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Erscheint zunächst wöchentlich am Samstag. Mezugspreis: 50 Pfg. monatlich frei ins Haus. Für Rücksendung ungewünschter Manustripte wird nicht garanttert. Schriftleitung: Edwin Hamburger in Staden(Oberh.)

2. Jahrgang.

Organ der Ebangelischen Volksgemeinschaft

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Druck und Verlag: Gießen, Südanlage 21. Fernsprecher 1302 und 1145, Postscheckkonto 8437 Frankfurt a. M.

Sonnabend, den 11. September 1026.

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An unsere Mitglieder und Freunde!

Auf unserer 1. Reichstagung in Gießen am

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2. Juni v. Is. war beschlossen worden, daß die

2. Reichstagung im Herbst 1926 in Gelsenkirchen

stattfinden solle. Mit Rücksicht darauf, daß voraussichtlich im Volksstaat Hessen im Herbst Landtagswahlen sind, daß wir im letzten Jahr nicht nur in Hessen und Hessen-Nassau, sondern auch in fast allen Gegenden des Reiches viele neue Mitglieder und Anhänger gewonnen haben, berufen wir in Ab

änderung des obigen Beschlusses für

Sonntag, den 3. und Montag, den 4. Oktober 1020 die 2. Reithskagung nach Frankfurt a. M.

Wir bitten heute schon unsere Mitglieder und Freunde, sich für diesen Tag bereit zu halten und nach Möglichkeit für diese

Der 3. Oktober muß ein gewaltiges Bekenntnis zu unserer guten Sache werden. Näheres später.

Mit evangelischem Gruß,

2. Reichstagung zu werben.

Der engere Vorstand der Evangelischen Vollsgemeinschaft:

Professor Niemann-⸗Gelsenkirchen,

.

Bürgermeister Wölker, Lich,

Pfarrer Weidner Ober-Lais.

Die Wirtichaflskrise, eine Krise des Gystems.

Fast klingt es paradox, angesichts all der Plan. losigkeit unseres Wirtschaftslebens von einemSy steme sprechen zu wollen. Aber trotz allem in dieser Planlosigteit, in dieser Verwirrung und Zusam menhanglosigkeit tritt uns das Wesen, tritt uns das System der herrschenden Wirtschaftsordnung am un verhülltesten entgegen. ö

Ganz gewiß, auch innerhalb der idealsten Wirt schaftsordnung werden gewisse akute Spannungen nicht gänzlich auszuschalten sein, aber Krisen von einer sol chen Häufigkeit und einem solch unerhörten Ausmaße, wie sie die moderne Wirtschaftsgeschichte füllen, bedeu ten nichts anderes als das typische Kennzeichen des besser:

herrschenden lapitalistischen oder sagen wir privat kapitalistischen Systems. Und das ist die Tragik alles modernen Wirtschafts

geschehens, daß es Hand in Hand ging mit den Irr⸗ lehren der sogenannten Aufklärung, die das nackte Ich in den Brennpunkt aller Betrachtung stellte, die in dem rein individuellen materiellen Glücke und Pro⸗ fite des Einzelnen das Höchste und Vollkommenste sah und die jeglichen Lebenszusammenhang über das punktuelle, selbstsüchtige Ich, über den gewinn⸗ strebenden Einzelnen hinaus leugnete. Gott schied völlig aus. Und das Glück aller sollte sich ergeben aus der Summierung der Glückszustände der Einzelnen. Jeder halbwegs mit dem Leben der Wirklichkeit Ver⸗ traute wird zugeben, daß ein solch schrankenloser Indi⸗ vldualismus, der selbst den Staat zu einem bloßen Nachtwächter degradierte, der Leben und Eigentum zu schützen, sich aber um sonst nichts zu bekümmern hätte, niemals dasGlück aller verwirklichen kann, daß eine solche Weltanschauung vielmehr lediglich einigen rück

sichtslosen und brutalen Profitjägern das Gewissen 3

Mammonsdienst.

Matthäus 6,24. Niemand kann dienen. Entweder er wird den einen hassen und den anderen lieben; oder er wird dem einen anhangen und den anderen verachten. Ihr lönnt nicht Gott dienen und dem Mammon.

In unserer Zeit wird von allen einsichtigen Leuten Über den weitverbreiteten Mammonsdienst geklagt. Es ist eine Tat⸗ sache der Nachkriegszeit, daß die Menschen sich auf den Mammon gestürzt haben. Kann man es denn menschlich nicht auch ver stehen? Die Leute haben während der schweren Zeit so viel ent behren müssen. Denken wir nur an die Unterkohlrabizeit der Städter. Kommt ihnen nicht heute noch ein Schütteln an, wenn sie daran denken. Was haben wir für ein Brot gegessen! Wie hatten die Männer, welche Arbeit für drei und vier zu leisten hatten, Hunger durchmachen müssen! Wiepsele sind heute noch trant, weil die Unterernährung ihren Körper zermürbte. Als dann die langvermißten und entbehrten Speisen wieder zu haben waren, dann stürzte man sich allenthalben darauf.

