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Sonnabend, den 12. März 1927.

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Nr 1

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rung 2000 000 Wohnungssuchende, ferner mehrere hunderttausend Insassen von Krankenhäusern, Blinden⸗ anstalten, Krüppelhäusern usw. dann eine nicht festzu⸗ stellende Zahl von Armenunterstützungsempfängern, eine große Zahl von Kurzarbeitern, von heimatlosen Wanderern vorhanden sind, dann empfindet man den Ernst unserer Lage. Soviel auch von dem Reich, den Ländern, Städten und von der Kirche getan wird, um diese Not zu lindern(im Dienst tätiger Nächstenliebe der evangelischen Kirche stehen heute 44 000 berufliche und 320 000 freiwillige Kräfte), so bleibt doch immer noch viel zu tun. N.⸗V.

Aus unferer Bewegung.

Oeffentliche Versammlung der Evangelischen Volksgemeinschaft.

Ortsgruppe Nürnberg.

Mit einer gut besuchten Versammlung am Frei⸗ tag, den 4. März, abends, trat die Ortsgruppe Nürn⸗ berg der Evangelischen Volksgemeinschaft zum ersten Male in die Oeffentlichkeit. Herr Pfarrer Weidner begründete in trefflichen Ausführungen, die von der Versammlung mit großem Beifall aufgenommen wur⸗ den, die Notwendigkeit der evangelischen Partei. Aus⸗ gehend von der Reformation, die auch in sozialer Be ziehung sich auswirkte, schilderte er die heutige Riesen⸗ not in unserem Volke. Nur die starken Kräfte des Evangeliums sind in der Lage, wirtschaftlich und poli tisch eine soziale Umgestaltung zu schaffen. Die Evan⸗ gelische Volksgemeinschaft ist eine bewußt evangelische Partei, die in allererster Linie das Evangelium im öffentlichen Leben vertrete und aus dem Geist des Evangeliums heraus bei allen innen- und außenpoliti⸗ schen Fragen tatkräftig mitarbeiten will. Ganz beson⸗ ders gilt es, sich der Not der Arbeiterschaft in der In dustrie anzunehmen und mit ehrlichem Herzen nicht nur

die große Arbeitslosigkeit zu beseitigen, sondern weiter hin in der Frage der Lebenshaltungskosten einen ge⸗ rechten Ausgleich zwischen Arbeitgeber und Arbeitneh mer zu schaffen. Viel zu sehr wurde in der Vergangen heit versäumt, das Evangelium im öffentlichen Leben zur Auswirkung zu bringen. In Stockholm haben daß 1925 die evangelischen Kirchen eingesehen. Aber nicht anklagen wollen wir, sondern aus den Fehlern der Ver⸗ gangenheit lernen. In keiner der anderen Parteien werden die evangelischen Belange in der rechten Weise

vertreten. Darum hat die Evangelische Volksgemein⸗ schaft als Weltanschauungspartei ihre Berechtigung

und wird infolgedessen festen Fuß im Volke fassen. Wir bestreiten keiner Partei das Recht, ihre Belange auf Grund ihrer Weltanschauung zu vertreten; wir wollen aber auch uns das Recht nicht nehmen lassen, das Evan⸗ gelium wirtschaftlich und politisch zur Geltung zu brin gen. Mit dem Geiste Luthers wollen wir um die innere Erneuerung des Volkes kämpfen, unsere Arbeit ist Dienst am Volke. Das Bewußtsein stärkt uns und wird uns den Erfolg sichern:Wir mit Gott, und Gott mit uns!

