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Sonnabend, den 14. Mai 1927.

Zum Schluß erklärt die Denkschrift, daß die er steuliche Besserung trotz der ungünstigen Wirtschafts⸗ lage, nicht zuletzt auf dem mit großem Eifer fortgeführ en Ausbau der Fürsorgemaßnahmen usw. zurückzufüh⸗ ten sei. Daneben dürfte ein guter Teil der gesundheit lichen Fortschritte in der zunehmenden körperlichen Er üchtigung der Jugend zu suchen sein.

Interesfantes aus Meiklenburg.

Auf Veranlassung der Demokraten haben alle Parteien des Mecklenburger Landtages einen Initia⸗ lipgesetzEntwurf eingebracht, der sich gegen die Spat⸗ lerparteien richtet. Denn nach diesem Antrag muß eder Wahlvorschlag von mindestens 3000 Wahlberech ligten unterzeichnet sein, falls er von einer nicht bereits im Landtag vertretenen Partei ausgeht. Außerdem

ind für jeden derartigen Wahlvorschlag 3000 Mark

als Kaution bei dem Wahlleiter zu hinterlegen, die der Staatskasse verfallen, wenn auf die Liste kein Man⸗ Die bisher vorhandenen Parteien brau chen für ihren Wahlvorschlag jedoch nur 20 Unter

0 schriften.

Der Gesetzentwurf wurde natürlich einstimmig an genommen. Auch in Sachsen galten bereits bei der letzten Wahl obige Bestimmungen. Glauben die Par⸗ eien im Ernst, daß sie sich mit solchen geradezu un Wir sind gespannt, ob der Landtag desVolks⸗Staates Hessen einen ähnlichen Gesetzentwurf demnächstein immig annimmt.

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Bersthiedenes. 5 Versportung der Kultur. Mit einer gewissen tragischen Notwendigkeit ver⸗

dg sällt die Kultur des äußeren Lebens nach gewissen Zeitläufen der Zivilisation, der bloßen Technik und

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kohen Zweckmäßigkeit. Aber schlimm ist es, wenn auch die Kultur des inneren Lebens von der Technik ange⸗ lränkelt oder gar beschlagnahmt wird. In dieser Ge

ahr stehen wir heute. Nur auf ein Gebiet will ich lurz zu sprechen kommen; es ist der Gesang. Deutsche Sangesfreudigkeit fließt in breiten Strömen durch die deutschen Gaue trotz aller Not der Zeit! Das kann man nur mit Genugtuung und Freude feststellen. Aber da der Sport vor allem die geistige Physiognomie aller

Kultur beherrscht, droht auch hier Zeitgeist, bloße Tech⸗

lik allen Geist erbarmungslos zu töten. Man ist im⸗ er wieder erstaunt, was auf dem Gebiet des Volks⸗

And Kunstgesangs, selbst auf abgelegenen Dörfern, in inderwertigen Vororten und kleinen Städtchen ge

Evangelische Warte

leistet wird. Das hat man noch vor 20 oder 30 Jahren

vergeblich gesucht. Aber nun bemächtigt sich der Ehr geiz der edlen Sangeskunst. Wettsingen allüberall! Ein Gesangverein will den anderen übertreffen. Die Rekordwut nagt am hohen Gut des deutschen Liedes. Ich habe in den letzten Monaten wiederholt solche Wer tungssingen, wie man schonhaft sagt, mitgemacht; denn was ist gegen Preissingen einzuwenden?! Was da von ganz namenlosen Vereinen an raffinierter Gesangs technik geleistet worden ist, das war einfach erstaunlich. Handelt es sich um ausgesprochene Kunstmusik, so habe ich nichts dagegen. Aber Lieder, wie dieLoreley, oderJetz gang i ans Brünnele in technischer Rekord leistung vorgetragen zu hören, das war für mein Emp⸗ sinden unerträglich. Alle Seele war weg, die hohe Technit beherrschte alles. Da gehe ich denn lieber in eine Volksschule und lasse mir die Lieder ganz schlicht einstimmig oder zweistimmig vorsingen. Das ergreift mich, das erquickt mich. Aber wo mich der Dämon einer überdrehten Technik angrinst, da wird meine Seele getötet. O ihr eifrigen und ihr werten Chor- dirigenten und Kapellmeister: rettet die Seele der Kunst vor der Technik. Soll unser alter Ruhm, der deutsche Gesang, auch noch dem öden Sportgeist verfal len? Was würde Schubert dazu sagen, wenn er sein unvergleichlichesAve Maria so überressiniert vor⸗ getragen hörte? Fortlaufen würde er und wieder in seinem Grabe Zuflucht suchen und den Tod der tiefen Seele des deutschen Liedes unablässig beweinen. Fühlt ihr nicht, daß ihr trüben Totengräberdienst leistet? K. Veller.

