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Sonnabend, den 4. Juni 1927.

Evangelische Warte

Nr. 23.

Verschiedenes. Die Lösung der Konkordatsfrage.

Es ist erreicht! Die Lösung der peinlichen Konkor datsfrage ist restlos geglück. Einem preußischen Ab geordneten ist es gelungen, den Stein der Weisen zu entdecken, der von allen Konkordatsschmerzen befreit. Im preußischen Landtage, zur Konkordatsfrage sich äußernd, erklärte er nach derTäglichen Rundschau vom 20. Mai 1927:Man solle, um den Kampf zu ent giften, statt Konkordat sagenVereinbarung zwischen Staat und Kirche, weil es sich doch um ein völkerrecht liches Abkommen handele. Wunderbar! Völlig verblüfft steht man vor der einfach genialen Größe die ses Auswegs. In der Tat, aus diesem Punkte lassen sich nicht nur Konkodatsnöte heilen. Man sage einfach statt Diebstahl: Eigentumswechsel, statt Plagiat: Ge dankenübertragung, statt Urkundenfälschung: Schreib fehler, statt Mord: Atemhemmung, man nenne hinfort Fahnenflucht: Selbstbeurlaubung, Feigheit vor dem Feind: heilige Pflicht der Selbsterhaltung, infame Lüge: freie Spiel der Phantasie und die Atmo sphäre ist entgiftet, alle diese häßlichen Dinge, das Konkordat mit eingeschlossen, sind wie weggeblasen; Ben Akiba aber krümmt sich ein getretener Wurm restlos erledigt unter den Sohlen staatsmännischer Klugheit von heute.

Römisch⸗katholischer Druck in der Prima.

Im Maiheft 1927 derSchule kommt ein Fall Sprache, der eindringlich klar macht, daß tatsäch lich wieder einmal ein Zeitalter der Gegenreformation angebrochen ist. Es heißt da:Eine neuerliche Er fahrung, die mich stark bewegte, möchte ich nicht ver schweigen. Ich sprach einen evangelischen Primaner aus einer mehr katholischen Gegend. Er hatte bis vor kurzem ein katholisches Gymnasium besucht und erzählte mir, daß er trotz der großen Schwierigkeit des Umler nens, und obgleich er nach Anlage und Neigung mehr humanistisch gerichtet sei, zu einem simultanen Real gymnasium habe übergehen müssen.Ja, warum denn? fragte ich ihn.Ich konnte keinen Freund mehr dort haben, seit ein neuer Religionslehrer gekom men war und gesagt hatte, katholische Schüler gingen am besten nur mit katholischen Schülern um. Seitdem wurden wir zwei Evangelischen in der Klasse von allen anderen gemieden, und wir waren allein. Das hielt ich nicht aus. Jetzt sind wir evangelische, katholische, jüdische Schüler zusammen und sind gut Freund mit einander ohne Ansehen des Bekenntnisses, wenn wir uns auch manchmal ein wenig hänseln.

Da fragt man sich denn doch: ja, sind die Evange lischen nicht auch Menschen?

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Von den religiösen Sozialisten.

