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Evangelische Warte
Organ der Evangelischen Volksgemeinschaft
Erscheint zunächst wöchentlich am. Bezugspreis: 50 Pfg. monatlich frei ins Haus. Für Rücksendung ungewünschter Manuskripte wird nicht garantiert. 5 3 0 Hamburger in Staden(Oberh.)
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5 Jahrgang.
Sonnabend, den 20. Februar 192.
Wenn man gelegentlich mit jemand redet, der von unserer Evangelischen Volksgemeinschaft noch nicht viel gehört hat, dann kehrt meist die Frage wieder:„Nicht wahr, diese Bewegung ist doch in Oberhessen entstan— den?“ Wer diese Frage stellt, der verrät, daß er über diese evangelische Bewegung nichts weiß. Wer diese Frage stellt, der denkt im Stillen, daß von bestimmten Männern(oder sogar nur von einem bestimmten Manne) da etwas Neues erfunden worden sei. Diese Leute sollen sich einmal die Frage vorlegen, ob man so etwas eigentlich erfinden kann? Das ist von vorne herein verloren, was ohne Notwendigkeit von Menschen gemacht worden ist. Darum möchte ich heute alle Leser ein klein wenig tiefer hineinführen in die Entstehung unserer Bewegung.
Unsere neue evangelische Bewegung lag in der Luft des neuen Deutschlands. Schon allein dadurch, daß im neuen Deutschland alle Politik oder alles Leben unseres Volkes, auch alles Arbeiten in und an unserem Volke rein vom persönlichen Nützlichkeitsstandpunkt betrachtet wurde, nahmen viele Anstoß an der Beteiligung am po⸗ litischen Leben. Es standen ihnen nur zweierlei Wege offen: Entweder sie lehnten jede Mitwirkung an der Politik ab, oder sie suchten durch eine Neugründung höhere Gedanken in unser öffentliches Leben hinein zu bringen. Der letztere Weg wurde nun in manchen Ge— genden durch äußere politische Ereignisse als der allein richtige erkannt. Es entstand in Sachsen in der Regie⸗ rungszeit eines Ministerpräsigenten Zeigner unseligen Andenkens die„Evangelische Partei in Sachsen“. Da⸗ mals hatte man der evangelischen Kirche sämtliche Staatszuschüsse gesperrt, was zur Folge hatte, daß den kirchlichen Angestellten nicht einmal die Gehälter aus⸗ gezahlt werden konnten. Die evangelische Bevölkerung konnte in dieser Vergewaltigung nach dem Rezept Mos⸗ kaus keine Gerechtigkeit erkennen und wurde zur Selbst⸗ hilfe gezwungen. Heute besteht diese Partei noch weiter und scheint Kraft und Mut genug zu besitzen, sich lang⸗ sam immer weiter durchzusetzen. Ihr Organ ist das 1 im Monat erscheinende Blatt:„Fürs christliche
aus“.
Etwas später als diese Gründung sah man auch in Westfalen die Notwendigkeit, wenigstens in den Stadt⸗ parlamenten christliche Abgeordnete zu haben. Es war bereits früher in einem längeren Aufsatz von Lic. Nau⸗ nin gezeigt worden, wie in Wanne ein Versuch unter⸗ nommen wurde und auch glückte. Seitdem nun Ver⸗ treter, die bewußt auf dem evangelischen Standpunkte
Unsere Bewegung.
stehen, dem Stadtrat in Wanne angehören, nimmt man auffallenderweise viel mehr Rücksicht auf das gottes— dienstliche Leben von seiten der Stadtbehörde.
Erst als das alles schon vorausgegangen war, da zwangen Vorgänge in Hessen, wie die Besetzung der Schulratsstellen in Bensheim, Heppenheim und Dieburg, und die Berufung des Nachfolgers des Geh. Medizinal⸗ rats Dr. Balser, sowie den Verkauf des F Ilben⸗ stadt an den Benediktinerorden u. a. zu ähnlichem Zusammenschluß, d. 0. zur Gründung 961 Evangelischen Volksgemeinschaft. In Oberhessen wurde bei den Kreis⸗ und Provinzialtagswahlen der erste Versuch gemacht, Wahlerfolge zu erlangen. Obgleich keine Organisation den Wahlaufruf unterstützte, nur wenig Werbearbeit geleistet wurde, konnte dennoch ein Erfolg über Erwar⸗ ten erzielt e In den Provinzialtag erlangte man ein Mandat. Dieser eine Vertreter ist inzwischen als Stellvertreter in den Provinzialausschuß gekommen. In die Kreistage gelangten 4 Abgeordnete.
