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Sonnabend, den 3. September 1927.
einiges aus dieser Gemeinde erzählen, was Sie bedenk—
lich machen würde und Sie der„wohl“ organisierten Gemeinde näher bringen könnte, aber wir wollen es doch jeder Gemeinde überlassen, für das Wohl und Wehe ihrer Mitchristen etwas zu tun oder zu lassen. Die veröffentlichten Zeilen waren nur ein aus der Praxis herausgegriffener Fall. Also bitte nicht„Organisation“, sondern„Wohl“organisation“! G.
Mijchehenelend.
Uns geht aus Bayern folgender Brief zu, der aufs deutlichste zeigt, welche Leiden aus einer Mischehe ent— stehen können. Er lautet:
„In der Jugend nimmt man vieles allzu leicht; denn es fehlt an der nötigen Erfahrung. Die Schule des Lebens lehrt uns jedoch vieles, was wir zu spät be⸗ greifen. Ich hätte nie geglaubt, bei meinen sonst so strengen evangelischen Grundsätzen eine Mischehe zu schließen. Doch es kam anders. Mein Mann ließ nicht ab, bis ich mein Jawort gab. Die Existenzfrage schien eine gute zu sein. Bei der Verlobung wurde evange— lische Trauung und Kindererziehung vereinbart und durch notariellen Vertrag beurkundet. Ich dachte damit allen lästigen Streitigkeiten in dieser Hinsicht ent⸗ gangen zu sein. Es kam jedoch anders. Schon im ersten Jahre gab es Anrempelungen, hinter alle möglichen Gründe versteckt. Allmählich merkte ich, wo die Sache hinauslief. Und als gar das erste Kind zu erwarten war, gab man sich gar keine Mühe mehr, die Ursache der schlechten Laune zu verbergen. Mit Hangen und Bangen sah ich dem kommenden Ereignis entgegen. Als das Kind geboren war, kam das allerschwerste. Ich wurde mit Grobheiten, Drohungen usw. gezwungen, einen anderen Vertrag einzugehen. Man machte nicht viel Umstände, ließ den Notar ans Bett kommen und diktierte mir, zu unterschreiben. Alles Jammern und Klagen half nichts. Was konnte ich hilfloses Geschöpf anders machen. Von da an tat sich eine tiefe Kluft zwischen uns auf, die nie mehr überbrückt werden konnte. Die Achtung war verloren. Das Sprichwort „Ein Mann, ein Wort“ hat hier gänzlich versagt. Ich sollte hinfort in einer mir ganz fremden Religion Kin— der erziehen, und zwar gegen meine Ueberzeugung. Mein Mann, ein ebenso strenger Katholik, konnte sich nicht in diese Verhältnisse fügen. Mit Stirnrunzeln sah er mir nach, wenn ich zur Kirche ging, und kam ich nach Hause, so war er schlechtester Laune. Da er noch kränklich war, und schwer zu behandeln, war mir ein schweres Los beschieden. Ex wurde frühzeitig pen⸗ sioniert und so stellten sich noch obendrein Nahrungs⸗ sorgen ein. Ich mußte immer gute Miene zum bösen Spiel machen und oft meine ganze Willenskraft zusam⸗ mennehmen. Die Verhältnisse wären ja sonst immer unhaltbarer geworden. Solange wir in einer evange— lischen Stadt wohnten, ging es noch an. Aber als wir in eine ganz katholische Gegend kamen, wurden die Ver⸗ hältnisse geradezu unerträglich für mich. Stundenweit,
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„Evangelische Warte“
nicht einmal im eigenen Hause einen Glaubensgenossen. Die Kirche war unter den größten Mühen und An⸗ strengungen zu erreichen. Ich selbst leidend und meist nur auf Hausandachten angewiesen. Man dachte natürlich im Stillen, nun sei die Zeit günstig, Be⸗ kehrungsversuche zu machen. Aber dieses Mal gab es kein Nachgeben mehr. Als man das allmählich zu be⸗ greifen schien, ging das Drangsalieren und Schikanie⸗ ren erst recht los. Man hoffte, nochmals mit Gewalt dieses Ziel zu erreichen. Der allerdringendste Unter⸗ halt wird mir vorenthalten, und wenn nicht das Gesetz einen Riegel vorschieben würde, stände mir ein hartes Alter bevor. Mißhandlungen fehlten nicht. Das Maß meiner Leiden ist nun voll und mein Weg in Zukunft vielleicht noch einsamer als bisher, jedoch wohl fried⸗ licher. Die Ehescheidung ist eingeleitet. Die Leidtra⸗ genden sind immer die Kinder. Sie wissen nicht, wo sie sich hinhalten sollen. Sie gehen mit dem Vater zur Kirche, der stets betont, daß er es besser mit ihnen meine, als die Mutter. Eine solche Frau steht ein— sam und verlassen abseits, fremd, trotz Familie mit tiefem Weh im Herzen. Nicht viel besser als eine Stief⸗ mutter. Eine gemeinsame Erziehung der Kinder gibt es hier nicht. Man gibt ihnen noch recht, wenn sie be⸗ sonders flegelhaft sich benehmen. Die Frau bekommt Vorwürfe wegen mangelhafter Erziehung. Der Mann denkt jedoch gar nicht daran, in diesem Falle selbst der schuldige Teil zu sein. Laxe Menschen gehen vielleicht leichter über oben Gesagtes hinweg, aber streng Den— kende nie. Prüfe sich deshalb der Mensch, denn„Der Wahn ist kurz, die Reu ist lang.“
Verschiedenes.
