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Evangelische

Evangelischen Volksgemeinschaft

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Hauptschriftleiter: Edwin Hamburger in Staden(Oberhessen).

Verantwortlich für Politik und Wirtschaft: Edwin Hamburger, für den Unterhaltungsteil: W. Greb in Weisenau bei Mainz.

Für Rücksendung ungewünschter Manustripte wird nicht garantiert.

3. Jahrgang.

Erscheint Samstags. Beragsprele 50 Pfennig monatlich. Abonnements⸗ und Anzeigen ⸗Annahmestelle, Druck und Verlag: Gießen, Südanlage 21.

Sannabend, ben 15 Jani 122.

Fernsprecher 1362 und 1145. Postscheckkonto 8437 Frankfurt a. M.

Die Nolwendigkell der Evangelsschen Gewerlschaft

Anzeigenpreise: die 30mm breite Kleinzeile auswärts 24 Pfg., am Ort 12 Pfg., die 90 mm breite Kleinzeile im Text 96 Pfg., Platzvorschriften ohne Verbindlichkeit. Bei Wiederholungen Vergünstigung.

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(Vortrag, gehalten auf der 2. Reichstagung der Evangelischen Volksgemeinschaft am 3. Oktober 1926 in Frankfurt a. M.)

Die Aufgabe der Evangelischen Gewerkschaft ist es, die verderblichen, geistigen Störungen zu überwinden! Einmal die liberale Auffassung mit der Sanktionierung des zügellosen und hemmungslosen Gewinnstrebens. Das Festhalten an der religiösen Neutralität in diesen volkserzieherisch so wichtigen Fragen bedeutet nichts anderes, als den christlich-evangelischen Standpunkt auf diesem so wichtigen Tätigkeitsgebiete zu verneinen; es heißt, sich dem Willen Gottes entziehen. Nicht schran⸗ kenlose Freiheit kann es geben, oder soll gefordert wer⸗ den, vielmehr muß die innere Gebundenheit an Gott neu aufgerichtet werden in den Tiefen der menschlichen Gesinnung. Der Herrschaft des Individualismus ist die Herrschaft Gottes auf allen Lebensgebieten entgegen zu stellen. Mit aller Entschiedenheit muß betont wer⸗ den, daß wir uns auch in aller Betätigung des Er⸗ werbslebens Gott unterstellen. Damit wird das Wort Gottes zur Richtschnur alles Handelns und beseitigt Macht⸗ und Standesdünkel.

Die Folge davon muß au beiterschaft von der Idee des Rachegedankens und des Klassenkampfes sein. Aeußerlich und innerlich müssen wir einer vom Haß gereinigten Gesinnung, müssen wir dem aus Jesu Liebe entspringenden Brudergedanken Raum geben. Die ganze Menschheitsfamilie hat Da⸗ seinsrecht. Dem mannigfaltigen Unrecht, der vielfachen Unterdrückung der Arbeiterschaft, der Schwachen und Benachteiligten darf nicht als Reaktion blutige Aus⸗ einandersetzung und Unterdrückung der vormaligen Be⸗ drücker folgen. Auch wir kämpfen. Christ sein, heißt Kämpfer sein. Aber nicht nach dem Grundsatz:Auge um Auge, Zahn um Zahn! Das wäre eines Christen unwürdig. Unser Kampf um das Recht der Arbeiter ist kein Klassenkampf, weil wir die Lebensrechte der anderen Stände achten und ehren wollen. Ein solcher Kampf um die Rechte der Arbeiter wird in unserem Volke einen ganz anderen Boden finden als der Klassen⸗ kampf. Die Erkämpfung wirtschaftlicher Gerechtigkeit und der materiellen Besserstellung der Arbeiterschaft wird dann auch bei den Volksgenossen der anderen Stände Unterstützung finden.

Auch unser Ziel ist eine bessere Gesellschaftsord⸗ nung, aber nicht herbeigeführt durch ein Meer von Blut, wie es der Klassenkampf mit seinen letzten Konse⸗ quenzen mit sich bringt. Wir sehen die Auswirkung der Sünde in allen Kreisen, in unserem eigenen Leben und da erwächst die Einsicht der Gesamtschuld, die wir an der Menschheit haben. Wir sündigen an Gott und am Bruder Tag für Tag und sind in diese Sünden⸗ macht in unsere Herzen verstrickt und in Schuld ve

Evangelische Freiheit.

Markus 2,28. Des Menschen Sohn ist ein Herr auch des Sabbats.

