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Evangelische Warte

Organ der Evangelischen Volksgemeinschaft

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. Jahrgang.

Sonnabend, den 9. Juli 1927.

Nummer 28

Parität.

Von Edwin Hamburger.

Eine verbreitete Klage, die eben viel aus den Kreisen unserer evangelischen Bevölkerung verlautbart wird, ist die über fehlende Parität. Das Wort selbst stammt ja aus dem Sprachgebrauch des Zentrums. Im alten deutschen Reiche hat das Zentrum immer über die fehlende Parität geklagt. Zum ersten Male war es im Jahre 1896. Damals forderte man Parität in der Beamtenschaft und in den Lehrkörpern der höheren Schulen. Man versteht darunter die Art von Stellen besetzung, bei der die Beamten dem konfessionellen Ver⸗ hältnis der Bevölkerungszahl, die Lehrer dem konfes⸗ sionellen Verhältnis der Schülerzahl entsprechen. Die- ses forderte das Zentrum in einer Zeit, da es glaubte, benachteiligt zu sein. Jeder, der sich an die Reden der Zentrumsabgeordneten von früher noch erinnert, hat erwartet, daß jetzt, wo das Zentrum in der Regierung sitzt, es zeigt, wie man die Parität genau einhält. 5 Einen Landtagsabgeordneten des hessischen Land tags hörte ich einmal sagen, daß die Beamten des Ju stizministeriums und des Ministeriums des Innern fast nur Zentrumsleute seiens Es fehlt mir die genaue

Nachprüfung dieser Behauptung. Hessen ist 1 katholisch und 25 evangelisch. Wo bleibt denn nun die vom Zentrum früher so sehr gewünschte Parität? Wenn es früher so zeterte, so hat es jetzt Zeit gehabt, es besser zu machen. Sollte das obige Verhältnis in den bei⸗ den Ministerien stimmen, so begeht ja das Zentrum denselben Fehler, um den es einmal so gejammert hat. Es nützt seine erreichte Macht gründlich aus und ge braucht sie zur Unterdrückung der evangelischen Bevöl

kerung.

1 Doch ich will nicht nur von Hessen reden. Aus der krheinischen Beamtenschaft sind ja ebenfalls schon viele Klagen über die Gewaltpolitik des Zentrums bei der

Stellenbesetzung laut geworden. Dort haben sich die evangelischen Beamten in besonderen Organisationen zusammengeschlossen, um ihre Interessen zu vertreten. Auch dort hört man, wie die Verwaltungsstellen mehr und mehr mit Zentrumsleuten besetzt werden. Die evangelischen Beamten werden systematisch verdrängt.

uch da fehlen leider die Zahlen. Anders steht es im Schulwesen. Dort gibt es eine Paritätsstatistik, die uns genauen Aufschluß bietet. Die nachfolgenden Ta bellen sind demEvangelischen Rheinland entnom⸗ men und geben uns Einblick in die Parität an höheren Schulen der Rheinprovinz. In Spalte I sind die Namen der untersuchten An stalten zu finden, in den Spalten II und III ist die Im⸗ parität zuungunsten der Evangelischen in den Jahren

18 1925 und 1926 gegenübergestellt. Das Minus bei den

einzelnen Anstalten zeigt an, wieweit evangelische Stu dienräte bezw. Studienräte und Assessoren zu wenig

vorhanden sind. Besonders wichtig sind auch die Unter suchungen über die Parität im Saargebiet.

1 II(4925)] III(4926) Stu⸗ Stu⸗ Stu- Stu⸗

dienrat Idienr. u.] di dienr. u. nr 197005 dienrat Assessor

Anstalt Bemerkungen

Aachen, Oberreal

schule

2. Düsseldorf Oberk.

Gymnasium

3. Elberfeld, Ober⸗

realschule Süd Essen, Krupp⸗

Oberrealschule

5. Hamborn, Real⸗

gymnasium

Essen, Viktoriasch. Saarbrücken,

Oberrealschule

Saarlouis, Gymn.

