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Nr. 13.
Gießen, Sonntag, den 31. März 1901.
8. Jahrg.
Redaktion: Kirchenplatz 11. Schloßgasse.
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Mitteldeutsche
Nedaktionsschluß: Donnerstag Nachmittag 4 Uhr
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Die Mitteldeutsche
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Für die nächste Zeit
stehen der Arbeiterschaft sowie der ganzen un⸗ bemittelten Bevölkerung wiederum heftige Kämpfe bevor. Brotwucherer und Ausbeuter aller Art suchen mit allen Mitteln die Gesetz⸗ gebung zur Ausplünderung und zur Entrech⸗ tung der Massen aus zunützen. Viel zu schwach stehen die Besitzlosen in den politischen und wirtschaftlichen Kämpfen der Junker⸗ und Ka⸗ pitalistenmacht gegenüber, weil tausende Ar- beiter teilnahmslos bei Seite stehen, die ihre Lage noch nicht erkannt haben. In solchen Zeiten muß aber jeder entschieden Stellung nehmen! Wer es nicht thut, unterstützt seine ärgsten Feinde.
Wer seine Rechte wahren und seine Inter⸗ essen verteidigen will, muß jederzeit unterrichtet sein über die Vorgänge des öffentlichen Lebens. In dem Kampfe gegen die Ausplünderer mußte die soztaldemokratische Partei die Führung übernehmen; Pflicht aller wirtschaftlich Schwachen ist es, sie zu unterstützen.
Die Sozialdemokratie ist naturgemäß das größte Hindernis für die Interessenpolitik der herrschenden Klassen.
In der Vertretung der Volksinteressen, im Kampfe gegen Herrschsucht und Ausbeutung steht die sozialdemokratische Presse und damit auch die„MitteldeutscheSonntags⸗ Zeitung“ im Vordertreffen. Sie sind die Waffen, mit welchen die Arbeiter ihre Rechte und ihre In⸗ teressen verteidigen können. Diese Waffen werden um so wirksamer sein, je weiter ihre Verbreitung im Volke ist.
In keiuer Arbeiterfamilie sollte ein sozial⸗ demokratisches Blatt fehlen!
Viele aber, die auf den Ehrennamen eines Sozialdemokraten Anspruch erheben, halten das Parteiorgan nicht, unterstützen vielleicht gar gegnerische Blätter. Auch in dem Verbrei⸗ lungsgebiete unseres Blattes steht trotz der Zunahme der Abonnentenzahl in der letzten Zeit diese noch in keinem Verhältnis zu der Zahl der bei der Reichstagswahl abgegebenen Stimmen. Es giebt deshalb noch viel zu ar⸗ beiten! Genossen! Benützt den Quartals⸗ wechsel um neue Abonnenten für die Mittel⸗ deutsche Sonntagszeitung zu gewinnen. Das Blatt ist zum Preise von
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Verderbliche Folgen der Lebensmittelteuerung.
Schon öfter ist darauf hingewiesen worden, daß die durch Nahrungsmtttelzölle künstlich hervorgerufene Verteuerung der notwendigsten Lebensmittel zunächst zur Verschlechterung der Lebenshaltung der nur auf ihren kärglichen Lohn angewiesenen Arbeitermassen, damit aber auch zugleich eine Zunahme der Verbrechen bewirken. Die Folgen der Brot⸗ wucherpolitik sind geradezu fürchterliche. Wenn
Arbeiter von einem unter 900 Mark bleibenden oder 900 Mark wenig übersteigenden Jahres- einkommen 80 bis 100 Mark Brotsteuer entrichten sollen, so kann das nur dadurch möglich gemacht werden, daß sie sich und ihrer Familie noch mehr harte Entbehrung ein als seither auferlegen. Sie sind gezwungen, ihre so wie so schon unzureichende Lebenshaltung noch weiter erheblich zu verschlechtern. Schon jetzt bewirkt der Mangel am Nötigsten, daß die Gesundheit der großen Massen des arbeitenden Volkes untergraben und vernichtet wird. Den klarsten Beweis dafür liefert die amtliche Statistik über die Erkrankungs⸗ häufigkeit und die Sterblichkeit sowie deren Ursachen. Die Empfänglichkeit der arbeitenden Klassen für alle infektiösen Krank⸗ heiten und besonders die Ausbreitung der Tuberkulose erklärt sich aus dem niederen Ernährungszustand dieser Klassen. Die Schwindsucht ist eine echte und rechte Elends⸗ f euche. Alle ärztlichen Statistiker sind einig in dem Urteil, daß die Lungenschwindsucht um so häufiger als Todesursache auftritt, je un⸗ günstiger die allgemeine Vermögens- und Lebens⸗ lage sich gestaltet. Alle Mittel zur Bekämpfung dieser verheerenden Krankheit können keinen nennenswerten Erfolg haben, so lange die arbeitenden Volksschichten nicht imstande sind, ihre Ernährungsbedürfnisse in entsprechender Weise zu befriedigen, überhaupt ihre Lebens⸗ haltung so zu heben, daß sie einem wirklich menschenwürdigen Dasein entspricht. Jede Verteuerung der Lebensmittel steigert das Elend und damit auch die Krankheitshäufigkeit und die Sterblichkeit. Eine wissenschaftliche Autorität, Dr. Gollmer, sagt:„Von sämt⸗ lichen Faktoren, die bei der Prophylaxe(Ver⸗ hütungsmaßregeln) gegen die Lungenschwind— sucht in Betracht kommen, ist die Versorgung der wenig bemittelten und armen Volksmassen mit reichlichen kräftigen und dabei billigen Ernährungs mittel bei weitem der wichtigste. Und die Frage, wie sich eine solche Versorgung ermöglichen läßt, ist die dringendste Aufgabe, mit deren Lösung sich alle beschäftigen sollten, denen eine Hebung der Volkskraft, des Volkswohles durch Minderung der Tuberkulose am Herzen liegt.“
Eine Agrarpolitik, die die wichtigsten Le⸗ bensmittel des Volkes verteuert, verhindert nicht nur die Lösung dieser Aufgabe, sie vermehrt sogar durch die Verschlechterung der Ernäh⸗ N die Opfer der Lungenschwind⸗ ucht.