Der religiöse Sozialismus, anfangs unscheinbar und nicht ernst genommen, hat sich doch im Laufe weni ger Jahre zu einem recht beachtenswerten Faktor im kirchlichen Leben Deutschlands entwickelt. Er hat auch innerhalb der sozialistischen Partei an Einfluß gewon nen, obwohl er von den Freidenkern heftig bekämpft wurde und noch immer bekämpft wird. Bestand er bislang aus vielen Gruppen und Kreisen, so ist auf dem Kongreß im August 1926 in Meersburg eine Zusam⸗ menfassung geschaffen worden in demBund der reli⸗ giösen Sozialisten Deutschlands. Sein Organ ist das Sonntagsblatt des arbeitenden Volkes. Er zählt gegenwärtig 11 Landesverbände: Anhalt, Baden, Bay⸗ ern, Hessen, Preußen, Pfalz, Sachsen, Thüringen, Rhein land, Westfalen, Württemberg. In verschiedenen Län dern ist er in die Kirchenwahlen eingetreten und hat in kurzem Anlauf beträchtliche Erfolge erzielt. In Ba den hat er 28 000 Stimmen auf sich vereinigt, in Thü ringen 20 000, in Anhalt fast 10 000. Demnächst wird auch die Pfalz in Angriff genommen werden. Die Er folge sind mehrfach durch das Eintreten der sozialdemo kratischen Partei für die religiösen Sozialisten hervor gerufen. Auf dem letzten Lehrgang, den dieEvan gelisch⸗soziale Schule im Johannisstift in Spandau für Pastoren veranstaltete, hat sie auch die religiösen Sozialisten zum Wort kommen lassen, und zwar den Pfarrer Dr. Fuchs aus Eisenach und den Pfarrer w

Eckart aus Meersburg, jetzt nach Mannheim berufen,

der auch die Geschäftsstelle des Bundes der religiösen Sozialisten leitet. Man mag sich zum religiösen So zialismus stellen wie man will, man darf nicht mehr gleichgültig an ihm vorübergehen.

Das Jugendschutzgesetz.

Im Reichstag gelangte das Gesetz über den Schutz der Jugend bei Lustbarkeiten in allen drei Lesungen im wesentlichen entsprechend den Beschlüssen des Ausschus ses zur Annahme. Das Gesetz gibt die Möglichkeit, für bestimmte öffentliche oder nichtöffentliche Lustbar keiten, Schaustellungen und Darbietungen durch be sondere Anordnung den Besuch oder die Beschäftigung von Minderjährigen unter 18 Jahren zu verbieten oder einzuschränken oder von besonderen Auflagen ab hängig zu machen, wenn eine Schädigung ihrer sitt lichen, geistigen oder gesundheitlichen Entwicklung zu befürchten ist. Ausdrücklich wird festgelegt, daß wegen einer politischen, sozialen, religiösen, ethischen oder Weltanschauunstendenz als solcher Maßnahmen im Sinne des Gesetzes nicht getroffen werden dürfen. Die für den Erlaß der Anordnung zuständige Behörde, so wie das Verfahren wird durch die oberste Landesbe hörde bestimmt; dem Jugendamt, in dessen Bezirk die Veranstaltung stattfindet, steht eine Mitwirkung bei dem Verfahren zu.

Aus unserer Bewegung. Erste Bauernversammlung der Evangelischen Volksgemeinschaft in Kurhessen.

Schwabendorf, Kreis Kirchhain, 24. Mai. Dank der von unserem Freund Weber-Höchst a. M. in seiner Heimat Schwabendorf geleisteten Vorarbeit konnte am letzten Sonntag im Saale des GasthausesZur schönen Aussicht die erste Ver sammlung der Evangelischen Volksgemeinschaft gehalten wer den. Nach der Begrüßung der zahlreich erschienenen Bauern und Bäuerinnen durch Herrn Weber-Höchst nahm Pfarrer Weidner das Wort, um in klaren Ausführungen, denen alle Anwesenden spannend lauschten, die kulturellen und wirtschaft lichen Gründe darzulegen, die den politischen Zusammenschluß aller bewußt evangelischen Volksgenossen in Stadt und Land in der Evangelischen Volksgemeinschaft zum Gebot der Stunde machen. Insbesondere beschäftigte sich der Redner mit bäuer lichen Fragen: Die wirtschaftliche Not des deutschen Bauern standes ist noch lange nicht behoben. Neben dem steuerlichen Druck treten so niedrige Preise für die Erzeugnisse des kleinen und mittleren Bauernstandes, daß der Bauer mit Besorgnis der Zukunft entgegensehen muß. Der Bauer hat eingesehen, daß der Reichslandbund seine wirtschaftlichen Belange nicht vertritt, darum verläßt er vielfach jetzt diese Organisation und sucht Anschluß bei der neugegründetenDeutschen Bauernschaft