3 72 3,4

02⁰ 3,28 4004ůõ0

2-9 37

4,ů8 356 unterstehen der Saarregierung

Diese Zahlen sprechen eine deutliche Sprache. Wir lernen aus ihnen die Ungerechtigkeit erkennen, die heute die evangelische Bevölkerung dulden muß. Hier liegen nicht übersehbare Gründe für alle Evangelischen, sich politisch fest zusammenzuschließen.

Doch wenden wir uns noch den folgenden Tabellen zu, welche uns die Zahl der Schüler und die der Lehrer gegenüberstellen. Rheinland und Saargebiet sind da bei berücksichtigt.

Die Zusammensetzung der Schülerzahlen war fol gen:

Schüler und Schülerinnen ev. u. diss. 20087 1727 Madchen] Igeinland 7 5 Rheinland] 39338 Insgef Saar 2557 N Rheinland und Saar

4.2 1

357

0.

Bemer⸗ kungen

5 jüd. kath. sonst. 35883 1595

2862 90 8120 1067 692 69 44003 2662 3554 159

Rheinland Knaben Saar

41895 2821

Demgegenüber stehen folgende Zahlen in der Be setzung der Lehrerstellen: g Feste Stellen Stellen insgesamt Ergebnis Ergebnis e Knaben(Rhld.) 3,4 89, 26,5] 38,3 145,1 Knaben(Saar) 5, 6 19 3,7 50 Mädchen(Rhld.)] 9,8] 321 22,3 40 3647 Mädchen(Saar) 5,9 5,9 0, Knaben n. Mäd⸗ chen(Rhld.). 73,2 Knaben u. Mäd⸗ chen(Saar) 7. Knaben u. Mäd⸗ chen(Rhld.u. Saar) 78,

47557

1875

1 15

Sk ge er-

12² 0 1352 135,2

488 42,3

S

132 4,

56/6] 46,5

Sehen wir uns die Zahlen unter 1. und 3. an, so ergibt sich, daß wir Evangelischen an den Knabenanstal ten 145,1 und an Mädchenanstalten 64,3 Stellen zu we⸗ nig haben. Im ganzen(siehe unter 5.) 209,4 Stellen!

Nehmen wir die Zahlen des Saargebiets hinzu (unter 2. und 4.), so wächst diese Benachteiligung sogar auf 220,1. Stellen.

DasEvangelische Rheinland schreibt hinter die ser Statistik folgende sehr richtigen Worte:

Daß das ganz untragbare Verhältnisse sind, brauchen wir nicht mehr zu betonen; das müßten aber unsere Abgeordneten, namentlich auch die in den städtischen Parlamenten, verstanden haben und energischen Sturm dagegen laufen. Wann werden sie es endlich tun?

Wir wollen dem Blatt die Antwort darauf geben. Die evangelischen Abgeordneten wissen diese Tatsachen ganz genau. Aber sie gehören Parteien an, die mit dem Zentrum Kuhhandel treiben. Die Paritätsfragen interessieren diese Parteien nicht, sondern nur das Wohlergehen gewisser wirtschaftlicher Interessengrup⸗ pen. Solange die evangelische Bevölkerung von den evangelischen Abgeordneten dieser Parteien eine Besse rung in der Paritätsungerechtigkeit erhoffen, können sie noch sehr lange warten. Wahrscheinlich werden sie es nie erleben. Darum muß sich unsere evangelische Bevölkerung mit ihrer Beamten- und Lehrerschaft end lich daranmachen, sich politisches Recht zu erwerben. Ohne die parteimäßige Sammlung wird das nicht möglich sein. Ist oben gefragt:Wann werden sie(die evangelischen Abgeordneten) es endlich tun?, so kann die Antwort nur lauten:Wenn alle bewußt evange lischen Abgeordneten sich in der Evangelischen Volks⸗ gemeinschaft zusammengefunden haben.

Die Deutschnationalen und das Konkordat.

