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Evangelische

Organ der Evangelischen Volksgemeinschaf

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Erscheint zunächst wöchentlich am Samstag. Bezugspreis: 50 Pfg. monatlich frei ins Haus. Für Rücksendung ungewünschter Manuskripte wird nicht garantiert. Schriftleitung: Pfarrer Hamburger in

2. Jahrgang.

Der Satz:Religion und Politik haben nichts mit⸗ einander zu tun ist die schlaueste Erfindung des Sa⸗ tans. Ch. H. Spurgeon.

Eine bemerkenswerte Rode des Visthofs Dr. Schreiber.

Von Th. Baare, Freital.

Kürzlich hat in Dresden auf Veranlassung des katholischen Preßvereins eine große Katholikenkund gebung stattgefunden, und der Bischof von Meißen, wie sein Bistum genannt wird, Dr. Christian Schreiber, hat eine in mehr als einer Hinsicht sehr bemerkens- und beachtenswerte Rede gehalten. Der eigentliche Zweck des Abends war augenscheinlich, die Katholiken in der Diaspora Sachsen, wie Rom sich ausdrückt, zu neuem Kampfeifer zu entflammen, zu neuer Tat zu begeistern, vor allem, um die katholische Presse im Bistum kräftig zu fördern und zu unterstützen. Im sogenannten Bis⸗ tum Meißen erscheint nun nur eine katholische Zeitung, die DresdenerSächsische Volkszeitung, die stramm Wirthscher Observanz und auf den Anschluß nach links eingestellt ist. Bezeichnenderweise ist ein großer Teil der sächsischen Katholiken mit dieser radikalen Haltung ihrer Zeikung keineswegs einverstanden.

Darum sah sich wohl Bischof Dr. Schreiber unlängst genötigt, in einem Hirtenbrief seine Gläubigen sanft zu ermahnen und ihnen das Geschick der katholischen Presse warm ans Herz zu legen. Daß der Bischof am Schluß seiner etwa einstündigen, sehr ruhig und sachverständig gehaltenen Ausführungen auf diesen Hirtenbrief zu sprechen kam, läßt darauf schließen, daß er entweder ein⸗ sieht, zu weit in der Unterstützung derSächsischen Volkszeitung gegangen zu sein, und nicht gewillt ist, eine starke Mehrheit seiner Diözesanen vor den Kopf zu stoßen, oder aber, daß er tatsächlich nicht so radikalen Anschauungen huldigt. Er sagte ganz jesuitisch-dialek tisch, daß er sich nicht verteidigen, sondern nur zur Steuer der Wahrheit erklären wolle, daß man ihm u Unrecht einen Vorwurf gemacht habe, denn sein Hirten⸗ brief habe der katholischen Presse im Bistum Meißen gegolten, nicht aber derSächsischen Volkszeitung. Dabei weiß jeder, daß es eben nur die eine Zeitung hier gibt!

Und warm trat der Bischof für die Diasporapresse ein, denn diese müsse die Minderheit, die besonderen Schutzes bedürfe, schützen und stützen, sie sei einem Leuchtturm gleich, der dem katholischen Schifflein auf

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brandendem Meer seine warnenden Strahlen zusende. Die katholische Minderheit sei von einer starken Mehr⸗

heit umgeben. Demgegenüber darf man wohl ange sichts der in Sachsen obwaltenden Verhältnisse darauf hinweisen, daß man fast ebensogut von einer evangeli schen Diaspora in Sachsen sprechen könnte, denn wenn auch die politischen Verhältnisse in bezug auf die evan⸗ gelische Kirche sich in den letzten Jahren gebessert haben, so weht doch immer noch scharfer Kampfwind von seiten der Sozialisten und Atheisten, und auch von der Seite Roms, und die Evangelischen, namentlich in Industrie⸗ teilen des Landes, wie in der Umgebung Dresdens, haben wahrlich hart zu kämpfen, um ihr Schifflein flott zu halten. Eine starke Anmaßung Roms bedeutet es schon, daß Rom vor einigen Jahren feierlich das Bistum Meißen wieder eingerichtet und eigens einen Bischof von Meißen mit dem Sitz in Bautzen ernannt hat, obwohl gerade Meißen mit seiner Albrechtsburg und seinem herrlichen Dom geradezu die Hochburg des Luthertums darstellt.