Längst ist bekannt, daß mangelhafte Er⸗ nährung und mangelhafte Wohnung, wie über⸗ haupt eine von Not und Entbehrung bestimmte Lebenshaltung auch die Hauptschuld an der Ausbreitung des Alkoholismus in den arbei⸗ tenden Klassen trägt. Bei sinkender Volkser⸗ nährung nimmt der Branntweinkonsum zu; diese Zunahme ist die regelmäßige Begleit⸗ erscheinung jeder Verteuerung der Lebensmittel. Und dieselben Agrarier, die ihre Riesenpro⸗ fite aus dem Verbrechen des Brot- und Fleisch⸗ wuchers ziehen, gewinnen auch noch aus dem gesteigerten Branntweinkonsum; denn der Fusel ist ja bekanntlich auch ihr Pro⸗ dukt, dessen Absatz sie monopolisiert haben (Spiritusring), so daß sie seinen Preis beliebig
erhöhen können, während sich zugleich die Branntwein⸗Liebesgabe steigert, die das Volk ihnen entrichten muß.
Zahlreiche wissenschaftliche Autoritäten be— stätigen, daß die Werbesserung der Volks⸗ ernährung das wirksamste Mittel zur Be⸗ kämpfung des Alkoholismus ist, während un⸗ zureichende Ernährung die Verbreitung der Schnapspest begünstigt. So sagte schon vor mehr als 20 Jahren Sanitätsrat Dr. Baer in seinem Werke über den Alkoholismus:
„Je armseliger der Arbeiter sich nährt, desto größer sind die Anstrengungen, die er machen muß, um für eine bestimmte Arbeits⸗ leistung den nötigen Kraftaufwand zu ermög⸗ lichen. Je ungenügender die Nahrung an Menge und Beschaffenheit, um so größer der Mangel an Arbeitskraft. Unter solchen Ver⸗ hältnissen spielt der Branntwein die Rolle des Wohlthäters, durch dessen häufige Wohlthaten der Körper bald seine ganze Arbeitsleistung einstellen muß. Der Branntwein ist nicht im Stande, wie ein geeignetes Nahrungsmittel, verausgabte Kräfte zu ersetzen und am aller⸗ wenigsten ohne schädliche Nebenwirkung und üble Folgen. Weil der Arbeiter die ausreichende Nahrung nicht hat, greift er zu dem trügerischen Alkohol, der ihn für den Augenblick über das Manko an Kraft hinweghilft. Je öfter er aber zu dem Schnaps greift, desto weniger kann er von ihm lassen, er ist der Trunksucht früher oder später ver— fallen. Die Beschaffung einer guten Nahrung ist das beste Mittel, den Arbeiter vor den Gefahren des Alkoholismus zu schützen.“
Durch Versorgung der arbeitenden Bevölke- rung mit guten und billigen Nahrungsmitteln würde die„physische Gesundheit, die Arbeitsfähigkeit und die Lebensdauer der arbeitenden Klasseu gesteigert und die Trunksucht beseitigt, die aus Mangel an geeigneten Nahrungsmitteln entsteht“.
Nicht nur das. Wird den arbeitenden Klassen der Kampf ums Dasein erschwert, ihre Lebenshaltung verschlechtert, so gewinnt auch die Prostitution mit allen ihren schlimmen Be⸗ gleiterscheinungen an Ausbreitung. Ebenso ist die Zunahme der Eigentums verbrechen (Diebstahl, Betrug ꝛc.) eine regelmäßige Folge der Lebensmittelverteuerung. Hierfür existieren unanfechtbare, auch von konservativer Seite an⸗ erkannte Beweise. Hervorragende Statistiker haben dies überzeugend nachgewiesen. Für je⸗ den Einsichtigen ist übrigens dieser verderbliche Einfluß der Erhöhung der Lebensmittelpreise ohne Weiteres klar.
So schließt die agrarische Zollpolitik ein Verbrechen am Volke und an der Kultur in sich. Ihre Wirkungen gipfeln in einer un⸗ berechenbaren Verwüstung der Gesundheit und der Sittlichkeit des Volkes. Es ist eine Mordpolitik; ihr fallen beständig zahllose Menschenleben, eineunermeßliche Summe von Menschenglück zum Opfer. Millionen müssen ihre Gesundheit lassen, im Elend sterben,
damit eine gewissenlose Sippe„cristlicher“ Grundherren ein sogenanntes„standes— gemäß es“ Leben führen kann. Und diese
Gesellschaft, die durch ihre Wucherpolitik dem Laster und Verbrechen Vors hub leistet, dünkt