Eines der bedeutensten Schriften unseres Dr. M. Luther heißt: Von der Freiheit eines Christenmenschen. Mit diesem Namen seiner Schrift wollte der Reformator doch etwas ver⸗ künden, was man in der römischen Kirche nicht vorfinden kann. Er wollte den Christen sagen:Ihr seid zur Freiheit berufen! Die mittelalterliche Kirche kennt nur den Zwang und ist auf dem Zwang erbaut. Die evangelische Kirche ist auf der Freiheit ge⸗ gründet. Mit Zwang kann man die Menschen sicher besser zu⸗ sammenhalten. Aber in der Freiheit entwickelt sich die Persön⸗ lichkeit. Das führende Wort des Zwanges lautet:Du mußt!, das Wort der Freiheit heißt:Du darsst!

Bei den Juden fand der Heiland auch nur den Zwang. Der Jude mußte den Sabbattag heiligen. Er mußte die vielen Sab⸗ batgebote halten. Alles, was aber der Mensch muß, ist für ihn eine Plage, eine schwere Last. Der Feiertag soll ein gottgege⸗ bener Ruhetag sein. Da sollen wir ausruhen von aller Werk⸗ tagsplage. Die Alltagssorgen sollen an diesem Tage nicht die Stirne durchfurchen. Erholung für Körper und Seele soll dieser Tag den Menschen spenden. Aber wenn der Tag wieder seine strengen Forderungen stellt, wenn erDu mußt gebietet, dann ist er auch zur Plage geworden, die dem Menschen unerträglich werden kann.

Jesus fügt sich nicht den jüdischen Sabbatgesetzen. Er, der von sich sagt:Ich bin nicht gekommen das Gesetz und die Pro⸗ pheten aufzulösen; ich bin nicht gekommen aufzulösen, sondern zu erfüllen, handelt gegen das Sabbatgesetz. Seine Jünger han⸗ deln auch dagegen. Jesus wehrt es ihnen nicht. In wievielen Dingen ist der Herr den Schwachen schonend entgegengekommen. Was den Sabbat anbetraf, war er rücksichtslos. Dies kam daher,

die Befreiung der Ar⸗

Kräfte sind

(Schluß.)

knüpft und verschlungen. Was wir an den Besitzenden verurteilen, das beherrscht und knechtet ja auch uns.

Das Böse im Unterdrücker hassen und nicht auch die Sünde im eignen Herzen ist der falsche Weg. Wer das Böse hassen will, der muß es auch im eignen Leben tun und dem wird auch die Einsicht aufgehen, daß Christus diesen Kampf gegen die Sünde zum siegreichen Ende führte und daß in ihm die Befreiung zu einem neuen Menschentum ist, aus der allein auch die neue Gesellschaft erstehen und sich bilden und aufbauen kann. Nur dann wird es ein Kampf mit reinen Waffen sein, wenn wir im Kampf um unsere Lebensinteressen auch die der anderen Stände ja auch der Gegner, achten, ge⸗ treu dem höchsten Grundsatz aller Moral:Alles was ihr wollt, das die Leute euch tun sollen, das tut ihr ihnen auch. Unsere heiligste Aufgabe ist es, den Kampf gegen die Ichsucht zu führen. Im Erlösungsopfer Christi die Erlösung vom eigenen Ich von der Selbst⸗ sucht zu erfahren und zu erleben, das muß immer wie⸗ der der Inhalt unseres Lebens werden. In dieser Ge⸗ sinnung im neuen Leben der Hingabe an Gott und die Menschen tätig zu sein, das ist Bedingung für wirklich evangelisch⸗soziale Arbeit gegenüber den Schattenseiten des Lebens. Ohne Menschen, die sich im Blick auf das Vorbild Christi bemühen, Dienst zu tun, Opfer zu bringen, an sich selbst Christi Tod zu erleben und in seiner Auferstehung zu wirken, einander die Lasten zu tragen und für einander einzustehen, werden wir keine Menschheitsgemeinschaft im höheren Sinne und vor allem keine soziale Gemeinschaft aufrichten können. Die größte Not in unserem Volksleben, auch in unserer Ar⸗ beiterbewegung, ist das Fehlen des Brudergedankens, des Opfersinns und der geistigen Kräfte, auf denen allein menschliche Gemeinschaft sich wahrhaft beglückend aufbauen kann. Das persönliche Erleben der Wieder⸗ geburt muß zum Dienst an den Mitmenschen und zur Hingabe an Gott führen:Christ werden ist der Weg aus der Welt zu Gott und Christ sein ist immer mehr der Weg von Gott her in die Welt hinein. Sagt Paul le Seur in seinem Büchlein:Die Anklage gegen die Christen. nd Johannes sagt:Alles, was aus Gott geboren ist, überwindet die Welt und unser Glaube ist der Sieg, der die Welt überwunden hat.

