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Evangelische Warte
drgan der Evangelischen Volksgemeinschaft
Hauptschriftleiter: Edwin Hamburger in Staden(Oberhessen). Verantwortlich für Politik und Wirtschaft: Edwin Hamburger, für den Unterhaltungsteil: W. Greb in Weisenau bei Mainz.
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Erscheint Samstags.— Bezugspreis 50 Pfennig monatlich. Abonnements⸗ und Anzeigen ⸗Annahmestelle, Druck und Verlag: Gießen, Südanlage 21.
furt a. M.
Sonnabend, den 5. Februnr 1927.
Anzeigenpreise: die 30mm breite Kleinzeile auswärts 24 Pfg., am Ort 12 Pfg., die 90 mm breite Kleinzeile im Text 96 Pfg., Platzvorschriften ohne Verbindlichkeit. Bei Wiederholungen Vergünstigung.
Nummer 6.
Dr. Samuel Jäger 7 6
Von Bethel kommt die traurige Kunde, daß der geistige Führer der christlich-sozialen Be— wegung D. S. Jaeger, am 14. Januar, mittags gegen 12 Uhr, im Alter von 62 Jahren durch einen
sanften Tod heimgerufen wurde.
Wir trauern um diesen gründlichen, hochbegabten, sozialfühlenden Gottesgelehrten, welcher als Direktor der theologischen Schule, als Vertrauter weiter Kreise aus dem Volk und als Missions⸗ mann im Dienste des Reiches Gottes so viel geleistet hat.
Als geistiger Führer der christlich-sozialen Gesinnungsgemeinschaften, mit welchen unsere Evangelische Volksgemeinschaft durch eine im März 1926 abgeschlossene Arbeitsgemeinschaft ver— bunden ist, hat er im Glauben an den Sieg der Sache Gottes auch im öffentlichen Leben für Gottes
Ehre und Reich Großes gewirkt.
Sein Gedächtnis bleibt unter uns im Segen.
Die Krije im Jungdeutschen Orden.
Von Christian Deutschmann.
Wenn das Wort von der Frau— daß diejenige die beste sei, von der man am wenigsten spricht— auch von Organisationen gilt, dann schneidet der Jungdo (wie man den Jungdeutschen Orden kurz, wenn auch nicht schön, zu bezeichnen pflegt) gegenwärtig nicht eben günstig ab. Vor einigen Tagen kam aus einer mittel- deutschen Stadt die Meldung von einer großen Schlä— gerei, die dort bei einem Vortrag des Hochmeisters des Ordens, Mahraun, zwischen seinen Anhängern und Gegnern stattgefunden hat. Kurz davor erließ die bis⸗ lang dem Jungdo angehörende Ortsgruppe Elberfeld eine Kundgebung, welche die neuerdings von der Or⸗ densleitung betriebene, eine Annäherung an Frankreich erstrebende Außenpolitik des Ordens(um derentwillen Viktor v. Körber als sein Delegierter einen„Patrouil⸗ lenritt“ nach Paris unternommen hat) entschieden ab⸗ lehnte und zur Rückbesinnung auf die ursprünglichen Ordensziele mahnte. Aufsehenerregend war auch jene Hamburger Rede Mahrauns, in der er seiner Genug⸗ tuung darüber Ausdruck gab, vom Grafen v. d. Goltz, dem Vorsitzenden der vereinigten vaterländischen Ver⸗
bände, wegen seines Wohlwollens für die republikani⸗
sche Organisation des„Reichsbanners“ in den Bann
getan zu sein und in der er Goltz zu dem absterbenden
Alten rechnete, welches das aufstrebende Junge nicht mehr verstehe. Und endlich ist die Aufmerksamkeit wei⸗ tester Kreise auf den Jungdo gerichtet worden durch die Reichstagsverhandlungen, in denen der Wehrminister Geßler eine Denkschrift, die Mahraun ihm eingereicht hatte und derzufolge„reaktionäre“ Generale(besonders wurde General Watter genannt) deutsche Jugend wäh⸗ tend der Nuhrbesetzung durch aussichtslose Angriffs⸗ pläne in die französischen Maschinengewehre hätten hineintreiben wollen, kritisch beleuchtete und ziemlich deutlich als unberufene Einmischung in seinen Pflich⸗ tenkreis ablehnte.