Mit überlegener Dialektik sprach Dr. Schreiber u. a. von der ungeheuren Arbeit des Zentrums für die Kirche und ihre Gläubigen, ober ohne es zu nennen(0, stellte jedoch ausdrücklich fest, daß er nur Grundsätze auf⸗ stellen und den Katholiken raten wolle, sich vorzusehen und ja sorgfältig zu prüfen, wem sie die Vertretung und Wahrung ihrer Belange anvertrauen wollten. Er be⸗ zeichnete es gleichsam als Zufall, daß es eine Partei gäbe, die sich Zentrum nenne! Viele schöne, ja herrliche Worte fand der Bischof für die große Duldsamkeit der katholischen Kirche gegenüber Andersgläubigen, und er stellte sein Tun und Reden ganz auf den Boden der Wahrheit, Gerechtigkeit, Sittlichkeit, Menschenliebe, Duldsamkeit und Achtung vor jeder ehrlichen Ueber zeugung, solange dadurch nicht das Gemeinwohl ge schädigt würde. Und, wenn er diese hehren Tugenden als Richtschnur für die Arbeit der Presse überhaupt, insonderheit aber der christlichen und katholischen vor⸗ schrieb und den Katholiken aufgab, stets darnach zu handeln und nur die Presse zu unterstützen und zu för⸗ dern, die darnach handelte, die er die gute und ehren⸗ hafte nannte, während er es als Pflicht vorschrieb, die der Lüge, Unwahrhaftigkeit, Skrupellosigkeit und Ent⸗ fesselung menschlicher Leidenschaften dienende Presse scharf zu bekämpfen, da diese eine furchtbare Gefahr darstelle, so kann man dem Bischof wohl zustimmen. Ob es aber bei den schönen Worten bleibt, ob diesen auch entsprechende Taten folgen werden, muß man abwarten.

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Nummer 7.

Einstweilen wissen wir Sachsen in der Diaspora, daß von Rom uns schärfster Kampf angesagt ist, und daß das Zentrum, immer noch einer der Hauptexponenten der politischen römischen Kirche, gegenwärtig mal wieder sozusagen Trumpf im Reich ist und daß es tatkräftig am Bündnis bezw. seiner Aufrechterhaltung mit den Feinden der christlichen Religion arbeitet. Diese Ar- beit aber spüren wir Evangelischen Sachsens in erster Stelle am eigenen Leibe. Nach Duldsamkeit klingt es auch nicht gerade, wenn der Bsichof im Verlauf seiner Rede darauf hinwies, daß auch die anderen Konfessio nen sehr wertvolle Geistesgüter und reiche ideelle Schätze besäßen, aber hinzufügte, daß sie diese erst bei ihrer unseligen(sie!) Trennung von der großen Mutter- kirche von dieser mitgenommen hätten.

Sehr bemerkenswert war weiter, daß Bischof Dr. Schreiber den oft der römischen Kirche gemachten Vor wurf, sie erhebe darauf den Anspruch, die alleinselig machende Kirche zu sein, mit der eigenartigen Argu mentierung zurückwies, daß die katholische Kirche lehre, daß jeder, ob Heide oder Jude oder Christ, selig werden könne, wenn er nach seinem Gewissen handele. Von dieser Lehre ist uns bisher nichts bekannt geworden, und damit stimmt es doch sicher nicht überein, daß Ehen zwi schen Protestanten und Katholiken von Rom für ungül⸗ tig und als Konkubinat erklärt werden und daß es als Todsünde betrachtet wird, wenn die aus solchen Ehen hervorgegangenen Kinder nicht katholisch getauft und in der römischen Lehre erzogen werden, womit zugleich die vom Bischof vielgerühmte Toloranz der katholischen Kirche in recht eigenartigem Licht erscheint.

