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1 den 15. Januar 1927.

Evangelische Warte

Nicht Ebristlic Sozial, sondernEvangelische Vollsgemeinsthaft!

Wir sprechen nicht von theoretischen Dingen, son⸗ dern von ganz akuten, praktischen Fragen, sozusagen aus derAgitation heraus, wenn man das böse Wort, das eine unvermeidliche Sache ausdrückt, gebrauchen darf. Die Zeiten wiederholen sich nicht. Die Tage Stöckers und Naumanns, Gerlachs und Sonnenbergs sind dahin. Sie waren der Versuch, auf einen leidlich gesunden Baum einige bessere Reiser zu pfropfen. Heute gilt es, einen ganz neuen Baum pflanzen, da der bis⸗ herige morsch und faul geworden ist. Wir wollen uns alles Schelten auf den republikanisch-parlamentarischen Sumpf sparen. Das ist billig und fruchtlos. Der fin⸗ det seinerzeit die ihm gebührende Korrektur oder Be⸗ seitigung. Wir müssen die Dinge von unten ansehen. Der Meister von oben dies in doppeltem Sinn! wird kommen, weil wir an Deutschlands Mission auch in seiner tiefsten Erniedrigung und Niedrigkeit ja erade trotz derselben glauben. Aber deshalb diir 2 wir nicht untätig oder fromm die Hände in die Hosentaschen stecken und zusehen, wie'sweitergeht. Es gilt, dem Meister eine brauchbare Armee zu schaffen. Die katholische Kirche kennt nur den Meister in Rom. Der braucht seine deutsche Zentrumsarmee je nach Be⸗ Jarf für oder gegen Deutschland, für oder gegen seine Ordnung oder Aufstieg. Davon ist nicht weiter Not, zu reden. Was demMeister Deutschlands nottut, das ist eine ganz zuverlässige deutsch-evangelische Armee, eineEvangelische Volksgemeinschaft. Ist die da, so braucht er sich um die zweifelhafte römisch-internatio⸗ nale nicht zu sorgen. Die andere hat dann die Führung.

Wo das deutsch⸗evangelische Volk den politischen Sumpf bis an den Hals leib ist, da will es keine cheist⸗ liche, sondern eine bewußt evangelische Volksbewegung. Was helfen uns auch die 3 oder 4 katholischen Mitglie⸗ der mit gut vaterländisch-sozialer Gesinnung?! Wir haben das in unserer Agitationsarbeit in Hessen und Nachbargebieten unmißverständlich gesagt bekommen. Und mit Recht! Das Zentrum hat den religiösen und nationalen deutschen Katholizismus schwer diskreditiert und zur politischen Bedeutungslosigkeit verurteilt. Wir wollen und müssen bewußt deutsch⸗evangelisch arbeiten. Aber es sagt viel, daß wir uns nicht deutsch⸗evangelische Volksgemeinschaft nennen, weil wir sehr genau wissen, daß das Evangelium übernational ist. Aber wir kön⸗ nen uns zunächst nur als deutsch-evangelische Volksge⸗ meinschaft betätigen. Läßt man uns Deutsche wieder leben, so hoffen wir, weltweit zu werden. Danach siehts heute wahrlich noch nicht aus.

Also evangelisch sind wir. Nur so werden wir des evangelischen Volkes Seele und Willen gewin⸗ nen. Und weil wir evangelisch sind, so nennen wir uns nicht sozial. Der Ausdruck ist uns viel zu politisch, zu abgeblaßt, zu arm, zu nichtssagend. Wer eine Volks⸗ gemeinschaft will, darf nicht einseitig die Belange bloß der Kleinen vertreten. Eine Volksgemeinschaft will, daß sich alle, Arbeitgeber und-nehmer, als Brüder füh⸗ len, als Glieder des deutsch⸗evangelischen Volkes. Nicht im Sinne einer Bekämpfung unserer katholischen Volks⸗ genossen, sondern wir wollen einen friedlichen Wettbe⸗ werb, bei dem die zwei Drittel Evangelischen endlich wleder einmal ernst genommen werden, woran heute kein Politiker denkt. Also nicht engbrüstig sozial wol⸗ len wir denken und arbeiten, sondern hoffen, Hoch und Niedrig, Arm und Reich, Gebildet und Ungebildet für das Ideal einer rechten evangelischen Volksgemeinschaft zu begeistern. Wir werden gewiß auch nicht ohne Ab- striche und Kompromisse arbeiten können, aber alle Schichten der Bevölkerung sollen in gerechter Weise in der neuenPartei, die keine Partei mehr sein soll, angemessene Vertretung finden. Fraktionszwang ist uns selbstverständlich, schon vom Standpunkt unseres evangelischen Gewissens aus, ein Greuel. Das wird selbstver auch nicht ohne viele Schmerzen ab

