Evangelische Warte“
Wo Zentrumsleute von Parität reden, da haben wir auf Grund allzu vieler bitterer Erfahrungen den Eindruck, daß sie damit die einseitige Berücksichtigung und Bevorzugung der katholischen(auf kulturellem Ge⸗ biete) und der Zentrums⸗Interessen(auf politischem Gebiete) mein! Wer rennt in Hessen und Baden gegen die christliche Simultanschule an? Wer hat in Bayern durch das Konkordat der katholischen Kirche weit mehr zugeschanzt, als ihr nach ihrer zahlenmäßigen Stärke dort zukommt? Wer hat die Provinz Oberschlesien ge— schaffen, um dort eine katholische Domäne zu haben? Wer hat in dem zu zwei Dritteln evangelischen Preußen die ganze Volksschulabteilung, des Kultusministeriums unter seinen alles beherrschenden Einfluß gebracht? So könnten wir noch lange weiterfragen, und die Ant— wort ist immer die gleiche! Da darf man es uns wirklich nicht verargen, wenn wir, sobald von drüben her das Wort„Parität“ erklingt, stutzen und an das arge Mißverhältnis zwischen Theorie und Praxis den— ken. Es ist auch nicht sehr zart von Dr. Brauns, wenn er in seinem Artikel darauf hinweist,„daß die Ehen un— ter Protestanten von der katholischen Kirche als gül— tige, ja als sakramentale Ehen betrachtet und behan— delt werden“. Denn dahinter steht die katholische Auf— fassung, nach der Mischehen zwischen Evangelischen und Katholischen, auch wenn sie die Weihe evangelischer Trauung haben.„Konkubinate“ sind und dementspre— chend„betrachtet und behandelt werden“! Hier wird eindeutig offenbar, wie die„dogmatische Intoleranz“ Noms und seiner politischen Repräsentanten ins bür⸗ gerliche Leben übergreift und die„bürgerliche Tole— ranz“ zum blutleeren Abstraktum, zum bloßen Beruhi— gungspulver für uns Evangelische macht. Wo die ka⸗ tholische Kirche die politische Macht in Händen hat, da ist sie bestrebt, auch die staatlichen Ordnungen nach ihrem Dogma zu meistern. So berichtet ein mittel— deutsches volksparteiliches Blatt eben aus Bayern, daß dort katholische Priester katholische Trauungen vollzogen haben, ohne daß vorher die standesamtliche Eheschlie— zung stattgefunden hätte. Angeklagt, seien sie frei— gesprochen, und in dem einen Falle, wo eine Bestrafung erfolgt sei, habe eine unmittelbar nachfolgende Begna— digung dieselbe unwirksam gemacht. Wer nach solchen Erfahrungen und Tatsachen noch glauben mag, daß die dogmatische Intoleranz des Katholizismus lediglich eine interne Angelegenheit der römischen Kirche sei, die das öffentliche Leben nicht berühre und beeinflusse, den beneiden wir um seine Naivität! Der mag es dann vielleicht auch als mit der bürgerlichen Toleranz durch— aus vereinbar ansehen(während wir es als einen Af⸗ front gegenüber dem evangelischen Beamtentum em— pfinden), wenn der gegenwärtige Reichskanzler Dr. Marx keck behauptet, daß„der katholische Beamte in weit höherem Maße wie Angehörige anderer Weltan⸗ schauungen“(also haben die Katholiken nicht bloß ein anderes Bekenntnis, sondern eine andere Weltanschau⸗ ung als wir Evangelischen!) zur Ausrichtung seines Amtes berufen sei! Das heißt doch ganz trocken, die Minderwertigkeit aller nicht⸗katholischen Beamten pro⸗ klamieren!
