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Organ der Evangelischen Volksgemtinschaf
Erscheint zunächst wöchentlich am Samstag. Bezugspreis: 50 Pfg. monatlich frei ins Haus. Für Rücksendung ungewünschter Manuskripte wird nicht garantiert. Schriftleitung: Edwin Hamburger in Staden(Oberh.)
2. Jahrgang.
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Druck und Verlag: Gießen, Südanlage 21. Fernsprecher 1362 und 1145. Postscheckkonto 8437 Frankfurt a. M.
Sonnabend, den 4. September 1920.
Anzeigenpreise: die 30mm breite Kleinzeile auswärts 24 Pfg.,
am Ort 12 Pfg., die 90 mm breite Kleinzeile im Text 96 Pfg.,
Platzvorschriften ohne Verbindlichkeit. Bei Wiederholungen Vergünstigung.
Nummer 36.
An unsere Milglieder und Freunde!
Auf unserer 1. Reichstagung in Gießen am 2. Juni v. Is. war beschlossen worden, daß die 2. Reichstagung im Herbst 1926 in Gelsenkirchen stattfinden solle. Mit Rücksicht darauf, daß voraussichtlich im Volksstaat Hessen im Herbst Landtagswahlen sind, daß wir im letzten Jahr nicht nur in Hessen und Hessen⸗Nassau, sondern auch in fast allen Gegenden des Reiches viele neue Mitglieder und Anhänger gewonnen haben, berufen wir in Ab⸗
änderung des obigen Beschlusses für
Sonntag, den 3. und Montag, den 4. Oktober 1926 die 2. Reithstagung nach Frankfurt a. M.
Wir bitten heute schon unsere Mitglieder und Freunde, sich für diesen Tag bereit zu halten und nach Möglichkeit für diese 2. Reichstagung zu werben.
Der 3. Oktober muß ein gewaltiges Bekenntnis zu unserer guten Sache werden. Näheres später. Mit evangelischem Gruß
Der engere Vorstand der Evangelischen Volksgemeinschaft:
Bürgermeister Völker Lich,
Professor Niemann⸗Gelsenkirchen,
Pfarrer Weidner⸗Ober⸗Lais.
laufen sollen. Da nunmehr am 1. Oktober ds. Is. die neue Verfassung der Landeskirche in Kraft treten kann, soll am 6. September die Landessynode noch einmal zusammentreten, um die letzten Ueberleitungsgesetze zu verabschieden. Die Einführung der neuen Verfassung wird eine neue Zeit für unsere Landeskirche eröffnen. An ihre Spitze tritt nunmehr der Landesbischof, welcher zwar bisher schon diesen Titel besaß, aber noch nicht die entsprechenden Funktionen gemäß der neuen Verfassung ausüben konnte. Die Landessynode wird nach den Be— stimmungen der neuen Verfassung zusammengesetzt, nach denen zwei Drittel der gewählten Mitglieder weltlich sind. Sie erhält aber auch erweiterte Befugnisse und dadurch erst die ihr zukommende Bedeutung. Für die Oberlausitz werden 4 Superintendanturen errichtet, da die Kreishauptmannschaft Bautzen als Konsistorial-Be⸗ hörde durch das neue Gesetz ebenfalls aufgelöst wird. Ein grundlegender Fortschritt und ein längst erstrebtes Ziel ist damit erreicht. Unsere Kirche steht vor der Pforte der vollen Selbstständigkeit.
Dem Landtag liegt ferner eine Gesetzesvorlage über das künftige Verhältnis von Kirche und Staat vor. Es ist das„Gesetz über die öffentlich rechtlichen Religionsgesellschaften“. Es konnte in der letzten Sitz⸗ ung des Landtages nicht mehr verabschiedet werden und mußte für die Septemberverhandlungen des Landtages hinausgeschoben werden. Auch dieses Gesetz wird für die Landeskirche von größter Bedeutung sein, und man darf den Verhandlungen darüber mit Spannung entge⸗ gensehen. Die Landeskirche hat ihre Zustimmung dazu bereits gegeben, freilich nicht ohne auch einige Be— denken dazu auszusprechen. Wir werden in einem spä⸗ teren Brief auf diese wichtige Angelegenheit zurückkom⸗ men.