dornenwege.

Roman von Clara Meller 7. Fortsetzung.

Der Mond hat das Wetter bezwungen, sagten die Wetter⸗ propheten, die gleich ein Dutzend Weisagungen an diesen plötz⸗ lichen Stillstand des Sturmes in der Osternacht knüpften, und blickten befriedigt nach dem immer freier werdenden Himmel. Die Sterne blinkten dichtgedrängt an dem Nachtazur auf und der Mond gleißte über das bewegte Abendbild mit seinem ruhi⸗ gen Licht. Es schien dahin zu schweben wie ein silberner Schleier, ohne die dunkle Erde zu berühren; der Lichthauch tränkte nur die Luft und haftete nicht an Büschen und Bäumen.

Sieh, Dore, diese Landschaft könnte ich auch malen, schwarz auf schwarz, am Himmel den Mond, in der Ferne ein Feuer mit lauter kleinen Pünktchen herum, lachte Urle.

Wie prosaisch, läppisch, täppisch, kam es ebenso zurück, sieh nur, jetzt sinkt das Feuer zusammen und die wandelnden Lampions treten den Heimweg an. Komm, wir sehen im Sa⸗ lon aus dem Fenster, uns bemerkt niemand, wir können den Nachtwandlern lauschen, als deckte uns eine Tarnkappe, gelt, das ist interessant.

O jeh, schrie Urle auf und schlug heftig das Fenster zu,da wollte mir gar eine Fledermaus einen Besuch abstatten. Fröh⸗ lich hüpften sie die Treppen hinunter, öffneten die großen Fen⸗ sterflügel und sahen eng aneinandergeschmiegt hinaus.Das Kränzchen, flüsterte Dore und bog den Kopf tiefer in das Zim⸗ mer zurück, denn nebenan vor der Wohnung einer Freundin stand eine Anzahl junger Mädchen plaudernd beisammen. Sieh doch hinaus, wir befinden uns nicht auf verbotenen Wegen, eher die Mondscheinpromenadlerinnen, scherzte Arle, trotzdem folgte sie Dore und lehnte sich an den Fensterflügel.

Die gräßliche Niederlage gönne ich Urle, klang die hoch⸗

gehen. Aber wenn es der Bewegung gelingt, Die rech⸗ ten Männer von oben und unten wie aus der Mitte in die Parlamente der Gemeinden, Staaten und des Reiches zu bringen, so wird der kommendeMeister Deutschlands nur halb so schwere Arbeit haben. Denn Generale ohne Armeen können auch bei der größten Genialität nichts leisten so rechte Vertreter einer deutsch⸗evangelischen Voltsgemeinschaft, und nicht bloß soziale Köpfe und Politiker, die sind vor allem als Ge⸗ hilfen des großen Baumeift rs von utschlands Zu⸗ kunft not. Drum sind wir nichtch. 1 son⸗ dern heißen unsEyngelische Volks Sie gedeiht in unserm Hessenland erfreulich. Wir sind voll guten Glaubens. Veller⸗Bretzenheim.

Volksbewucherung.

