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Sonnabend, den 16. April 1927.
„Evangelische Warte“
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Im Familienkreis
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Karfreitag.
Lilie Gottes! Dorngewinde, Martern deine Stirn, die stolze, Daß es jeder jedem künde:
Gottes Sohn hängt an dem Holze!
Unermessen ist der Jammer, Unermessen ist das Lieben Wie sie dir die Eisenklammer In die Hände eingetrieben.
Wirre Qualen glüh'n und brennen Dir im zuckenden Gebeine;
Du, den alle Himmel nennen, Bist mit deiner Angst alleine.
Und ein Engel kommt geglitten Flügelrasch durch Weltenweiten: Gottes Sohn hat ausgelitten,
Neu sind alle Ewigkeiten.
Lilie Gottes! Alle Gründe Füllt das Wort, das selig stolze, Daß es jeder jedem künde:
Gottes Sohn starb hin am Holze!
Der Odem Gottes sprengt die Grüfte; Wacht auf! Der Ostertag ist da! E. Geibel.
Ein Lobgesang auf das Osterfest.
Jesus Christ, unser Heiland,
Der den Tod überwand,
Ist auferstanden,
Die Sünd hat er gefangen.
Der ohn Sünden war geboren,
Trug für uns Gottes Zorn,
Hat uns versöhnet,
Daß Gott uns seine Huld gönnet. Tod, Sünd, Leben und auch Gnad,
Alles in Händen er hat,
Er kann erretten
Alle, die zu ihm treten.
Der Traum vom Osterhasen.
Eine Ostergeschichte für Groß und Klein.
Wenn man den Rhein hinuterfährt, kommt man an einem lieben, freundlichen Städtchen vorbei. Ueber den Häusern ragt ein kleines Kirchlein empor. Die Bewohner schlagen sich recht und schlecht mit dem Weinbau durchs Leben, der bei ihnen nicht besonders lohnend ist infolge einer ungünstigen Lage. Auf dem Rücken müssen sie alles in den Weinberg mühselig tragen, und Mißernten sind zahlreicher als gute Jahre. Aber die Einwohner des kleinen Städtchens lassen sich ihre Arbeit nicht verdrießen. Gott ergeben pflanzt jeder ein Stückchen Feld und hungert sich, wenn's nötig ist, auch durch.
Eine Reihe der männlichen Einwohner hat den Weinbau ganz aufgegeben und den Fischereiberuf ergriffen oder fährt auf einem der Lastschiffe den Rhein talauf und talab.
Ganz am Ende des Städtchens steht ein kleines, unschein⸗ bares Häuschen. Es hat nur zwei Stuben und eine Küche. Blitzblank sind die Fenster immer gewesen, seit der junge Schif—⸗ fer mit seiner fleißigen jungen Frau eingezogen war. Innen herrschte die peinlichste Ordnung. In einem Gärtchen neben dem Häuschen zeugten sorgfältig angelegte Beete vom Fleiß der Bebauer.
Unter einem Apfelbaume ließ es sich da an den warmen Sommerabenden, wenn der Rhein sein Lied dazu murmelte, gar gut sitzen. Am schönsten war es, wenn einmal der Mann von einer Reise auf einige Tage kam, sich dort mit seiner Frau nach Feierabend unterhielt und mit dem kleinen Kindlein, dem Gretelein, das gar munter auf seinem Schoße hüpfte, spielte.
Da kam das Schicksal. Eines Abends, es war kurz nach
Luther 1524.
Neujahr, traf ein Telegramm von der holländischen Grenze ein, daß Greteleins Vater ertrunken sei. Wahrscheinlich ein Fehltritt bei nassem Wetter in der Nacht, sodaß man es erst am nächsten Morgen merkte. Die Leiche wurde nie geländet.—
Das Gretelein hatte dabei gestanden mit seinen fünf Jahren, als Mutter den Zettel las. Es hatte auch in seiner Art ge— holfen, die Mutter betten, als der Postbote, der das Telegramm brachte, die ohnmächtig Zusammenfallende gerade noch auffing. Und nun ging eine schwere Zeit an. Die Mutter lag krank dar⸗ nieder, der Schicksalsschlag hatte sie zu schwer getroffen. Täglich kam die Schwester, um nach der Kranken zu sehen. Auch die Nachbarin war bei der Hand; sie hielt das kleine Anwesen in Ordnung und sorgte für das Gretelein.
