Organ der Evangelischen Volksgemeinschaft
„Des Menschen Sohn ist nicht gekommen, daß er sich dienen lasse, sondern daß er diene und gebe sein Leben zu einer Erlösung für viele.“ Matthäus 20, 28.
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Hauptschriftleiter: Edwin Hamburger in Staden(Oberhessen). Verantwortlich für Politik und Wirtschaft: Edwin Hamburger, für den Unterhaltungsteil: W. Greb in Weisenau bei Mainz. Für Rücksendung ungewünschter Manuskripte wird nicht garantiert.
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3 Jahrgang.
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10 0 Ein Segen ruht im schweren Werke,
mn Dir wächst, wie du's vollbringst, die Stärke; nit d Bescheiden zweifelnd fängst du's an
Jdder And stehst am Ziel, ein ganzer Mann. verde(Geibel.)
Das Geibel'sche Wort paßt wahrlich zu unserer Bewegung. Bescheiden anfangend, werden die Erfolge immer größer. Zeigte schon die Nürnberger Versammlung mit aller Deutlichkeit, daß die Evangelische Volksgemeinschaft als politischer Sammelfaktor aller Evangelischen auf dem richtigen Wege ist, so sollte es die Versammlung in Mainz mit überwältigender Deutlichkeit kund tun.
5 An allen Plakatsäulen in Mainz waren schon tagelang große Anschläge zu lesen, in denen die Protestanten von Mainz zu einer öffentlichen Versammlung in den Festsaal der Höheren
00 Töchterschule eingeladen wurden. Die Evangelische Volksge— e meinschaft lud ein.
11 9 a Man muß in Mainz allen politischen Versammlungen sehr pee steptisch gegenüber stehen, denn selten gelingt es, in einem Saal erich mehr als 200300 Leute zusammenzubringen. Darüber haben nia alle Parteien zu klagen, deren Wahlversammlungen stets in der 19 0 N wichtigen Wahlzeit sehr mäßig besucht werden. Trotzdem wagte 0 90 es die Evangelische Volksgemeinschaft, zu einem politisch ruhi— 0 1 gen Zeitpunkt, sogar an einem sonst für Versammlungen so ver⸗ 10 0 pönten Montag, zu einer großen Werbeversammlung zusammen— 1 w zurufen.
Der 21. März kam heran. Schon lange vor 8 Uhr strömte
17 es zu dem Versammlungslokale herbei. Als der Vorsitzende der 1 Mainzer Ortsgruppe kurz nach 8 Uhr eröffnete, war der Saal 10 voll besetzt, und immer kamen noch neue Zuhörer. e 0 geb Ueber 600 Personen
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um, hatten sich eingefunden. Herr Studienrat Pröscher- Mainz
5 Clünzender Verlauf
der großen öffentlichen Versammlung der Evangelischen Volksgemeinschaft
in Mainz.
Soziale Aufgaben in der Stadt.
Auf Grund seiner umfangreichen Erfahrungen auf dem Ge— biete der evangelischen Fürsorge und der Fürsorgemaßnahmen in der Stadt Frankfurt legte er die sozialen Aufgaben dar, die von der Evangelischen Volksgemeinschaft in der Stadt zu lösen sind. Seine tiefgründigen Ausführungen wurden wiederholt durch Zustimmung und Beifall unterbrochen. Gerade er, der aus dem einfachen Stande kommt, der mitten unter der Arbeiter— schaft steht, weiß die Leiden und Nöte der Arbeiterschaft zu schildern, aber er weiß auch auf Mittel und Wege hinzuzeigen, wie man sie abstellen kann. Reicher Beifall lohnte seine Aus⸗ führungen.
Dann ergriff der Reichsgeschäftsführer, Pfarrer Weidner, das Wort zu seinem Vortrage
Warum brauchen wir eine evangelische Partei?
In einem einstündigen Vortrage zeigte er alle die Gründe, welche die Evangelischen zwingen, sich endlich einmal politisch zusammenzuschließen. Ganz besonders beleuchtete er die Fälle, die in Hessen den Zusammenschluß dringend erheischen. Wie immer, war seine Rede temperamentvoll, humorvoll, von Geist sprühend. Und aus der Versammlung heraus wehte der be⸗ geisterte Odem zurück. Dauernd wurden die Worte des Refe⸗ renten durch Bravo und Beifall unterbrochen. Als er zum Schluß in einigen Sätzen, die den Höhepunkt bedeuteten, auf⸗ forderte, die Evangelische Volksgemeinschaft als den politischen Sammelpunkt der Evangelischen zu unterstützen, wollte der Bei⸗ fall des überfüllten Saales kein Ende nehmen.
