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Nr. 26.
15 g 1. gegen die Juden gerichtete Aeußerungen gethan hatte:„Wir müssen mit eiserner Hand dazwischen
Es ist besser, wir verhauen erst die Juden
Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung.
Seite 5.
hauen, daß die Fetzen fliegen.— Wir müssen die Kerle fassen, daß sie auf den Rücken fallen. — Mit Knüppeln und Dreschflegeln müssen wir darauf los hauen, daß sie der Teufel holt.—
und dann die Chinesen.“— Zum Schluß: „Ich kann Ihnen nur sagen, dreschen Sie auf die Judenbande, bis sie genug haben“ usw. Der Angeklagte giebt zu, dies gesagt zu haben, will aber nur„bildlich“ gesprochen haben. Er wollte nur bewirken, daß man die Juden ge⸗ schäftlich und sonstwie isolieren solle. Das Urteil lautete auf 100 Mk. Geldstrafe.— Wir wollten mal sehen, wie das Urteil aus⸗ gefallen wäre, wenn ein streikender Arbeiter in gleicher Weise gegen Arbeitswillige, oder ein Sozialdemokrat gegen die Kapitalistenklasse ge⸗ sprochen hätte!— Hinzufügen wollen wir noch, daß Herr Bindewald, der Abgeordnete für Alsfeld⸗Lauterbach, der ständige Begleiter des verrückten Dreschgrafen auf dessen Agita⸗ tionsreisen ist.
Aus dem Wahlkreise Marburg⸗ Kirchhain.
* Nationalsoziales. Als sich vor Jahren einige Studenten und Pastoren zur nationalsozialen„Partei“ zusammenthaten, wollten sie etwas Besseres als die übrigen bürgerlichen Parteien sein, vor allem aber arbeiterfreundlicher. Diese Arbeiterfreund⸗ lichkeit ist von uns schon des öfteren gebührend beleuchtet worden; im hellsten Lichte erstrahlt sie aber in letzter Zeit in der nationalsozialen „Hessischen Landeszeitung“. Dort treibt ein neuer Redakteur„in Vertretung“ sein Wesen und wir müssen sagen, daß wir angesichts seiner Leistungen dem früheren, Herrn Erd— mannsdörffer alle seine Sünden verzeihen. Solche Tölpeleien und plumpe, einfältige An⸗ griffe auf unsere Partei und die Arbeiterschaft hätte sich E. kaum zu Schulden kommen lassen. Da wurde vor einiger Zeit der von uns in der letzten Nummer zurückgewiesene Angriff Schweinburgs auf die Selbstständigkeit der Krankenkassen ohne jede Bemerkung ab⸗ gedruckt; ein anderes Mal ungehörige Ausdrücke in einer antisemitischen Broschüre als „proletarische“ Kampfesweise bezeichnet.— In Nr. 145 seines Blattes sucht der neue Herr Redakteur, den das Spiel des Zufalls, — oder seine Ueberzeugung?— zu den National⸗ sozialen trieb, in einem Leitartikel durch kon⸗ fuse Schwafeleien darzuthun, daß die Verhand⸗ lungen unseres diesjährigen Parteitages das Licht der Oeffentlichkett nicht vertragen könnten. Welch' ein tolles Geschwätz! Vielleicht hätte unser Parteitag ohne Herrn Paul Zschorlich die dümmsten Streiche gemacht! Seiner Arbeiter⸗ freundlichkeit setzt er aber durch ein Gedicht: „Der Hausfrau Klage“ in Nr. 148 der nationalsozialen„Hess. Landesztg.“ die Krone auf. Darin werden in geradezu skanda⸗ löser Weise die Dienstmädchen verhöhnt, deren Lage doch wahrlich keine beneidenswerte ist. Mit ziemlichem Ungeschick wurde auch Krantz'sche Nordaffäre behandelt, bei welcher ein Bruder des Mörders, ein braver Arbeiter, ohne Weiteres als unzurechnungsfähig hingestellt wurde. Diese Uaverschämtheit erregte all⸗ gemeinen Unwillen. Verschiedene andere Tölpe⸗ leien wollen wir vorläufig übergehen. Herrn von Gerlach muß man aber fragen: ist denn niemand da, der dem Menschen etwas auf die
Finger steht? St. Marburg, 26. Juni 1901.
— Berichtigung. In der in letzter Nr. d. Ztg. gebrachten Lokaluotiz„Ertrunken“ haben sich beim Satz verschiedene Fehler ein⸗ geschlichen, die wir nachträglich richtig stellen: 1. passtrte der Unglücksfall nicht am Samstag, sondern erst am Montag; 2. hieß der Er⸗ trunkene nicht Hörle, sondern Hönle und war auch nicht der frühere Pächter, sondern der frühere Inhaber(Eigentümer) der Wirt⸗ schaft„Zum alten Walfisch.“ Einige andere Fehler sind nicht erwähnenswert und sehen wir
— Der Duell⸗Unfug unter unserer„höheren
Jugend“ hat in letzter Zeit bedenklich zugenommen. So wurde in diesen Tagen wieder bei einem Säbel⸗Duell ein hiesiger Student von seinem Gegner durch einen Hieb, der die Magenwand
durchschlagen haben soll, so schwer verletzt, daß er lebensgefährlich erkrankt darniederliegt und wahrscheinlich fürs ganze Leben an den Folgen zu leiden haben wird.
