Ausgabe 
30.6.1901
 
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Seite 6. Mitteldentsche Sonntags⸗Zeitung. 5 5 1 i und mindestens vier Jahre in dem betreffenden schlecht. Und obwohl Fritz vom Kochen be⸗ Arbeiterbewegung. Ort wohnen oder aber deutend weniger verstand als vom Essen, so

S. A. Zum Glasarbeiterstreik in Nienburg. In der Kantine der H. Heyeschen Glasfabrik, dem Aufenthalt für die Arbeits⸗ willigen, ist es schon wieder einmal zu Schlä⸗ gereien gekommen. Der Direktor wurde von den rufsischen Arbeitswilligen mit Messern bedroht, so daß er sich mit einem Revolver die Gesellschaft vom Leibe halten mußte. Die hiesigen Blätter haben die Geschichte totgeschwie⸗ gen. Den arbeitswilligen Messerhelden geschah nichts weiter, als daß sie per Schub in ihre Heimat spediert wurden. Ausschreitungen sei⸗ tens der Arbeitswilligen sind gar nicht selten. Hier stationierte Gendarmen erklärten;Auf die Streikenden sollen wir achten, und mit den Arbeitswilligen müssen wir uns herumärgern. Der Streik geht ruhig und unverändert weiter.

Hirsch⸗Dunkerianer und Sozial⸗ demokratie. Am Pfingsten tagte in Köln der Verbandstag des Hirsch-Dunkerschen Ge⸗ werkvereins. Unter anderem standen dort auch die Anträge zur Beratung, welche die Beseitigung jenes famosen Reverses bezwecken, nach welchem eintretende Mitgliederunterschreiben müssen, daß sie nicht Sozialdemokraten sind. Der Verbandsanwalt Dr. Mar Hirsch wandte sich lebhaft gegen die beantragte Be⸗ seitigung des Reverses. Er malte den Zu⸗ hörern aus, wie die Sozialdemokraten in Massen in die Gewerkbereine eintreten, um sich deren Millionenvermögen anzueignen. Die fette Beute lohne, einige kausend Mark Beiträge zu riskieren. Das seien keine Gespenster, sondern die Möglichkeit sei vorhanden und man müsse damit rechnen. Die meisten der nachfolgenden Redner sprachen gegen den Revers. So meinte Hübner⸗Leipzig: Durch den Revers mae man Heuch er. Er nütze gegenüber den Unter⸗ nehmer nichts. Solange man mit dem Unter⸗ nehmertum durch dick und dünn ge⸗ gangen sei, sei das anders gewesen. Seitdem man aber Forderungen stelle, werde man eben⸗ 10 behandelt wie sozialdemokratische Arbeiter. Aehulich sprachen sich eine Anzahl andere Redner aus. Das Ende der langen Debatte war, daß der Antrag auf Beseitigung des Reverses mit 28 gegen 20 Stimmen abgelehnt wurde. Müssen merkwürdigeArbeiter f l derartiges bieten lassen. Uebrigens wird sich wohl die ungeheuerliche Bestimmung nicht mehr lange aufrecht erhalten lassen.

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5 177 20 2 zin onen Die Gemeinderatswahl in Hessen

Mit Hinsicht auf die bevorstehenden Gemeinderats⸗ wahlen in zahlreichen Gemeinden Hessens ist es jetzt wohl augebracht, das Wichtigste aus den Bestimmunge über den Gemeinderat mitzuteilen.

Zusammensetzung des Gemeinderats. Laut Artikel 11 des Gesetzes, betreffend die Landge⸗ meinde⸗Ordnung für das Großherzogtum Hessen, besteht der Gemeinderat in Gemeinden bis zu 3000 Seele aus 9, von 3000 bis zu 5000 Seelen aus 12 Mit⸗ gliedern. Die Hälfte des Gemeinderats muß aus dem höch stbesteuerten Drittteil der Wählbaren gewählt werden Unter 9 Gemeinderäten müssen 5, unter 15 müssen 8 Höchstbesteuerte sitzen.

Daraus ist zu ersehen, daß auch im Gemeinderat die Vertreter der Großen in der Mehrheit sind; ein Grund mehr für die Kleinen, fest zusammenzu⸗ halten, damit wenigstens die übrigen Mitglieder des Gemeinderats Kleine sind, und zwar solche von echtem Schrot und Korn.

Amtsdauer. Die Wahl des Gemeinderats er⸗ folgt auf neun Jahre. Alle drei Jahre scheidet ein Drittel der Mitglieder aus und wird durch Neuwahlen ersetzt.

