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Mitteldeutsche Sonutags⸗Zeitung.
Nr. 13.
sich berufen, über die Sittlichkeit des Volkes zu wachen. Wenn dann die unvermeidlichen Folgen ihres verbrecherischen Treibens offenbar werden, wenn Trunk sucht, Prostitution, Roheitsdelikte, Diebstahl, Bettelei, Vagabundage c. ꝛc. immer mehr zunehmen, schreien sie„in sittlicher Entrüstung“ nach der Hülfe der Polizei und der Justiz, nach brutalen Vergewaltigungsgesetzen, nach Verschärfung der Strafen und empfehlen die Ent reschtung und Knebelung der Arbeiterklasse. Wenn sich das werk— thätige Volk alles das klar macht, muß es zornentflammt der Parole folgen: Nieder mit dem Brotwucher! a
politische Rundschau.
Gießen, den 28. März. Der hessische Landtagsgesetz⸗Entwurf
wird vielfach— auch von Parteiblättern als Muster eines volkstümlichen und liber⸗ alen Wahlgesetzes angesehen. Vei genauerer Durchsicht stößt man jedoch auf eine Reihe Be⸗ stimmungen, die das Wahlrecht gerade der Ar— beiter ganz empfindlich beeinträchtigen und die man getrost als rückschrittlich bezeichnen kann. Unsere Partei dürfte bei diesem Wahl⸗ gesetz sawerlich mehr Erfolge als bisher er— zielen. Wenn die Scharfmacher- und antise⸗ mitische Presse schimpft, daß der Entwurf zu weit gehr, zu„radtkal“ sei, so ist das ja selbst⸗ verständlich; der Uebergang von der indirekten Wahl zur direkten Wahl ist ja immerhin ein Fortschritt. Wir werden uns mit der Vorlage in der nächsten Nummer eingehend beschäftigen.
Die Autorität der Krone.
Freitag vorige Woche empfing der Kaiser die Präsidenten des preuß. Abgeol dnetenhauses, die ihn anläßlich des Bremer Unfalles beglück⸗ wünschten. Auf die Ansprache des Präsidenten Kröcher, der das Bremer Vorkommnis mit den Attentaten von 1878 verglichen hatte, beklagte der Kaiser das schmerzliche Ereignis, daß ihm zugestoßen sei. Mit sichtlicher Bewegung hob er die Zeichen der Zeit hervor. Die Jugend sei demoralisiert. Alle Stände ohne Unterschied trügen die Schuld an diesen Zust änden. Die Maßnahmen der Staats⸗ regierung würden einer zu scharfen Kritik unterzogen. Seit dem Tode Kaiser Wilhelm J. habe die Autorität der Krone stark ge⸗ litten. Diese Bemerkung des Kaisers wird viel besprochen. Der„Vorwärts“ bemerkt da⸗ zu, während aus den Reden des Kaisers sonst ein Hochgefühl von Kraft und Macht gesprochen habe, zeigten seine Worte eine ge⸗ drückte Stimmung.— Daß die Autorität (Ansehen) der Krone gelitten hat, ist sehr wohl möglich. Durch die vielen Majestätsbeleidigungs⸗ prozesse ist sie sicher nicht gehoben worden.
Reichs tagsdiäten.
Während der Reichskanzler Graf Bülow der Einführung von Diäten für Reichstags⸗ abgeordnete zustimmt, soll nach Mitteilung der „Frankf. Ztg.“ der Kaiser ein Gegner davon sein, wenigstens wenn nicht„Kompensationen“ dafür eintreten. Mit anderen Worten: man sieht sich genötigt, Diäten zu gewähren, will aber dafür dem Volke das Wahlrecht ver— kümmern. Sache der Sozialdemokratie wird es sein, reaktionäre Vorstöße dieser Art zu ver⸗ eiteln; sie ist die einzige Partei, die gegen 1 der Volksrechte entschieden an⸗ ämpft.
Lohn für treue Dienste.
Für den Wiederausbau der Hohkönigs⸗ burg bewilligte bereits vor dem Reichstag der elsässische Laudesausschuß einen entsprechenden Kredit. Wenige Tage darauf erschien eine Verfugung, laut welcher die Ausweisungs⸗ ordre gegen 657 Personen in Elsaß⸗ Lothringen auf Grund des Diktaturparagraphen, zurückgenommen wurde. So erfreulich die
gart zur Verhandlung kommt.