— Das Johannisfest der Marburger Buchdrucker am vergangenen Samstag nahm einen alle Teilnehmer befriedigenden Verlauf. Bei Konzert, Kinderbelustigungen, Damen⸗und Herren⸗Preisspielen amüsirte man sich nach des Tages Last und Mühen in dem schönen„Schloß⸗ garten“ aufs beste. Die Musikvorträge der Kapelle Pauli von hier fanden allgemeinen und wohlverdienten Beifall. Bei eintretender Dunkelheit fand„Italienische Nacht“ statt, wobei die schöne, warme Witterung sehr zu statten kam. Später wurde noch im Saale das Tanz⸗ bein geschwungen. Die Tanzpausen füllte der Gesangverein„Eintracht“ durch den recht bei⸗ fällig aufgenommenen Vortrag mehrerer Lieder aus. Auch der Opfer der heutigen Wirtschafts⸗ ordnung, nämlich der am Orte arbeitslosen und der durchreisenden Kollegen wurde gedacht, indem ein Jeder derselben 12 M. Extra⸗Unter⸗ stützung erhielt.
— Schwurgericht. Nächsten Montag, den 1. Juli, beginnt die Sommersession des hiesigen Schwurgerichts. Vorläufig kommen folgende Fälle zur Aburteilung: Montag Kuecht Hans Heinrich Hahn aus Holsburg; Ur⸗ kundenfälschung. Justus Fischer aus Ockers⸗ hausen; Sittlichkeitsverbrechen. Dienstag Dienst⸗ magd Margarethe Henseling aus Bieden⸗ kopf; Kindsmord.— Für den Fall Kranz und das erst vor kurzem an einem hiesigen Dienstmädchen von Gisselberger Burschen be⸗ gangenen Sittlichkeits vergehen sind die Ver⸗ handlungstage noch nicht festgesetzt.
Kleine Mitteilungen.
* Ein schweres Unglück ereignete sich am vorigen Freitag in Wißmar. Dort war der Schuhmacher Vogel im Begriff, Heu zu holen, sein 10jähriges Söhnchen befand sich mit auf dem Wagen. Plötzlich scheuten die vorge⸗ spannten Kühe und gingen durch. Der Junge wurde herabgeschleudert, kam unter den Wagen zu liegen und erhielt dabei so schwere Ver⸗ letzungen, daß er in die Gießener Klinik über⸗ führt werden mußte.
* Vier Hinrichtungen auf einmal wurden am Samstag in Graudenz vollzogen. Die Hingerichteten hatten bei ihrem Ausbruch aus dem Gefängnis den Gefängniswärter ermordet.
* Opfer der Bergarbeit. Auf der Zeche„Zentrum“ bei Dortmund verbrannten am Montag durch Explosion schlagender Wetter vier Bergleute. Einer blieb sofort tot.
r Brand im Schwurgerichtssaal. Im Erfurter Landgerichtsgebäude entstand am Montag Abend während der Verhandlung des Schwurgerichts Feuer durch eine beim Anzünden der Gaskandclaber in Brand geratene Draperie. Der Saal brannte vollständig aus.
* Fall Krosigk in Oesterreich. Ein Infanterist in Przemysl(Galizien) schoß Samstag nachts auf seinen in der Kaserne schlafenden Kompagnieführer und verletzte ihn schwer. Der Soldat wurde überwältigt und abgeführt.
Boykott gegen die Tabakfabri⸗ kanten in Nordhausen. Eine Gewerk⸗ schaftsversamluug in Nordhausen beschloß am Donnerstag einmütig, das rücksichtslose Verhalten der Tabakfabrikanten mit der Verh ängung des Boykotts über ihre Geschäfte zu beant⸗ worten. Der Boykott soll in erster Linie die Fabrikanten treffen, die die Unterzeichnung des Knebelreverses fordern. Auch in anderen Städten haben sich schon die Gewerkschaften mit dem Boykott gegen die Nordhausener Tabak⸗ fabrikanten beschäftigt. Eine ganze Anzahl
deshalb von deren Richtigstellung ab.
Parteiblätter bringen Aufforderungen, keine
Cigarren von Nordhausener Fabri⸗ kanten zu rauchen. Wir glauben auch, daß die Genossen unseres Kreises soviel es ihnen möglich ist, das ihrige dazu beitragen werden, daß die Nordhausener Unternehmer einen ge⸗ hörigen Denkzettel für ihr freventliches Spiel mit dem Koalitionsrecht der Arbeiter erhalten. Den Vertrieb von Kautabak, einer Nordhausener Spezialität hat Genosse Apel, Nordhausen, Barfüßerstraße 12, aus einem bei Nordhausen gelegenen kleinen Unternehmen in die Hand genommen.— Zwei Fabriken haben nachgegeben und sich mit ihren Arbeitern geeinigt.