Die große Mehrzahl der Bauern wird sich aber wenig stens soweit sie evangelisch ist der Evangelischen Volksge meinschaft anschließen, einmal, um der in deutschen Landen sehr gefährdeten evangelischen Sache wieder zum Sieg zu verhel fen, und zum anderen deswegen, weil der Bauer immer mehr zu der richtigen Erkenntnis kommt, daß nur ein Zusammenschluß des gesamten schaffenden Volkes in der Evangelischen Volts gemeinschaft ihn aus seinen wirtschaftlichen Nöten retten kann. Daß Pfarrer Weidner auch hier den Bauern aus dem Herzen gesprochen hatte, bewies der starke Beifall, den seine überzeu genden Ausführungen fanden. Sogleich erklärten sich folgende Herren bereit, in ihren Gemeinden Ortsgruppen der Evange lischen Volksgemeinschaft zu gründen: 1. Landwirt Konrad Aillaud-Schwabendorf, Kr. Kirchhain, 2. Landwirt Johan nes Balser-Bracht, Kr. Marburg, 3. Landwirt H. Claar⸗ Albshaufen, Kr. Kirchhain, 4. Landwirt Heinrich Schild- Schwarzenborn, Kr. Marburg. Mit dieser erfolgreichen Ver sammlung haben wir nun auch Boden gewonnen im Norden von Hessen-Nassau.

Frankfurt a. M. Die hiesige Ortsgruppe der Evangelischen Volksgemeinschaft hielt am 18. Mai ihre Monatsversammlung ab. Dieselbe war auffallend gut besucht, so daß der kleine Saal imStorchen vollständig besetzt war. Der Vorsitzende, Herr Dr. Moegenburg, gab einen Ueberblick über die letzten politi schen Ereignisse und verbreitete sich danach über die Weiterent wicklung der Evangelischen Volksgemeinschaft. Herr Stadtver ordneter Kümper berichtete über die wichtigsten Vorkommnisse in dem Stadtparlament. Die Vorträge wurden mit großem Beifall aufgenommen. Zahlreiche Gäste meldeten sich als Mit glieder. die nächste Versammlung findet am 15. Juni wieder imStorchen statt.

am 19. Juni 1927.

EAlazug Zur Wardhurg

Eppstein Höchst am Main Eisenach

Näheres im redaktionellen Teil dieser Nummer.

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25. Mai. Am letzten Sonntag wurde hier nach einer Versammlung im GasthausZum offenen Helm durch

meinschaft gegründet. Ausführlicher Bericht folgt.

Frankfurt a. M.⸗West. Am 22. Mai ds. Is. hielt in den Räumlichkeiten der Markusgemeinde Herr Pfarrer Fresenius einen Vortrag überPolitik und Kirche. Der Kernpunkt der Rede, die von hohem Idealismus getragen war, und einen star⸗ ken Eindruck auf die andächtig lauschende Gemeinde machte. war der, daß die Kirche sich wohl über Politik bekümmern müsse, aber keine Parteipolitik betreiben dürfe. Daran anschließend ergriff Herr Dr. Moegenburg das Wort und wies in längerer Rede darauf hin, daß die evangelische Sache in großer Gefahr schwebe und daß bedauerlicher Weise keine der bestehenden Par⸗ teien sich um die evangelischen Belange bekümmere. Deshalb sei der politische Zusammenschluß aller Evangelischen notwendig. Sodann verbreitete sich unser Redner über die Ziele der Evan gelischen Volksgemeinschaft. Die Anwesenden nahmen auch die sen Vortrag mit großem Beifall auf. Wie nachträglich bekannt geworden ist, hat der Vorrtag des Herrn Dr. Moegenburg einen derart nachhaltigen Eindruck gemacht, daß weitere Vorträge von der Evangelischen Volksgemeinschaft gewünscht werden. Deshalb soll demnächst in Frankfurt-West(Bockenheim( wieder mal eine öffentliche Versammlung stattfinden.