Ja, wer weiß, wenn das Gretelein nicht gewesen wäre, welchen Verlauf Mutters Krankheit dann genommen hätte. Aber das Gretelein, das ja alles noch nicht recht verstand, war ein Sonnenschein. Mit ihrem Geplauder half sie den Lebens- geistern der Kranken.
Doch die quälte sich in Sorgen auf ihrem Lager. Was sollte nun werden? Wie sollte sie ihr Brot für sich und das Kindlein verdienen?
Sie war, elternlos, früh schon in Stellung in die Stadt ge— kommen, hatte dort schöne Stellen innegehabt bei reichen Leu— ten, die sich aber um das Personal wenig kümmerten, bis sie schließlich bei einer Familie untergekommen war, in deren Haus— halt es nach strengen Grundsätzen zuging. Christlicher Geist lag über dem Hause und hier hatte sie, die das Beten in der Stadt fast verlernt hatte, es wieder gelernt. Dort war sie geblieben in dem Hause, in dem sie sich wohlfühlte, bis sie geheiratet hatte. Ungern hatte man sie scheiden sehen, aber ihrem Glücke wollte man nicht entgegen stehen.
Dorthin hatte die Kranke schon vor Wochen geschrieben, hatte um Rat gefragt, aber es war keine Antwort eingetroffen. Sie wußte gewiß, daß man ihr im Städtchen, so weit es ging, half, aber sie wollte kein Almosen, sie wollte arbeiten, um sich ihren Lebensunterhalt zu verdienen, und das konnte sie am Platze nicht.
So kam der Karfreitag. Gar trübe Gedanken beschlichen die Frau an diesem Tage, und als die Einwohner des Städt— chens sich anschickten, den Gottesdienst zu besuchen, da konnte die Arme ihre Tränen nicht zurückhalten.
Erschrocken lief das Gretelein zu seiner Mutter:
„Gelt, Mutter, du weinst nicht mehr? Sieh, der liebe Gott im Himmel will das nicht haben. Die Schwester hat's gesagt. Und weiter hat sie gesagt, der Vater, der im Himmel beim lie— ben Gott ist, will's auch nicht haben.“
„Ja, mein Kind, du hast recht,“ sagte die Kranke und ver— suchte, den immer wieder hervorbrechenden Tränenstrom zu er— sticken.„Du bist mein liebes Kind; wenn ich dich auch nicht hätte!“
„Gelt, Mutter, und wenn ich recht lieb bin, da kommt auch übermorgen der Osterhase zu mir.“
Neue Tränen entfielen den Augen und mit erstickter Stimme sagte die Frau:„Vielleicht, mein Kind, wenn Gott es will.“
„Doch, die Schwester hat es gesagt, daß der Osterhase zu allen lieben Kindern käme,“ beharrte das Gretelein auf seinem Glauben.
Am Karsamstag wachte das Gretelein mit einem frohen Herzen auf.„Mutter,“ sagte es,„denke einmal, was ich heute Nacht geträumt habe?“
Die Mutter hatte schon manche Stunde wach gelegen.„Nun, was denn, mein Kind?“
„Vom Osterhasen habe ich geträumt,“ antwortete der Blond— kopf.„Ich war in einem großen, schönen Hause, da nahm mich der Vater an der Hand und führte mich in einen Garten. Als wir hinein kamen, da stand gerade so ein Apfelbaum wie in unserem Garten. Auch so eine Hecke war um den Garten wie bei uns; da schlüpfte gerade ein Häschen hinaus. And überall lagen schöne Ostereier; die habe ich alle in mein Schürzchen ge⸗
tan. Gerade wollte ich eines essen, da bin ich aufgewacht.“. Wehmütig lächelte Greteleins Mutter:„Ja, Kind, das war ein schöner Traum für dich. Aber nicht wahr, es war ja nur ein Traum. Vater kann dich nicht mehr führen und der Oster⸗ hase hat an so viele Kinder zu denken, daß er auch manchmal eines vergißt.“
„Ach, Mutter, mich soll er doch nicht vergessen,“ meinte das Kind. 14
Ein strahlender Ostermorgen stieg über dem Rheintal auf Es war, als wolle die Natur bekräftigen:„Der Herr ist auf- erstanden! Freue dich, Menschheit!“
Das Gretelein lief gar oft zur Türe hinaus, um zu schauen, ob der Hase noch nicht dagewesen sei. Aber immer kehrte es enttäuscht zurück. Gegen Mittag kam die Schwester und die Nachbarin. Jede erzählte dem Gretelein, daß bei ihr der Hase“ schon gewesen sei und auch für sie ein paar Eier abgegeben habe Aber das Gretelein war nicht zufrieden.„Er soll auch in unse⸗ ren Garten kommen!“ 4
Mutter und Kind waren über Mittag gerade etwas einge schlafen, als es klopfte. Beide fuhren in die Höhe.