Wenn vor der regelmäßigen Ergänzung mehr als ein Dritttell der Gemeinderatsmitglieder abgegangen ist(Todes fälle usw.) oder wenn der Gemeinderat etwa aufgelöst wird, so wird die Ersatzwahl in der Zwischen⸗ zeit vorgenommen.(Art. 12.)

Wer kann wählen? Jeder 25 Jahre alte Einwohner der Gemeinde, wenn er vom 1. April 1900 ab Gemeindesteuern in dem betreffenden Orte gezahlt hat und am Tage der Wahl bei dieser Steuer nicht länger als zwei Monate mit dem zuletzt fällig ge⸗ wesenen Ziel im Rückstande ist. Jedoch muß der Be⸗ treffende:

1. entweder die deutsche Reichsangehörigkeit besitzen Gahyern und Elsaß⸗Lothringen sind ausgeschlossen),

2. Orts bürger der betreffenden Gemeinde sein, in welchem Fall er auch wählen darf, wenn er wenigstens seit dem 1. April 1900 Gemeinde⸗ steuern zahlt.

25 Jahre alte und seit dem 1. April 1900 in dem betreffenden Orte gemeindesteuerpflichtige Bayern und Elsaß⸗Lothringer können bei den Gemeinderatswahlen nur dann wählen, wenn sie die hessische Staats⸗ angehörigkeit erwerben, in welchem Fall sie aber, um wählen zu dürfen 4 Jahre in dem jeweiligen Orte wohnen müssen oder aber, wenn sie auch noch Ortsbürger werden, in welchem Fall sie dann um wählen zu dürfen, vom 1. April 1900 ab daselbst Gemeindesteuern bezahlt haben müssen. Ortsbürger kann somit nur derjenige werden, welcher zuvor hessischer Staatsbürger ist oder wird.

Jeder 25 Jahre alte Einwohner, welcher seit 1. April 1900 an dem jeweiligen Orte wohnt, und aus irgend einem oben angeführten Grunde nicht wählen darf, kann wählen, wenn er das Universalmittel ergreift und einfach Ortsbürger wird. Seine seitherige Staatsangehörigkeit braucht derselbe, wenn er hessischer Staatsbürger oder Ortsbürger werden will, nicht aufzugeben, sondern er kann ruhig auch noch Mitglied eines anderen Staats nebenbet bleiben.

Wählbar zum Gemeinderat ist Jeder, der stimmberechtigt ist. Voraussetzung ist, daß ihm nicht etwa infolge einer Verurteilung die Fähigkeit, öffentliche Aemter zu bekleiden, abgesprochen ist.

Dies die wichtigsten Bestimmungen. Sie werden genügen, um unseren Lesern im Großherzogtum zu zeigen, wie groß, oder besser gesagt, wie gering ihre Rechte bei der Gemeinderatswahl sind. Das darf uns aber nicht abhalten, von dem geringen Rechte Gebrauch zu machen. Wo es irgend angeht, da stelle man sozial⸗ demokratische Kandidaten bei den Gemeinderatswahlen auf. Gerade im Gemeinderat können dann unsere Ge⸗ nossen durch geschicktes Verhalten den Beweis liefern, daß die Sozialdemokraten die Interessen der kleinen Bauern und ländlichen Arbetter ebenso gut wahrzunehmen wissen, wie unsere Vertreter in den Städten die Juteressen der kleinen Gewerbetrei⸗ benden und städtischen Arbeiter.

Bei heißen Sommerbränden, eere, duftig, rot,

it nimmermüden Händen

flückt dich das Kind der Vot.

Es sieht die Fülle prangen

Und unterdrückt dabei

Das eigene Verlangen,

Wie mäßig es auch sei.

Gehäuften Topf und Teller Trägt es zum Händler dann; Der geizt noch mit dem Heller, Er ist ein kluger Mann.

Doch nicht bei seines Gleichen Vollendet sich der Kreis:

Erst auf dem Tisch des Reichen, Der zu bezahlen weiß.

So wird zur Menschenhabe Und dient dem Wucher nur Selbst deine frei'ste Gabe O liebende Natur.

Ferd. v. d. Saar.

Ein Tropfen.

Humoreske von Frieda Pechvogel.

1(Schluß.)

Starr stand Fritz. Ein Gruseln durchlief seinen ganzen Körper.

Endlich ermannte er sich.

Wie gesagt, oft war es ja nicht der Fall, daß bei der amtmännischen Familie etwas vom Mittagessen übrig blieb, aber heute wäre es aller Wahrscheinlichkeit nach doch möglich.