Horchheim b. Worms. Am 19. v. Mts., abends 49 Uhr, fand im Klingerschen Saale dahier auf Einladung des Herrn Pfarrer Horst die 1. Versammlung der Evangelischen Volks⸗ gemeinschaft statt. Durch Vermittlung der Ortsgruppe Worms war für diesen Abend Herr Pfarrer Veller von Bretzenheim gewonnen, der über Zweck und Ziel und insbesondere über die Notwendigkeit unserer evangelischen Partei sprach. Seine kla ren Ausführungen fanden überall großen Beifall, was auch die anschließende rege Aussprache bewies. Verschiedene Anfragen, die von den Anwesenden gestellt wurden, wurden durch Herrn Pfarrer Veller, sowie auch durch Herrn Pfarrer Horst und Herrn Götz von Worms beantwortet. Letzterer forderte zum Schlusse nocheinmal die Anwesenden auf, ihr Interesse dadurch zu bekunden, daß sie ihren Beitritt zur Evangelischen Volks gemeinschaft erklären, was auch durch etwa 25 Personen ge schah und besteht nunmehr auch in Horchheim eine Ortsgruppe, die hoffentlich regen Anteil an unserer Sache nimmt und wei ter wirkt, damit unsere Partei zu dem wird, was sie eigentlich in unserem evangelischen deutschen Vaterlande sein müßte. Diese Versammlung war erfreulicherweise sehr gut besucht, etwa 100 Personen mögen sich davon überzeugt haben, wie unbedingt nötig eine evangelische Partei ist.

Mainz⸗Kostheim. Am 14. und 15. Mai fand dahier das Posaunenfest des Evangelisch-Rheinhessischen Posaunenbundes statt, an dem sich 14 Chöre mit ca. 250 Bläsern beteiligte. Der Begrüßungsabend am 14. verlief in anregender Weise. Zum Vortrag gelangten Massen- und Einzelchöre, erstere vom Bun desdirigenten, Herrn Lipke-Mainz vortrefflich geleitet. Im Hinblick darauf, daß die Bläser keine Berufsmusiker sind, muß gesagt werden, daß Treffliches geleistet wurde. In der Frühe des Sonntags von Uhr ab spielten die einzelnen Chöre unsere prächtigen evangelischen Choräle an verschiedenen Plät⸗ zen unseres Stadtteiles. Im Festgottesdienst, welcher durch drei Massenchöre verschönert wurde, hielt Herr Oberkirchenrat Zentgraf-Mainz eine äußerst eindrucksvolle Predigt. An den Gottesdienst schloß sich eineTotengedenkfeier auf dem Friedhof an, an der sämtliche Bläser in Massenchören mitwirk ten. Gedächtnisansprache hielt der Ortsgeistliche, Herr Pfarrer Nahrgang. Um 2 Uhr nachmittags bewegte sich durch die auch von katholischer Seite festlich geschmückten Stra zen ein Festzug, an dem die Gemeindevertretung, die evange lische Jugend und sämtliche Bläser teilnahmen. In bekränzten Autos fuhren der Bundesvorstand, sowie die anwesenden Geist⸗ lichen mit dem Superintendenten der Provinz. Die um 4 Uhr in derHarmonie stattfindende Nachfeier brachte insbesondere Vorträge der einzelnen Chöre, sowie eine eindrucksvolle An⸗ sprache des Herrn Oberkirchenrats Zentgraf. Die ganze Feier verlief in befriedigender Weise und wurde von Herrn Bundespräsidenten Helbig in gewohnter Weise geleitet. Wir hoffen, daß die Posaunenchöre zur Stärkung und Einigung unserer evangelischen Gemeinde gedient haben.

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