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Sonnabend, den 9. Juli 1927.

Evangelische Warte

Nr. 28.

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zehn Winke für Mülter von Schulkindern.

Freue dich für dein Kind und mit deinem Kind, daß es eine Schule besuchen darf. Weißt du, wie sauer es sich Vater Luther hat werden lassen, seinen Martin in eine gute Schule zu bringen? Die Schule tut vieles für dein Kind, was du nicht tun könntest., nur darf es dort lernen, auch zu Ge⸗ horsam, Pünktlichkeit, Pflichttreue, Fleiß, Kameradschaftlichkeit hilft dir die Schule dein Kind erziehen. Darum durlde nicht, daz über Schule und Lehrer vor deinem Kind in unguter Weise gesprochen wird!

Wenn du meinst, Grund zu haben zu Klage und Sorge, so sprich vertrauensvoll mit dem Lehrer deines Kindes. Er kann es nicht kennen wie du, und er wird gern von dir hören über seine Gesundheit, Eigenart und über seine etwaigen häuslichen Schwierigkeiten. Aber höre auch du willig, was er dir zu sagen hat. Sei nicht blind in deiner Liebe, sondern dankbar, wenn du dein Kind auch einmal durch andere Augen sehen darsst. Schwä⸗ chen und Fehler suche nicht zu vertuschen, sondern zu überwinden!

Halte dein Schulkind zur Reinlichkeit an. Abends gründlich waschen, weil morgens die Zeit oft knapp ist! Zähne putzen nicht vergessen! Reinlichkeit des Leibes ist eine Hilfe zur Rein⸗ heit des Herzens. Kleide dein Kind einfach, aber sauber. Eine geflickte Hose ist keine Schande, aber Löcher und Flecken müssen nicht sein.

Sorge, daß dein Schulkind genügend Schlaf hat! Acht Uhr ist die richtige Bettgehzeit. Und laß es dir nicht nehmen, auch noch mit dem Schulkind zu beten. Such ihm neue Sprüche und Liederverse, wenn es aus seinen Kindergebetleinheraus wächst. Wecke aber auch dein Kind morgens so zeitig, daß es ohne Hetze fertig wird und daß es noch zu einem kurzen Morgengebet vor dem Schulweg reicht.

Hab ein waches Auge auf die Schulkameradschaft deines Kindes, du mußt wissen, mit wem es geht. Drum laß es seine Freunde und Freundinnen zu dir bringen. Pflege den guten Verkehr, das ist besser als den schlechten verbieten! Und weißt du, welche Macht derKlassengeist in einer Schule ist? Weißt du, weiß dein Kind, daß man nicht immer tun darf, wasalle tun? Daß es oft eine Ehre und eine Pflicht ist, zu denwenigen zu gehören. Hilf deinem Kind zum Selbstständigwerden durch deine Freudigkeit dazu und dein Vorbild!

Wenn du spürst, daß dein Kind Heimlichkeiten hat, so setz dich abends an sein Bett und sprich ein offenes, ernstes, liebe⸗ volles Wort mit ihm. Weißt du noch, was in deiner Schule manchmal Häßliches getuschelt wurde? Hilf deinem Kind zu dem Erleben:Selig sind, die reines Herzens sind, denn sie werden Gott schauen! Ja, Gott schauen in den Wundern der Natur, auch im Wunder der Menschwerdung. Bitte Gott um das rechte Wort zur rechten Stunde, um den guten Heiligen Geist in deinem Herzen und dem deines Kindes!

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Sei nicht mutlos und ungeduldig, wenn dein Kind schwer lernt! Dann braucht es doch deine Liebe, dein Verstehen am meisten. Hilf ihm, daß es treu sein lernt auch mit seinem klei nen Pfund. Frag einen erfahrenen Lehrer und Erzieher um Rat. Gedichte und Sprüche z. B. lernt man leichter, wenn man sie abends vor dem Einschlafen mehrmals laut sagt. Lautes, un⸗ geduldiges Schelten oder gar Schlagen hilft nichts.

Das leichtsinnge und faule Schulkind braucht eine feste Hand, eine stramme Leitung.Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr! gilt auch für Gewöhnung an Pflichttreue und Selbstüberwindung. Wenn du dein leichtsinniges, faules Kind lieb hast, sei streng mit ihm. Aber sei auch streng mit dir selbst! Beispiel wirkt mehr als Worte!

Sei nicht stolz auf dein begabtes Kind!Welchem viel ge geben ist, von dem wird man viel fordern! Laß Hochmut, Wis⸗ sensdünkel, Selbstüberhebung nicht groß werden. Reichtum ver⸗ pflichtet, auch geistiger. Dein Kind wisse mit dir, was einmal ein alter, treuer Lehrer fein in folgendem Vers ausgesprochen hat:

Was unser höchstes Gut, wird nicht durch Fleiß errungen, Durch Gaben nicht erstrebt, noch durch Verdienst erzwungen, Sei's Freundschaft, sei's die Lieb', sei's ewig himmlisch Leben, Nur als Geschenk und Gab', aus Gnaden wird's gegeben! ASch.

