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Sonnabend, den 19. Juni 1926.
was nach fester Führung und straffer Zucht oder gar gach Autorität und Unterordnung aussah. So soll er die Gunst der Parteien gewinnen, mit deren Hilfe die kadikale Führung der Volksschullehrer ihre standes⸗ politischen Ziele durchzusetzen hofft und die neue„wissen⸗ schaftliche“ Pädagogik soll die Berechtigung dieser Ziele beweisen. Aber immer tiefer setzt sich das Mißtrauen c den ganzen Lehrerstand fest. Der erwartete Nach⸗
uchs bleibt aus. Dias sind bittere Worte, aber sie treffen die Wahr⸗ eit. Noch gibt es in Sachsen glücklicherweise manche Lehrer, die sich von dem großem Strom nicht haben fort⸗ teißen lassen. Aber das Verhängnisvolle an dem gegen⸗ wärtigen Zustand auf schulischem Gebiet in Sachsen ist dies, daß die Führung der Lehrerschaft in den Händen tadikaler Persönlichkeiten liegt und daß durch die Macht der Organisation viele auch der gutgesinnten Lehrer mit fortgerissen werden und den Radikalisierungsbestre⸗ bungen ihrer Führer Vorschub leisten müssen. Zwar hat sich vor 2 Jahren von dem sächsischen Lehrerverein ein neuer sächsischer Lehrerverein losgelöst. Der Grund dafür liegt hauptsächlich darin, daß dieser Teil der Lehrerschaft mit dem stark sozialistischen Einfluß der Führung in der Lehrergewerkschaft nicht einverstanden war. Ein anderer Teil unter ihnen wollte den Religi⸗ onsunterricht festgehalten wissen. Allein der neue säch⸗ sische Lehrerverein ist zahlenmäßig nicht stark und obwohl der gegenwärtige Unterrichtsminister Dr. Kaiser sich auf ihn stützt, ist sein Einfluß nicht groß. Seine Stoßkraft ist geschwächt durch Uneinigkeit bezw. Unklarheit in der Religionsunterrichtsfrage. Viele von den Lehrern in diesem Lager propagieren ein„Deutsch⸗Christentum“ als Grundlage für den Religionsunterricht, bei dem der Nachdruck offensichtlich mehr aufdem„deutsch“ als auf dem„christlich“ liegt. Die Hauptschwäche dieser Rich⸗ tung aber liegt darin, daß die Mehrzahl kein innere⸗ Verhältnis zur Kirche finden kann. Sie brauchte um eine Macht darzustellen gegenüber der Uebermacht der Lehrergewerkschaft den Anschluß an die Kirche. Aber diesen will man nicht. Man will den Religionsunter⸗ richt erteilen, aber ohne Fühlungnahme mit der Kirche. Also auch hier derselbe Irrtum, als ob ein Religions⸗ unterricht ohne Mitwirkung der Kirche erteilt werden könnte. Eine kleine Schar christlich gesinnter Lehrer, die einen Religionsunterricht auf biblischer Grundlage geben wollen, ist zwar auch noch da, aber auch diese kleine Schar ist in sich gespalten, da ein Teil von ihnen auf freikirchlichem Boden steht, ein anderer auf landeskirch⸗ lichem Boden. So stehen wir denn in Sachsen vor der schmerzlichen Tatsache, daß eine der Hauptvoraussetz⸗ ungen für das Zustandekommen einer christlichen Volks⸗ schule, nämlich eine zahlenmäßig einigermaßen ansehn⸗ liche Zahl von kirchentreuen Lehrern nicht vorhanden ist. Es gibt deshalb manche bei uns, die der Aeberzeugung ind, daß auf das Zustandekommen einer christlichen Schule, auch wenn wir ein noch so günstiges Reichsschul⸗ gesetz bekommen würden, in Sachsen daher nicht zu hof⸗ sen sei, wenn nicht ein Umschwung in der Gesinnung der fächsischen Lehrerschaft binnen kurzem eintritt. . Die evangelische Elternschaft Sachsens ist durch die Radikalisierungsbestrebungen im Lager der Lehrer⸗ schaft schon seit Jahren lebhaft auf den Plan gerufen worden. Sowohl die christlichen Elternvereine unter der Führung des Oberlandesgerichtsrates Dr. Hering in Dresden, als auch der evangelisch⸗lutherischen Schul⸗ verein haben sich treulich und nicht ohne Erfolg bemüht, die Elternschaft zum Eintreten für die christliche Schule aufzurufen. Daß hier nicht vergeblich gearbeitet worden ist, ersieht man wieder aus dem diesjährigen Ausfall