In der darauffolgenden Diskussion meldete sich zunächst ein Kommunist, der Stadtverordneter in Mainz ist, zu Wort und wollte der Evangelischen Volksgemeinschaft den Vorwurf machen, sie sei vom Kapital groß gezogen und sie hätte sich nur aus Neid den anderen Parteien gegenüber gebildet. Die Versammlung wollte empört den Redner nicht weiter sprechen lassen, doch bat der Hauptreferent in eigenstem Interesse die Zuhörer, die Ruhe zu bewahren. Es zeigte sich, daß evangelischer Geist auch Disziplin wahren kann!
Ein zweiter Diskussionsredner, ein Deutsch-Völkischer, be— grüßte die Gründung der Evangelischen Volksgemeinschaft, der er aber nicht angehöre, die man aber unterstützen müsse. Er wies auf die große Schuld der evangelischen Geistlichkeit hin, die durch ihre Lauheit und Gleichgültigkeit den evangelischen
licht“ begrüßte in seiner Eröffnung zunächst die beiden Hauptreferenten g geg des Abends, Herrn Reichsgeschäftsführer Pfarrer Weidner und ben Herrn Stadtverordneten Kümper⸗Fankfurt, dabei seiner Freude diu darüber Ausdruck gebend, daß die Mainzer Evangelischen dem jens“ an sie ergangenen Rufe so zahlreich gefolgt seien. Auch Herr inunge 1 Pfarrer Veller-Bretzenheim richtete kernige Begrüßungsworte chu. an die Versammlung, in denen er darauf hinwies, daß der Ge⸗ n e danke der Evangelischen Volksgemeinschaft in den Vororten une schon festen Fuß gefaßt habe und daß es gälte, auch in Mainz delle] die Bewegung auf einen breiteren Boden zu stellen.
Bebi Das erste Hauptreferat hielt Herr Stadtverordneter Kü m- n gee“] per über
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1 Verrat!
Matthäus 27, 4. Ich habe übel getan, daß ich unschuldiges Blut verraten habe.
0 Im großen Welttrieg haben wir Deutsche eine alte Wahr⸗ heit erfahren. Es ist die Wahrheit, daß der offene Feind nicht so gefährlich ist, als der Verräter. Solange wir den Feinden gegenüberstanden, war eine ganze Welt von Feinde gegen uns. Es war nichts leichtes für unser Voll. Aber unsere Heere haben trotzdem gegen diese Welt von Feinden stand gehalten. Wenn man einem Arlauber seine Befürchtung aussprach, daß die Feinde doch noch in das Land kommen könnten, dann haben sie stolz geantwortet:„Herein kommt keiner!“ Nein, diese haben auch die Feinde nie in unser Land herein gelassen. Sie sind elt herein gekommen, als der Verrat am Werke war. Dieser Verrat hat unserem Rhein- und Saarland die Leiden gebracht.
Der Verräter ist ein überall mit Verachtung betrachteter Mensch. Ja, wenn man nur das Wort in den Mund nimmt, dann kann man es nur mit innerer Empörung tun. Denn in diesem Worte liegt Treubruch und Gemeinheit. Wenn der mittelalterliche Dichter, der in den Jahren 822 bis 840 den Heiland dichtete, die Tat des Judas seinen Lesern ins rechte Licht rücken will, so kann er es nicht besser, als damit, daß er in diesem Jünger den Verräter zeigt. Solch ein Verräter ist schlimmer als ein Mörder. Ein Mörder kann aus Leidenschaft, Zorn oder Wut handeln. Das kann man verstehen. Ein Mör⸗ Vat. der zeigt sich seinem Opfer auch feindlich. Ein Verräter arbeitet mit List und Berechnung und ist immer freundlich. Es ist keine
größere Falschheit auszudenken, als den Verrat.