Partei-Machrichten.
Genosse Motteler, genannt der„rote Post⸗ meister“ weil er während des Sozialistengesetzes die Expedition des in Deutschland verbotenen und scharf verfolgten Partei⸗Organs„Sozialdemokrat“ äußerst ge⸗ schickt leitete, kehrte nach Deutschland zurück. Seither lebte er gleich Eduard Bernstein in London, die Rück⸗ kehr nach Deutschland war ihm erst möglich, nachdem der gegen ihn wegen verschiedener durch Verbreitung des „Sozialdemokrat“ begangener„Verbrechen“ erlassene Steckbrief nicht mehr erneuert wurde. Motteler wird
sich jetzt in Leipzig niederlassen. —— N 5—— Versammlungskalender.
Samstag, den 29. Juni.
Gießen. Holzarbeiter. Abends 9 Uhr Versamm⸗ lung bei Löb„Wiener Hof“. Vortrag über die Stilarten.— Metallarbeiter. Abends 9 Uhr Versammlung bei Orbig.
Heuchelheim. Arbeiterbildungsverein. Abends 9½, Uhr Versammlung bet Wirt Gg. Volk⸗ mann.
Montag, den 1. Juli. Gießen. Schneiderver band. Abends 9 Uhr Versammlung bei Orbig. Vortrag v. Gen. Vetters. Dienstag, den 2. Juli. Gießen. Gewerkschaftskartell. Sitzung bei Orbig. Mittwoch, den 3. Juli. Gießen. Bäckerverband. Nachmittags 5 Uhr Versammlung bei Löb(Wiener Hof). Sonntag, den 7. Juli. Eckhartshausen und Himbach. Kreiswahl⸗ verein. Nachmittags 3 Uhr Ver sammlung bet Wirt Baumann. Samstag, den 13. Juli. Verband der Fabrik- und Hilfs⸗ Abends 8½ Uhr Mitglieder⸗-Versamm⸗ lung bei Ihl. Sonntag, den 14. Juli. Ausflug nach Ober⸗Mörlen. Abmarsch 2 Uhr von Ih l. Nichtmitglieder können teilnehmen.
Briefkasten.
N.⸗ Hachenbg. Kann erst in nächster Nr. Auf⸗ nahme finden. Kl.⸗Eudorf. Wenn Sie die Ztg. bei der Post beziehen, müssen Sie dort reklamieren.
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Aus dem Gießener Standesamtsregister. Aufgebotene. 20. Juni: Heinrich Volz, Gr, Geometer I. Kl. hierselbst mit Bertha Linn in Romrod. 21. Heinrich Breiter, Bautechniker hierfelbst mit Katha⸗ rine von Seydewitz in Breyell. Ferdinand Weil, Kauf⸗ mann hierselbst mit Rosa Neu in Fürth i. B. Josephat Brähler, Sergeant hierselbst mit Anna Herber in Herb⸗ stein. 22. Philipp Meyerhoff, Kaufmann hierselbst mit Dora Hanover in Bühl. 25. Christian Henrich, Tag⸗ löhner in Großen⸗Lindeu mit Anna Gerhard daselbst. Dr. phil. Julius Wagner in Offenbach mit Cornelie Pfeffer in Gilserberg. 26. Adam Menz, Maurer hier⸗ selbst mit Sophie Kranig dahier. 27. Christian Hütten⸗ berger, Musiker in Homburg v. d. H. mit Mathilde Braehme dahier. Philipp Ringenwald hierselbst mit Margarethe Euler dahier. Eheschließungen. 27. Juni: Friedrich Schieß, Wirt hierselbst mit Katharine Wiegel dahier. Geborene. 19. Juni: Dem Taglöhner Johannes Emmrich e. T. 20. Dem Dachdeckermeister Johannes Prang e. T. Dem Taglöhner Andreas Krug e. T. 22. Dem Laternenwärter Kaspar Backhaus e. T. Dem Schneider Adam Bayer e. T. Dem Oberlehrer Dr. Rudolf Erb e. T. Dem Tapezier Ludwig Offenbacher e. S. Dem Gärtner Leonhard Heinlein e. T. Dem Kaminfeger Eduard Rupp e. T. 24. Dem Weinhändler Carl Küchel e. S. 25. Dem Privatdozent Dr. Karl Helm e. T. Gestorbene. alt, Ofenputzer dahier.
Abends 9 Uhr
Friedberg.
arbeiter.
18. Juni; Karl Rauber, 64 Jahre 25. Friedrich Riebel, 70 Jahre
alt, Schlosser dahier.
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