Im gleichen Jahre fanden auch in Schlesien die Kreistagswahlen statt. Im Kreise Löwenberg stellten unsere Freunde unter dem Namen„Evangelische Ver— einigung“ eine eigene Liste auf. Mit folgendem Auf⸗ ruf zogen sie in den Wahlkampf:
Für Evangelische Kultur und Kirche! Für Christentum
im öffentlichen Leben! Christlich und Sozial!
zwingende 1
dog Frfo w rnis unserer Zeit, ihles außeten Elends und ihrer isegeren Not, daß 15 christlicher Idealismus, Wertschätzung christlicher Sitte und wahrhaft christlich⸗soziales Empfinden immer mehr im öffentlichen Leben durchsetzt und auch in wirtschaft⸗ lichen Fragen christlich-sittliche Gesichtspunkte und Grundsätze mitbestimmend werden.
Angesichts des sich dauernd erweiternden Gebietes lultureller und sozialer Tätigkeiten und Aufgaben der Kreise und ihrer Verwaltungs- und Selbstverwaltungs⸗ stellen halten es die Unterzeichneten für notwendig, daß auch ausgesprochene sachverständige Vertreter des christ⸗ lichen Oeffentlichkeitswillens auf den verschiedensten Ge⸗ bieten des öffentlichen Lebens in den kommunalen Kör⸗ perschaften und so auch im Kreistage mitarbeiten.
Wie man es von jeher gewohnt ist, Vertreter des katholischen Kulturwillens in den Parlamenten aller Stufen, auch den kommunalen, zu sehen, so wird man es auch als berechtigt, ja selbstverständlich erkennen, daß auch die bewußt evangelischen Volkskreise besondere Ver⸗
Es ist ein
den Evangolischen.
treter der evangelisch-christlichen Weltanschauung, der evangelischen Belange und des evangelisch-sozialen Ge⸗ dankens in die Volksvertretungen entsenden.
Wir rufen daher die Evangelischen Einwohner un⸗ seres Kreises ohne Unterschied der Partei und des Stan⸗ des, die für die Geltendmachung des evangelisch-christ⸗ lichen Standpunktes im öffentlichen Leben des Kreises sind, hierdurch auf, sich ausnahmlos an der Kreistags⸗ wahl am 29. November 1925 persönlich zu beteiligen und dem Wahlvorschlag der Evangelischen Vereinigung, dem Wahlvorschlag für evangelische Kultur und Kirche, für Christentum im öffentlichen Leben, für christlich-soziale Gesinnung ihre Stimme zu geben!
Dieser Aufruf wurde unterstützt von einer großen Anzahl Männer und Frauen aus allen Ständen und Berufen. Außerdem war er unterzeichnet, was zur Nachahmung herzlich empfohlen werden kann, von fol— genden Organisationen:
Isergebirgsgau des Evangelischen Bundes.— Evan⸗
gelische Bundeszweigvereine Bad Flinsberg, Giehren,
Greiffenberg, Liebenthal.— Kreisverband der Evan⸗
gelischen Jungmännerbünde.— Evangelischer Männer⸗
und Jünglingsverein Greiffenberg.— Evangelische
Elternbünde, Evang. Arbeitervereine, Ev. Frauenhilse der Evangelischen Vereinigung.
Das war ein schönes Zeichen von Einigkeit unter Wir freuen uns, daß dadurch unsere dortigen Freunde zwei Sitze im Kreistag erhalten haben.