Herzensreinheil.
Markus 7, 15. Es ist nichts außerhalb des Menschen, das ihn könnte gemein machen, so es in ihm geht; sondern was von ihm ausgeht, das ist's, was den Menschen gemein macht.
Es wird in unserer Zeit so viel über die Gemeinheit von Menschen geklagt. Es befleißigen sich viele gar nicht mehr eines wohlanständigen Betragens ihren Mitmenschen gegenüber. Da muß auch einmal an dieser Stelle die Frage gestellt werden, was denn einen Menschen zu einem anständigen oder zu einem gemeinen Menschen macht.
Natürlich muß man sich da zunächst klar darüber sein, was anständig ist. Wir als Christen legen unsere Sittlichkeit zu Grunde, welche uns die Nächstenliebe als heilige Pflicht gegen⸗ über unserem Mitmenschen in einem tätigen Leben zu verwirk⸗ lichen heißt. Alles, was den Nächsten schädigt, ihn erzürnt, ihn verbittert oder kränkt, ihn Unrechtes oder auch Unanständiges zu tun verleitet, ist lieblos, und deshalb ein Verstoß gegen die christliche Sittlichkeit. Die Frage ist nur die: Wie erhalte ich mich in stetem sittlichen Wandel?
Die Juden meinten, man könne das durch das Halten von bestimmten Gesetzen. Manche Speisen waren immer verboten. Andere mieden sie zu bestimmten Zeiten, den Fasttagen. Wer mehr solcher Fasttage hielt, als die Vorschrift lautete, der tat noch etwas ganz besonderes für seine Reinheit. Aber Jesus wirft ja den frommen Pharisäern vor, daß sie in all ihrer Fröm⸗ migteit den Gräbern gleichen, welche äußerlich zwar schönes Aus⸗ ehen haben, aber innen sind sie„voller Totengebeine und allen Unflats.“ Die Speisen, welche wir essen, können uns doch sitt⸗ lich nicht beflecken. Die Enthaltsamleit von Speisen macht uns doch nicht zu guten Menschen.
Wir stehen allen diesen Dingen zu fern, um uns ein unfehlbares Urteil darüber anzumaßen. Aber das eine ist uns ganz unbezweifelbar: die angeführten Tat⸗ sachen und noch manche andere dazu sind Symptome der schweren Krise, die der Jungdo zurzeit durchmacht. Und das ist die Frage, die uns beschäftigt: wird die Krise sich zum Leben oder zum Tode wenden
Diese Frage würde uns weniger berühren, wenn uns der Jungdo mehr oder minder gleichgültig wäre. Aber es ist in und an dem Orden doch manches, um dessentwillen er unsern Herzen nahe steht. Als Ver⸗ treter der Evangelischen Volksgemeinschaft freuten wir uns, zu sehen, wie der Orden in seinem Bereich mit einer aus christlichem Geiste geborenen und in christ⸗ lichem Geist gepflegten Gemeinschaftsidee Ernst zu machen bestrebt war. Und es störte uns nicht weiter, daß dieses große reine Streben verbrämt war mit man⸗ cherlei symbolischen Formen, die vielleicht schwärme— rische(das Wort hier im guten Sinne gebraucht) Ju⸗ gend anzuziehen besonders geeignet sind. Auch die nicht sehr wohlgelungenen sprachschöpferischen Versuche des Ordenshochmeister(„volksnational“,„vertreuen“ u. a. m.) nahmen wir um deswillen als Nebensächlichkeiten mit in den Kauf und ließen es uns selbst gefallen, daß uns das Italien Mussolinis als Geburtsstätte der er⸗ habenen Lehre von dem„neuen Wert“(il nuove va⸗ lore) hingestellt wurde, wiewohl jeder von uns diese ö „neue“ Lehre, die nicht im Rang und Stand, sondern in der Gesinnung den Wert des Menschen begründet sieht, als schon sehr, sehr alt— nämlich schon von Je⸗ sus Christus verkündigt— erkannte. Dennoch, ob neu oder alt— der Jungdo hat sich redliche Mühe gegeben, in seinem Kreise aus der Lehre Praxis, aus dem Wort Tat werden zu lassen, und das soll ihm auch, wenn er damit— nicht anders als die christliche Kirche— nicht ganz und bis ins Tiefste durchgedrungen ist, hoch an⸗ Auch in der römischen Kirche treffen wir ja die Vorschrift bestimmter Fastengesetze. Am Freitag ißt man da kein Fleisch mit Ausnahme des Fischfleisches. In der Passionszeit sind immer gewisse Speisen verboten. Was uns Evangelischen nicht gefal⸗ len kann, ist die gesetzliche Vorschrift, die da herrscht. Mein Ne⸗ ligionslehrer hat uns Eymnasiaften immer das Fasten als frei⸗ willige Handlung empfohlen. Auch kenne ich einen Nervenarzt, der dies tut. Aber eines darf nicht fehlen, die Freiwilligkeit. Alsdann mag diese Ueberwindung der leiblichen Bedürfnisse eine feine Erziehung sein des Leibes durch den Willen. Der Mensch tut dann nicht, was sein irdisches Bedürfnis fordert, sondern zwingt sich zu tun, was sein Wille haben will. Es handelt sich also um eine Stärkung der eigenen Willenskraft. Hat der Wille durchgehalten, dann ist der Mensch froh und fühlt sich gestärkt in seiner Geisteskraft. Er lernt seinen Leib zu bändigen unter seinen Willen.