Mit zwingender Notwendigkeit erkennen wir die große Mission des Christentums am Wirtschaftsleben. Das Wirtschaftsleben bedarf dringend der großen Gü⸗ ter des Christentums, um zu einer Neugestaltung zu kommen. Das Christentum ist radikale Lebenserneue⸗ rung auf allen Daseinsgebieten. Seine erneuernden angelegt, bis in die tiefsten Wur⸗

daß Jesus in diesem gottgeschenkten Ruhetag nicht ein schweres Joch sah, sondern eine Gabe, über die der Mensch frei verfügen kann.Des Menschensohn ist ein Herr auch des Sabbats. Da⸗ rum heilte er, d. h. tat Werke der Nächstenliebe. Seine Jünger mahlten in den Händen Getreideähren aus und aßen die Körner, d. h. sie heiligten den Feiertag nicht durch Beobachtung kleinlicher Werkvorschriften. Da gab es einen großen Spalt zwischen der

Bei den Juden galt das harte Müssen. Freiheit.

Bei Jesu herrschte die

Müssen. In Rom ist der Pabstregent, der jedem Gliede der mit telalterlichen Kirche zu gebieten hat. unfehlbar, das ist so gut, als von Gott selbst befohlen. Er ist ja nach seiner Lehre Gottes Stellvertreter. So gebietet er, daß der katholische Christ im Jahre einmal beim Priester beichten muß. Er befiehlt, daß jeder Angehörige der Kirche sich von dem Priester trauen lassen muß. Ja er gibt ein ganzes Gesetzbuch mit vielen Paragraphen heraus, in dem seine Befehle, alle einzeln, genau verzeichnet sind. Das ganze Gesetzbuch brüllt den mittel alterlichen Christen an mit dem steten Gebot:Du mußt, Du mußt!

Demgegenüber hat unser Herr und Heiland nie ein Gesetzbuch verfaßt. Auch lesen wir nicht, daß er dem Menschen jemals gesagt hat:Du mußt! Jesu hat gerade im Gegenteil die 10 Gebote sogar abgekürzt. Was Jesus verlangt ist nur dies:Du sollst lieben Gott, deinen Herrn, von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzem Gemüte. Das andere aber ist dem gleich: Du sollst deinen Nächsten lieben als dich selbst. Auch da ist Jesus so weit davon entfernt, dem Menschen einen Zwang aufzulegen. Jesus wollte leine Knechte zu seinen Bekennern haben, sondern freie Menschen. tung, wenn er nur auf das Wort hört. Der Freie muß alle seine

Schritte selbst verantworten. Der Knecht braucht auch nicht zu

Allerdings ist der Knecht frei von Verantwor⸗

Auffassung der frommen Juden von dem Feiertag und der Jesu.

Auch in der mittelalterlichen christlichen Kirche gilt nur das

Was er befiehlt, das ist

zeln alles menschlichen Daseins hineinzudringen und neue Gestalten hervorzubringen. Die große Vor⸗ wärtsrichtung, die dem Christentum eigen ist, darf nicht verkannt werden. Es ist die Vorwärtsrichtung auf das Reich Gottes zu. Diese Vorwärtsrichtung muß in die Wirtschaft hineingelebt werden.

Was Paulus sagt vom Leibe Christi, vom willigen Dienst der Glieder untereinander muß von uns ver⸗ wirklicht werden auch nach der sozialen und wirtschaft⸗ lichen Seite hin. Glied sein heißt: Teil eines Ganzen sein. Hier haben wir den Organisationsgedanken am herrlichsten dargestellt. Das einzelne Glied ist nichts, nur am Ganzen hat es seine Bedeutung. Christus ist das Haupt. Von ihm empfangen die Glieder Leben, Kraft und Geist zum Dienst an den Brüdern. Dieser Gedanke muß praktische Bestätigung finden. In sol⸗ chem Dienst fassen wir unsere Arbeit auf. In dieser Arbeit für unsere Volksgenossen ist in uns das Bewußt⸗ sein lebendig, daß wir unserem Gott dienen und ihn ver⸗ herrlichen dürfen. Unsere Losung heißt:Alles zum Heil unseres Nächsten und Gott zur Ehre!