Auf den Hektoliter Bier ist nunmehr eine neue Steuer von 2 R.⸗Mk. gekommen. Da es natürlich für die Brauereien unmöglich ist, einederartige Be⸗ lastung zu tragen, muß sie abgewälzt werden. Da auch die Gastwirte Freude am Abwälzen haben und es natürlich ganz und gar unmöglich war, daß sich die Brauereien und die Gastwirte in diese Steuer geteilt hätten, muß halt mal wieder der Verbraucher, die große Masse des Volkes, den Beutel aufmachen. Etwa um die 2 R.⸗Mt. Steuern zu tragen? O, beileibe nicht! Die Gelegenheit ist ja günstig, und die muß wahrge⸗ nommen werden. Einfach einpaar Pfennige auf das Glas Bier draufschlagen und am Hekto sind weitere 510. und vielleicht noch mehr verdient. Als in Friedenszeiten das Bier mal um 1 Pfg. pro halber Liter teurer werden sollte, da waren die breiten Mas⸗ sen des Volkes gleich bei der Hand, dem Ruf ihrer Füh⸗ rer zu folgen und in den Bierstreik zu treten. Man war treu und enthielt sich monatelang des geliebten Bieres. Und heutzutage? Ja, da rufen eben die Füh⸗ rer nicht mehr; die wollen von dem unschönen Kampf gegen die Volksaussaugung u. Volksbewucherung nichts mehr wissen. Vielleicht trinken sie selbst jetzt auch bes⸗ sere Sachen, und der arme Teufel mag zusehen, wie er zurecht kommt. Wenn er kein Bier bezahlen kann, dann soll er keins trinken!

In diesen Tagen hat, um mal ein Beispiel anzu⸗ führen, wie schlecht es den Brauereien geht, eine solche in Frankfurt a. M. ihre Bilanz veröffentlicht, und man liest da für 1925/26 folgende Zahlen:

Bruttogewinn 11 790 000 R.⸗Mk. fordern Gehälter und Löhne 1 990 000 R.⸗Mk

Steuern und Abgaben 3 530 000 R.⸗Mk., sonstige

Unkosten 4 560 000 R.⸗Mk.; an Abschreibungen

210 000 R.⸗Mk. Hiernach verbleibt ein Reines

winn von 1 560 000 R.⸗Mk., aus dem eine Divi⸗

dende von 20 Prozent(!) zur Verteilung gelangt. Zum Schluß heißt es:

Die Liquidität ist also ebenso wie im vorigen

Jahre sehr groß. Im neuen Geschäftsjahr hielt

sich der Bierabsatz auf Jahreshöhe, die Preise für

Rohmaterialien sind aber wesentlich gestiegen.

Man weiß ja, daß man bei Aufstellung von Bilan⸗ zen sehr, sehr vorsichtig ist, und wenn nun, nachdem die Herren Direktoren jeder seine 100 000 R.⸗Mk. und noch mehr in die Tasche gesteckt haben, trotz Erhöhung der Preise für Rohmaterialien, noch eine Dividende von 20 Prozent verteilt werden kann, so kann man sehen, welch' schöne Geschäfte heutzutage infolge der Ver⸗ trustung auch die Brauereien machen. Es ist eine Schmach und eine Schande, daß keine der bisherigen Parteien gegen eine solche gemeine Volksaussaugung Stellung nimmt; aber die sonnen sich ja allesamt in den Strahlen des Geldsackes und haben besseres zu tun, als sich um die Not des Volkes zu kümmern. Es wird höchste Zeit, daß die Evangelische Volksgemeinschaft in unsere Parlamente kommt, damit wenigstens eine Par⸗ tei da ist, die eine wahre Volksvertreterin ist! Mg.

Hiervon er⸗

Auf der Warte

In China spitzen sich die englandfeindlichen Kund⸗ gebungen immer mehr zu. Die Lage der Fremden⸗ kolonie in Hantau ist derart gefährlich geworden, daß man sie zum größten Teil geräumt hat. Den Deutschen gegenüber will das chinesische Volk die Feindseligkeit nicht eröffnen, sondern der Zorn richtet sich gegen die Engländer, die tatsächlich aber auch in der grausamsten Weise, die mit Christentum nichts zu tun hat, chinesische

Jugend aussaugten und zu Stlaven herabwürdigten.