Der Aemterjüger.

Die deutschen Kongregationalisten in Amerika, die hinsicht lich ihrer independentistischen Gemeindeverfassung unsern evange lischen Gemeinden nahe stehen, geben neuerdings ein politisches Wochenblatt heraus, in großzügiger, echt amerikanischer Auf machung. Das ist keine üble Idee, denn auf diese Weise soll der ungute Einfluß der Tagespresse auf Denken und Urteilen der kongregationalistischen Gemeindemitglieder unterbunden werden, und eine Wochenzeitung ist geradezu eine Wohltat für den ab gehetzten. nervösen Menschen von heute. Wenn wir eine solche Zeitung in Deutschland häften, die von unpattellischer Warte aus wöchentlich einmal das Welt registtierte und glossjerte, so wollten wir gern auf alle anderen Zeitungen verzichten. Die erste Nummer dieses Blattes, betiteltDie weite Welt, mit einer FamilienbeilageFeierabend, bringt in konzentrischer Form die Ereignisse der vergangenen Woche, immer noch früh genug, um darüber den Kopf schütteln zu können, und doch schon so weit abgekühlt, um sich nicht mehr darüber aufregen zu müssen. Die Familienbeilage ist ein echt amerikanisches Warenlager des Gemüts und des Wissens, Albert Knapp, Schopenhauer, The odor Storm und Lessing, Gottfried Keller und Gustav Freytag, alle sind durcheinander geschüttetlt. Eine halbe Seite Rätsel ist ausreichend, die Nußknacker der Farmer für eine Woche zu be schäftigen. Dazwischen sind in homöopathischer Dosis auch politi sche Verständigkeiten verzapft, und ein Stück davon, betitelt: Der Aemterjäger, mag hier Platz finden, weil hierin der gute

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Abraham Lincoln auch für deutsche Verhältnisse vorbildlich sein kann. Also:Eine Geschichte, zu Nutz und Frommen der neuen Aemterjäger wiedererzählt:

Guten Morgen, lieber alter Kerl! Mit diesen Worten trat eines Morgens ein hochaufgeschossener Illinoiser Hoosier in Abraham Lincolns Zimmer und reichte dem Präsidenten kordial die Hand.Sie kennen mich doch noch? Ich war auch dabei, als Sie Kalamazoo eine Stumprede hielten.

Ah, ja, nun wie geht's, Mr. Smith?

Well, Smith heiße ich nicht, mein Name ist Ebenezer Dob beljuh Quibbs.

Well, Mr. Quibbs, was kann ich für Sie tun?

Nun, alter Junge, ich höre, Sie wollen eine Aenderung in Ihrem Kabinett vornehmen; können Sie mir nicht eine Minister⸗ stelle geben?

Tut mir leid, Mr. Quibbs, aber ich habe nicht die Absicht, mein Kabinet zu wechseln.

So? Well, ist keine Oberrichter-Stelle vakant?

Auch nicht.

Nun denn, so geben Sie mir irgend einen Gesandschafts⸗ posten; mir ist es ganz egal, welchen Paris, London, ich bin nicht so partikulär.

Mr. Quibbs, Sie kommen zu spät, alles besetzt.

Aber gute Kollektor-Stellen haben Sie noch vorrätig?

Auch nicht; die Nachfrage war sehr groß.

So, so! Auch das nicht, das ist mir gar nicht lieb, Mr Präsident; aber Sie wissen doch, daß ich in unserem County viel für Sie getan habe. Well, wenn es nicht anders sein kann, nehme ich auch mit einer Postmeister-Stelle vorlieb; was haben Sie noch frei? Chikago? Springfield? Quincy? Ich bin ein bescheidener Mann, große Ansprüche mache ich nicht.

Das ist sehr hübsch von Ihnen, Mr. Quibbs, aber trotzdem habe ich auch keine Postmeister-Stelle für Sie.

Was auch keine Postmeister⸗Stelle? Das ist aber doch sehr sonderbar, Mr. Präsident; ich bin doch extra hierher gereist. Sie wissen doch, was ich für Sie getan habe. Was können Sie denn überhaupt für mich tun?

Well, Mr. Quibbs, ich habe in meinem Schranke noch eine alte Hose hängen, die können Sie haben.

Mr. Quibbs sieht sich den Präsidenten genau an und sagt dann:Nun, ich denke, daß sie mir passen wird; geben Sie sie her!

Mr. Quibbs bekam die Hose, und wenn unser jetziger Prä sident Coolidge klug ist, sollte er sich auch einige alte Hosen und Röcke anschaffen.

Worms a. Rh. Am 14. ds. Mts. findet in Worms, in denZwölf Aposteln, eine große öffentliche Ver⸗ sammlung statt, wozu alle Evangelischen herzlich ein geladen sind.

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