Unser junger Verband erstreckt sich über das ganze Deutsche Reich. Wir haben Ortsgruppen in Ostpreußen, Brandenburg, Schlesien, im Rheinland, im rheinisch⸗ westfälischen Industriegebiet, in Württemberg und Bayern, auch in Hessen-Nassau und Hessen⸗Darmstadt sind Anfänge unserer Gewerkschaft vorhanden, ebenso sind Einzelmitglieder angeschlossen aus Orten, in denen sich Ortsgruppen noch nicht einrichten ließen.

Wir gewähren Arbeitslosen⸗, Kranken⸗ und Not⸗ fall⸗, Streik⸗ und Sterbeunterstützung. Unsere Haupt⸗ geschäftsstelle stellt gern das Material unentgeltlich zur Verfügung und ist zu jeder weiteren Auskunft gern be⸗ reit; sie befindet sich in Rheydt, Bezirk Düsseldorf, Geneickenerstr. 92.

Unser Organ heißt:Evangelisch-Soziale Warte erscheint vorläufig einmal im Monat und wird heraus⸗ gegeben in Stuttgart; verantwortlicher Schriftleiter ist Julius Müller, Stuttgart⸗Wangen, Krämerstraße 8; Vorsitzender ist Karl Linke, Barmen⸗Wi., Freiheitstr. 65; Geschäftsführer ist Georg Güttgemanns, Rheydt, Bäumchesweg 33; Kassierer ist Wilhelm Prinz, Rheydt.

Wir würden es dankbar begrüßen, wenn Sie, ver⸗ ehrte Anwesende, die Bestrebungen unseres Verbandes unterstützten, in Ihren Gemeinden, Vereinen, Gemein⸗ schaften und sonstigen christlichen Verbänden, sowie in Freundes- und Bekanntenkreisen, die mit uns auf dem⸗ selben Glaubensgrund stehen, zu werben und den Be⸗ treffenden den Anschluß an unseren Verband zu emp⸗ fehlen. K

verstehen, warum er dieses oder jenes tun soll. Der Freie will wissen, was er tut. Darum haben wir in der mittelalterlichen Kirche den Köhlerglauben, in der evangelischen Kirche dagegen den Herzensglauben.

Jesus macht uns das so schön klar am Sabbatgebot. dürfen nicht sagen: ich muß am Feiertag ruhen. Dann sind wir nicht frei. Sondern wir sagen: ich darf am Feiertag ruhen. Dann fühlen wir, daß wir frei sind vom Zwang. Was man darf, das tut jeder doch so gerne. Ich muß am Sonntag doch nicht zur Kirche gehen, aber ich darf zur Kirche gehen. Wie schön ist es, daß ich zur Gemeinde Jesu gehöre und zur Kirche ge⸗ hen darf. Ich muß doch nicht beten! Ich darf zu meinem Gott beten. Wie beruhigt und getröstet können wir in aller Not sein, weil wir Gott um Hilfe anrufen dürfen. Ich muß doch nicht glauben! Aber ich darf glauben. Das gibt mir Gottver⸗ trauen für alle Lebenslagen und Gewißheit eines seligen Ster bens. So ift es auch mit der Sonntagsruhe. Wir müssen ja nicht am Sonntag ruhen. Es ist sogar für manche Menschen gut, wenn sie am Sonntag nicht ganz ruhen. Wer durch die Ruhe Langweile bekommt, der soll sich lieber etwas beschäftigen. Die Langweile verschuldet vielen Unfug gerade am Sonntag. Mei⸗ nen Konfirmanden sage ich deshalb, sie sollen am Sonntagnach⸗ mittag lieber einen Brief schreiben oder eine Lieblingsarbeit tun, als Langweile haben und Unfug treiben. Wir müssen am Sonn⸗ tag nicht ruhen, aber wir dürfen am Sonntag ruhen. Welch eine selige Freiheit haben wir.

So unterscheiden sich die Geknechteten von den Freien. Der Freie hat die Entscheidung über sich. Sein freier Wille lenkt ihn Er darf von den gottgegebenen Gnadengaben nach eignem Ent⸗ schlusse nehmen, was und so viel er will. Freie aber sind wir durch unseren Herren Jesus geworden. Er war ein Herr auch des Sabbats. Jesus ist des Gesetzes Ende. Danken wir das un⸗ serem Dr. M. Luther, daß er uns wieder zur Freiheit eines Christenmenschen zurückgeführt hat. Amen. Hr.

Wir