Brief aus Gathsen.
In einem der früheren Briefe haben wir bereits darauf hingewiesen, daß die Loslösung der Kirche vom Staat bei uns in Sachsen sich ganz besonders schwierig gestaltet. Darin lag auch der Hauptgrund, weshalb unsere Landeskirche, obwohl ihre neue Verfassung schon seit 4 Jahren fertig vorliegt, so lange nicht dazu ge— langen konnte, daß diese Verfassung in Kraft trat. Nun hat es plötzlich den Anschein gewonnen, als ob die Trennungsfrage in raschen Zügen gelöst werden würde. Der sächsische Landtag hat vor einigen Wochen ein Ge⸗ setz angenommen, das für Staat und Kirche große Trag⸗ weite hat und welches als erster Schritt zur völligen Trennung von Kirche und Staat betrachtet werden kann. Es ist das„Gesetz über die Aufhebung von Be⸗ hörden der evangelisch-lutherischen Landeskirche“.
Bekanntlich kam das besonders enge Verhältnis von Kirche und Staat in Sachsen hauptsächlich dadurch zum Ausdruck, daß bei uns die sogenannten Kirchen⸗ inspektionen bestanden, das sind Behörden, die gemisch⸗ ten Charakter trugen, halb staatlich, halb kirchlich, wo neben dem Superindenten auch staatliche und städtische Beamte kirchliche Funktionen vollzogen. Das neue Ge⸗ setz hebt diese Behörden auf, und so können endlich die in der neuen Kirchenverfassung als Ersatz dafür vorge⸗ sehenen Bezirkskirchenämter vom 1. Oktober ds. Is. an in Kraft treten. Man empfand den bisherigen Zu⸗ stand sowohl auf staatlicher, als auch auf kirchlicher Seite immer mehr als ein Unding. Gleichzeitig ist auch das evangelisch-lutherische Landeskonsistorium von sei⸗ nem Charakter als staatliche Behörde befreit und wird nunmehr zu einer rein kirchlichen Behörde werden. Da die finanzielle Trennung von Staat und Kirche noch nicht vollzogen ist, verpflichtet sich der Staat aus⸗ drücklich, daß bis zum Vollzug dieser Trennung die bis⸗ herigen pekuniären Verpflichtungen des Staates weiter⸗
79 Der Christ und die Well. Matthäus 10, 16:„Siehe, ich sende euch wie Schafe unter die Wölfe!“
Es ist zu allen Zeiten den Christen nicht leicht geworden, die rechte Stellung zur Welt zu finden. Das, was wir Welt nennen, steht im Gegensatz zu dem, das wir fromm nennen. In der Welt ist die Sünde. Der Christ soll jedoch darnach trach ten, von dieser Sünde loszukommen. Am leichtesten glaubten schon früher in der Christenheit diejenigen die Freiheit von der Sünde zu erlangen, welche die Welt flohen. Daraus sind ja im Mittelalter die Klöster und Einsiedeleien entstanden. Da hinein flüchtete, wer seine Seele retten wollte. Hinter sich ließ er die sündige Welt. Hinter sich ließ er die Wölfe. Mochten die Wölfe nun Wölfe bleiben, wenn nur diese Mönche und Ein⸗ siedler hinter den Klostermauern ihre Seele retten konnten. Vor dem Klostertor war der Kampf. Hinter ihm war die' be⸗ schauliche Ruhe, der Friede in dem Herrn.