1857 Reichspensionäre.

Aus einer Denkschrift des Reichsfinanzministe riums geht hervor, daß an 1857 Personen aus Reichs⸗ mitteln 23 095 000 Mark Pensionen gezahlt werden. Von diesen entfallen auf die früheren Reichskanzler, Minister und Staatssekretäre, und zwar auf die Zeit vor der Staatsumwälzung 29 Reichskanzler und Reichs- minister mit 650 000, nach der Staatsumwälzung 31 mit 510 000. Auf die Zeit vor der Staatsum⸗ wälzung entfallen aus den Kreisen der Stgatssekretäre 13 Ruhegehaltsempfänger mit 200 000 und 8 Wartegeldempfänger mit 47 000, nach der Staats- umwälzung 8 Ruhegehaltsempfänger mit 130 000 und 20 Wartegeldempfänger mit 193 000. Der frühere Reichskanzler Dr. Luther erhält 23 000. Reichspension, der frühere Reichskanzler Dr. Cuno, Direktor der Hapag, 18 285 Reichspension. Von den früheren sozialdemokratischen Ministern erhalten Bauer, Radbruch und Schmidt Pension in einer Ge samthöhe von zusammen 36 480 f. Den weitaus be⸗

trächtlichsten Teil der Pensionen beziehen frühere Mi⸗

litärs. Den 104 hohen Zivilbeamten, die Pension be⸗ ziehen, stehen 1753 Generale und Admirale gegenüber. Im einzelnen erhalten 136 Generale zusammen 2316 000, 278 Generalleutnants zusammen 3 828 000 , 166 Generalmajore 2 163 000, 681 Offiziere des Landheeres mit der Pension als Generalmajor 7 781 000/ und 338 Brigadekommandeure 3 335 000 . Insgesamt beträgt die Pensionssumme 19 433 000 Mark. In der Marineverwaltung sind pensioniert 17 Admirale mit zusammen 280 000 f, 36 Vizeadmirale mit zusammen 499 000, 5 Konteradmirale in einer Stelle gleich der eines Divisionskommandeurs mit zu⸗ sammen 66 000, 58 Konteradmirale mit zusammen 666 000 4 und 6 Kapitäne mit 61000. Zusammen handelt es sich um 1582 000 f. Außerdem sind pen⸗ sioniert 32 Sanitäts- und Veterinäroffiziere mit 354000 Mark.

1 Aus unserer Bewegung. Frankfurt a. M. Die hiesige Ortsgruppe der Evangelischen Volksgemeinschaft hält am 18. ds. Mts., abends 8 Uhr, imStorchen ihre Monatsversammlung ab.

Namenlose Sendungen an die Schriftleitung.

Es kommen häufig Sendungen an uns, welche den Absender entweder undeutlich enthalten oder ganz ver missen lassen. Solche Sendungen haben für uns gar keinen Zweck. Oft enthalten sie schon längst in den Spalten unsererEvangelischen Warte Behandeltes, oder es sind Sendungen von Gegnern, welche den Mut nicht aufbringen, ehrlich den Namen zu nennen. Wir geben gerne, auch den Gegnern, eine anständige Ant wort. Wer in Anstand fragt, erhält in Anstand Ant⸗ wort.

Heute wird uns von einem namenlosen Sender ein mit dem Poststempel Frankfurt(Main) versehenes Flugblatt desVerbandes für Volksheilkunde Essen übersandt. Eine Stelle in diesem Flugblatt, welche von der Tagespresse handelt, ist von dem Absender mit roter Tinte angestrichen. Am Rande steht ebenso mit roter Tinte geschrieben:Und die evangelische Warte??? Die drei Fragezeichen verraten, daß der namenlose Absender etwas fragen will. Leider kön⸗ nen wir ihm nicht antworten. Er gehört nicht zu den regelmäßigen Lesern unseres Blattes, sonst hätte er von der Stellungnahme eines unserer Mitarbeiter zum Kurpfuschergesetz gegen die sexuellen Erkrankungen in einer der letzten Nummern gewußt. Hätte der Ab⸗ sender uns seinen Nammen genannt, recht gerne hätten wir ihm diese Nummer zur Orientierung übersandt.

Die Schriftleitung.