Fritz hatte vorhin die Frau Amtmännin zu ihrer Schwester sagen hören:Nimm nur die Kartoffeln vollends alle, sonst werden ste

wußte er doch so viel, daß man geröstete Kartoffeln nicht gut noch einmal rösten konnte.

Als er nun sah, daß die Jungfrau Thekla immer noch schälte, schleckte und o Schrecken! sich an ihrer Nasenspitze schon wieder ein winziges schwarzes Tüpfelchen zeigte, so machte er flugs seine Stiefel fertig, nahm zu einer Notlüge seine Zuflucht und sagte, er müsse für 15 Mutter etwas besorgen, ob er jetzt gehen önne.

Die Amtmännin, ahnungslos, daß der Junge nur eine Ausrede gebrauchte, erlaubte es, und schneller als sonst sprang Fritz davon.

Nun glaubte er sich gerettet. Aber mit des Geschickes Mächten ist kein ewiger Bund zu flechten, und das Schicksal schreitet schnell.

Eine Stunde war vergangen, da rief des Nachbars Lenchen:Fritz, Du sollst zu Amt⸗ manns kommen, aber gleich!

Nun, er ging, vor den Kartoffeln brauchte er jetzt keine Bange mehr zu haben, die waren längst gegessen oder kalt geworden.

Es fügte sich aber gerade, daß die Frau Amtmännin just an diesem Tage etwas menschen⸗ freundlicher gesinnt war als sonst. Gestern war sie nämlich bei einer Kaffeevisite gewesen bei der Frau Doktor. Diese, eine gute Frau, hatte davon gesprochen, wie es doch Pflicht eines jeden Bessergestellten sei, seine ärmeren Mit⸗ menschen so gut als möglich zu unterstützen; dann sprach die fromme Frau:Der liebe Heiland hat auch gesagt: Was ihr einem thut von den geringsten meiner Brüder, das habt ihr mir gethan Das war der Frau Amt⸗ männin nicht aus dem Herzen gesprochen, denn das Sprichwort:Geben ist seliger denn nehmen fand bei ihr keinen Anklang. Aber bei den Reden der Frau Doktor wurde es ihr doch ängstlich zu Mute es ist doch besser, wenn man sich bei Zeiten mit dem Himmel gut stellte, denn sterben müssen ja leider auch die soge⸗

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nannten besseren Leute, und da möchte man

dann doch zum Wenigsten im Himmel einen ordentlichen Platz.

So war es denn der Frau Amtmännin schwer aufs Herz gefallen, daß sie vielleicht doch zu wenig Gutes gethan haben könnte, um An⸗ spruch auf den Himmel machen zu können. Den it dem Maße, da ihr gemessen habt, wieder gemessen. Die Frau gute Freundin, wußte genau, wie schmerzlich nahe der Amtmännin solche Sprüche gingen, denn wenn es zu dem Messen käme,

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so sehe es bei der Amtmännin schlecht aus.

Sie sah wohl sehr darauf, daß ihre Lieferanten gutes Maß und Gewicht ihr gegenüber an⸗

wandten, aber sie selbst hätte gewiß stets zu knapp gemessen, wenn sie etwas zu messen ge⸗ habt hätte. Sie zwackte also sonst auf andere Weise, Won sie nur zwacken konnte, und wenn sie ihrer armen alten Gemüsefrau zwei Pfennig von zehn abztehen konnte, so war sie überglück⸗ lich. Jeder Holzhacker mußte ihr das Holz billiger zerkleinern als jemand anderm, unein⸗ gedenk des Sprichworts:Jeder Arbeiter ist seines Lohnes wert.

An diese Sachen alle mußte ste denken, als die Frau Doktor über das Elend der armen Leute redete, und sie nahm sich vor, wenigstens gegen ihren Laufjungen etwas besser zu sein, ihm öfter ein Stück Brot zu geben, nicht ganz so dünn wie bisher, und auch vielleicht mehr körig zu lassen vom Mittagessen. Nun wollte sie gleich heute den Anfang machen und ließ deshalb den Fritz holen.

Ahnungslos trat Fritz herein, mit freund⸗ lichem Lächeln empfing ihn die Amtmännin und mit den WortenDa, Fritz, ich habe ste Dir hübsch warm gestellt, nur rasch! stellte sie ihm eine ziemliche Portion von den gerösteten Kartoffeln hin.

Fritz war sprachlos jetzt wußte er nicht

mehr, was anfangen. Ami, der amtmännische Hund, war nicht da, sonst hätte er heimlicher⸗ weise ihn mit den Kartoffeln beglückt; zum Fenster hinauswerfen ging nicht; die Amtmännin

ging nicht aus der Küche. Da war guter Rat

teuer.

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