Evangelische
Organ der Evangelischen Volksgemeinschaft
Erscheint zunächst wöchentlich am Samstag. N Bezugspreis: 50 Pfg. monatlich frei ins Haus. Für Rücksendung ungewünschter Manuskripte wird nicht garantiert.
0 Schriftleitung: Edwin Hamburger in Staden(Oberh.)
SLonnabend,
Abonnements⸗ u. Anzeigen⸗Annahmestelle, Druck und Verlag: Gießen, Südanlage 21. Fernsprecher 1362 und 1145. Postscheckkonto 8437 Frankfurt a. M.
Volksgemeinschaft.
3. Oktober 1926 bei der Reichstagung
D
un
Sie bleibt trotzdem die katholische Partei und denkt gar nicht daran, die konfessionellen Gegen— sätze zu überbrücken. Gegensätze überbrücken wollen überhaupt immer nur die Evangelischen, nie die Katho⸗ Die Jesuiten haben sich zum Ziel gesetzt, ganz Deutschlend katholisch zu machen. Der Ultramontane
1s 50 5
e
1. 9%—
en 10 di 84 1 2
5 e ziele der Evangelischen Nod; 55*
55 Vortrag von Dr. jur. Moegenburg, gehalten am
„ dn der Evangelischen Volksgemeinschaft in Frankfurt a. M. wan 1 Unser Volt ist in allen seinen Gebieten durchorga- eintreten. uu lisiert. Diese Durchorganisierung gibt nur noch den
010 tinzelnen 5 Gruppen ihr Recht. Der Einzelne ist
ale infolge dieser Durchorganisation rechtlos geworden.
ir U Gleichzeitig ist in allen Parteien der Geldsack maß- liken. nere gebend geworden, welcher allein regiert. So konnte es
ei bommen, daß heute 90 Prozent des deutschen Volkes zu
U Sklaven des Geldsacks geworden sind. Beim Reichstag usben in Berlin werden Kuhhändel gemacht unter den ein— rech zelnen Parteien. Man merkt nichts davon, daß dort ar das Volksinteresse vertreten wird. Nur das Partei⸗ tere“ istteresse wird von allen Pareitvertretern verfolgt. So en g hat man demnach nichts aus der Revolution gelernt! dadurch geht aber die Seele des Volkes zu Grunde. Das Volk, welches dies merkt, kann kein Vertrauen mehr uu den Parteien haben. Auch die Arbeiter haben heute Dai, lein uneingeschränktes Vertrauen mehr zu der Sozial⸗ 900 demokratie und sind mit den Führern dieser Partei recht * unzufrieden. Ua Nur die römischen Katholiken sind zufrieden mit den ihrer Zentrumspartei. Dagegen stehen die Evangeli— ou, then führerlos da, seit dem die evangelischen Fürsten ge⸗ khn, kürzt wurden. Die Deutschnationalen machen den An⸗ E bruch, für die Evangelischen gesorgt zu haben. Jedoch
güur haben sie mit den Stimmen der Katholiken in ihrer e Sil Partei rechnen müssen. Nur eine große Idee kann die n An kranke Seele unseres Volkes retten. Deshalb haben wir
A, die Idee des evangelischen Christentums in das öffent⸗ — sche Leben des deutschen Volkes hineingestellt. Das Bolk muß befreit werden von dem Mammonismus und dem Schiebertum. In der Evangelischen Volksgemein⸗ chaft soll es nicht das Geld, sondern der gesunde Ver— land des deutschen Volkes machen.