Die Deutschnationalen und das Konkordat.
Die Deutsch-Evangelische Korrespondenz schreibt in Nr. 34 vom 24. August 1927:
Wie wir von sehr zuverlässiger Seite hören, wurde in der Sitzung eines Landesverbandes der Deutschnatio⸗ nalen Volkspartei unlängst zur Konkordatsfrage eine Entschließung gefaßt, in der die Parteileitung dringend gebeten wird, fortlaufend die Wählerkreise über die Konkordatsfrage aufzuklären und zu diesem Zwecke be⸗ sondere Redner auszubilden, die einheitliche und authen⸗ tische Mitteilungen machen können. Im ganzen Lande sei hinsichtlich des Konkordatsbeschlusses ebensoviel Un⸗ kenntnis wie Aufregung verbreitet. So sehr die in die— ser Aufregung hervortretende Lebensenergie der evan⸗
gelischen Kreise zu begrüßen sei, so gefährlich sei ihre
Ausnutzung gegen die Partei. Das sei um so leichter, je unzulänglicher die bisherigen Parteierklärungen ge⸗ funden würden, und je unsicherer die deutschnationalen Redner aufträten, die sich teilweise sogar widersprächen. Es seien in der Sache folgende Gesichtspunkte zu beach⸗ ten:„Das Wort Konkordat ist bei der Masse der Be⸗ völkerung in so üblem Ruf, daß es bei etwaigem Ver⸗ tragsabschluß unbedingt vermieden werden sollte. Eben⸗
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so ist dringend zu wünschen, daß ein etwaiger Vertrag nicht mit dem Papste, sondern mit den deutschen Bi⸗ schöfen abgeschlossen wird. Außerordentlich schwer trag⸗ bar für die Partei würde ferner die Annahme eines Vertrages mit der Klausel ne varietur sein. Untrag⸗ bar wäre ein Verzicht auf Kündbarkeit. Ein Vertrag, der zwischen der jetzigen preußischen Koalition, also auch der Sozialdemokratie, und der römischen Kurie geschlos— sen werden sollte, wird die Zustimmung der Deutsch⸗ nationalen nicht finden dürfen.“ *
Die„innere Mission“ des Sozialismus.
Planmäßig baut der Sozialismus seine streng an den Parteizielen und der materialistisch- sozialistischen Weltanschauung orientierte Wohlfahrtsarbeit aus.
Noch im Frühjahr 1925 zählte man z. B. in Ham⸗ burg 16 sozialistische amtlich tätige Fürsorgerinnen; Ende 1925 waren es bereits 40, heute sind es 65 und man kann(laut„Arbeiterwohlfahrt“ 1927, 16) von „einem festgefügten, gut funktionierenden Gruppen⸗ leben sprechen.“ Regelmäßig wiederkehrende Zusam⸗ menkünfte und Arbeitsgemeinschaften sorgen für Fort⸗ bildung und Zusammenhalt.
Aus unserer Bewegung.
Mainz. Die sehr gut besuchte Monatsversammlung der Ortsgruppe Mainz am 12. August stand unter dem Vorsitz des Herrn Pfarrer Veller. Zunächst begrüßte er mit herzlichen Worten die Damen und Herren, um dann in sehr fesselnder Weise die Anwesenden auf politischem, religiösem und lokalem Gebiete zu unterhalten. Die Rede, welche oft mit Humor ge⸗ würzt war, zündete und entflammte die Herzen. Der beliebte Redner forderte dringend alle Freunde der E. V. auf, unermüd⸗ lich die Werbung in Bekannten- und Freundeskreisen energisch zu betreiben. Jubelnder Beifall wurde dem Herrn Pfarrer Veller für die anregenden, vorzüglichen Ausführungen gezollt. Ueber mehrere Eintritte neuer Mitglieder konnte die Ortsgruppe quittieren. Die Bewegung marschiert lebhaft, hoffentlich werden wir in Bälde den großen Saal des ev. Vereinshauses benutzen müssen und können. Aus diesem Grunde rufe ich allen Freunden der E. V. zu: Bei der Werbung„alle Mann an Bord“, wir werden dann nicht umsonst gerufen haben.
Butzbach, 31. August. Im Saale des„Hessischen Hofes“ sprachen am letzten Sonntag Abend vor einer sehr aufmerksamen Zuhörerschaft Bürgermeister Völker und Pfarrer Weidner über unsere Bewegung. Beide Redner ernteten starken Beifall für ihre vortrefflichen Ausführungen. In der Aussprache gab Herr Essinger⸗Butzbach seiner Freude darüber Ausdruck, daß endlich eine Partei geschaffen sei, die schon lange von sehr vielen Evan 0 gelischen als das Gebot der Stunde erkannt werde. Die Grün dung einer Ortsgruppe der E. V. erfolgt auch hier.
Nürnberg, 1. September. Die hiesige Ortsgruppe der E. V. veranstaltet hier die nächste Versammlung am Freitag, den 9. bir 1 September. Es sprechen Pfarrer Veller⸗Mainz und Reichsge⸗ mit il schäftsführer Weidner. Felig
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