Eine zwingende Notwendigkeit ist natürlich der immer engere ZJusammenschluß aller dieser Organisatio⸗ nen. Es ist dies ja auch auf allen Seiten erkannt. So hat sich seit dem 1. Januar 1926 die„Christliche Volks⸗ partei“, welche über ganz Deutschland sich erstreckte und gleiche Ziele hatte, mit der Evangelischen Volksgemein⸗ schaft verschmolzen. Erst wenn diese Verschmelzungen allgemein erfolgt sind und es nur eine einheitliche Orga⸗ nisation im ganzen Reiche gibt, dann wird es erst mög⸗ lich sein, die gemeinsam gesteckten Ziele zu erreichen.
Zuletzt noch ein Wort über eine Bewegung, mit welcher wir in Arbeitsgemeinschaft stehen, die christlich⸗ sziale Gefinnungsgemeinschaft. Es wird vielleicht den Lesern bekannt sein, daß dieselbe bei den Stadtrats⸗ wahlen in Berlin zwei Sitze erlangt hat. In der Pro⸗ vinz Hannover hat sich ein Provinzialverband gebildet, der au vieler Hoffnung berechtigt. Sein Organ ist die seit Januar 1926 erscheinende Zeitschrift„Die Tat“. In
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Die Haumtjache.
Matthäus 16,26. Was hülfe es den Menschen, so er die ganze Welt gewönne, und nähme doch Schaden an seiner Seele? Oder was kann der Mensch geben, damit er seine Seele wieder löse?
Jesus war in das Heidenland geflüchtet bis seine Stunde gekommen war, das Leiden für die Menschheit zu übernehmen. Da mußte er erst von seinen Jüngern, die er ja aussenden wollte, sein Werk unter alle Menschen zu tragen, die Gewißheit haben, daß sie ihn als den Gottessohn erkannt hatten und daran nicht zweifelten. Petrus hatte für die Jünger ein freimütiges Be— kenntnis abgelegt. Nun war auch für ihn die Zeit gekommen, daß er den Leidensweg antreten konnte. Er machte sich auf nach Jerusalem. Er vermeidet die Pilgerstraße, sondern zieht mit seiner Jüngerschar nach Süden durch Samaria. Für diesen Weg hatte er sich noch eine schwere Arbeit an seinen Jüngern aufge— spart. Er will sie jetzt einweihen in das, was ihnen in Jerusa— lem begegnen wird. Aber die Jünger können das nicht verstehen. Selbst ein Petrus meinet nicht, was„göttlich ist, sondern was menschlich ist.“
Da gibt ihm Jesus eine besondere Lehrstunde über die Hauptsache, auf welche es ankommt. Die Jünger denken an Erden rum und Herrlichkeit. Jesus geht nach Jerusalem, um zu sterben. Was sind für ihn die Erdendinge? Das ist ja nicht sein Ziel. Er will kein irdischer Herrscher sein, er ist ja ein Seelen— könig. Er will niemand hier auf Erden für Größe und Stel— lungen sorgen, er will die Seelen lösen von den Banden der Sündenschuld. Da stellt er die obige Frage an seine Jünger: „Was hülfe es den Menschen, so er die ganze Welt gewönne, und nähme doch Schaden an seiner Seele? Oder was kann der Mensch geben, damit er seine Seele wieder löse?“ Die Antwort, die die Jünger und die wir heute noch darauf geben können, ist die gleiche. Wir können nichts dazu tun.