Der schärfste Gegner, mit dem wir zu rechnen haben, ist der Ultramontanismus. Was verstehen wir da⸗ unter? Ultramontanismus ist ein System, das unter Verquickung von Religion und Politik ein politische⸗ Ziel mit religiösen Mitteln und ein religiöses Ziel mit
politischen Mitteln erstrebt. Es ist ein System, das mit Religion nichts zu tun hat, aber politisch, kulturell und sozial schädlich ist. Der Katholik sieht alles nur in der Religion. Das Papsttum aber hat sich gewandelt aus einem religiösen in ein weltlich⸗christliches Papsttum. der Ultramontanismus beginnt in der Zeit Gre⸗ gors VII. Einstmals behauptete das Zentrum, es sei die Partei zur Wahrung der katholischen Interessen. heute sagt es jedoch, es sei eine bürgerliche Partei und habe mit der Kirche nichts zu tun. Jeder kann bei ihr
Die Minderheit. Lukas 12,32. Fürchte dich nicht, du kleine Herde, denn es ist eures Vaters Wohlgefallen, euch das Reich 0 0 zu geben! 0 Als ich einmal mit ein paar Freunden eine Vereinsarbeit legann, wollte das Werk zunächst nicht gleich einen großen An⸗ fung finden. Die Frau eines Freundes, welche auch in einer bereinsversammlung mitgegangen war, drückte mir nachher ihren feiingen Glauben an die Sache aus, welche wir vertreten woll⸗ ben. Auf meine Frage, warum ihr denn unser Beginnen so benig gefiel, antwortete sie, daß ihr die Beteiligung der Ge⸗ heindeglieder zu gering sei. Nach ihrer Auffassung müßten alle Scharen kommen. Meine Ansicht war dagegen: Wir wollen lein und gründlich anfangen und groß aufhören.
In den Jahren nach der Revolution suchte ich nach einer getätigung in solchen Vereinen, welche unserem elenden Volke wieder auf die Beine helfen wollten. Da komme ich zufällig i einem befreundeten Lehrer(ich grüße ihn, wenn er diese Zei⸗
En liest), der ganz begeistert war von einer solchen Bewegung. „Da mußt Du auch mitmachen“, so rief er mir zu. Diese Be⸗
negung ging nun darauf hinaus, in kurzer Zeit eine Unmenge Mitglieder zu bekommen. In ein paar Wochen waren in allen
.
drten der Umgebung Ortsgruppen gegründet. Da legte auf sigend eine Veranlassung der Gründer dieser Bewegung den Vor⸗ g nieder und der ganze Verein mit seinen Ortsgruppen war mie weggeblasen. Solche Erlebnisse geben einem zu denken in einer Zeit, in elcher so viel Nadchruck auf die Mehrheiten gelegt wird. Sind denn wirklich die Mehrheiten so ausschlaggebend? Jesus sendet 1 Apostel in die weite, weite Welt hinein. Wie wenig waren se gegen die Zahl dey Juden und die noch viel größere Anzahl er Heiden! Dennoch sendet sie der Herr. Vielleicht haben diese
10
glaubt etwas Gutes zu tun, wenn er etwas für den Papstkönig tut. Er glaubt etwas Gutes zu tun, wenn er einen Evangelischen auf dem Scheiterhaufen ver⸗ brennt. Wir stehen mitten in einer Gegenreformation. Da fragen wir uns:„Sollen wir ins finstere Mittel⸗ alter zurückkehren?“ Dr. Martin Luther hat schon den Ultramontanismus erkannt. In den letzten Jahren sind 800 neue Klöster in Deutschland gegründet worden. 80 000 Ordensleute arbeiten in Deutschland. Redner erinnerte an die Geschichte von Ecuador, die zeigt, wie man durch Erklärung des Katholizismus als Staats- religion und durch Anstellung nur katholischer Beamten ein Land unter die Herrschaft Roms bringt. In Deutschland kann dies ebenso kommen.
Bei den Deutschnationalen sind von 100 Abgeord⸗ neten 10 katholisch. Diese 10 Abgeordneten an der Spitze der Deutschnationalen sind ultramontan. Da⸗ durch ist die deutschnationale Partei erledigt. Sie kann nicht den ultramontanen Wünschen Widerstand leisten. Auf der linken Seite sehen wir ähnliches. Die Windt⸗ horstbünde verherrlichen die Revolution und den Kom⸗ munismus. Auf diese Weise sucht man Einfluß in den linken Parteien zu gewinnen. Auch diese sollen mund⸗ tot gemacht werden. Wenn dann die Rechte und die Linke schweigt, dann kann man mit Leichtigkeit den Katholizismus zur Staatsreligion machen. Man kann den Protestanten niederknüppeln lassen. Dann werden die ultramontanen Ziele erfüllt werden. Glauben wir nicht daran, daß es da im katholischen Lager Wider⸗ stände gibt! Der Katholik kennt ja gar nicht den Unter⸗ schied zwischen Ultramontanismus und Kirche. Aus alledem geht hervor, welchen Gefahren wir Evangeli— schen entgegengehen.