Jeder tief angelegte Mensch hat Stunden der Ruhe nötig. Wer diese Stunden innerer Einkehr nicht braucht, der hat kein tiefes Innenleben. Es sind Augenblicke der Sammlung, Stun⸗ den, in denen man mit seinem Gott allein ist, Minuten, da die
Sachsen ist im ganzen Reiche dafür bekannt, daß sich hier die Kirchenfeindschaft ganz besonders stark aus⸗ wirkt. Diese treibt neuerdings immer merkwürdigere
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In den engen Zellen des Klosters pflegt an der Wand der Gekreuzigte zu hängen. Wir Evangelische fragen ja bei allem, nach der Meinung dieses unseres Herrn und Heilands. Wie steht Jesus zum Kloster und wie zu der Welt? Wenn wir auf sein Leben und seine Worte sehen, dann will uns Jesus gar nicht ins Kloster passen. Sein Bild an den Zellenwänden muß uns stören Denn Jesus hat ja mitten drinnen in der Welt gestanden. Er war eine Kampfnatur, die den Kampf mit der Welt u. in der Welt auf— nahm. Nie hat er zum Verlassen der Welt aufgefordert. Wenn er sich mit seinen zwölf Jüngern in eine einsame Gegend zurückge— zogen und dort ein beschauliches Leben geführt hätte, dann wären keine Pharisäer und Schriftgelehrte gegen ihn aufgetreten, keine Tempelwache wäre zu seiner Verhaftung geschritten, kein „kreuzige, kreuzige“ wäre gerufen worden, kein römischer Statt— halter hätte ein Todesurteil über ihn gefällt. Jesus hätte Freude und Ruhe und Frieden haben können, wenn er die Welt verlassen hätte. Aber Jesus blieb in der Welt. Lieber wollte er Schmach und Leid haben. Täglich ging er in den Kampf gegen die Pharisäer. Er kämpfte mit Anspannung aller Kräfte. Er be⸗ richtigte die falsche Lehren der jüdischen Schriftgelehrten und lehrte die Wahrheit vom Reiche Gottes. Er kämpfte gegen die Unlauterkeit der jüdischen Sittlichkeit und zeigte die christliche
Sorgen unde d Unruhe, der Welt n 5075 n 1 Moral. Jesus war voller Arbeit, voller Tätigkeit, voller Schaf⸗ sind Erholungsstunden für unsere Seele. Wenn wir diese nicht fen. Wo war seine Ruhe? Wenn er einen Steinwurf weit von
haben, dann müssen wir sie uns nehmen. Ansere Seele leidet Not, wenn sie nicht diese Ruhestunden hat. Müssen wir aber deshalb in ein Kloster gehen? Werden wir denn im Kloster alles ideal finden? Im Kloster ist auch nicht alles gut. Dort gibt es wie überall Herren und Knechte, Gute und Böse, Schwer⸗ mütige und Oberflächliche. Was haben wir dann im Kloster gewonnen? Wir wollen in den Ruhestunden der Seele ja die Welt vergessen. Aber wir wollen doch nicht aus der Welt in eine andere„Welt“ fliehen!
seinen Jüngern ging, wenn er in heißem Gebet allein war mit seinem Vater im Himmel; das waren seine Ruhestunden. Ruhe und seinen Frieden fand er bei Gott. Das waren aber dann wieder Stunden, die ihn zu neuem Wirken kräftigen. Ohne Wirken konnte er nicht sein. Sein Platz war bei den Menschen Seine Aufgabe war, gerade den kranken Seelen die Heilung, den unfriedsamen Menschen den Frieden, den Gefallenen Rettung, den Leidenden Trost, den Suchenden Hoffnung zu bringen.