Mit dem Marxismus setzte sich der Bischof nur vom Standpunkt der Weltanschauung aus auseinander, von Politik wolle er dabei nicht reden, es gebe auch ganz rechts Leute, die rein materialistisch handelten und dächten. Betrachtet man diese Aeußerung im Lichte der gekennzeichneten Haltung des Bischofs gegenüber dem Zentrum und seines Eintretens für dieSächsische Volkszeitung, die doch recht radikal gesinnt und von jener Duldsamkeit und Fernhaltung von jeder Polemik weit entfernt ist, die Dr. Schreiber der Presse so warm anempfahl, dann wirken solche Worte doch recht bezeich nend, und man denkt unwillkürlich, daß dadurch eine Brücke nach links geschlagen werden soll, zumal der Bischof es auch ablehnte, sich für die von Katholiken angeregte Gründung einer zweiten Zeitung einzusetzen.

Daß das heutige Leben nichts von der Religion wissen will, erklärte der Bischof für eine der verhäng⸗

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der Barmherzige.

Matthäus 5,7. Selig sind die Barmherzigen, denn sie werden Barmherzigkeit erlangen.

Von den Feinden des Christentums wird immer behauptet, die Kirche vertröste die Not und die Armut auf den Himmel und lasse die Menschen verhungern und umkommen. Das ist mit anderen Wort gesagt: Die christliche Kirche ist unbarmherzig. 0 dem widerspricht obiges Jesuwort. Jesus war auf alle Fälle 0 barmherzig und zeigt uns, wie wir auch barmherzig sein sollen. Wir bewundern gerade unseren Heiland, wie der den einzelnen Menschen für wertvoll gehalten und sich seiner erbarmt hat. Er schätzte an jedem Menschen die ewige Seele. Selbst Menschen, die von den anderen gesellschaftlich geächtet wurden, waren ihn noch des Erbarmens wert. Ein Schwächer am Kreuze war m noch würdig, das Evangelium zu hören von der Ewigkeit.

Da könnte nun schon wieder ein Zweifler sagen:Da haben ir es ja. Auch Jesus hat nur auf die Ewigkeit vertröstet. Vas hilft uns dies in unserer Erdennot? Das ist nicht richtig. dem Schwächer war nicht mehr auf Erden zu helfen. Wo aber Jesus noch helfen konnte, da half er. Jesus war wirklich barm⸗ herzig gegenüber dem verschiedenen Leide. So vertröstete er die blinden nicht auf den Himmel, sondern er heilte sie. Die Lichtkranken vertröstet er nicht auf eine Ewigkeit, sondern er hilft ihnen. Die Aussätzigen läßt er nicht in ihrem Elend. Er beilt sie und gibt sie ihren Angehörigen zurück. Nein, Jesus hat beinen Elenden seinem Leide überlassen und ihm gesagt, er könne m nicht helfen. Mit der ganzen Kraft, die ihm sein Vater in Himmel gegeben hatte, stellte Jesus sich in den Dienst der a Not. Er vergaß sich selbst über dem Helfen. 5 Gewiß hat Jesus über dem äußeren Helfen auch nicht die liel wichtigere Hilfe für die Seele, vergessen. Dadurch trat er ja jedem Kranken erst wirklich nahe. Sein Helfen war nicht in äußeres Geschäft, sondern ein brüderlicher Dienst am Bruder. esus wußte, daß kein Mensch gesund ist, wenn er nur einen

lein Gotteswort findet? Wir haben das ja erlebt an unserem Folt in der Zeit nach dem Kriege. Da suchten alle Kreise ja

sesunden Körper hat. Viel wichtiger ist eine gesunde Seele. Jas hat ein Armer davon, wenn er sich satt essen kann, aber

auch nur äußeres Wohlergehen und Sättigung mit allem Ent⸗ behrten. Was ist da aus unserem Volke geworden! Jetzt sehnt sich unser Volk wieder immer mehr nach Ewigem, Erhebendem, Göttlichem. Deshalb hat Jesus immer gleich auch auf die Seele der Einzelnen eingewirkt. Damit hat doch Jesus alles getan, womit er einem Menschen helfen konnte.

