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Sonnabend, den 14. Mai 1927.
benswürdiger, als wenn die ersten Tagesstunden vorüber sind Auch die Welt schaut dich anders an. Sie ist morgens wie in einem Sonntagsgewand, während sie mit der fortschreitenden Tageszeit allmählich ihr gewöhnliches werktägliches Aussehen gewinnt. Das Seufzen der Kreatur, das dir den Tag über auf Schritt und Tritt begegnet, ist in den Morgenstunden noch nicht aufgewacht; sie feiert noch wie in träumender Erinnerung an einstiges paradiesisches Glück und rüstet in aller Stille ihre besten Kräfte für des Tages Arbeit. Wie wichtig ist es, daß du die Morgenstunden des Tages richtig anwendest! Ver⸗ schlafe und verträume sie, so hast du das Edelste und Beste des Tages selber dir geraubt, so trittst du hinein in die Ar⸗ beit und den Unfrieden des Weltlebens, ohne deine Seele ein— getaucht zu haben in das Element des Friedens, das in der Morgenstunde wie ein Odem Gottes dich umweht. Entweihe vollends gleich die ersten Morgenstunden durch Sünde, durch Streit, durch Verbitterung und Verunreinigung der Seele, so hast du den Wurm kommen lassen an die Wurzel deines Tage⸗ lebens. Du magst dann wohl im Verlauf des Tages dich wieder zurechtfinden, aber seine Blume, sein Duft, seine Weihe ist un— wiederbringlich dahin.
Auch deine Jugendzeit ist eine Morgenstunde, von der es gilt: sie hat Gold im Munde. Was den Morgen schön macht, eben das ist auch die Schönheit der Jugendzeit: frische Kraft, froher Mut, klares Auge; eine Welt, die offen vor dir liegt, deren dunkle Abgründe bis jetzt vor deinem Auge freundlich verdeckt geblieben sind; eine reiche Zukunft, goldenes Licht und immer höher steigende Sonne. Wie wichtig ist, daß diese Mor⸗ genzeit des Lebens richtig angewendet werde! Verträume sie in Müßiggang und Nichtstum, in unmännlicher Tändelei, so hast du dich um deines Lebens edelste Stunden und beste Kraft selber gebracht, so trittst du nachher an die großen und ernsten Aufgaben des Lebens heran, ohne deine Seele gesättigt und ge— weiht zu haben mit den himmlischen Kräften, welche allein dem Tun und Wirken des Mannes seinen Wert, seinen Gehalt geben und allein ihn aufrecht erhalten in den mancherlei Enttäuschun— gen, welche seiner warten. Verträumt und vertändelte Jugend- zeit— daraus erwachsen jene bedauernswürdigen Halbmänner, welche nach kurzem Kampf mit dem Leben so bald die Waffe ins Korn werfen und entweder schwunglos mechanisch, ohne jedes höhere Streben, ihren Beruf als einen Kätners- und Taglöhnerdienst weiterführen, oder aber sich dem Weltschmerz in die Arme werfen und als verkannte„Uebermenschen“ unzu— frieden mit Gott und Welt einsam ihren Weg dahinziehen. Und wenn du vollends deine Jugendzeit, deinen Lebensmorgen nicht bloß verträumst und vertändelst, sondern geradezu durch Jugend— sünden befleckst und vergiftest,— was wird die Folge sein? Dann wird deine Lebenswurzel krank, dann„fiel ein Reif in der Frühlingsnacht, er fiel auf die zarten Blaublümelein; sie sind verwelket, verdorret“. Wohl mag sich manche Blüte wie— der erholen, wohl mag durch eine Gotteskraft von oben her selbst die innerste Lebenswurzel wieder gesunden. Aber auch im besten Fall,— was dahin ist, ist dahin, die Erstlinge der Kraft sind vergeudet, der zarte Duft des Lebens ist abgestreift, und es gibt giftige Wunden im Geistesleben, welche zwar all— mählich heilen, aber entstellende, dann und wann noch schmer⸗ zende und wieder aufbrechende Narben zurücklassen.
„Evangelische Warte“
Die Jahre, in denen du stehst, lieber junger Freund, sind entscheidend für dein ganzes Erdenleben, ja entscheidend für die Ewigkeit. Die Erstlinge gehören Gott, sie sind heilig. „Heilig ist die Jugendzeit!“ sagt unser schwäbischer Dichter Uh land, der Mann voll Kraft und Mark, und fährt dann weiter fort:
Edler Geist des Ernstes soll Sich in Jünglingsseelen senken. Jede still und andachtsvoll Ihrer heil'gen Kraft gedenken.
So laß denn ein fröhlich und wohlmeinend Geleitwort, das mit dir durch die Tage deiner Jugend gehen möchte, eine freund— liche und gute Stätte bei dir finden!
Man merke darauf.
Oben saß ich am Fenster meines Stübchens und nähte in der Mittagsstunde, die täglich eine kleine Ruhepause in dem arbeitsreichen Leben im Gemeindehause bildete.