Zurücknahme der Ausweisung unschuldiger Leute unter gewöhnlichen Umständen wäre, so traurig erscheint sie als Folge des Verhaltens der elsässischen Volksvertreter, die sich höheren Wünschen so willfährig zeigten.
Feiner Ministerpräsident.
Der württembergische Kriegsminister und Präsident des Staatsministeriums Schott von Schottenstein trat kürzlich aus Gesundheitsrücksichten einen„Urlaub“ an. Unabhängige Blätter— zuerst unser Stutt⸗ garter Parteiorgan— ergänzten die Meldung sofort durch die weitere Mitteilung, daß der Minister kaum wieder auf seinen Posten zurück⸗ kehren werde, weil er in einen Skandal⸗ prozeß verwickelt ist, der demnächst in Stutt⸗ Ein in Stutt⸗ gart verbreitetes Gerücht, nach welchem der Minister Selbstmord begangen habe, bestätigte sich nicht; wohl aber wird der Selbstmord des Artillerieleutnants Baumgärtner in Lud⸗ wigsburg, der Tod des Oberforstrats v. Speidel und der Rücktritt des Generals v. Falkenhausen mit der„Krankheit“ des Ministerpräsidenten in Zusammenhang gebracht.
Der geschundene Hofprediger.
Ueber den Verlauf und das Resultat der Stöcker-Debatte im Reichstage(s. Reichs⸗ tagsbericht) schreibt der nationalliberale „Hannoversche Kurier“:„Stöcker war so in die Enge getrieben, daß er kaum noch in zusammen⸗ hängenden Sätzen antwortete. Er stammelte wiederholt, daß er ohne Makel sei und daß diese Debatte auf ihn gar keinen Eindruck mache. Niemand nahm sich seiner an, er stand allein. Das ganze Haus atmete vernehmlich auf, als der Abg. Stadthagen seinen Ordnungsruf weg hatte— es war der letzte von 12—, und der Präsident endlich verkündete, daß die Debatte geschlossen set. Unmittelbar darauf sah man Herrn Stöcker bleich mit schlotternden Knien zum Sitzungssaal hinausschleichen, den er heute nicht wieder betrat. Stöckers Rolle ist ausgespielt. Wenn er noch einen Funken von Selbsterkenntnis besitzt, wird er den Reichs⸗ tag nicht wieder betreten. Man kann nur immer wieder fragen: Was veranlaßte Herrn Stöcker, dieses Strafgericht selbst über sich heraufzubeschwören? Sollte er wirklich geglaubt haben, sich durch rednerische Erfolge gegenüber den Sozialdemokraten irgendwo rehabilttieren zu können? Dann ist die Rechnung fehlge— schlagen. Er hat nicht nur die Schlacht ver⸗ loren, sondern auch der Sozialdemokratie zu einem verhältnismäßig mühelosen Triumph verholfen.“ Ueber die Niederlage dieses heuch— lerischen Pfaffen wird jeder Wahrheitsfreund innige Freude empfinden. Der„Hannov. Kurier“ schätzt aber den teuren Gottesmann zu hoch ein, wenn er glaubt, daß dieser dem Reichstag fern bleiben werde. Dafür ist er doch zu abgebrüht.— Verschiedene Muckerblätter versuchen die moralische Vernichtung Stöckers in eine Niederlage der Sozialdemokratie umzu⸗ lügen. Sie retten aber den Freund nicht mehr. — Er selbst verössentlichte in Berliner Blättern eine Danksagung für die ihm anläßlich dieser Debatte angeblich zugegangenen Glück⸗ wünsche. Deshalb aber wird das allgemeine Urteil über ihn nicht günstiger lauten.