Seine
Blüten. So wird aus Leipzig berichtet, daß dort wiederholt bei öffentlichen Umzügen von links radikaler Seite die Kirche dadurch verhöhnt und verspottet wor— den ist, daß bei diesen Umzügen ein Mann als Geist⸗ licher verkleidet auftrat. So geschah es erst kürzlich wieder bei einem Umzug, den das sozialdemokratische Ortskartell und ein Schreberverein in Leipzig-Möckern veranstalteten, wobei etwa 20 kleinere Kinder mit ge— führt wurden, die von einem als Pfarrer verkleideten Teilnehmer an Bändchen geleitet wurden. Dieser trug Talar, Barett und einen angeklebten Vollbart. Auf eine daraufhin erstattete Anzeige von Seiten des Leip⸗ ziger Bürgerbundes wurde demselben vom Polizeiprä⸗ sidium folgender Bescheid zuteil: „Diese Gruppe sollte den angeblichen Einfluß der Kirche auf die Schule darstellen. Da die Gruppe durchaus sachlich gehalten war, liegt für das Polizei— präsidium kein Anlaß zum Einschreiten vor. Soweit die Geistlichkeit von Kirchen durch die Darstellung beleidigt sein sollte, ist es Sache der Kirchengemeinde, gegen die Darsteller wegen Beleidigung Klage zu erheben.“
Eine Verfolgung der Angelegenheit wurde abge— lehnt. Da die andere Seite nicht ruhte, sah sich das Polizeipräsidium bald darauf zu einem zweiten Ant⸗ wortschreiben genötigt, in dem es allerdings heißt:
„Hinsichtlich des kirchenfeindlichen Umzugs in Leip⸗
zig⸗Möckern am 11. Juli 1926 sind dem Polizeipräsi⸗ dium jetzt weitere Tatsachen bekannt geworden, die eine Aufnahme der Erörterungen wieder notwendig machen und zu einer anderen rechtlichen Beurteilung führen dürften. Nach Abschluß des Verfahrens wer⸗ den Sie erneut Mitteilung erhalten.“
Ferner ist ein neuer Streiter in die Kampffront gegen die Kirche eingetreten. Die„Chemnitzer Volks⸗ stimme“ berichtet:„Eine Schar von Lehrern, die er⸗ kannt hat, daß wir mit Protesten die Machtansprüche
Die gleiche Wirksamkeit in der Welt forderte er von seinen Jüngern. Was würde Jesus sagen, wenn sich Petrus in einen Vatikan zurückgezogen hätte, wie der Papst, welcher doch der Nach— folger sein will! Nein Jesus versammelte sie um sich, sah ihnen scharf in die Augen und sagte:„Siehe, ich sende euch wie Schafe mitten unter die Wölfe!“ Das ist das glatte Gegenteil von klösterlicher Weltflucht. Er läßt sie auch nicht im Zweifel, daß es Kämpfe kostet in der Welt mit den Wölfen. Er feuert sie dennoch an, treu in der Welt auszuhalten. Sie sollen fröhlich und getrost sein bei allen Schwierigkeiten. Denn wenn hier Kampf ist, dann ist im Himmel Ruhe. Dort wird ihnen ihre Treue gelohnt werden.
Daraus dürfen wir nun die rechte Stellung zur Welt uns ableiten. Auch für uns gilt es, was Jesus seinen Jüngern sagt Nicht die Weltflucht gibt uns den Boden, auf dem wir unsere Lebensaufgabe lösen können. Leben heißt wirken, schaffen, kämp⸗ fen. Leben heißt für etwas Großes sterben können. Darum ge⸗ hören Christen nicht auf den Klosterhof oder in die Einsiedler⸗ hütte. Christen müssen in der Arbeit stehen auf dem Acker, in der Fabrik, in den Arbeitsstuben. Sie müssen sein„unter den Wölfen“. Dort will uns der Herr haben. Wenn wir müde wer⸗ den, wenn wir schwach zu werden drohen, dann wollen wir an ihn denken, an den Mann am Kreuz.
Volk des Herrn! Du hast hienieden
Einen langen, schweren Streit;
Kämpfe sind dir hier beschieden,
Friede in der Ewigkeit.
Lege an die rechte Wehre,
Stehe auf dem ew'gen Fels,
Daß dir Sieg und Heil beschere
Er, der Heiland Israels! Amen. Hr. **