„Evangelische Warte“
N 0 meichelt einer Massenstimmung, die alles verdächtigt, der Elternratswahlen. Obwohl gerade in diesem Jahre
die Propaganda für die weltliche Schule außerordent⸗ lich lebhaft gewesen ist, wobei der sächsische Lehrerverein in Dresden und in anderen Orten ganz offen mit den Sozialdemokraten und Kommunisten Gemeinschaft ein⸗ ging, ist doch in diesem Jahre wiederum eine starke christliche Mehrheit an christlichen Elternvertretern er⸗ zielt worden, eine stärkere als im vergangenen Jahre. Insgesamt sind für Sachsen 3 320 Elternratsvertreter gewählt worden, davon sind 1945 christlich und 1385 weltlich. Die Zunahme auf der christlichen Seite gegen das Vorjahr beträgt 67, sodaß jetzt die weltlichen um 560 übertroffen sind. Trotzdem sind die Führer der christlichen Elternbewegung gerade gegenwärtig von größter Sorge erfüllt, hauptsächlich im Blick auf die Lage im Reiche. Sie fürchten, daß die Zustände im Reichstage und der dort immer noch herrschende un⸗ fruchtbare Parlamentarismus das Zustandekommen einer Reichsschulgesetzgebung immer wieder unmöglich machen wird, und daß auf Jahre hinaus von dieser Seite nichts zu hoffen ist. Das bedeutet aber für Sachsen die Herrschaft des Radikalismus in der Schule. Der schristliche Elternwille wird so lange immer wieder vergewaltigt werden, als nicht ein völliger politischer Amschwung im ganzen Lande stattfinden wird. Zwar stehen für diesen Herbst die Landtagswahlen bevor. Allein, wer wagt bei der gegenwärtigen wirtschaftlichen Lage in unserem industriellen Lande und bei der damit verbundenen großen Verstimmung und Verbitterung im Volke auf einen Umschwung nach der bürgerlich⸗ christlichen Seite hin zu hoffen? Nur das eine weiß man gewiß, daß der linksradikale Flügel eine weitere Stärkung erfahren wird. Ob aber eine bürgerliche Mehrheit zustandekommen wird, die wir nach diesen vielen Jahren des Niederreißens und der sozialistisch⸗ kommunistischen Gewaltherrschaft so dringend brauchen, dazu besteht aber sehr wenig Aussicht.
Oder müssen vielleicht die Zeiten noch schlimmer und der Druck der Gewalt von der linken Seite noch schwerer werden, damit unser Sachsenland erwacht und namentlich der bürgerliche Teil unseres Volkes aus seiner entsetzlichen Gleichgültigkeit aufgerüttelt wird? Anser einziger Trost ist: Gott sitzt im Regimente!
Pfr. Kircher, Coswig bei Dresden.
Wothenschau.
In Genf ist der Völkerbundsrat am 7. Juni zu⸗ sammengetreten. Am ersten Tag war Brasilien über⸗ haupt nicht vertreten. Sowohl Spanien wie auch Bra⸗ silien, sollen auf den Anspruch eines ständigen Rats⸗ sitzes verzichtet haben.
Aus Kairo kommt die Kunde, daß sechs Fremden⸗ legionäre, die auf französischer Seite in Syrien ge⸗ kämpft haben, darunter vier Deutsche und je ein Eng⸗ länder und Amerikaner, wegen Fahnenflucht zum Tode verurteilt worden seien. Sie sähen jetzt im Gefängnis von Damaskus ihrer Hinrichtung entgegen. Die Legio⸗ näre seien wegen der Härte des Dienstes desertiert, wo⸗ zu sie die Nähe der transjordanischen Grenze verleitet habe. Mehrere Fluchtversuche anderer Legionäre seien erfolgreich gewesen. Die erwähnten Legionäre aber seien in die Hände franzosenfreundlicher Stämme ge⸗ fallen, die sie ausgeliefert hätten.— Die Tragödie die⸗ ser Männer ist wieder eine eindringliche Warnung vor der Fremdenlegion, in der die Ausländer lediglich wohl⸗ 11155 Kanonenfutter für die Interessen Frankreichs ind.