Daher auch das zögernde Vorgehen Englands. Wenn die Bedrückungsgreuel alle ans Tageslicht kommen würden, müßten sich sämtliche christlich und sozial den⸗ lenden Völker gegen England stellen. Die Ausbeutung Chinas ist das Ziel Englands. Der Mittelamerika⸗ lonflitt ist auf derselben Grundlage aufgebaut. Genau

wie unser Weltkrieg nur ein Wirtschaftskrieg war, 0 N

ist es auch der langsam zur Entzundung kommende Krieg auf dem schmalen Verbindungsstück zwischen Nord- und Südamerika. Der Oelhunger des nord amerikanischen Großkapitals treibt die nordamerika- nische Regierung in den Krieg gegen die schwachen mittelamerikanischen Staaten. um liebsten würde

man von Washington, dem Regierungssitz des nord.

amerikanischen Staates, aus ganz Mittelamerika a einmal in die Tasche stecken. Wo steckt der Völkerbund, der dagegen Protest erhebt? Briand und Poincaré, der Friedensmann und der Kriegsgeneral, wegen der Rheinlandräumung und der Friedenspolitik in die Haare geraten. Es ist tatsächlich noch ungewiß, wer in diesem Streit Sieger bleiben wird. Sehr stark wird es abhängig sein von dem kommenden deut⸗ schen Reichskabinett. Je näher der Zusammentritt des Reichstages rückt, desto verworrener wird die Lage. Großzügiger Geist zeigt sich leider bei keiner Partei. Jeder würde am liebsten den Kanzler stellen, um seine eigene Parteipolitik auf einer besseren Zieharmonika spielen zu können. Armer deutscher Parlamentaris⸗ mus! Das Kabinett hat sich mit dem Entwurf eines Besetzes über Titel und Orden zu beschäftigen. Was man vor 8 Jahren so weit wegwarf, holt man nun ganz verschämt wieder herbei! Beinahe könnte man seinen

Verstand verlieren, wenn man eine Zeitung aus dem

Jahre 1919 und eine der heutigen Zeit liest. Wa

haben die Geister wieder alles lernen müssen, was muß-. 1

ten Parteiziele umgeworfen werden. Wie haben die

Führer von Parteien versagt, die das, was sie lee, selbst nie hielten, sobald sie zur Macht gelangt waren!

Die erbslosenunterstützung tritt ebenfalls in ein neues Stadium. Auch hier hat man ein Gesetz vorbe⸗ reitet, das bei seiner Annahme erträglichere Zustände

schaffen würde, als es seither der Fall war.

eee ee eee eee eee.

Non und der Völkerbund.

Im BaselerKirchenfreund schreibt Professon Hadorn:Leider hat die in protestantischen Kreisen vorhandene Abneigung g gegen den Völkerbund ein ge⸗ wisses Desinteressement dieser Kreise gegen ihn erzeugt, was angesichts der im Verborgenen und Geheimen intensiven Bemühungen Roms, im Völkerbund Einfluß zu gewinnen, ein Schaden ist. Ansere protestantischen Kirchenmänner und Politiker scheinen gar nicht zu wis⸗ sen, was in dieser Hinsicht eigentlich vorgeht, sonst hät⸗

en lie vielleicht längst zum Aufsehen gemahnt oder sich die Frage. ob der n nicht die Pflicht hätte, sich mehr um den Völkerbund zu beküm⸗ mern. Es gibt in England ein Catholic Council for

Great Britain, das zum Zweck gegründet worden ist,

der Gefahr eines protestantischen Uebergewichts im Völkerbund ent tgegenzutreten, die nicht besteht. Es gibt ferner eine von dem Berner Uni⸗ versitätsprofessor 6 onzague de Reynold gelei⸗

tete Anion catholique d' Etudes internationale, die in

Genf ein eigenes Bureau hat und die Gründung einer Zentrale der Katholiken aller Länder in Genf anstrebt.

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mütige Stimme Paula Stellenbergs herauf, es entspricht der Wahrheit, Dr. Münster liegt in den Banden einer bildschönen Jüdin, die zum Evangelismus übertreten und ihn heiraten wird. Mein Bruder genoß sogar den Vorzug, das Bild zu sehen, wel ches er von ihr gemalt hat. feinen Gesichtchen, einer graciösen Judith, die ihn mit winzigen, seinberingten Händen festhält!