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Schick Welches ist wohl die Schicksalsstunde in dem Leben eines jungen Manne? Ich möchte sagen: 8 Uhr abends Stunde ist das Sprungbrett, von welchem aus die meisten Männer ins Leben springen. Zu ihrem Gewinn oder zu ihrem Schaden. Ich bin überzeugt, daß 8 Uhr abends die Gabelung in der Lebensstraße ist, die in einen für ihren Charakter zum

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Gewinn führt, die andern zum Verlust. Jeder Tag besitzt 23 andere Stunden. Keine ist von so großer Bedeutung, so un eimessenem Einfluß, wie die Feierabendstunde. Warum?

0 Dies die Antwort: Die Lebenszeit eines Menschen teilt sich in Arbeit und Erholung. Der größte Teil der Männerwelt leendigt die Arbeit um 8 Uhr abends, dann beginnt die Er⸗ lolung. In dieser Stunde sucht der junge Mann die Art der Ruhe, für die er sich entschieden hat. Verwendet ein Mann

Muter bekam gestern auf Umwegen einen Brief von Rudi, befindet sich in gesicherter Stellung. Er schreibt wörtlich: Wenn das Schicksal mich auch hart anfaßt, ich hoffe, noch alles duszuwetzen, edel und gut zu werden, wie meine Schwägerin, die mir allein beistand, nachdem mein Weib sich in Abscheu von nir wendete, mir sogar den Abschied von meinem Knaben wei⸗ erte, mein Gifthauch sollte ihn nicht mehr berühren. Sie bollte Maria um meinen Schutz anflehen und während sie das agte, raffte sie fieberhaft schnell ihr Geld aus den Fächern der Truhe zusammen, ich aber stand fast mittellos. Da habe ich aut gelacht über diesen chematischen Glauben, über diesen elenlosen Riesengötzen und habe mich zu der verlästerten und ferstoßenen Urle geflüchtet, sie zeigte mir den Charakter des achten Weibes, sie half mir, ihr danke ich meine Freiheit, mein Leben!

Urle sah nicht auf, nur das tiefere Rot auf ihren Wangen serriet, daß die Worte von ihr gehört wurden.

Die ganze schlummernde große Leidenschaft überflutete Hans von neuem, was hatte er getan, sich seines Weibes Liebe erscherzt?

Er stand auf und strich kosend über ihr volles Haar: bar Dein Herrenbesuch, warum erfuhr ich das nicht?

Es konnten Euch Unannehmlichkeiten erwachsen und päter Du begehrtest keine weitere Aussprache, sie trat ab⸗ vehrend an den Tisch, sie verzieh schwer, wohl ihr härtester Fehler, aber es war eben alles an ihr tief, wahr, echt, sie war eine unbeständige Kindernatur, die Groll und Liebe aus einem luge strahlt..

Sie hob ihr klares Auge voll zu Gerhard:Was sagte ine Mutter dazu? Sei aber wahr! 5 Ein tiefes Rot überzog momentan seine Stirn, darauf war r nicht vorbereitet; sollte er ihr sagen, daß sie geweint habe und gerufen:Auch ihn hat sie umgarnt!, daß Pater Markus

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seine Mußestunden zur Veredelung seines Geistes, zur Erbau ung für Seele und Leib, so gewinnt er. Kehrt er sich aber nur den eitlen Vergnügungen zu, so ist er verloren. Es ist eine kaltblütige Behauptung, aber es ist wahr: Der Schutzgeist von 99 Prozent der Menschen ist harte Arbeit, und die beste Er holung ist der Wechsel einer harten Arbeit mit einer anderen. 99 Männer von 100, die gewinnend ihr Leben durchschreiten, gebrauchen die Zeit der Muße zu Tätigkeiten, welche den Müßig gang ersetzen, verdrängen.

Meine Idee vom Lebenserfolg ist daher(mathematisch aus gedrückt) die: Zwischen eines Mannes 15. und 25. Lebensjahr gibt es 3130 Werktags⸗§-Uhr-Abendstunden. Jede dieser 3130 Stunden ist eine Entscheidungsstunde. Des jungen Mannes Blick an die Uhr und zum Fenster hinaus entscheidet über das Wohin und das Nachher. Wird er seine folgenden Stunden nutz bringend anwenden, so gewinnt er. Wird er aber seine Muße haßer Brandglut des Scheiterhaufens müßte diese Ketzer verzehren, sie verderben die Welt!

Erst, nachdem Gerhard seine ganze Ueberredungskunst auf geboten hatte, sah sie es mit anderen Augen an.

Sie fühlt mit uns, daß wir Dir Unrecht getan haben und viel ausgleichen müssen!