Wir von der Evangelischen Volksgemeinschaft haben noch rechtzeitig diese großen Gefahren erkannt. Daß wir da sind, das ist schon heilsam. Das läßt heute den Ultramontanismus schon vorsichtiger sein. Wir haben die Pflicht, dafür zu sorgen, daß die Staatsgewalt des Papstes aufhört. In deutschem Lande darf nur deutsche Staatsgewalt herrschen.
Männer doch erstaunte Gesichter gemacht, als der Herr ihnen sagte:„Gehet hin in alle Welt und machet zu Jüngern alle Völker!“ Er sah ihre ängstlichen Gesichter und ermuntert sie: „Fürchte dich nicht, du kleine Herde, denn es ist eures Vaters Wohlgefallen, euch das Reich zu geben!“
Das Reformationsfest wollen wir nächsten Sonntag feiern. Wie ist doch eigentlich die Reformation gekommen? War es nicht der Mönch in Wittenberg, der mit seinen Hammerschlägen die ganze Reformation ins Rollen brachte? Ein paar Freunde standen ihm zur Seite. Wie wenig waren sie gegenüber den vielen Römischen! Ein paar Fürsten traten nach und nach auf seine Seite. Wie wenig waren sie gegenüber den römischen Fürstlichkeiten. Und doch ist aus diesem Wenigen die heute so weitverbreitete evangelische Kirche geworden. Was hat das mächtige Rom seine Last, gegen diesen Protestantismus anzu⸗ kämpfen. Nach der Revolution sprach man davon, in 10 Jahren ganz Deutschland wieder befreit zu haben von dieser„ketzerischen Pest“. Heute denkt kein Priester mehr daran. Aus kleinen An⸗ fängen ist da etwas Dauerhaftes geworden.
Wie oft gibt uns die Geschichte Beispiele davon, daß kleine Völker mit wenig Soldaten sich erfolgreich haben erwehren kön⸗ nen der sie bekämpfenden mächtigen Feinden. Es hat sich ja als unwahr herausgestellt, daß die Zahl der Regimenter den Sieg entscheidet. Wie wehren sich die paar Drusen gegen die franzö⸗ sische Uebermacht.
Demnach ist es falsch, wenn jemand bei einer Sache sagt: „Ihr habt unrecht, weil ihr nur so wenig seid!“ Ganz im Gegen— teil. Alle großen Bewegungen, die eine große Zukunft hatten, sind ja immer nur aus kleinen Anfängen hervorgegangen. Damit müssen sich die Mehrheiten, welche heute allein gelten wollen, nun einmal vertraut machen.
Was ist es aber nun, das den Minderheiten die Kraft gibt,
1926.
Anzeigenpreise: die 30mm breite Kleinzeile auswärts 24 Pfg., am Ort 12 Pfg., die 90 mm breite Kleinzeile im Text 96 Pfg., Platzvorschriften ohne Verbindlichkeit. Bei Wiederholungen
2
5
ummer 43.
Reichs dagung ber Evangelischen Bollsgemeinschaft
zu Frankfurt g. M. vom 2.—4. Oktober 1926.
Vom 2.—4. Oktober ds. Is. fand in Frankfurt a. M. im Restaurant„Zum Storchen“ die zweite Reichstagung der Evangelischen Volksgemeinschaft statt. Die erste Sitzung wurde am 2. Oktober, nachmittags, durch Herrn Pfarrer Weidner⸗-⸗Ober⸗Lais eröffnet, der nach kur⸗ zer Begrüßungsansprache dem Schriftleiter der„Evan⸗ gelischen Warte“, Herrn Pfarrer Ham burger⸗ Staden, das Wort zu seinem Referat:„Die Bedeutung der Presse im öffentlichen Leben“ erteilte. Der Refe⸗ rent gab einen kurzen Ueberblick über die Entwicke⸗ lung der Presse im Laufe der letzten Jahrzehnte und wies anhand von statistischen Aufstellungen nach, in welch ungeheurem Maße die Presse an Ausdehnung ge⸗ wonnen habe. Danach verbreitete sich der Redner über die Presse des Zentrums, die eine besonders auffallende Zunahme zu verzeichnen habe. Er stellte fest, daß es z. B. in Hessen 8 Zentrumsblätter, aber nicht eine evangelische Tageszeitung gäbe; hieraus sei ersichtlich, daß unbedingt die Schaffung einer guten evangelischen Presse in allen Teilen Deutschlands notwendig sei.