In der sehr lebhaften Aussprache wurde die Not wendigkeit der Evangelischen Volksgemeinschaft von den meisten Rednern anerkannt. In seinem Schluß⸗ wort gab Herr Pfarrer Weidner der Ueberzeugung Ausdruck, daß die Evangelische Volksgemeinschaft der Sammelpunkt aller Evangelischen zur Wahrung der evangelischen Belange in den Parlamenten wird. Schon diese erste Versammlung hat in ihrem ganzen Verlauf gezeigt, daß auch in Nürnberg der bewußt evan⸗ gelische Volksteil die Evangelische Volksgemeinschaft will. Möge der schöne Erfolg des Abends, der der Ortsgruppe auch eine stattliche Anzahl neuer Mitglie- der aus allen Ständen zuführte, ein gutes Zeichen sein für die weitere Ausbreitung unserer guten Sache in Bayern.

Die Vorbereitungen für eine Versammlung in Er langen wurden bereits getroffen.

8 5 Frankfurt a. M. Am 28. Februar 1927 sprach Herr Dr. jut Moegenburg im Gemeindehaus Oberrad über die Notwendigkeis des politischen Zusammenschlusses der Evangelischen und daraz anschließend Herr Stadtverordneter Kümper über soziale Für sorge. Die zahlreich Erschienenen etwa 160 Personen

zollten dem Vortragenden allseitigen Beifall und der Abend versprach glänzend zu verlaufen, als zum Schluß, während sich schon einzelne Anwesende in unsere Liste als neue Mitglieder eintrugen, Herr Pfarrer Pro bst das Wort ergriff und uns den

Erfolg unserer Arbeit an diesem Abend verdarb. Der Pfarrhens grant

warnte seine Gemeindemitglieder vor unüberlegtem Handeln Hier handele es sich um eine ernste Sache, die man lieber dreimal überlegen sollte. Es wäre besser, wenn man erst noch mal ay 1 einem Gemeindeabend den Fall bespräche und dann erst zu dei

neuen Bewegung Stellung nähme. 9

Es ist bedauerlich, daß Herr Pfarrer Pro bst ein so wenig aufrichtiges Verhalten gezeigt hat. Er hätte mindestens vorher sagen müssen, daß er nicht für uns sei und daß er vielleicht aut nicht in unserem Sinne entgegnen müßte, dann wären unsen Redner nicht in einem Gemeindehaus aufgesreten, wo sie dot nur Gäste waren und dementsprechend nicht so erwidern konnten wie es am Platze gewesen wäre. Nichtsdestoweniger wies Hen Dr. Moegenburg darauf hin, daß es doch eigentlich die heiligst⸗ Pflicht der Pastoren sei, unsere gute Sache mit ganzem Herzen zu stützen. Die Pfarrer, die abseits stehen blieben, trügen eine große Verantwortung; denn die Evangelischen hätten nun kein andere Wahl mehr, als sich einmütig auch politisch zusammen zuschließen oder zugrunde zu gehen. Das bedeute auch den Unter gang Deutschlands. Zum Schluß gab Dr. Moegenburg noch den Hoffnung Ausdruck, daß die Oberräder doch noch treue Mit kämpfer in unserer Bewegung werden möchten.

Der starke Beifall, der diese Worte begleitete, mag den Herrn Pfarrer gezeigt haben, daß seine Gemeindeglieder schon im Herzen unserer Sache zugetan sind.

Der Herr Pfarrer wird ja auch noch zu uns kommen, wi viele seiner Amtsbrüder allerdings erst dann, wenn auz dem Bächlein ein Strom geworden ist. Allmählich merkt maß warum die katholische Kirche und auch das Zentrum so mächtige Faktoren sind.

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Im Familienkreis

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Den Eltern!

Härtet das Kind ab in Hitze und Kälte, in Wind und Sonne und Gefahr, daß es sie verachte, nehmt ihm alle Schlaffheit und Zierlichkeit in Kleidung und Schlafen, Essen und Trinken; ge wöhnt es an alles, auf daß es nicht ein lieblicher Knabe werde oder ein Höfling, sondern ein herber und starker Junge.

Montaigne.

Der Riß im Mantel.