Naemis leises Weinen rief sie hinaus, erleichtert atmete sie auf, mochte Hans sich mit Gerhard austauschen, sie liebte kein großes Geschrei um diese längst abgetane Sache.

Hans folgte ihr jedoch:Vergieb mir Arle, laß uns

Sie sah ihm grollend in das Gesicht:Du bist auf dem besten Wege, alle Liebe in meinem Herzen zu töten, Du hast die Wahl, entweder führe Dein zügelloses Leben weiter und gehe für immer, oder wende Dein Lebensschiff, noch ist es Zeit!

Wortlos umfing er die Zürnende und drückte einen heißen Kuß auf die Lippen der Widerstrebenden.

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Ein kurzer, heftiger Windstoß jagte über die nackten Bäume brach knackend das unbiegsame, trockene Geäst heraus, riß und zerrte plötzlich an allem, was nichtniet- und nagelfest war, trieb selbst Fußballsport mit Hüten und Mützen Ahnungsloser, dann war es wieder unheimlich still in den Lüften, nur grau schwarzes Gewölk über das sich weiße, zerissene Wolkenfetzen hinschoben, drohte, kündigte einen schweren Wetterausbruch an

Dammrat stand im Mantel und Hut, stampfte ärgerlich mit seinem dicken Knotenstock das Hofpflaster, ein Zeichen, daß er nicht recht wußte, wie er am klügsten handle, und sah sorgenvoll empor.

Plönnchen, die alte Stallmagd, steckte verstohlen ihre leere Schnapsflasche in die Tasche, stemmte die Hände in die Sei ten und rief:Na, wohen giehts! Woll gar nan Doktor mit'n Arm?

Nee, sagte Dammrat kurz.

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stunden nur zur Verzärtelung seiner leiblichen Sinne in losen Vergnügungen verbringen, so ist er verloren.

Dies will nicht heißen, daß jedermann diese 3130 Stunden zu Entscheidungsstunden gestalten soll. Gesellschaftliche Unter⸗ haltung, Freundschaft, Familie, Berufsvorbereitung fordert ihr Teil davon. Aber bei all diesen gerechten Ansprüchen sollte immer die Förderung des inwendigen Menschen das Bestim⸗

mende sein. *

Deine Jugend.

Lieber junger Freund! Du kennst das Sprichwort: Mor⸗ genstund' hat Gold im Mund. Du kennst es nicht bloß vom Hörensagen, sondern du hast es auch in deinem eigenen Leben und Arbeiten schon erprobt. Du bist am Morgen frischer, munterer, spannkräftiger, unternehmender, vielleicht auch lie

Sollst mich nen Bittgang bezahlen für Deinen arm, ich bett'nen gesund, kannst's doch dran wende, reicher Knupp.

Frau Rossarius hat mich sechsmal nach Rommelsweiler zur Gnadenkappele geschickt, jedesmal gab's n Dahler, aber es hat auch geholfen, so kann wedder loofen.

Bist jo krank emm Oberstübchen! Dann bin ich nen Dah⸗ ler los! Wenn de de Schmerzen koofen willst, man zu!

Ungläubiger Spätter! Vergangenen Sonndag hatte ich vier Bittgänge, aber es helft ooch!

Dammrat lachte:Du hattest vier Dahler, um die armen Bedüpperten kriegten man 4 Jebett!

So sei still, alter Heide!

Warum, es's nicht su, dann mußtest Du doch boch vier Schlappermäuler haben! und ohne von ihrer empörten Ant⸗ wort Notiz zu nehmen, ging er von dannen.

Es ging noch rüstig vorwärts mit dem Alten, trotzdem sein Rücken gekrümmt war und die Zeit schon tiefe Furchen in sein Gesicht gegraben hatte, nur zuweilen blieb er stehen, schöpfte tief Atem und sah prüfend die schwerhängenden Wolken an, ob es wohl möglich war, sein Ziel, die Hütte des Waldheiligen vor dem Wetterausbruch zu erreichen.

Fester zog er den Schirm seiner schwarzen Seidenmütze in die Stirn, mit hohlem Gestöhn lagte der Sturm in eine Lich tung des Waldes, schlug vergehend um die nächsten Stämme und löste sich in ächzenden, eisigen Hauch.

Dammrat schauerte in sich zusammen:En Dag wie zum Gottesgericht, wat es noch wärden mag!

Ein Schwarm Wildgänse zog über den Wald, ihr heiserer Schrei mischte sich mit der Krähen Winterruf, die der Natur das harte Totenlied sangen.

(Fortsetzung folgt.)