Die fromme Gerda lachte höhnisch auf:Er huldigt dem Vers aus Männertreu: Heute hier und morgen dort, lieben wir in einem fort, ob die Augen blau, ob braun,

Dann werden wohl seine Eltern zufrieden sein, die ihre Einwilligung mit Urle nicht geben, weil sie eine reiche Schwie⸗ gertochter wünschen! wurde sie unterbrochen, dann zersträuten sich die Schwätzerinnen.

Dore war still hinausgegangen, sie mochte nicht in Urles bleiches Gesicht sehen, das sich marmorbleich von dem glänzend schwarzen Hintergrund des Fensters hob.

Warum grub sich so schnell der Zweifel in ihr Herz? Sagte er ihr nicht, daß er dasMärchen von Professor Gräf kopiere?

Heute hier und morgen dort, lieben wir in einem fort, pfiff ein Vorübergehender, stolz reckte Urle ihre biegsame Gestalt in die Höhe, preßte herb ihre Lippen aufeinander und lehnte sich weit aus dem Fenster, daß sich die Abendkühle er⸗ frischend auf ihre Wangen legte. Heiß, brennend, starrten Arles Augen in dle herabgesunkene Nacht, ein Käuzchen schrie

iben in der uralten Linde vor der baufälligen Mädchen⸗ schule, langsam verloschen die Straßenlaternen, nur ein ver⸗ e Lampion schwankte dem Marktplatz zu.

Grüß Gott, Fräulein Urle! Fröhliche Ostern! klang da weich und freudig die sonst unbiegsame, tiefe Stimme Dr. Mün⸗ sters zu ihr herauf.

Der kleine Referendar wippte auf den Fußspitzen in die Höhe und schwenkte seinen Hut:Fröhliche Ostern!

Phänomenale Augen glühen in dem

Grüß Gott, gleichfalls, antwortete sie gepreßt, dann schloß sie sofort das Fenster.

Es war das letzte Mal, daß sie als Mädchen mit Dr. Mün⸗ ster sprach und doch wollten die Lebenswege sich nicht trennen, immer wieder führte das Schicksal sie zusammen. Er, in falschem Groll, nicht ruhender Liebe, ihr nachspürend. Sie, in düsterer Scham fliehend, als wäre sie eine Gebrandmarkte, weil

die Schicksalsstürme sie wie eine schutzlose Föhre unerbittlich hin⸗ und herzausten.

Nach vierzehn Tagen fand sie, von einem Ausflug mit den Schülerinnen der Mutter heimkehrend, eine Karte von ihm vor, Er war bei seinem Abschiedsbesuch ver verschlossene Türen geß⸗ kommen. Heimlich, ganz heimlich nährte sie den Wunsch, er würde ihr nun einen Gruß aus der Ferne senden, vergebens, ihm genügte, daß er von den Freunden stets unterrichtet wurde. Es war wohl eine schöne ernste Theorie, der er huldigte, daß tiefe wahre Liebe, die er verlangte, warten würde, daß nichts ihn ver⸗ drängen könne, aber der männliche Egoismus verschwieg ihm, daß scheinbare Kälte und Gleichgültigkeit die zartlodernde Lie⸗ besflamme ckt, wenn er nicht die bannende Wunderformel, des liebeheischenden Herzens gesprochen. Und so gingen die Monde im gleichförmigen Wechsel des Kleinstadtlebens. Mehr denn je hatten sich Dore und Arle Benningen von dem gesellschaft⸗ lichen Verkehr, der ihnen in der ganzen klatschsüchtigen Taktik wenig zusagte, zurückgezogen. Enger und zärtlicher schloß sich das Schwesternpaar aneinander und die junge Dichterin Urle, welche unerhörte Tatsache jetzt längst im Städtchen kursterte, sang und schrieb in anmutsvoller Poesie und Prosa. Mit der geistigen Arbeit kam der humorvolle Seelenfrieden über sie, der alle entzückte und die Welt erschien ihr so schön, wie der sonn⸗ verbrämte Abendhimmel, der sich in unerreichbarer Schöne über das waldeingeschlossene Städtchen spannte.

Fortsetzung folgt.

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