Die alte Reichsstadt Nürnberg hat ihrem großen Sohn, dem berühmten Maler Albrecht Dürer, ein mächtiges Denkmal ge setzt. Mit sinnend gebeugtem Haupt und herabwallendem Haar steht der Künstler da, als würde er darüber nachdenken, wie wohl sein nächstes Meisterstück aussehen werde. Die ganze Ge stalt ist eingehüllt in einen langen Mantel, den wir auf den Bildern aus der Reformationszeit her kennen. Wichtig und imponierend sieht das Denkmal aus. Wenn man aber herum geht und es von hinten oder von der Seite ansieht o weh, was ist denn das? Da erblickt man in dem Mantel einen Riß, groß genug, daß eine Hand bequem hineingelegt werden kann. Fragt man einen Nürnberger Bürger, was es mit dem Riß auf sich habe, so gibt er lächelnd zur Antwort:Das ist das Denkmal seiner Frau.

Dürer hatte nämlich, geradeso wie der griechische Philosoph Sokrates, eine sehr böse Frau. Seine häuslichen Verhältnisse waren so ungünstig und traurig wie nur möglich. In unver⸗ antwortlicher Weise wurde er vernachlässigt und verwahrlost. Da haben die Bürger von Nürnberg gedacht: das müssen wir verewigen! Und sie ließen das Denkmal so anfertigen, daß der Riß deutlich, fast herausfordernd, sichtbar wurde.

Wenn Frau Dürer das gewußt hätte! Wenn man ihr ge sagt hätte: deine Untugenden werden einmal offenbar vor aller Welt, über deine Nachlässigkeit werden tausende von Menschen Jahrhunderte hindurch spotten und lachen! nicht zusammengenommen hätte und ihrem Mann eine treu sorgende und gute Hausfrau geworden wäre? Ich glaube, es hätte mindestens einen starken Eindruck auf sie gemacht.

Der Maler Albrecht Dürer hat viele Leidensgenossen. Es gibt der Männer nicht wenige, die keine Hausfrau, sondern eine Ausfrau haben. Ueberall ist sie zu finden, nur nicht da, wo sie gehört: am eigenen Herd. Die Zunge kann so gewaltig daß man zuweilen an das Lied denkt: Es klappert die

sie an Ob sie sich dann

Mühle am rauschenden Bach, klipp klapp... Und wenn sie dann noch mit der Sprache Kanaans vertraut ist, da wird die Lehre Christi nicht geziert in allen Stücken, sondern verlästert vor der Welt. Dabei sieht es im Hause aus unter aller Würde! Das Geld reicht nie bis zum nächsten Monat, die Strümpfe liegen ungestopft herum, das Essen kommt meistens zu spät auf den Tisch, überall Unordnung und Nachlässigkeit. Wenn ich Männer mit solchen Frauen treffe, so möchte ich ihnen am liebsten mein herzliches Beileid aussprechen.

Ihr unordentlichen bösen Frauen, wißt ihr denn nicht, daß alles einmal in die große Oeffentlichkeit kommt? Man wird euren Männern kein Denkmal setzen mit einem Riß im Mantel; aber vor Gottes Richterthron müßt ihr alle erscheinen, um zu empfangen, was eure Taten wert sind. Gott sieht auf die Treue im Kleinen, und sagt uns in seinem Wort, daß der Prüfstein unseres Christentums das Familienleben ist. Euer verzeiht über und über erröten müssen. Denkt ihr stets daran? Ueber- legt ihr es recht? Bekehrt euch auch von eurer Unordnung und

Aber Dürers Denkmal hat auch uns Männern viel zu sagen. Wie mancher Mann hätte sich unter solchen Umständen dem Trunke ergeben und wäre zu Grunde gegangen. Dürer aber ist allen Schwierigkeiten zum Trotz der große und berühmte Künstler geworden. Man kann sich also mit den Verdrießlich keiten des Lebens nicht entschuldigen. Es ist sehr bequem, die Schuld immer auf die Frau, die Menschen, die Verhältnisse zu schieben; recht und groß ist das aber nicht. Gerade in den größ ten Widerwärtigkeiten sollen wir ganze Männer werden. Gott will sie gebrauchen, um uns zu erziehen, ja, er hat sie uns ge radezu ausgesucht. Neben einer XKanthippe kann man gut ein Sokrates sein, und neben einer Frau Dürer ein Albrecht Dürer.