„Mutter, ist das der Osterhase?“ flüsterte die Kleine.
„Ich glaube nicht,“ sagte die und rief:„Herein!“
In die Stube trat ein Herr mit einer Dame, gingen auf das Bett zu, und, o Freude, es war die ehemalige Herrschaft der Frau, die selbst einmal gekommen war.
„Liebe, arme Frau,“ sagte der Herr,„entschuldigen Sie, wenn Sie bis jetzt noch keine Antwort von uns erhielten, aber wir waren verreist. Auch haben wir, wie Sie, Schweres durch gemacht. Ihnen starb der Mann, uns unser einziges Kind, das Sie ja kannten. Bei unserer Rückkunft von der Reise fanden wir gestern Ihren Brief. Wir machen Ihnen folgenden Vor schlag: Sie kommen wieder zu uns und bleiben ganz bei uns, Ihr Kind soll so gut wie unseres sein, damit auch unser Leben noch Zweck und Ziel hat. Schlagen Sie ein.“
Damit streckte er der Kranken die Hand hin.
Auch die Dame bat:„Erfüllen Sie uns unseren Osterwunsch, Sie werden es nie zu bereuen haben.“
Da legte die Kranke dankerfüllt ihre Hände in die der Freudenbringer. Reden konnte sie nicht, nur schluchzen vor Freude und Glück.
Das Gretelein hatte derweilen aus seinem Bettlein sein Köpfchen immer höher gereckt und rief jetzt mit seinem feinen Stimmchen:„Die Mutter soll aber doch nicht weinen!“
Da wandten sich der Herr und die Dame dem Kinde zu:„Ei,! Gretelein, Mutter weint nicht mehr! Sieh, du und die Mutter,
ihr geht jetzt mit uns in die Stadt in ein schönes Haus. Da ö
sind viele Spielsachen, mit denen du spielen kannst.“
„Habt Ihr auch einen Garten?“ fragte das Blondchen.
„Ei gewiß, wir haben auch einen Garten.“
„Hörst Du, Mutter, da ist ein Garten und dann kommt auch gewiß der Osterhase!“
„Gretelein,“ meinte der Herr mit einem Lächeln,„da müß⸗ test du ja so lange warten. Ich will mal in eurem Garten nach sehen. Vielleicht war der Osterhase doch auch hier für dich da.“
Da sprang das Gretelein mit einem Satz aus seinem Bett⸗ lein, streifte seine Kleider an, und gerade war es fertig, als der Herr von draußen rief:„Gretelein, ei der Tausend, da springt ja der Osterhase!“
Das Gretelein war wie der Wind draußen. Den Oster⸗ hasen hat es nicht mehr sehen können. Der war scheint's schon über alle Berge. Aber überall im Garten hatte er seine Eier versteckt, rote, grüne, gelbe, blaue. Sogar einige Schokoladen⸗ cier hatte er mitgebracht! Das war ein Jubel!
Als am Abend sich die Gäste verabschiedet hatten mit der Versicherung, in einigen Tagen die Uebersiedelung zu ordnen, da sagte das Gretelein nach dem Abendgebet zu seiner Mutter: f „Siehst du, liebe Mutter, es war fast so, wie ich geträumt 9 habe mit dem Osterhasen. Nur daß mich in den Garten nicht der Vater geführt hat, sondern der neue Onkel.“ G.
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