Die Worte hatten S ihre besondere Bedeutung auf dem gemeinsamen Wege nach Jerusalem. Aber sie haben auch allge⸗ meine Bedeutung für alle Zeiten. Wir haben ja Jahre durchge⸗ macht, in welchen nach den Schätzen dieser Welt von Hoch und Niedrig getrachtet wurde. Man suchte auf Wegen, die gerade noch am Zuchthause vorbeiführten zu ihnen zu gelangen. Andere aber waren nicht so engherzig und bereicherten sich auch mit un— gesetzlichen Mitteln Dadurch wurde unserem ganzen Volke schwerer Schaden zegefügt. So manchem geringen Manne gin⸗ gen die Ersparnisse verloren. Unsere Rentner, welche in ihrer Jugend sich einen Notpfennig für ihr Alter gespart hatten, kamen darum. Das war die äußerliche Folge dieses Hungers nach den Schätzen dieser Welt. Aber die vielen Wucherer und Schieber und Neureichen? Was haben sie denn von ihren Handlungswei— sen? Sind sie glücklich? Die ganze Welt kann keinen Menschen glücklich machen. Es ist ganz unsinnig, nach dem Reichtume der Besitzenden zu schielen. Denn wenn jemand, der solchen Besitz zu haben nicht gewohnt ist, plötzlich reich wurde, der kann ja da— mit gar nicht umgehen. Bald würde wieder alles verloren sein. So ist es ja manchem Neureichen auch gegangen. Oder aber wenn er mit dem Gesetz in Konflikt geraten ist? Dann hat er von all seinem Reichtum nichts. Dann ist er doch ein Lump. Wenn er aber noch gerade am Gefängnis vorbeigekommen ist, dann hat er die Plage im Gewissen. Ich stelle mir diese Gewissensbisse als ganz unerträgliche Drangsale vor. Es muß für einen Menschen ganz furchtbar sein, wenn ihm vielleicht jemand begegnet, der unter seinem Wucher gelitten hat. Dann muß er sich immer sagen:„Du bist diesem armen Mitmenschen gegenüber ein schlechter Kerl gewesen!“ Die Dinge dieser Welt sind gefährlich!
Wir brauchen ja nicht nur auf diejenigen zu schauen, die viel in den letzten Jahren zu gewinnen suchten. Es war ja der Sinn weiter Kreise allein auf irdischen Gewinn gerichtet. Man hoffte glücklich zu werden durch irdisches Wohlergehen. In einer Ver⸗ sammlung sagte einmal ein Mann:„Wir wollen, daß es uns hier gut geht!“ Wem geht es eigentlich hier gut, so muß man fragen? Am Leid, an der Krankheit, an der Sorge, am Tod
1 ja a doch niemand vorbei. Das alles macht es ja, daß es niemand hier gut geht, ob er reich ist oder arm. Und wenn es zum sterben kommt, dann hilft aller Besitz nichts. Dann heißt es:„Du Narr, wes wird sein, das du gesammelt hast?“
Und die Gewissensqualen? Die kann auch kein Mensch mit eigenen Mitteln wegbringen. Mag jemand noch so reich sein, hat er ein unreines Gewissen, dann ist er ärmer als der ärmste Tagelöhner. Lieber sein Brot in Armut essen, als sich sagen müssen:„Du bist ein Schurke!“
Darum sagt Jesus:„Der Seelenschaden ist der größte, den wir bekommen können.“ Denn ein solcher verdirbt uns ja schon das Leben in dieser Welt. Wie steht es denn mit den Menschen, die auf ihre Seele keinen Wert legen? Sind es nicht die⸗ jenigen, die immer unzufrieden sind? Mit nichts, auch mit gar nichts können sie zufriedengestellt werden. Wenn sie in ihrer Lage gebessert werden, so fühlen sie sich doch nicht wohl und meinen, es müsse ihnen noch besser gehen, damit sie zufrieden werden. Aber selbst wenn sie Millionäre würden, wären sie im⸗ mer noch unzufrieden. Sie tragen etwas in sich, das Hunger hat. Die Seele will auch genährt sein. Allerdings diese Seele sieht man nicht, darum wird sie so leicht vernachlässigt.
Erst spät im Leben haben viele erkannt, daß sie die Seele vernachlässigt haben. Wieviele haben es besonders am Sterbe⸗ bette bereut. Denn, wenn es erst soweit ist, dann hilft alles Erdengut nichts mehr. Dann heißt es, Schätze aufweisen können, die„weder Motten noch Rost fressen“, oder anders ausgedrückt, die wir in der Sterbestunde gebrauchen können. Unser Herr Jesus Christus konnte ruhig zu seinen Jüngern sagen:„Siehe, wir ziehen hinauf gen Jerusalem, und des Menschen Sohn wird den Hohenpriestern und Schriftgelehrten überantwortet werden, und sie werden ihn verdammen zum Tode.“(Matth. 20, 18.) Möge Gott es uns allen geben, daß auch wir einmal mit so ruhigem Gewissen und so ohne Furcht unserer Sterbestunde ent⸗ gegengehen, weil wir unsere Seele gelöst wissen durch unseren Herrn und Heiland Jesus Christus. Amen. 7
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