Ist dies aber eigentlich gleichbedeutend mit dem, das wir Mammonsdienst nennen? Hat dieser Mammonsdienst nicht ein ganz anderes Gesicht? Da sind Leute reich geworden im Kriege, also in der Zeit, in der Menschen nicht nur ihr Vermögen für das Vaterland hingaben, sondern ihr höchstes irdisches Gut, ihr Leben. Dann kam die Nevolution. Wieder gab es Raffer, welche die günstige Gelegenheit ausnutzten, um Mammon anzu⸗ sammeln. Dann kam die Zeit der Inflation. Wieder wurden Volksgenossen arm, verloren noch alles, was ie aus dem Krieg gerettet hatten. Gleichzeitig wurden aber andere furchtbar reich

zweien Herren

leicht macht, wenn ihrem Geldsack zuliebe auf der ande.

ren Sekte die Massen der Betrogenen und Ausgebeuteten

in Not und Elend verkommen. Das Adam Smith'sche

WerlVom Reichlum der Nationen(1776), das als

die systematische Uebertragung der aufklärerischen Ich Idee auf das Gebiet des Wirtschaftslebens aufzufassen ist, hat leider bis heute die Köpfe und Gemüter voll ständig in seinen Bann geschlagen. Nur so ist es zu erklären, daß von einer Wollhs wirtschaft bis auf den heutigen Tag nicht die Spur zu entdecken ist. Nur so ist es zu erklären, daß die Privat wirtschaft(privare rauben) mit all ihren verheerenden Begleiterschel nungen und Folgen das geltende System geblieben ist. Der Kern dieses Systems aber ist das Ich, ist die Selbstsucht, die alle höheren, alle Gemeinschaftswerte ignoriert, leugnet. Nicht das Volk, nicht das Gemein wohl ist ihm Maß und Motor aller Dinge, sondern die beschränkte Welt des armseligen Ich, der schnöde Pri vatgewinn, der Profit in des Wortes häßlichster Be deutung. Ohne jegliche ethische Prüfung und Begrün dung ist unser gesamtes Wirtschaftsgeschehen lediglich auf die in Geld ausgedrückte, handgreifliche Rentabi lität eingestellt unbekümmert darum, ob das Polk als Ganzes diese Rentabilität mit seinem Niedergang bezahlen muß. Wir sind weit davon entfernt, das wahre Wesen des Kapitals und die Bedeutung der Rente zu verkennen, aber die Art, wie die uneinge schränkte Verfügungsmacht souveräner Einzelner Über die Produktionsmittel zur Befriedigung ihrer persön lichen Profitgier mißbraucht wird, lann nicht scharf ge nug gegeißelt werden. In diesem persönlichen Proflt streben, dem das Allgemeinwohl nichts, die rücksichts lose Sättigung des materialistischen Ich alles bedeutet, findet das planlose Durcheinander des herrschenden kommen Leute daher und geben sich die größte Mühe nachzu weisen, daß sich Gottesdienst und Mammonsbienst vereinsgen lasse. Diese erklären, der Gottesbienst gehöre in die Kirche, auf die Kanzel, der Mammonsdienst gehöre in das Leben, in die Politit, in die Wirtschaft. Man erklärt dann den Glauben als ein Gebiet für sich; das Wirtschaftsleben ist dann auch ein Ge biet für sich. Man fragt sich aber dann, welchen Wert für unser Leben der Glaube haben soll? Man will eben den Glauben fernhalten von dem öffentlichen Leben. Man will die Leute weis machen, sie könnten die besten Christen sein, im öffentlichen Leben aber auf das rlücksichtsloseste den wirtschaftlichen Kampf führen. Diese Leute behaupten deshalb auch, daß Religion und Politit nichts mit einander zu tun hätten. Sie sind auch da gegen, daß ein Pfarrer sich mit seinem christlichen ewissen in das öfentliche Leben begibt. Das sind aber alles nichts anderes als Schliche der Mammonsdiener. Sie fürchten, daß mit dem Lichte des Evangeliums hineingeleuchtet wird in ihre bunklen Machenschaften. Wer ein Christ ist aus echtem Schrot und Korn, der läßt sich durch solche Worte und Reden nicht irte machen Wollen wir bessernd auf unsere im Mammonsdienst versunkene Menschheit wirken, dann ist das nur möglich, wenn wir das Evangelium Jesu Christi hinein in das öffentliche Leben stellen Der Glaube, wenn er nicht Werke hat, ist tot an sich selbst! Der Glaube muß sich beweisen im Leben mit den Mitmenschen, Mammonsbienst lann nur vertrieben werden durch Gottes dienst. Was heißt aber Gott dienen? Es heißt, daß jemand nicht bloß in die Kirche läuft, fromme Worte macht, süße Gefühle hat, den Beichtgroschen zahlt, sondern daß er bereit ist, mit der

Tat sich dem Reich Gottes zur Verfügung zu stellen. Gottes dienst ist Erfüllung des größten und höchsten Gebotes: Gott lieben und die Brüder lieben. Gottesdienst tut der, der das

Statt Dienst an ihrem Volte lannten sie nur Mammonsdienst.

