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Sonnabend, den 5. März 1927.

eee Warte

Nr. 10.

Reif in der Frühlingsnacht, er fiel auf die zarten Blaublüme⸗

lein; sie sind verwelket, verdorret. Wohl mag sich manche Blüte wieder erholen, wohl mag durch eine Gotteskraft von oben her selbft die innerste Lebenswurzel wieder gesunden. Aber auch im besten Fall, was dahin ist, das ist dahin, die Erstlinge der Kraft sind vergeudet, der zarte Duft des Lebens ist ab⸗ gestreift, und es gibt giftige Wunden im Geistesleben, welche zwar allmählich heilen, aber entstellende, dann und wann noch schmerzende und wieder aufbrechende Narben zurücklassen.

Die Jahre, in denen du stehst, lieber junger Freund, sind entscheidend für dein ganzes Erdenleben, ja entscheidend für die Ewigkeit. Die Erstlinge gehören Gott, sie sind heilig.Heilig ift die Jugendzeit! sagt unser schwäbischer Dichter Uhland, der Mann voll Kraft und Mark, und fährt dann weiter fort:

Edler Geist des Ernstes soll Sich in Jünglingsseelen senken, Jede still und andachts voll Ihrer heil'gen Kraft gedenken.

So laß denn ein fröhlich und wohlmeinend Geleitwort, das mit dir durch die Tage deiner Jugend gehen möchte, eine freund⸗ 25 und gute Stätte bei dir finden!

30 Mllliorden für Zigarelten im Jahre 1025 in Deulichland verraucht.

Das Statistische Amt teilt mit, daß im Jahre 1925 in Deutschland 30 Milliarden für Zigaretten verraucht worden sind. Wir haben ja während der Inflation das Rechnen mit Zahlen von mehr als sechs Nullen gelernt. Aber da seitdem schon geraume Zett verflossen ist und das Gedächtnis zumal recht oft schwach ist, so erscheint es notwendig, sich einmal wie⸗ der zu erinnern, was eine Million und eine Milliarde bedeuten. Eine Million ist eine Zahl mit sechs Nullen und ist zu schreiben 1000 000. Eine Milliarde hat tausend Millionen, ist also eine Zahl mit neun Nullen: eine Milliarde= 1000 000 000. 30 Milliarden ist eine Zahl mit zehn Nullen, also 30 000 000 000. Nimmt man nun an, daß unser deutsches Vaterland eine Ein wohnerzahl von 60 Millionen(60 000 000) hat, so ist es eigent⸗ lich ganz interessant, auszurechnen, was im Durchschnitt jeder Deutsche(Kind und Kegel mit gerechnet) im Jahre 1925 nur an Zigaretten(Tabak und Zigarren nicht einbegriffen) ver⸗ raucht hat. Man braucht nur 30 Milliarden durch 60 Millio⸗ nen zu teilen, um das gewünschte Ergebnis zu erhalten:

30 000 000 000: 60 000 000 S 500.

Jede Deutsche Person hat somit im Jahre 1925 für 500. Zi⸗ garetten verraucht. Das find z. B. für einen Ort von 200 Ein⸗ wohner 100 000, für eine Stadt wie Gießen mit 35 000 Ein⸗ wohner 17 500 000(17% Millionen) und für eine Stadt wie Mainz mit etwa 110 000 Einwohner die recht schöne Summe von 55 000 000(55 Millionen) Mark. Im Jahre 1912 sind lt. Statistik für 12 Milliarden verraucht worden. Da der Ver⸗ brauch mit jedem Jahre gestiegen ist, so rechnet das Statistische Amt auch mit einem Mehrverbrauch im Jahre 1926, sodaß die 30 Millarden des Jahres 1925 im Jahre 1926 um einen ganz erheblichen Betrag gewachsen sind. Nähere Bemerkungen hier zu zu machen, erübrigt sich. P.

Krüppolfürsorge in gessen.

In Ergänzung zu den Mitteilungen, die in der letzten Zeit über obiges Thema in der Presse erschienen sind, wird uns von ärztlicher Seite folgendes geschrieben:

Der Hessische Fürsorgeverein für Krüppel, der seit vielen Jahren durch Beratungsstellen für Krüppel und Kurbeiträge sehr viel Hilfe geleistet hat, erstrebt nunmehr die Errichtung einer Klinik. Sie ist am Sitz der Hessischen Landesuniversität in Gießen geplant, weil sie vor anderen der Aufgabe dienen soll, ein Institut zur Erforschung der Ursache und Heilmethoden der Krüppelleiden und zur Ausbildung der jungen Studieren den der Heilkunde, wie auch zur Fortbildung der jungen Aerzte auf dem Gebiet der Krüppelleiden zu werden. Ein solches In stitut ist nur im Rahmen einer Universität möglich, und die meisten deutschen Universitäten haben seit kürzerer oder länge rer Zeit eine solcheOrthopädische, d. h.Krüppelklinik, die der Hessische Staat unter den derzeitigen Umständen seiner Uni versität nicht zu geben in der Lage ist.