In Nr. 26 vom 29. Juni 1927 derDeutsch-Evan⸗ gelischen Korrespondenz lesen wir das Folgende:

DerSächsische Volksbote, deutschnationales Nachrichtenblatt für Sachsen, brachte in Nr. 20 vom 15. Mai des Jahres einen kurzen Aufsatz:Die Konkordats⸗ frage, der offenbar beruhigend, um nicht zu sagen, ein⸗ schläfernd wirken und auf die Losung hinlenken sollte: Erst ein Reichsschulgesetz, dann erst die etwaige Erörte rung über ein Konkordat! Es hieß da am Schluß: Der Entwurf(zum Reichsschulgesetz) wird unmittel⸗ bar nach Pfingsten dem Reichstage zugeleitet werden zur verfassungsmäßigen Verabschiedung. Damit ent⸗ fällt für die katholische Kirche der wesentlichste Grund, ein Reichskonkordat zu wünschen(wie naiv!). Wir bit⸗ ten unsere Freunde, sich weder durch die Werbearbeit des Evangelischen Bundes, der an dieser Frage neuen Auftrieb sucht, noch durch die Ausstreuungen politischer Gegner beirren zu lassen. Nachdem gegen diese un begründete und an den Haaren herbeigezogene Verdäch⸗

Die Leiden dieser Zeit.

Nömer 8,18. Ich halte dafür, daß dieser Zeit Leiden der Herrlichkeit nicht wert sei, die an uns soll offenbart werden. Kennst Du die Leiden dieser Zeit? Wie mancher hat nichts vom Leid weder in der Kriegs- noch in der Inflationszeit be merkt. Dazu kam die schwere wirtschaftliche Not. Wie traurig ist es doch, wenn man in der Zeitung liest, daß ein Arbeits loser sich erschossen hat. Er war gewohnt, sein Leben in Fleiß und Arbeit zuzubringen. Nun hat er Arbeit gesucht und fand leine. Dem Menschen bekommt bekanntlich nichts schlechter als ohne Beschäftigung und Arbeit zu sein. Ich habe Gelegenheit, inen kleinen Jungen zu beobachten. Er treibt oft die gefähr lichsten und tollsten Dinge. Am artigsten ist er, wenn er mit einer kleinen Kraft irgend etwas helfen kann. Wie die Kin der artig sind, wenn sie Beschäftigung haben, so ist auch der Er wachsene unglücklich, wenn er arbeitslos ist. Wie sind diese Leute zu bedauern! Oder wer hat das Elend in den Kranken häusern gesehen? Dazu die Blöden, Schwachsinnigen, Fall⸗ süchtigen, Geisteskranken. Welch ein Elend gibt es doch in un erer armen Menschheit!

Nehmen wir nun an, wir könnten von einer Höhe aus den ganzen Jammer der Welt übersehen. Diesen Anblick vermöchte keiner von uns zu ertragen. Wer dies oder jenes an Traurigem erlebt hat, der kann ja etwas mitsprechen, wenn vom Leide die Rede ist. Der Apostel Paulus hat manches Schwere und Harte erragen müssen. Dazu hat er das alles erduldet bei der Wirk- sumkeit für eine Gottessache. Wie schwer muß das für ihn ge nesen sein! Doch wundern wir uns über seinen getrosten Mut. Er hatte eine Hoffnung, die ihn überwinden half. Hoffnung Hacht getrost. Ohne Hoffnung wird ein Leid erst zum Elend. 1 Darum wollen wir hoffen, wenn wir Schweres zu tragen

haben. Aber worauf wollen wir denn hoffen? Wir hoffen, daß wieder bessere Zeiten kommen, in denen es weniger Leid gibt, die Menschen sich glücklicher fühlen. Aber davon redet man ja in allen Zeiten. Darauf vertröstet ein Geschlecht das andere. Die Sozialdemokraten haben ihren geduldigen An hängern den Zukunftsstaat verheißen. Wenn sie erst in der Re⸗ gierung wären, dann sollte alles besser werden für die arme leidende Menschheit. Nun hatten sie die Regierung, nun hatten sie die Gelegenheit. Der Zukunftsstaat ist nur für die Führer gekommen. Die armen Wähler sind heute noch arm, arbeitslos, Proletarier wie ehedem.