In Lübeck wurde unter großen Festlichkeiten die Erinnerung an die vor 700 Jahren durch den Hohen⸗
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staufenkaiser Friedrich II. vollzogene Verleihung der Reichsfreiheit gefeiert.
An Stelle des verstorbenen ersten Generaldirektor der Reichsbahn⸗Gesellschaft, Rudolf Oeser, wurde der seitherige stellvertretende Generaldirektor Dr. Dorp⸗ müller gewählt.
Zum Oberreichsanwalt am Reichsgericht wurde der Abteilungsleiter im Reichsjustizministerium⸗ Geheimer Regierungsrat Karl Werner, vom Reichspräsi⸗ denten ernannt.
Nachdem der schon mehrfach in unvorteilhafter Weise aufgefallene Prof. Dr. Lessing von der Techni⸗ schen Hochschule in Hannover sich abfällig über unseren Reichspräsidenten ausgedrückt hat, hat die Studenten⸗ schaft gegen ihn demonstriert. Aus diesem Grunde be⸗ schlossen Senat und Professorenkollegium der Technischen Hochschule Hannover in gemeinschaftlicher Sitzung, 10 Studenten aus dem Kreise der 200 Demonstranten gegen Prof. Lessing wahllos herauszugreifen und zu relegieren. Darauf veranstalteten 1000 Studenten einen Auszug nach Braunschweig. Von diesen wurden von den Hochschulen in Braunschweig 300 und Char⸗ lottenburg 250 aufgenommen.
Bei der am 6. Juni in Mecklenburg stattgehabten Landtagswahl wurde folgendes Ergebnis festgestellt:
Deutschnationale 59 746 125 176) 12 Sitze Sozialdemokraten 105 619(74 911 21 Sitze Deutsch⸗Völkische 24 527 15 511 5 Sitze Kommunisten 17 681(44 765) 3 Sitze Deutsche Volkspartei 21 973(23 962) 4 Sitze Demokraten 8 102(11738) 1 Sitz Mieterpartei 7296(—) 1 Sitz Wirtschaftspartei des meckl.
Mittelstandes 15 902(5 122) 3 Sitze Nat.⸗Soz. Dtsch. Arbeiterp. 4343(—) 0 Sitze
Bei der schwachen Wahlbeteiligung, die etwa 60 bis 70 v. H. betragen dürfte, ist es sehr wahrscheinlich, daß die Zahl von 50 Abgeordneten bei der vorgeschrie⸗ benen Teilungszahl von 6000 nicht erreicht werden wird. Da das Gesetz 50 Abgeordnete vorschreibt, so wird die Teilungszahl entsprechend herabgesetzt werden müssen.
Am 6. Juni ist in Schaumburg⸗Lippe durch Volks⸗ entscheid über den Anschluß an Preußen abgestimmt worden. Das vorläufige Endergebnis bedeutet die Ab⸗ lehnung des Anschlusses.— Es wurden abgegeben 9858 Stimmen für den Anschluß an Preußen und!1 288 Stimmen gegen den Anschluß an Preußen. 132 Stim⸗ men sind ungültig.
Reichspräsident von Hindenburg hat sich in einem Privatbrief an Herrn von Loebell, den derselbe ver⸗ öffentlichte, scharf gegen den Volksentscheid über die Fürstenenteignung ausgesprochen. Daß die Sozial⸗ demokraten und Kommunisten im Reichstag darüber Lärm machten, können wir verstehen, aber helfen wird es ihnen nichts.
Was jeder Evangelijche wijjen muß.
Keine Gelder für die kirchliche Seelsorge in Berlin.