Die schlimmsten Verräter aber sind die, die andere um 30 Siber verraten. Das sind die allererbärmlichsten Kreatu— ren, die für Geld verkaufen, was ihnen lieb und teuer sein sollte. Wir wollen unsere Augen senken, liebe Leser. Wir wollen uns schämen für die Gemeinheiten unserer Volksgenos⸗ sen, die auch für Geld das Schicksal ihres Volkes verkauft haben.
Ihr Vorgänger ist dieser Judas Ischarioth, dem man in Ruß⸗ land ein Denkmal gesetzt hat. Dort verherrlicht man den Ver⸗ rat. In Deutschland gilt er als das gemeinste Verbrechen.
Dieser Judas hat seinen Heiland verraten. War er nicht ein beglückter Mensch, der eine Zeit erlebte, worum, ihn die Jahrtausende beneiden? Er war doch ein Zeitgenosse des Hei— landes. Er sah ihn, lebte mit ihm, durfte aus seinem heiligen Munde ewige Worte hören. Er durfte dabei sein, wenn Jesus einen Blinden sehend machte. Er konnte zuhören, als Jesus die unvergleichliche Bergpredigt hielt. Auch ihm vertrat Jesus Mutterstelle, als er seine Jünger beten lehrte. Uns er⸗ scheint dem allen gegenüber seine Treulosigkeit ein unfaßbares Rätsel. Was hat diesen Jünger zu einem so satanischen Men⸗ schen gemacht?
Wir dürfen es uns nicht so leicht machen, daß wir einfach sagen, es habe in Gottes Heilsplan gelegen, daß ein Jünger zum Verräter werde. Nein, das wollen wir unter keinen Am⸗ ständen sagen. Gott ist nicht der Grund der Sünde. Gott macht keinen Verräter. Gott ist so groß, um andere Wege in seinem Heilsplan zu gehen. Gewiß kann der große Gott auch eine sündige Tat seinem Heilsplan dienstbar machen. Aber er ist nicht die Quelle solcher Frevel. Diese sind teuflisch. Also fragen wir uns, was diesen Jünger auf solch einen Teufelsweg gebracht hat? Wir können nicht glauben, daß Judas früher schon ein schlimmer Mensch gewesen ist. Jesus, der seine Jünger alle durchschauen konnte, hätte einen Bösewicht sicher nicht zu seinen Auserwählten berufen. Auch schwingt sich Judas noch zu einem Bekenntnis seiner Tat auf, wenn er sagt:„Ich habe übel ge— tan, daß ich unschuldig Blut verraten habe.“ Allerdings fehlt ihm ja die Kraft zur Umkehr und zur Buße, die uns Petrus nach seiner Verleugnung aufweist. Was hat ihn also zum Ver⸗ brecher gemacht?
Wir wollen es uns bei Beantwortung dieser Frage auch nicht in dem Sinne leicht machen, daß wir sagen, es war die bloße Gier nach Geld, die ihn getrieben hat. Als er die Ver— ruchtheit seiner Tat erkannt hat, nimmt er ja die dreißig Sil—
Saungbend den. Wr 1.
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Geist vernachlässige. Zustimmung.
Es war für den Hauptreferenten, Herrn Pfarrer Weid⸗ ner, eine Kleinigkeit, die Worte des Kommunisten zu ent⸗ kräften. Er forderte ihn auf, wenn er über Leute oder eine Zewegung sprechen wolle, sich erst einmal zu orientieren, was von der Versammlung lebhaft unterstützt wurde. Und nun kam ein erhebender Schluß!
Nach den letzten, noch einmal zusammenfassenden Worten des Reichsgeschäftsführers erhob sich die große Versammlung wie ein Mann und sang
Hierbei erhielt er aus der Versammlung
zwei Verse unseres alten Lutherliedes „Ein feste Burg ist unser Gott“!
Fürwahr, einen schöneren und besseren Abschluß dieser er⸗ hebenden Kundgebung für unsere Evangelische Volksgemeinschaft konnte es nicht geben. In die Ortsgruppe Mainz erfolgten so⸗ fort eine große Anzahl von Neueintritten. Auch eine Teller— sammlung am Schlusse zeigte ein Ergebnis, das beweist, daß in Mainz der gute evangelische Geist noch schlummert! nur geweckt und aufgerüttelt werden.