Diesem Mammonsdienst steht schroff gegenüber der Gottes

dienst. Gott und Mammon sind zwei feindliche Mächte, Nun

Wohl der ganzen Gemeinschaft sucht, der nicht genießen will, son dern dienen, der nicht herrschen will, sondern helsen.

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Wirtschaftssystems seine eigentliche Wurzel. Alle Wirt schaftskrisen auch die gegenwärtige inden hier ihre letzte Erklärung,

5 Frellich, unter der Geißel der eisernen Notwendig lelt ist man auch innerhalb der pripatwirtschaftlichen Kreise immer mehr zu der Ueherzeugung gekommen, daß es ganz ohne einen gewissen Zusammenhang, ganz ohne ein gewisses Zusammenarbekten schlechterdings ncht geht. Und gerabe bie pulsende Gegenwart st entsprechend der Ungeheuerlichleit, ber herrschenden Krise fieberhaft an der Arbeit, lartellmäßige Bin, dungen über die Köpfe der Einzelnen hinweg zustande zu bringen. Piese Bindungen beschränken sich schon nicht mehr allein auf die Flächen der elnzelnen Natlo nen, sondern ste greifen herüber und hinüber in die grenzenlose, unstchere Spähre der Internattonalltät. Es sei zum Belege erinnert an das am 11. März begrün⸗ dete internationale Schienenkartell, in welchem eng lische, amerkkanische, deutsche, französtsche, belglsche und luxemburgische Interessen zusammengefaßt sind, es sel erinnert an das Abkommen zwischen dem Deutsch⸗ Ischechischen Röhrenkartell auf der einen und den fran zösischen und belgischen Röhrenfabriken auf der andern Seite über gemeinsame Regelung von WPexkaufs preisen und Absatzgebieten; es sel erinnert an t bie inter nattonalen Kartellzusammenschlüsse in der chemischen, der Textil- und Glasindustrie. Ferner setien heraus gestellt unsere hortzontalen Konzentrationen, die elne Zusammenfassung aller Betriebe eines bestimmten In dustriezweiges bedeuten und den einzelnen Betrieben Einkauf, Produktion und Absatz, ja in gewissen Fällen sogar Stillegung vorschrelben. Daß hiermit die ind olduelle Selbständigkeit der einzelnen beteiligten Unternehmen in weftestem Maße ausgeschaltet wird, er 2250 D

Bruder daneben stirbt und zu Grunde geht, wenn er selbst nur Genuß und Besitz hat; daß das Volt verdirbt, wenn er nur Ge winn hat. Dleses Dienen und Helfen kann es nicht ertragen, daß bie Gesetze darauf hin gemacht werben, daß es dem Einzelnen möglich wird, möglichst plel Geld zu erwerben. Der Staat soll keine Einrichtung sein zum Schutze der Schleber und Ausbeuter, Sehen wir aber darauf das öffentliche Leben an, dann stelgen Der Mammon erschelnt heute noch plel gefährlicher und schäblicher als zur Zeit Jesu. Aus was wird heute nicht alles ein Geschäft gemacht! Selbst das Leben und Wohlergehen des Poltes wird nicht mehr aus selbstlosen Gründen geregelt, sondern nur aus Geschäft und nach geschäft lichen Grundsätzen und für geschäftliche Interessen, Gerabe in unserer Zeit klafft der Spalt zwischen Christentum und Mam

einem die Haare zu Berge,

monsbpienst so weit wie nie Heute müssen wir unsere Zelt genossen baran erinnern, daß Jesus gesagt hat;Ihr könnt nicht Gott bienen und dem Mammon! Es gibt kein Frtebe zwischen beben. Hier scheiden sich die Geister, Ein Mammonsblener lann kein guter Christ sein. Sollen wir uns da groß wundern, daß bie l chrlstlichen Interessen von den bem Gelbe bienenbden Voltsführern mißachtet werben? Neln, bas ist ja ganz begreiflich.

Vielleicht wirft da jemand ein, daß ole christliche Kirche abet auch manchmal dies Jesuwort vergessen hat. Gewiß, dag wollen wir ruhig zugeben Das ist wahr, Es steht keinem schlecht, wenn er gemachte Fehler einsteht und anerkennt. Aber innerhalb der Kirche hat sich immer wieber das Evangellum emporgerungen, Auch heute sind wieder starke Kräfte am Werle, um innerhalb ber Kirchen das reine Evangelium zum Siege zu führen. Gott möge immer mehr Augen öffnen, baß recht plele sehen, was unsetet Zeit nottut, Alle aber mögen fest zu ihrer Kirche stehen, mögen helfen, daß bort der Mammonsgeist be

Jeber Kirche

kämpft ist heute nötig und soll mithelfen, damit rechter Gottesbienst bie Herzen und das Land

wird in seinet

Dieses Dienen und Helfen kann es nicht dulden, daß der

erfüllen. Amen. Or.