Die augenblickliche Stadtverordnetenmehrheit von Berlin gibt gegenwärtig den Berliner Bürgern die Quittung für die seiner Zeit bewiesene Wahlfaulheit. Im Haushaltungsausschuß lehnte sie rundweg jegliche Mittel für kirchliche Seelsorge an den städtischen Krankenhäusern ab. Da die kirchliche Seelsorge an den in Betracht kommenden Anstalten aber rechtlich gewährleistet ist, wird dieser Schildbürgerstreich noch weitere Folgen haben die das Geld des Steuerzahlers höchst überflüssigerweise kosten.
Sybille sank neben ihm in die Knie und legte ihr Haupt in seinen Schoß; er aber streichelte der Schluchzenden über das Haar und gab ihr Kosenamen, einen zärtlicher als den andern. 4„Nun sieh mich doch endlich einmal an, Liebling, bist du denn wirklich mein?“
Da schaute sie auf, Auge tauchte in Auge,— lange,— und dann nahm sie sein Gesicht mit einer rührenden Gebärde zarter Hingebung zwischen ihre Hände und küßte ihn auf den Mund. Darnach erhob sie sich, rückte einen Stuhl heran und setzte sich neben ihn.
1 Was sie sprachen? Du hättest nicht viel vernommen. Ueber Hans war eine selige Müdigkeit gekommen, er lehnte sich in den Sessel zurück, das Haupt so geneigt, daß er ihr liebliches Antlitz vor sich hatte. Die Augen hielten Zwiesprache, Hand ruhte in
1 sie waren beisammen, sie hatten sich lieb. Das war genug.
Hans Heeger wollte einmal von der Werbung bei ihren Eltern sprechen. Doch sie wehrte ihm.„Heute bist du noch zu schwach und mußt dich schonen. Diese Woche behalten wir unser Geheimnis für uns, am nächsten Sonntag komme ich wieder um diese Zeit, dann wollen wir alle notwendigen Dinge ordentlich besprechen.— Horch, ich höre hier die Mutter Vogelsberger im Hausflur husten. Noch ein Kuß, Herzallerliebster, dann gehe ich heim.“— Mutter Vogelsberger aber war damit gar nicht einverstan⸗ den.„Warte doch wenigstens, bis der Pätter(Pate) heim⸗ kommt.“
„Nein,“ sagte Sybille,„ich habe es meinem Vater verspro⸗ chen, daß ich nicht lange bleibe. Und er ist ja eben ohnedies immer in böser Laune und ärgert sich über die Fliege an der
Wand.“
0 ö„Ich glaube es, Herzchen, ich glaube es gern, wo er jetzt die Schererei hat mit der neuen Kirche,“ erwiderte die alte Frau.
Nicht lange nach Sybillens Weggang erschienen Hans Georg Vogelsberger und Peter Kitz. Dieser gedachte vor allem, Hans zu besuchen, und war voller Freud, den Patienten außer Bett anzutreffen.
Vogelsberger aber, unterstützt von seiner Mutter, ruhte nicht,— Hans sei lange genug aufgewesen, ein Kranker dürfe keinen Willen haben, der müsse sich kommandieren lassen wie ein kleines Kindchen— also er ruhte nicht, bis Hans nachgab. Und
wirklich, als Hans wieder in seinen Federn lag, da meinte er, im Paradies zu sein, so wohlig war seine Müdigkeit, so herrlich das Lager.
Peter Kitz und Meister Vogelsberger spannen nun den Fa⸗ den weiter, den die alte Mutter beim Abschied Sybillens be⸗ gonnen hatte,— von dem Neubau der katholischen Kirche rede⸗ ten sie.
„Hannjer, du kannst lachen,“ sagte Peter Kitz,„du legst deinen Arm, wenn er auch gesund ist, in die Schlinge und sagst,— ich kann nicht fronen, und meinen Gesell kann ich als Ersatzmann euch nicht schicken. Aber ich,— schon zwei Fuhren Steine habe ich leisten müssen. Wer mir das einmal gesagt hätte, daß ich als lutherischer Christ hier in dem rein evangelischen Holzhausen wegen etlicher hergelaufener Fremdlinge eine römische Kirche müßte bauen helfen,— den hätte ich für übergeschnappt taxiert. Aber die Herrlichkeit dauert nicht mehr lange. Der Krug geht so lange zum Brunnen, bis er bricht.“
„Was meinst du denn Peter?“ fragte Vogelsberger.