Man braucht nur den angezogenen Brauns'schen Artikel aufmerksam zu lesen, um herauszumerken, in welche Verlegenheit seinen Verfasser die von dem oben genannten Prof. von Martin erhobene Forderung nach einer ausdrücklichen Anerkennung einer zwischen Evan— gelischen und Katholiken bestehenden religiösen Gesin⸗ nungsgemeinschaft gebracht hat. Das Fazit seiner Aus— führungen ist dies,„daß eine religiöse Gesinnungsge— meinschaft zwischen gläubigen Christen verschiedener Bekenntnisse in einem solchen Ausmaß vorhanden sein kann, daß ein enges politisches Zusammenwirken zwi⸗ schen ihnen keineswegs ausgeschlossen zu sein braucht. Für das politische Zusammenwirken zwischen Katholiken
und Protestanten ist eine solche Gesinnungsgemeinschaft als tatsächlich gegeben anzuerkennen“. Nach der dog—
Ein stiller Musikant. 1. Fortsetzung.
„Mein Vater,“ fuhr er nach einer Weile fort,„wußte von solchen Dingen nichts; er war ein Mann auf den Punkt, ein angesehener, vielbeschäftigter Advokat in dieser Stadt. Mein« liebe Mutter verlor ich schon in meinem zwölften Jahre; seit— dem lebte ich mit ihm allein; denn meine Geschwister waren älter als ich und alle schon von Hause fort. Außer seinen Ak ten und und einer ausgewählten geschichtlichen Büchersamm lung, die ich trotz aller Ermahnung nicht zu benutzen verstand, hatte er nur eine Liebhaberei, und das war die Musik; ja, ich kann wohl sagen, daß ich meinen hauptsächlichsten von ihm erhalten habe. Es anderen geschehen. werden nicht mißverstehen! fehlt nicht das dankbare Gedächtnis für seine liebevollen Mühen; aber er wurde, wenn meine Kopfschwäche mich befiel, leicht un geduldig, heftig, was mich doch nur ganz verwirrte de viel dadurch gelitten;
Sie
N jetzt weiß ich's wohl, er
s in mir vorging; er sah darin nichts gheit, die nur aufgerüttelt werden müsse ich stand schon vor der Konfirmation da kam i dennoch das Verständnis. O, mein guter Vater, ich werd nie vergessen!“ Er streckte seine Arme aus und ließ sie u finken; dann suhr er fort:„Wir saßen im Wohnzimmer Klavier und spielten eine vierhändige Sonate von Ich hatte am vorhergehenden Abenden
rigen Kapitel der Harmonielehre gesessen und hatte davon meine selige Mutter zu sagen pflegte, einen den andern Tag hinübergenommen. Mitten im Rondo der So nate verwirrten sich meine Gedanken, ich griff wiederholt falsch,
Tage
eder
am
—
Wie
das ja schon zwanzigmal gesp
Unterricht. wäre vielleicht besser von einem Mir
weiter Ich habe f. t konnte t dafür; bei seinem raschen Sinn konnte er nicht verstehen, als eine angeborene
Aber an einem
Clementi. de
ch spät an einem schwie⸗
„dünnen' Kopf in f
matischen Seite sieht Br. die Dinge so stehen: 3 ö Eine ist richtig und das Andere ist richtig(1). Auf das Verhältnis zwischen Katholizismus und Protestan⸗ lismus trifft beides zu(1). Gewisse Gegenstände des Glaubens sind gläubigen evangelischen und katholischen J Christen gemeinsam. In anderen Punkten trennen sie n ll sich. Wer das feststellt, leugnet damit noch lange nicht l jede religiöse Gesinnungsgemeinschaft“. Wo es sich um] de einen politischen Zusammenschluß zwischen Evangelischen 8 90 und Katholiken handle, dürfe das Wort„Zusammen⸗ schluß“ keinen„religiösen Klang haben! Für eine po. e litische Partei sei es bedenklich und gefährlich. das ge⸗ Ir lan meinsame christliche Gut zu betonen, denn von seiner Pibche Betonung bis zu seiner Umschreibung sei nur ein Schrit 0 und zwar ein gefährlicher Schritt uff.— Soweit also Brauns, der noch einer der mildesten Vertreter des po⸗ litischen Katholizismus sein soll. Wenn er schon mit e 1 der einen Hand immer wieder wegnimmt, was er mit Tuts der anderen— wenn auch in sehr verklausulierter, aß em die Aussprüche der delphischen Pythia erinnernder Form en d — gegeben hat, wie mag sich die„religibse Gesinnungs, fit gemeinschaft“ und die Eleichberechtigung zwischen z dn Evangelischen und Katholiken dann erst im Munde der en Vertreter einer schärferen katholischen Tonart aus Igel nehmen! ht!