Die Erforschung und spezielle ärztliche Ausbildung im Dienstte der Krüppelleiden ist eine wichtige Aufgabe. Denn wo geschieht die praktische Heilbehandlung und Fürsorge der Krüppel? In jeder ärztlichen Sprechstunde, bei jeder ärztlichen Untersuchung, durchs ganze Land, in jeder Klinik und jedem Krankenhaus bis zum kleinsten Kreiskrankenhaus wird durch Feststellung, Beratung und Heilbehandlung Krüppelfürsorge ge⸗ trieben, die die ganze große Masse der leichten und mittelschwe ren Erkrankungen zum Teil ambulant versorgt und heilt. Und es ist selbstverständlich, daß die othopädischen Spezialärzte bei Beratung und Heilbehandlung die Hauptarbeit zu leisten haben, besonders in allen schwierigen Krankheitsfällen.

Daneben bleibt eine nicht zu unterschätzende Zahl von sol⸗ chen, die nur durch eine Behandlung von vielen Monaten oder ein oder gar zwei Jahren in vielen Etappen aus schwerstem Krüppeltum zu in unserer menschlichen Gesellschaftbrauch baren Gliedern heraufgeführt werden können. Diese haben zu Hause nie eine Schule regelmäßig besuchen können, sodaß ihre geistigen Gaben ungeschult verkümmern. Es muß auch da⸗ für gesorgt werden. And wenn man bedenkt, daß solch ein Menschenkind wohl nie im Leben unbefangen mit Seinesglei chen hat verkehren können, daß vielmehr stets laute, oft unge schickte und lieblose Mitleidsreden, entsetzte Gesichter, Neugier und gar bitterer Spott mit jedem Menschen an sie herantritt, so vermag man sich von dem Seelen- und Gemütszustand solch eines Menschenkindes vielleicht eine entfernte Vorstellung zu machen. Da dst der ganze Mensch verkrüppelt: Körper, Seele und Geist; und da muß dem ganzen Menschen geholfen werden. Und wo kann das geschehen? In einemKrüppelheim.

Wir haben in Hessen seit 17 Jahren ein Krüppelheim, und

vielen im Land ist es wohlbekannt. Es war ganz jung, als Kriegs- und darnach Inflationsstürme über es hinweggingen und ist darum im Wachstum, wie alles andere in diesen Jahren zurückgeblieben. In ländlicher Stille, in schönster Landschaft liegt dieses Heim der Krüppel in Nieder⸗Ramstadt. Durch die

Nähe der Landeshanpiftadt 4 Wilameles von Darmstadt sind alle Vorteile der modernen ärztlichen Wissenschaft und ärztlichen Könnens gefsichert und kommen neben der Heimpflege, der Krüppelschule, dem großen Garten in herrlicher Lust den bis dahin auf die Schattenseite des Lebens gedrängten Krüppel⸗ kindern zu gut.

Und wenn es auch noch so tlein und unvollkommen, so hat es doch viele arme, bemitleidenswerte Menschenkinder zu frohen, dankbaren Menschen gemacht.

40 Plätze für Kinder bis zur Schulentlassung stehen zur Verfügung und 80 bis 100 Kinder werden jährlich aufgenom⸗ men. Meist drängt es zur Entlassung, da neue Sorgenkinder warten auf die Aufnahme. Aber was soll dann nach Ent⸗ lassung aus ihnen werden? Sie brauchen Liebe und Geduld und geschickte Lehrmeister, um ihre notdürftig brauchbar ge⸗ machten Glieder zu tüchtiger Arbeit zu üben. Dazu soll in Nieder-Ramstadt ein Lehrlingsheim für Krüppel errichtet wer⸗ den. Schon ist der Bauplatz hergerichtet, die Erdarbeiten ge tan, Material wird angefahren; und schon stehen Menschen be⸗ reit, diese Arbeit in dienender Hingabe zu tun. Und bis der Sommer ins Land geht, wird die schon jetzt stattliche Zahl der Aufnahmebegehrenden ihren Einzug halten. Es können aber nur Krüppellehrlinge männlichen Geschlechts vorerst dort auf⸗ genommen werden. Für die dann kommende Zeit bleiben wei⸗ tere Aufgaben. Auch die schulentlassenen Mädchen müssen eine Berufsausbildungsstätte haben. Und die ganz fürsorge⸗ und pflegebedürftigen Krüppel jeden Alters brauchen auch ihr Heim.