„Ei nun, Hannjer, du weißt doch, wie vor etlicher Zeit der hochfürstliche Darmstädtische Rat Schultz mit dem Notar hier war und hat feierlich gegen den Bau protestiert.— Gestern nach⸗ mittag nun, da ist eine Kutsche von Homburg her gekommen, da hat ein Herr drin gesessen; am Bau ist er ausgestiegen und hat sich die Geschichte betrachtet und gesagt,„das gibt ja ein hübsches Häuslein.“ Dabei hat er ganz eigentümlich gelacht. Dann ist er den Haingraben hinauf, zum Obertor wieder herein und durch den Flecken zurück nach Homburg gefahren. Und weißt du, wer das war?“
„Na, wer denn?“
„Der Rat Schultz, ich habe ihn genau erkannt, denn wie er selbiges Mal zuerst hier war, habe ich gerade Steine gefahren, da hat er mich gefragt, ob ich das gern tue. Da habe ich tüchtig losgelegt und gesagt, daß wir alle zähneknirschend und befoh⸗ lenermaßen solches machen müßten. Am liebsten täten wir den ganz Bau auseinanderreißen, daß kein Stein auf dem anderen bliebe. Da hat er gerade so gelacht, wie ich ihn gestern habe lachen sehen.“
„Ja nun, was soll denn das bedeuten? Was meinst du denn?“ fragte Meister Vogelsberger gespannt. Peter Kitz zuckte
vielsagend mit den Schultern und schwieg.
„Hans“, fragte darauf der Meister seinen Gesellen,„kannst du dir das zusammenreimen?“
„Was denn? Wovon schwätzt ihr denn?“ fuhr Hans aus seinem seligen Sinnen auf. Was scherte ihn der Freiherr von Ingelheim und sein Kirchenbau, er baute in Gedanken an einer neuen Heimat, einem Haus, darin Liebe und Friede und alle guten Geister des Lebens wohnen sollten.
Und nicht anders war es die folgenden Tage, da ein Exeig⸗ nis eintrat, das die Willkür jener Zeiten kennzeichnet, das ganz Holzhausen„perturbierte“(in Bestürzung brachte), einen Schwanz von Prozession hinter sich nachzog und die händereiben⸗ den Advokaten in Nahrung setzte—: die neue Kirche wurde zer⸗ stört.
Doch, ich will einmal den Notar Ivan Michael Sans vom Kammergericht zu Wetzlar reden lassen, damit der Leser eine Vorstellung davon bekommt, wie man damals die liebe, deutsche Sprache verhunzte und mißhandelte, indem man ihr fremde Lap⸗ pen auf das schöne Kleid nähte, noch mehr, als dies heute in „deutschen“ Zeitungen Brauch ist.(Ich gebrauche auch die Will⸗ kürrechtschreibung jener Zeit):
„Der hochfreyherrl. Ingelheimische Schultheiß Peter Michel referierte den Verlauf folgender gestalt, wie daß Dienstags als den 22. Junius frühe gegen 3 Uhr drey Compagnien hochfürstl. Darmstädtischer Soldaten(welche ein Obrist⸗Lieutenant Nah⸗ mens Clemann commandieret) zu Burgholtzhausen angerücket, so gleich beyde Thore occupirt, alle Ein- und Außgänge des Flek⸗ kens mit Wachen besetzet, das Amt-Hauß umstellet, wie ingleichen vor sein des Schultheißen forder und hinter Thor Wachten postiert, seiner Person aller dargegen gethaner Remonstration und Protestation ohngeachtet, insoweit versichert und arretirt, weder ihn noch die seinige aus dem Hauß gehen und mit nie⸗ manden reden, vielweniger Schreiben außschicken lassen, und hätte der commandirende Offizier ihme Schultheißen ins Gesicht gesagt, es wäre gut, daß man ihn in Verwahr hätte, dann er eben der Rechte wäre. Hätte auch eine Wacht vor das Kirchen⸗ Thor, wie ingleichen sehr viele im Flecken hin und wieder postiert gehabt, und nicht zugegeben, daß nur ein Unterthan mit dem an⸗ dern hätte reden mögen.
(Fortsetzung folgt.) **
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