Das also ist das eine Ergebnis unserer Verhand. I gehe lungen: wir haben durch sie klar erkannt:„Ihr habt fal einen anderen Geist als wir“, einen Geist, der ein wirk⸗ fiche lich brüderliches, harmonisches, fruchtbares Zusammen nd arbeiten zwischen Evangelischen und Katholiken auf po litischem Gebiete— zurzeit wenigstens— verhindert e Auch dies haben jene Besprechungen uns gezeigt, daß iel ein Evangelischer im Zentrum nur dann heimisch wer den oder mit ihm zusammenarbeiten kann, wenn sein es evangelisches Bewußtsein verkümmert und ihm die frei⸗ mütige, entschiedene Vertretung der evangelischen Be. l lange„Hekuba“, nebensächlich ist. 0
Das andere Ergebnis der Verhandlungen stellen die von Dr. Bornemann in Heft 2, 192728 des„Zu⸗ sammenschluß“ abgedruckten Leitsätze dar. Sie sind freilich durch das Nein der Evangelischen Volksgemein— schaft zu einem praktisch bedeutungslosen Dokument ge— worden. Doch verlohnt es sich, zum Schlusse noch auf sie einzugehen, da B. ausdrücklich hervorhebt, daß das Zentrum sie gutgeheißen hat(was nicht wenige Pro testanten sie von vornherein mit starkem Mißtrauen ansehen lassen wird!) und da B. sie als Grundlage be— nutzen will, um darauf eine mit dem Zentrum zusam— mengehende neue„evangelische“ Partei zu sammeln.
Nach diesen Leitsätzen sollen„evangelische Per sönlichkeiten im wesentlichen außerhalb des gegenwär— tigen Zentrums“ gesammelt werden. Ein späteres Auf— gehen im Zentrum kommt nicht in Frage“.
Dr. B. will eine„große evangelische Weltanschau— ungspartei“. Erscheint dieser Wunsch ihm wohl selber zu kühn oder ist dem Zentrum seine Erfüllung uner— wünscht, daß die Leitsätze sich mit„evangelischen Per sönlichkeiten“ begnügen? Wir sind sehr neugierig, was für„evangelische“ Persönlichkeiten er uns demnächst als un Helfershelfer des Zentrums wird präsentieren können! ell Daß ein späteres Aufgehen der beabsichtigten evange⸗ iel lischen Partei von Zentrums Gnaden in das Zentrum dae selbst nicht stattfinden wird, ist anzunehmen. Denn das e! Zentrum wird es vorziehen, immer hübsch„unter sich“ 0 zu bleiben und seine besten Karten nur im vertrauten ali Kreise aufzudecken. Was also zunächst so aussieht, als te solle es nur die protestantische Bedenklichkeit dem Zen. g, trum gegenüber beschwichtigen, ist in Wirklichkeit eine wut Prophylaxe, eine Schutz- und Vorbeugungsmaßnahme daß des Zentrums selbst gegen das unerwünschte etwaige wle Eindringen eines stärkeren evangelischen Spaltpilzes in an „die“ katholische Partei. Hat man nicht Brüderschaft. gemacht, sondern nur einen„Freundschaftsvertrag“ ge. ft schlossen, so kann man den jederzeit kündigen und dem n
0 0. ib et b die dies
das wat ah! len
ina get 1. dan
ist das möglich? Du hast Er schlug die Blätter zu— rück, und wir begannen den Satz von neuem; aber es half nicht, ich kam über die verhängnisvolle Stelle nicht hinüber. sprang er auf und warf seinen Stuhl zurück.—— Ich weiß nicht, wie es in anderen Familien zugeht— bei all seiner Heftigkeit, ich hatte nie von meinem Vater einen Schlag er⸗ halten. Es mag ihm wohl sonst noch etwas im Gemüt gelegen haben; denn jetzt, da ich schon fast kein Knabe mehr war, wurde