Aber nun kann jemand sagen:Jesus war barmherzig, aber die Kirche ist es nicht! Wir wollen bei diesem Einwand ganz offen sein. Es steckt eine gewisse Berechtigung in diesem Vor⸗ wurf. Lange Zeit hat sich die Kirche nicht barmherzig gezeigt. Gewiß wollen wir die von der Kirche unterstützte Arbeit der Inneren Mission mit ihrer Diakonie, den Fallsüchtigen-Anstal⸗ ten, den Krüppelheimen, den Trinkerheilstätten, den Herbergen u. a. m. nicht gering schätzen. Das war ein großes Zeichen, daß die Kirche auch weiter die Barmherzigkeit pflegen will, wie es der große Meister gelehrt und vorgemacht hat. Aber wie ver⸗ hielt man sich denen gegenüber, von denen ich am vergangenen Sonntag sprach, den Mühseligen und Beladenen? Was hat die Kirche in den sozialen Nöten unseres Volkes getan?

Hat sich nicht Jesus scharf über die Führer des Volkes, die

Pharisäer, ausgesprochen, weil sie dulden und helfen, die Not der armen Witwen auszubeuten? Was würde Jesus sagen, wenn er in den bei uns vorhandenen sozialen Verhältnissen leben würde? Nun ist ja manches in letzter Zeit anders gewor⸗ den. Die große soziale Kundgebung des Betheler Kirchentages ist erschienen. Warum hat sie aber nicht den durchschlagenden Eindruck gemacht, den man ihr wohl gewünscht hätte? Ich glaube es liegt darin, daß man der richtigen Auffassung ist, Worte helsen nichts, erst müssen Taten gesehen werden.

Noch bedeutender als der Betheler Kirchentag war ja das große Kirchenkonzil für praktische Christentum in Stockholm. Da wurde der ganzen Welt gesagt, daß es den Kirchen ernst ist um die Not. Nun kam neulich ein Mann zu einem Frankfurter Pfarrer und fragte ihn, was die Kirche gegenüber den Arbeiter⸗ entlassungen getan habe? Der Pfarrer konnte sich auf seine

Predigten berufen, in denen er die Gewissen zu wecken versucht Ob aber diejenigen, die es angeht, auch in den evange

hatte. lischen Kirchen zu finden sein werden? Das ist mir eine große Frage. Gibt es heute nicht sehr viele in unserem Volke, denen man eben nur mit der Macht des Gesetzes beikommen kann?

Da kann gewiß die Kirche nicht helfen. Denn sie soll ja vom Staate, der die Gesetze macht, getrennt sein. Aber das Kirchen⸗ voll kann helfen! Es kann sich zusammenschließen, damit Barm⸗ herzigkeit geschehe. Es verändert sich ja so vieles auf diesem Gebiete. Früher kannte man ja nur die Barmherzigkeitsübung von Hand zu Hand. Dann traten Vereine auf, die weit mehr in Liebestätigkeit ausüben konnten als der Einzelne. Heute müssen wir einen Schritt noch weiter gehen. Wir müssen dafür sorgen, daß auch vom Staate aus im öffentlichen Leben Barm⸗ herzigkeit ausgeübt wird!

War nicht Dr. M. Luther ein guter Schüler seines Heilan⸗ des. Hat Luther nicht auch öffentlich aufgefordert, daß den schwer bedrückten Bauern, dem damals sozial tiefststehenden Volksteil, ihr Recht geschehe! Jesus verurteilt scharf das Ver⸗ halten der Pharisäer seiner Zeit. Leider haben wir heute auch noch solche Pharisäer, welche dagegen sein können, daß das evangelische Kirchenvolk will Barmherzigkeit geübt sehen auch im öffentlichen Leben! Liebe Leser, lassen wir uns durch diese nicht irre machen. Wir müssen unserem Herren folgen, indem wir uns der Zeit anpassen. Mögen sie nach alter Mode barmherzig sein! Das Evangelium unseres Heilandes ist aber für alle Zeit da. Der Zeit müssen wir uns anpassen. Darum laßt uns barmherzig sein, damit auch wir Barmherzigkeit erlangen. Amen.

Hr.

Wilhelm Buth, Blicke in die Hessen⸗Darmstädtischen Lande.

Aus den hessischen Volksbüchern. 3. Abschnitt.

der Wellerauer.

(Schluß.)

Das gewöhnliche Los der Weiber in der Wetterau ist kein anderes, als despotisiert zu werden. Gibt es für dieses Geschlecht irgendwo ein irdisches Paradies, so führt der Weg dahin sicher nicht durch die Wetterau. Die Natur ist es, welche die Wet⸗

terauerin so stiefmütterlich behandelte. Der Hauptzug des weib