Aber auch hierbei müssen wir uns ernstlich fragen, ob dies einen Menschen vor der Gemeinheit bewahrt. Wie ist es denn wenn der Wille gar nicht auf das Liebe und Gute gerichtet ist? Dann wird der Mensch eben umso energischer das Schlimme tun. Auch diese Willensübung führt uns noch lange nicht zum Ziele. Wir müssen es ganz aufgeben, durch äußerliche Mittel die Menschheit von der Gemeinheit zurückzuhalten.„Es ist nichts außerhalb des Menschen, das ihn könnte gemein machen, so es in ihn geht.“
Ja, wir Evangelische können es auch gar nicht begreifen, daß Menschen auf den Gedanken gekommen sind, durch die Be— obachtung von Speisegesetzen sich sittlich rein zu machen. Diese Speisegesetze können ja zur Gewohnheit werden, sodaß sie Men⸗ schen nicht mehr äußerlich zu einer Ueberwindung veranlassen, und noch viel weniger ihn innerlich anstrengen. Dann werden sie eben mit bestimmter Regelmäßigkeit abgemacht. Rein oder
gerechnet werden und gedankt sein. Dem christlichen Beobachter tat es auch wohl, zu sehen, wie— im Gegen⸗ satz zu zahlreichen„vaterländischen“ Vereinen und Ver⸗ bänden— die Vexranstaltungen der Jungdo-Bruder⸗ schaften und Gefolgschaften die Ordensbrüder am Sonntag stets ins Gotteshaus(und nicht drum herum!) und in den Gottesdienst führten. Er spürte: hier war eine Jugend, die bewußt beides, christlich und deutsch, sein wollte, der das Wort„Bruder“ als Ausdruck eng⸗ ster Verbundenheit der Ordensangehörigen über alle trennenden Unterschiede des Besitzes, der Schulbildung, des Standes und der„Klasse“ hinweg galt und die ehrlich und treu rang um die ewigen Kränze der Wahr⸗ heit, der Reinheit, der Rechtbeschaffenheit, kurz: der Tugend im christdeutschen Sinn! Deshalb auch stan⸗ den so viele Geistliche beider Bekenntnisse in der Reihe des Ordens, deshalb auch hielten so viele, die ihm nicht formell angehörten, ihr Auge in Freundschaft und warmem Interesse auf den Jungdo und seine stille, wackere Arbeit gerichtet.