Die glanzvolle Kundgebung ist aber auch ein Beweis dafür. daß die Evangelische Volksgemeinschaft auf dem richtigen Wege ist. Darum sei auch für die Zukunft die Losung:
Zum Licht empor mit klarem Blick,
Ein Vorwärts stets, nie ein Zurück,
Ein frohes Hoffen, kühnes Streben
Und schnelles Handeln auch daneben—
Dann hat das Dasein Zweck und Ziel,
Wer Großes will, erreicht auch viel! G.
Vom Pesen des Staates.
Von Edwin Hamburger-⸗Staden.
Mit den folgenden Zeilen will ich mich besonders an solche wenden, welche sich neu mit Politik beschäf⸗
tigen. Wer politisch tätig sein will, der muß einen klaren Begriff vom Wesen des Staates haben. Wie kann man denn von den notwendigen Bedürfnissen
eines Staatsganzen reden, wenn man nicht dieses große Gebilde, das man Staat nennt, überschaut. Häufig liest und hört man auch Verwechslungen zwischen dem, was man Staat nennt und dem, was Volk zu nennen ist. Wie wenige sind sich ganz klar bewußt, daß dies scharfe Unterschiede sind. 0 Es ist nötig, den Staat einmal vom Standpunkte der Biologie aus zu betrachten. Da möchte ich unsere Freunde zu ihrem eigenen Studium oder auch zur Lek— türe bei Vereinszusammenkünfte aufmerksam machen auf eine als Sonderheft der Zeitschrift„Deutsche Rund⸗ schau“ im Verlag von Gebrüder Paetel in Berlin im Jahre 1920 von dem Biologen Professor Dr. h. c. Jakob von Uexküll verfaßte Arbeit.„Staatsbiologie“ ist
berlinge, die ihm in der Hand brennen, und wirft sie in den Tempel. Unsere deutschen Verräter waren ja noch stolz über ihren Verrat. Denen brannte nicht das Geld in der Faust. Wohl mag bei Judas diese Habsucht eine Rolle gespielt haben, aber es waren wohl noch mehr Beweggründe in ihm vorhan⸗ den. Denken wir an den Streit der Jünger auf dem Wege nach Jerusalem, wie jeder auf den ersten Ministerplatz steigen wollte. Dann hat wohl auch eine große Enttäuschung auf die⸗ sen Jünger eingewirkt. Als treuer Jude hoffte er auf die Wie— dererrichtung des Königsstuhles in Jerusalem. In seinem Ehr— geiz erwartete er eine Ehrenstellung zu erhalten. Jesus aber machte keine Anstalten dazu, ein weltliches Königreich aufzu⸗ richten. Wozu war er diesem Manne solange nachgefolgt? War es nicht vergeblich? Hat ihn Jesus, der von sich sagte, daß er der Messias sei., nicht getäuscht? Also will er ihm heimzahlen. Auch wird erzählt, daß Judas es gewesen sei, der in Bethanien über die Salbung Jesu unzufrieden war. Damals hat ihm Jesus offen widersprochen. Hatte er damit seine Eitelkeit ver— letzt? Wir sehen, viele Gründe können wir finden, die Judas zum Verrat veranlaßt haben mögen. Es wirkt dann so manch⸗ mal alles zusammen im Menschen und bringen ihn auf einen schlimmen Weg.
Damit ist jedoch der Verrat nicht entschuldigt. Er bleibt immer, was er ist, eine gemeine, grausame und schreckliche Tat. Ihr Lehrer, vergeßt es nie, bei der Geschichte vom Verrat des Judas darauf hinzuweisen, wie verrucht ein Verrat ist. Ge— wöhnt es euren Kindern ab, daß sie einander verraten, wenn sie nicht bei einer Untersuchung gefragt sind und die Wahrheit sagen müssen. Verrat ist eine furchtbare Sache. Judas ist zur Verzweiflung gekommen. Die Erde brannte ihm schließlich unter den Füßen. In die reine Sonne wagte er nicht mehr zu blicken. Er meinte, alle Menschen müßten auf ihn schauen und sagen:„Da geht ja der Verräter!“ Fort mußte er aus dem Leben, das er nicht mehr ertrug. Er endete mit Selbstmord. Eine ernste Mahnung für alle Geschlechter: Sei getreu bis in den Tod! Amen. Hr.
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