Wenn die Männer aber ähnliches durchmachen, so denken Scheidung. Sie lenken ihre Augen auf andere Frauen, bemitleiden sich selbst, fühlen sich als Märtyrer und seufzen: Ach, hätte ich die oder die wie glücklich würde ich dann sein! Solche Stimmungen und Gedanken kommen nicht von Gott, sondern vom Teufel und führen in das Verderben hinein. Lieber Freund, es gibt für dich auf Gottes weiter Erde keine andere Frau als die deine. Sie paßt ausgezeichnet zu dir und kann dir zu großem Segen werden. Nimm sie nur hin aus Gottes Hand, laß dich durch sie schleifen und erziehen für die Ewigkeit. Diese innere Einstellung wird dich nie gereuen.

Von Erf.

Noch etwas anderes kann uns Dürers Denkmal sagen. vorne sieht man den Riß nicht. Da ist alles tadellos. wenn man im Rücken steht, wird man den Schaden gewahr.

So ist es auch mit manchen Menschen. Von vorne, äußerlich, ist alles wunderschön. Da ist er so freundlich und liebevoll Aber wenn man ihn innerlich kennen lernt, da stimmt es nicht da entdeckt man oft einen garstigen Riß. Seine Frau, sein⸗ Kinder, die wissen ein Liedlein davon zu singen, wie barsch en sein kann..

Bei Dürer ist es nicht so. Er ist für den Riß nicht ver antwortlich, sondern seine Frau. Aber wie ist es mit dir, mein Freund? Kannst du es aushalten, wenn man dich eingehen von der Seite besieht? Oder ist da ein Riß im Mantel?

Sieh auch du zu, daß er geflickt wird, ehe es zu spät ist Einst mußt du offenbar werden vor dem Richterstuhl Christi

Bütheretke. Die christliche Kirche

Famil

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ihr Werden und Leben, Kämpfen und Arbeiten für Jugend und 5 0 Schule dargestellt von Dr. eßrmann Mosapp, Oberschulrat ißt

Stuttgart. 64 Seiten. Preis 50 Pfg. Quell-Verlag, Stuttgart Schon lange war es Wunsch bei Pfarrer und Lehrer hien

dem Unterricht in der Volksschule dient und das, was jeden evangelische Christ von der Kirchengeschichte wissen muß, enthäll Heute erhalte ich nun dies Büchlein aus Württemberg, das meine volle Aufmerksamkeit erregte. Es fielen mir besonders die knap⸗

pen und doch den Stoff ausreichend darbietenden Abschnitte auff

so daß mit diesem Büchlein der Not des kirchengeschichtliches Unterrichts in der Volksschule schon aussichtsreich gewehrt zu seis scheint. Allerdings ist der Leitfaden nur für die Schulen it Württemberg bestimmt, da es nur für dortige Verhältnisse bi rücksichtigt. So ist der württembergischen Landeskirche und der württembergischen Liebesarbeit je ein besonderes Kapitel gewidmet. Außer diesem Leitfaden stellt der Verfasser ein größeres Werk, das im Verlag von J. F. Steinkopf in Stuttgan erscheinen soll, in Aussicht, welches dann mehr für die Hand des Lehrers bestimmt sein soll. Wir können nur in Hessen wünscheß, daß der uns versprochene kirchengeschichtliche Leitfaden die Voß züge der von Oberschulrat Mosapp dargebotenen Arbeit ebenfallz enthalten möge. Hr.

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