Und deshalb ist es für diese alle um so größere Enttäuschung, den Orden heute„von der Parteien Gunst und Haß verwirrt“ mitten drin im Gewoge der öffentlichen Meinung und im Lärm der Straße zu fin⸗ den. Suchen wir nach einer Erklärung, wodurch es dahin gekommen ist, so scheint uns die Wurzel des Uebels in dem Heraustreten des Ordens aus seinem nächsten und wichtigsten, seinem eigentlichen Aufgaben⸗ kreis zu liegen. Dieser Aufgabenkreis— die Erzie⸗ hung des Ordensbruders zum Christ- und Deutschbe⸗ wußtsein, zum sittlichen Adel, zu den ritterlichen Tu⸗ genden der Mannhaftigkeit und Wehrhaftigkeit(soweit diese heute gepflegt werden kann), der Mannentreue und des freien Gehorsams, zur körperlichen und geisti⸗ gen Schulung, zu aufrichtiger Brudergesinnung und ihrer praktischen Betätigung u. a. m.— ist so groß und umfassend, daß ein Menschenalter nicht ausreichen würde, ihn auch nur einigermaßen auszuschöpfen. Und es gehört viel Fleiß und Geduld, viel Fähigkeit, Miß⸗ erfolge zu ertragen, viel Selbstlosigkeit, viel eigene Tiefe und Kraft zu solch schwerer Arbeit, die mit Hoff- nung auf Frucht nur in der Stille getan werden kann. Ob diese Arbeit den Führern des Jungdo zu schwer, ob den Ordensbrüdern diese Stille zu abwechflungs⸗ arm war, daß man lieber aus ihr heraus aufs Forum und in die Arena ging? Wir wissen es nicht. Aber wir wissen, daß die Jungdo-Veranstaltungen weithin nicht mehr das sind, was sie einstens waren. Es mag ja das Schicksal jeder auf Ideale gerichteten Bewegung sein, daß die erste Liebe erkaltet, daß das erste Feuer verglimmt, daß das Geistige zur Erdenschwere herab⸗ gezogen wird. Aber schmerzlich ist es doch, wie das „Treudeutsch allewege“ allmählich etwas Stereotypes angenommen hat, wie der Aufmarsch der Ordensbanner bei großen Tagungen aus Bekenntnis und Gelöbnis zur „Parade“ geworden ist, wie das Schlagwort(„Hugen⸗ bergpresse“ u. ä.) junge Menschen des eigenen Denkens und Urteils zu entwöhnen droht, wie die Abende der 82r Jungdo⸗Gruppen hie und da ganz im Sinne der Brauerei-Aktionäre verlaufen.
unrein kann der Mensch nur werden durch die Aeußerungen des innersten Herzens. Weß aber das Herz voll ist, geht der Mund über. Aus den Worten kann man so viel herauslesen, ob Rein⸗ heit oder Gemeinheit in dem Menschen wohnt. Was im Herzen sitzt, das offenbart der Mund. Darum muß das Herz rein und sauber gehalten werden. Das ist die Lösung der ganzen Sache. Aber weil dies so schwer für viele ist, wollen fie die Heiligkeit mit äußeren Dingen erreichen. Da mag jemand den Sonntag streng von Arbeit frei halten, mag auch in den Gottesdienst gehen, was hilft ihm das, wenn er am Werktag kein reines Herz bewahrt und seine Arbeit nicht einen Gottesdienst sein läßt? Es ist leicht, bei Sammlungen für einen guten, frommen Zweck eine große Gabe zu geben, aber wichtiger ist, jeden Tag das Geld verwalten wie ein nur anvertrautes Gut als Haushalter Gottes. Wenn Jesus die Pharisäer Heuchler nannte, wollte er gewiß nicht sagen, daß sie es mit ihrer Buchstabenfrömmigkeit nicht ernst gemeint hätten. Jesus gibt ja selbst in seiner ge⸗ waltigen Rede Matthäus 23 Beispiele dafür, wie genau sie darin waren. Aber alles, was diese Pharisäer taten, diente trotz ihrer Genauigkeit nicht dazu, ihr Herz rein zu machen. Nur der äußere Mensch war bei ihnen fromm. Jesus kommt es je⸗ doch darauf an, daß der innere Mensch rein und fromm ist. Die Gedanken müssen edel und die Gesinnung muß heilig sein. Dann erst ist ein Mensch nach Jesu Wünschen.
Fragen wir demnach noch einmal, wie ich mich frei von Ge⸗ meinheit erhalte, dann dürfen wir jetzt antworten: Dadurch, daß ich mein Herz rein halte von allem Unsauberen und Ge— meinen! Wer die Herzensxeinheit hat, der kann äußerlich gar nicht als Nohling auftreten. Es ist dies auch nicht ein Vorzug bestimmter Klassen, sondern gerade in schlichten Kreisen trifft man oft prachtvolle Menschen mit edlen, reinen Herzen.
Schaffe in mir, Gott, ein reines Herz, und gib mir einen neuen gewissen Geist. Amen. Hr.