Die„Ablösung“ der Sozialdemokratie
erklären bekanntlich die Nationalsozialen in lächerlicher Großsprecherei für ihre Aufgabe. In dieser Richtung gaben sie sich seit Jahren die redlichste Mühe, man kann aber nicht sagen, daß sie schon weit damit gekommen wären. Im Gegenteil griff im Laufe der Zeit die „Ablösung“ in ihren eigenen Reihen in höchst bedenklicher Weise um sich. Trotzdem unternahm der Pfarrer Naumann kürzlich einen derartigen„Ablösungsversuch“ im Wahl⸗ kreise des Genossen Auer, im 17. sächs. Kreise Glauchau-Merane. Der Vorstoß Naumanns verunglückte aber vollkommen. Ju einer über⸗ füllten Versammlung in Glauchau entwickelte er das nationalsoziale„Programm“. In der Diskussion trat ihm Genosse Schöpflin⸗
Chemnitz entgegen, wobei es zu einer scharfen Auseinandersetzung zwischen Naumann und Schöpflin kam. Unser Geunosse schlug am Schlusse seiner Ausführungen folgende Reso⸗ lution vor:
„Die am 19. März im„Weißen Roß“ tagende Volksversammlung erklärt, daß sie nur allein in der Sozialdemokratie die wahre und richtige Vertreterin der arbeitenden Klasse er⸗ blickt. Am allerwenigsten aber ist die Ver⸗ sammlung geneigt, Herrn Naumann und seinen wenigen Getreuen zu folgen, da die Versamm⸗ lung sich der Befürchtung nicht verschließen kann, daß er als ‚Arbeiterfreund“ dem arbeitenden Volke gelegentlich einmal eben solche Ueberraschungen bieten würde, wie als Christ
und ehemaliger Pastor der gesamten Welt durch
seine Hunnenerklärung. Die Versammlung ist ferner der Ansicht, daß Herrn Naumann sowohl seine Arbeiterfreundlichkeit, wie sein Eintreten für die Weltmachtspolitik teilweise nur Mittel zu dem Zwecke sind, um gegebenen Falles mit Hülfe des einen oder anderen eine Rolle in Deutschland zu spielen; deshalb sein eifriges Paktieren mit beiden. Die Versammlung er⸗ klärt, zu Herrn Naumann als Politiker kein Vertrauen zu haben, und wird seinem Bestreben, unter die Arbeiterschaft im 17. Sächsischen Reichstags-Wahlkreise Zwietracht zu bringen, in der energischsten Weise entgegenzutreten.“
Herr Naumann bekämpfte die Resolution auf's Heftigste und nannte es eine schreiende Ungerechtigkeit von Schöpflin, eine derartige Resolution gegen ihn zu fassen. Obwohl Herr Naumann die größte Registern seiner bedeutenden Beredsamkeit zog, es war vergebens: mit einer, guten Neunzehntelmajorität erklärte sich die Versammlung für die Resolution. Damit ist das Sqicksal des nat onalsozialen Eroberungsversuches im 17. Sächsischen Kreise besiegelt. Herr Naumann wird einsehen müssen, daß Glauchau-Merane kein Operationsfeld für seine Weltmachtspropa⸗ ganda ist. Die in Glauchau angenommene Resolution trifft den Politiker Naumann sehr hart— aber nicht unverdient.— Eine gleiche Niederlage holte sich Herr Naumann in Meranue, wo ebenfalls eine mächtige Ver⸗ sammlung gegen etwa zehn Stimmen eine die Naumann'sche Politik abweisende Resolution annahm.
Stumms Gewaltherrschaft.
Nach dem Tode König Stumms stimmte selbstverständlich die Scharfmacherpeesse beweg— liche Klagen über den Verlust des ausgezeichneten Mannes, guten Patrioten und großen Wohl⸗ thäters an. Aber auch Gegner Stumm'scher Politik stellten ihm als Meusch, Politiker und Arbeitgeber gute Zeugnisse aus. Di ist inter⸗ essant, was in der Zeitscheift„Zukunft“ über ihn erzählt wird. Es heißt da:
„Wenn er sich ärgerte, wenn etwas ihm unbequem war, setzte er sich in den Schnell⸗ zug und fuhr zum Oberpräsidenten oder nach Berlin zum Minister und ruhte nicht, bis sein Wunsch er füllt, der Gegenstand seiner Beschwerde beseitigt war. Wenn er in den Parlamenten auf Schwierigkeiten stieß, ver⸗ sammelte er die wichtigsten Abgeor d⸗ neten im Kaiserhof um seinen Tisch und hatte sie, noch ehe der Kaffee serviert wurde, in seines Willens Richtung ge— zwungen. Er war so verwöhnt, daß seine Wut keine Grenze kannte, wenn er irgendwo Widerstand fand. Namentlich in den letzten Jahren war er, in dessen Familie
zwei Fälle pfychischer Erkrankung vorge⸗ kommen waren, hypernervös geworden. Sein Selbstbewußtsein nahm krankhafte
Formen an. Er wähnte sich zum Reichs⸗ retter geboren. Die Brutalität seiner Rede steigerte sich, im Verkehr mit minder Mächtigen versagten die Hemmungen und schlotternd sahen seine journalistischen Dienstboten ihn nahen.„Welcher Ochse hat denn diesen Artikel geschrieben?“„Welches Rindvieh hat die Notiz in die Zeitung gebracht?“
So wetterte er und schimpfte von früh bis
spät.“
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