Im Anschluß an diesen Vortrag wurde ein 12glied⸗ riger Presseausschuß gebildet, der sich von nun an der weiteren Entwicklung der„Evangelischen Warte“ an⸗ nehmen wird und der auch seine Mitarbeit auf unser, seit kurzem in Schleswig⸗Holstein(Rendsburg) erschei⸗ nendes, zweites Kampforgan, das„Evangelische Echo“, erstrecken wird.
Eine rege Aussprache über pressetechnische Fragen beschloß die Sitzung.
Am 3. Oktober, vormittags 11 Uhr, fand die Haupt⸗ tagung statt. Herr Pfarrer Hamburger eröffnete dieselbe durch Schriftverlesung und Ansprache. Darnach ergriff Herr Bürgermeister Völker- Lich als Vorsitzen⸗ der des engeren Parteiausschusses das Wort, hieß alle Anwesenden herzlich willkommen und erteilte Herrn Dr. jur. Moegenburg⸗Frankfurt a. M. das Wort.
Derselbe hielt einen mehr als 1stündigen Vortrag über:„Die Ziele der Evangelischen Volksgemeinschaft“. Der Redner wies darauf hin, daß im heutigen Deutsch⸗ land drei Hauptfeinde: Atheismus, Mammonismus und Ultramontanismus zu bekämpfen seien, und er gab zu jedem einzelnen dieser drei Punkte ausführliche Exläu⸗ terungen. Der Referent wies sodann anhand von zahl— reichen Beispielen nach, daß insbesondere von seiten des Ultramontanismus weder ein Versöhnungswille noch irgend welche Toleranz zu erwarten sei; das sei eben der Fluch dieses Systems von unentwirrbarer Verquickung von Religion und Politik, daß eine Versöhnungspolitik mit Rücksicht auf die große Gefahr der Selbstvernichtung überhaupt niemals in Frage kommen könne.
Als folgender Redner ergriff an Stelle des am Er⸗
300 Mann gegen die Uebermacht der Feinde kämpft, gibt er als Schlachtruf aus:„Hier Schwert des Herrn und Gideon!“ Napo— leon wollte 1812 mit seinen 600 000 Bajonetten die Gebete der Russen zuschanden machen. Er mußte es aber erleben, daß er ohne diese Bajonette wieder heimzog. Damit haben wir den Schlüssel zu dieser Furchtlosigkeit der Minderheiten. Sie sind mit Gott doch immer in der Mehrheit. Der Glaube an Gott macht wenige Menschen stark. Auch die Jünger Jesu waren durch den Glauben an den Vater im Himmel furchtlos und stark genug, um an das schwere Werk der Evangeliumspredigt zu gehen. Was Jesus ihnen verheißen hat, ist wirklich zugetroffen. Es war ihres Vaters Wohlgefallen, ihnen das Reich zu geben. Ohne diesen Glauben, daß Gott mit ihnen ist auf allen Missionswegen, wäre die Welt über sie hinweggeschritten. Sie hatten den Glau- ben und Gemeinde auf Gemeinde schloß sich an.
Genau dasselbe beweist uns die Geschichte der Reformation. Wo hätte ein Dr. Martin Luther bestehen können, wenn er nicht einen so mächtigen Gottesglauben gehabt hätte. Der Glaube war für ihn alles, war seine Stütze, sein Halt, seine Hoffnung. Nicht vergebens hat ein Luther geglaubt und seinem Vater im Himmel vertraut.
Luther allerdings legte die Hände nicht in den Schoß, wie das heute leider so viele tun, und wollte alles von Gott getan er⸗ halten. Nein,„an Gottes Segen ist alles gelegen“, so heißt es. Wenn die Menschen ihre Pflicht tun, dann will Gott seinen Segen dazu geben. Ein Luther war ein Kämpfer, der nicht rastete und ruhte. Da war Gott mit ihm. Gott liebt die kämp⸗ fenden Minderheiten, die einer Masse trotzen, er liebt die Tüch⸗ tigen, welche glauben, obgleich nichts zu schauen ist. Nur durch kämpfende Minderheiten kann die Gerechtigkeit auf Erden, die Hilfe einem Volke gebracht werden. Amen. Hr.
—— ——