er so von seinem Zorne hingerissen. Di
und mein Vater rief hefti
Da
e Noten waren vom Pulpet herab auf den Fußboden gefallen; ich hob sie schweigend auf; meine Wange brannte, und in der Brust quoll es mir auf, als solle das Blut über meine Lippen stürzen; aber ich setzte mich wieder zurecht und legte meine zitternden Hände auf die Tasten. Auch mein Vater saß wieder neben mir, und ohne daß ein Wort oder auch nur ein Blick zwischen uns gewechselt wäre, spielten wir die Sonate Ich weiß auch noch sehr wohl— und ich habe mich er oft selbst gefragt, ob wohl der große Schmerz für Augen⸗ ne Kraft so wunderbar belebt habe aber es wurde ich leicht, die Noten wurden wie von selbst zu Tönen, wären gar keine weißen und schwarzen Tasten mehr da— zwischen, die meine unbeholfene Hand zu treffen hatte. „wenn du nur willst!“ e; er legte, da es jetzt so unge— anderes Musikstück aufs Pulpet. Ich fing auch tapfer an; aber r nicht selbst mitspielte, sondern, mich scharf be— ben mir stand, so wurde ich verwirrt und mühte die mich so plötzlich überkommene Sicherheit 5 elleicht auch, daß jener herbe Zauber überhaupt t weiter reichte! Es schwamm schon wieder wie Nebel um ) her, meine alte Angst befiel mich, und da gingen die
mir plöt
1165 als
„Siehst du,“ sagte mein Vater;
Gedanken hin; wie fliegende Vögel, die schon weit von mir in der grauen Luft verschwanden.
„Ich spielte icht mehr. Schlage mich nicht, Vater, rief ich und stieß mit beiden Händen gegen seine Brust; es fehlt mir etwas; es ist in meinem Kopf; ich kann ja nicht dafür!“ „Mein Vater, da ich so zu ihm aufblickte, sah mich heftig an; aber ich mag wohl totenblaß gewesen sein; ich hatte ohne dies nur wenig Farbe.
„Spiele es noch einmal für dich!“ sagte er ruhig. Dann verließ er mich, und ich hörte, wie er den Gang hinauf nach seinem Zimmer ging.
Sat 3 5 ts
Kr a
An der Lag
u
„Aber ich konnte nicht spielen. Eine Trostlosigkeit überfiel mich, wie ich sie nie empfunden hatte; ein Mitleid mit mir sel⸗ ber, als müsse es mir die Seele fortschwemmen. Ueber dem Klavier hing das Bildnis meiner Mutter, welches Sie neulich bei mir gesehen haben. Ich weiß noch, wie ich meine Hände dahin ausstreckte und in kindischem Unverstand einmal über das andre wiederholte: ‚Ach, hilf mir, Mutter! O, meine liebe Mutter, hilf mir!' Dann legte ich den Kopf in meine Hände und weinte bitterlich.
„Wie lange ich so gesessen habe, weiß ich nicht. Schon länger hatte ich es draußen auf dem Hausflur gehen hören, aber ich hatte mich nicht gerührt, obgleich ich wußte, daß hier vorne niemand außer mir im Hause war; endlich, da von draußen an die Tür geklopft wurde, stand ich auf und öffnete. Es war ein mir bekannter Handwerker, der meinen Vater in einer Ge⸗ schäftssache zu sprechen wünschte.— Sind Sie krank, junger Herr?“ fragte der Mann. Ich schüttelte den Kopf und sagte: „Ich werde fragen, ob es paßt.“
5„Als ich in meines Vaters Zimmer trat, stand er an einem seiner großen Bücherregale; ich hatte ihn oft so gesehen, das eine oder andre Buch hervorziehend, darin blätternd und es dann wieder an seinen Platz stellend; aber heute war es anders, er