Wie ich einmal aufsehe von meiner Arbeit, da kommt die alte Mutter Seiler mit ihrem lahmen Bein die Straße herauf— gehumpelt.„Sie hat gewiß kein Brot mehr und möchte etwas von uns haben,“ geht es mir durch den Sinn,„ da will ich ihr nur gleich etwas hinunterbringen, dann braucht sie mit ihren armen Beinen nicht heraufzukommen zu uns.“
Schnell ist der Schein geschrieben, auf den sie sich ein Brot vom Bäcker holen kann, und sehr erfreut, daß ich ihren Wunsch erraten habe und ihrer Bitte zuvorgekommen bin, nimmt das Mütterchen ihn in Empfang. Das Bitten wird ihr immer etwas sauer, sie ist eine rechtschaffene Frau, die in ihren frühe— ren Jahren fleißig gearbeitet hat.
Wie ich langsam die Treppe wieder emporsteige, da kommen mir allerlei Gedanken.
„Ehe sie rufen, will ich antworten,“ sagt der Herr,„wenn sie noch reden will ich hören.“— So war's eben auch der alten Mutter Seiler gegangen durch meine Hand. Mir ward wun⸗ derlich zumute.— Wie oft macht es unser Gott so mit seinen Kindern!
Wie mag der Abl vissende unser Wünschen schon vorher sehen und hat die Erfüllung schon bereit, noch ehe wir bitten. Wenn wir armen Menschen das schon gern tun, wie viel mehr der liebreiche Vater im Himmel.
O meine Seele, beuge dich, wie beschämt Gott uns durch Seine Güte, wenn du es nur immer sehen möchtest! Sieh, wenn der Winter gar kein Ende zu nehmen scheint mit Schnee und Eis und Sturm und Dunkel und du ungeduldig fragst: Wie lange noch?— da bereitet Gott dir in den unscheinbaren brau— nen Knospen der Bäume und Sträucher schon die lachende, blühende Frühlingspracht zu. und wenn Not und Kummer dich ins Gebet treiben, da reift reiche Frucht, die dich selbst be— glückt und die sonst nimmer erwachsen wäre in deinem Herzen, Frucht für die Ewigkeit.
Wieviel Güte und Wohltat, die Gott uns täglich entgegen— bringt ohne unser Bitten, übersehen wir und nehmen wir hin wie etwas, das uns einfach zukommt. Wir werden erst auf⸗ merksam, wenn sie einmal ausbleibt.
Laßt uns die Augen auftun und dem Herrn danken, daß er antwortet, ehe wir rufen, und hört, wenn wir noch reden!
Lebensregeln.
1. Tue das Schwerste zuerst, alsbald und ganz.
2. Arbeite in Leiden und ruhe in der Arbeit von ihr. ö 0
3. Sieh in jedem Menschen einen Gottesgruß an dich, der dir einmal begegnet, und vielleicht dann nimmer. J. Gib jedem Menschen einen Gottesgruß deiner Lindig⸗ Leutseligkeit und Lauterkeit. 5. Kaufe das Heute aus, damit es die Sorgen des Mor— gen erleichtere.
6. Denke fleißig an den Tod, damit er dir Leben sei.
7. Freue dich an etwas, auf etwas und wisse, daß der Mensch sich die Freude schuldig ist.
8. Schäme dich des Bekenntnisses nicht, das sich deiner nicht geschämt hat.
9. Halte nichts von religibsen Stimmungen, sondern halle dich an den Ernst der Schrift und ihren Willen.
10. Sei auf der Hut, daß du nicht Pflicht und Neigung verwechselst..
11. Lies in die Bibel nichts hinein, wohl aber das Ewige für die Zeit heraus.
12. Laß deine Seele in der Zucht der Wahrheit!
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keit,
Vezzel.
Grüßkrämer.
Grüßkrämer? Ein merkwürdiges Wort! Und stammt doch von keinem Geringeren, als von Hans Thoma. Er erzählt einmal, er sei mit einem„Grüßkrämer“ gewandert, dem Gegen— bilde eines„Grieskrämers“. Der habe für alle Leute auf Straße und Acker ein freundliches Wort gehabt.
Ein herzlich„Grüß Gott!“, ein herzlich In-die-Augen⸗schauen ist wie ein Sonnenstrahl aus unseres Herzens Kämmerlein. Wo es helle in der Kammer ist, da muß das Licht durch die Fensterscheiben strahlen in die Nacht.
Grüßkrämer laßt uns werden! wahrlich genug!
Der Grieskrämer gibt's
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Wenn wir wollten..! Wir können einander viel Pein bereiten Mit herben Blicken; Wir tragen so schwer an Einsamkeiten Und seh'n keine Brücken.. Wir tun uns wehe mit Wort und Mienen, Die wir hier wandern; Und alles Verschulden, das uns erschienen, Liegt bei„den andern“. Wir könnten einander so selig machen, Wenn wir nur wollten... Es perlte gar bald ein frohes Lachen Wo Tränen rollten! Marie Sauer * Ein Körnchen Glauben ist besser als ein 2 Fähigkeit birgt Verantwortung— Teile ist Pflicht.
aß voll Tränen.
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