Man ist froh, den ersten Schritt voran zu tun in der prak tischen Krüppelarbeit.

Und so gewiß unter den Gaben der Sammlungen und der Lotterie für die Gießener Krüppelklinik der Dank, der aus der Krüppelheimarbeit in Nieder-Ramstadt erwachsen ist, einen großen Anteil hat, so sind wir gewiß, daß dieser Dank auch offene Herzen und Hände schaffen wird, wenn für die Krüppel⸗ heimarbeit des Hessischen Landesvereins für Innere Mission in Nieder-Ramstadt eine Bitte durchs Land gehen wird.

Dr. Georgi. » ññ ᷑᷑ ͤůbt

Der Hessische Verband für Ev. Kleinkinderpflege trat dieser Tage zum ersten Male mit einer Verbandstagung in Worms an die breitere Oeffentlichkeit. Der Verband umfaßt gegenwärtig 137 Anstalten mit 9500 Kindern und etwa 200 Pflegekräften. Herr Oberkirchenrat Zentgraf, Pfarrer D. Walter, Oberbürgermeister Rahn begrüßten den Verband. Der Vor⸗ sitzende, Pfarrer Mangold, erstattete den Jahresbericht. Der Direktor des evangelischen Reichsverbandes für Kinderpflege, Pastor von Wicht⸗Berlin, stellte in eingehendem Referat die auf Grund des in Kraft getretenen Reichsjugendwohlfahrtsgesetzes

vom m Juli 1922 sich ergebenden neuen Aufgaben und Forderungen an die Vorstände der Kleinkinderschulen eingehend dar.

Neue Büther.

A. Bertsch, Wie wird man ein Glückstind? zur Sonntagsheiligung. Quellverlag Stuttgart. Umschlag, Preis 10 Pfg.

Ein echt volkstümlich geschriebenes Büchlein über den Sonn⸗ tag. Man merkt es dem Verfasser an, welche Freude er am Sonntag und wieviel Segen er schon von diesem Tag empfangen hat. Es sollte in keinem Hause fehlen, weiß es doch Luft und Liebe zu den schönen Gottesdiensten und Festen des Herrn zu wecken. Wer die Predigt und Gottes Wort nicht verachtet und mit der Gemeinde anbetet und preist, dem breitet sich verklären⸗ der himmlischer Schein über den ganzen Tag des Herrn und wird dieser auch zu einem rechten Ruhe- und Segenstag.Hat man den Sonntag die Krone des Tages genannt, so ist der Gottes- dienst die Perle in dieser Krone. Das Büchlein ist auch als eine geschickte Verteidigung des Sonntags gegenüber allen Sabbatianern anzusprechen. Endlich enthält es eine Menge trefflicher Geschichtchen, die vorzüglich das illustrieren, was det Verfasser sagt und wertvolles Material beim Unterricht über das dritte Gebot darstellen. K. Nofl.

Ein Beitrag 16 Seiten in

*

Dekan Schrenk, Kirche und Evangelisation. einer Tagung von Arbeitern der Inneren Mission. Stuttgart. 24 Seiten in Umschlag, Preis 25 RPfg.

Als ich dieses Büchlein gelesen, ist mir nicht nur ein neues Licht über die Frage der Evangelisation aufgegangen, sondern auch der Wunsch brennend geworden, mehr als bisher die Hülfe der Evangelisation zum Besten meiner Gemeinde zu benutzen. Wer noch irgendwelche Abneigung jener gegenüber hegen sollte, lese das Büchlein des Sohnes von dem bekannten großen Evan⸗ gelisten Elias Schrenk. Jeder Pfarrer muß es gelesen haben. Verfasser weist zunächst nach, daß die Kirche der Evangelisation bedarf, die kirchliche Arbeit des Pfarrers eine Ergänzung nötig habe; dann beantwortet er die Fragen, was die Kirche vom Evangelisten und dieser von jener erwarten dürfe. Das Er⸗ gebnis ist: Kirchliche und evangelisatorische Arbeit gehören zu⸗ sammen zum Aufbau unserer Landeskirchen, neben Luther muß uns immer auch Wichern verehrungswürdig erscheinen. Die Innere Mission müsse die Zentrale werden, der sich die von Gott gegebenen Kräfte zur Verfügung stellen sollten, sie solle in stän⸗ diger Fühlung mit den Kirchenleitungen bleiben, damit die Ar⸗ beiter zum Segen der Gemeinden verwendet würden.

K. Nofl.

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