Wie stehen wir evangelische Christen zu dem Leid auf dieser Erde 2 Sicher wollen wir davon lindern, was wir können. Denken wir an die ausgedehnte Wohlfahrtstätigkeit unserer evangelischen Kirche. Was hat die Anstalt Bethel an vielen Fallsüchtigen schon getan, in 54 Anstalten der evangelischen Kirche ist schon vor dem Kriege für Verkrüppelte gesorgt worden, in 500 evangelischen Erziehungsanstalten werden Kinder vor der Verwahrlosung gerettet, in 53 Diakonissenhäusern werden die Schwestern für Krankenhäuser und Gemeinden ausgebildet, in 460 Herbergen zur Heimat wird den Brüdern von der Landstraße eine wohltuende Unterkunft geboten u. a. m. Das soll und muß auch weiterhin geschehen. Ja es gibt heute noch viele andere Gebiete, um die sich echte christliche Nächstenliebe zu kümmern hat. Wir haben für alle Mühseligen und Beladenen, für alle Unrechtleidenden und Unterdrückten zu sorgen. Wir wollen von dem Berge des Elends Körnlein um Körnlein abtragen. Und wenn uns jemand fragt: warum wir diese undankbare Mühe übernehmen, dann wollen wir ihm mit dem Apostel antworten: Die Liebe Christi dringet uns also!:

Doch in einem unterscheiden sich Christen und Materialisten streng von einander. Der nicht gekommene sozialistische Zu kunftsstaat, die Versprechungen des kommunistischen Paradieses beziehen sich immer nur auf diese Welt. Mit menschlichen Mit⸗

teln wollen beide alles Elend auf Erden wenden. In dem in Hannover herausgegebenenVolkswillen stand in der Nummer vom 1. Mai 1914 zu lesen:Nichts wird euch mangeln, keine irdische Pracht gibt es, die Euer Auge nicht schaut. Fragt ihr aber, wer Euch solches bringen wird? Nun: Einzig und allein nur der sozialdemokratische Zukunftsstaat. Er ist die Erfüllung unserer kühnsten Träume! Was je Euere Herzen ersehnt, was Euer Mund erwartungsschauernd in stammelnde Worte geklei⸗ det! Dann habt Ihr das leibhaftige Evangelium des Menschen⸗ glücks auf Erden. Wir sehen, hier wird ein Glück verheißen, das auf Erden nicht möglich ist. Nur Kurzsichtige und Unkluge kann man mit solchen Verheißungen verdummen. Der Christ hat ja noch einen anderen Trost. Er weiß, daß hier auf Erden alles nur Stückwerk sein kann. wir im Jenseits. Dort gibt es auch jenen Ausgleich, den der Herr Jesus in seiner Erzählung vom reichen Manne und dem armen Lazarus uns so lebendig vor Augen führt.Gedenke, Sohn, daß du dein Gutes in deinem Leben empfangen hast, Lazarus dage⸗ gen hat Böses empfangen. Nun aber wird er getröstet, und du wirst gepeinigt. Das ist auch die große gewisse Hoffnung des Apostels Paulus.

Der Christ ist in allem Erdenleid durch diese Hoffnung ge⸗ trost. Schon hier fühlt er etwas von der Herrlichkeit, die in ihrer ganzen Fülle drüben soll an uns geoffenbart werden. Mögen die Materialisten darüber spotten, wir Christen wissen, was wir an dieser Hoffnung haben.

Ernten werden wir mit Freuden, was wir weinend ausgesät; jenseits reift die Frucht der Leiden, und des Sieges Palme weht. Unser Gott auf seinem Thron,

Er, er selbst ist unser Lohn;

Die ihm lebten, die ihm starben,

bringen jauchzend ihre Garben. Amen.

Die Vollkommenheit erwarten,

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