Ausgabe 
30.6.1901
 
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Seite 4.

Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.

Nr. 2

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Existenz. Das ulkigste leistete ein Zimmermeister, der den Zimmerleuten durch den Maurer⸗ ausstand höhere Löhne habe zahlen müssen. Sein Gesuch wurde kurzerhand abgelehnt, da für solche Märchen denn doch die Versammlung keine Gläubigen hatte.

Herr Weißbindermeister Petri, der in hervorragender Weise Lohnerhöhungen der Ar⸗ beiterschaft bekämpft, war merkwürdiger Weise von denstets steigenden Löhnen über⸗ zeugt; es wäre interessant zu erfahren, in welchem Betriebe Herr Petri seine diesbezüg⸗ licken Erfahrungen gemacht hat.

Bei Erörterung dieser Dinge in der Stadt⸗ verordneten⸗Versammlung stellte sich auch heraus, daß die Stadt Herrn Bauunternehmer Aber⸗ mann die Frist für Fertigstellung des neuen Friedhofes in Rücksicht auf den vorjährigen Maurerstreik verlängert hat. Das ist eine ganz ungehörige Parteinahme für die Arbeitgeber und läßt das Wohlwollen der Stadt für die Arbeiter, sowie die Unpartei⸗ lichkeit der städtischen Behörden in einem recht merkwürdigen Lichte erscheinen. Die Unter⸗ nehmer, welche fremden Streikbrechern höhere Löhne zahlten, wie die einheimischen Arbeiter forderten, hätten am allerwenigsten eine solche Rücksichtnahme verdient. Das Frist⸗ verlängerungsgesuch des Herrn Abermann soll der Stadtverordneten versammlung vorgelegen haben. Unsere Genossen Krumm und Orbig wissen aber davon keine Silbe. Ein solcher Beschluß könnte höchstens bei zufälliger Ab⸗ wesenheit unserer beiden Genossen gefaßt worden sein, aber es befand sich die Angelegenheit auch mie unter den für jede Sitzung veröffent- lichten Verhandlungsgegenständen, oder es ist eine einseitige Leistung der Bürgermeisterei, für welche dann entweder Herr Gnauth oder

Herr Wolff die Verantwortung trägt.

Die Arbeiter mögen aus dem Vorgang er⸗ sehen, wie notwendig es für sie ist, die Zu⸗ sammensetzung der städtischen Behörden so zu gestalten, daß derartige liebevolle Parteinahme unmöglich gemacht wird. Im Uebrigen sollte die Maurerorganisation der Sache mal auf den Grund gehen, eine Erhebung über die Lohnhöhe von diesem und vorigem Jahre ver⸗ anstalten und uns über das Ergebnis weitere Mitteilung machen.

Im Sozialdemokratischen Wahl⸗- verein sprach am Samstag Genosse Krumm über die Stadtverordneten wahlen. Er erläuterte zunächst die gesetzlichen Bestimmungen über Wahlberechtigung und Wählbarkeit zum Gemeinderat auf Seite 6 findet sie der Leser aufgeführt und besprach dann den Kommu⸗ nalprogramm⸗Entwurf des Landeskomitees, dem er im Allgemeinen zustimmte. Bezüglich der Wahlen selbst sei die Frage zu erwägen, ob wir nicht einegemischte Liste aufstellen sollten, um so größeren Einfluß auf die Zu⸗ sammensetzung der Stadtberordneten-Versamm⸗ lung ausüben zu können. Vorsichtig müsse auch mit der Aufhebung des Oktrois vorgegangen werden; hier sind bei der Aufhebung des Oktrois auf Mehl und Backwaren die Preise für die Konsumenten dieselben geblieben; mit der Mabregel wurden in Wirklichkeit den Bäckermeistern Tausende von Mark geschenkt. Bei der kurzen Diskussion fanden die Ansichten Krumm's in Bezug auf die gemischten Listen als auch in der Oktroifrage Widerspruch. Die weitere Erörterung des Programmentwurfs wurde auf die nächste Versammlung am 6. Juli vertagt, die hoffentlich besser besucht wird als die letzte.

Das Waldfest der Gewerkschaften nahm insofern nicht den günstigsten V. auf, als es wegen des eintretenden Gewitterregens frühzeitig abgebrochen werden mußte. Glück⸗ licherweise trat das Wetter immerhin erst zu der Zeit ein, als schon viele Teilnehmer zur Heimkehr rüsteten und so konnte es nicht mehr sehr viel Schaden anrichten. Schon beim ersten Donnergrollen räumten die Meisten den Platz und da der Regen nicht sofort einsetzte, kamen sie trocken nach Hause. Im Uebrigen war Jeder von dem Dargebotenen befriedigt und

unsern Veranstaltungen. Der Besuch war zwar zufriedenstellend, konnte aber noch stärker sein.

Ueber die Behandlung Hülfe⸗ suchender in der hiestgen Klintk sind uns schon wiederholt Klagen zu Ohren gekommen. Weniger über die behandelnden Aerzte, als über die als Assistenten fungirenden Studenten und das Personal. Fast hat es manchmal den Auschein, als brauchte man sich mit dem gewöhnlichen Publikum, das sich in der Klinik unentgeltlich behandeln läßt, keine besondere Mühe zu geben. So klagte nns ein Gießener Einwohner, der kürzlich die Augenklinik aufsuchte, daß man ihn dort mit ganz ungehörigen Redens⸗ arten anulkte.Na, Alter, kommen Sie mal her;Nehmen Sie den Menschen mit dort hinein! So und ähnlich lauteten die in Bezug auf die Kranken gebrauchten Ausdrücke. Wir meinen, für die dort Rat suchenden Leute handelt es sich um sehr ernste Dinge, faule Witze sind da durchaus nicht am Platze. Die Leitung sollte einmal dem Personal dringend ans Herz legen, mit der leidenden Menschheit etwas rück⸗ sichtsvoller zu verfahren. Sonst greift die Ab⸗ neigung, die in weiten Volkskreisen gegen derartige Anstalten herrscht, immmer mehr um sich und das ist doch nicht zu wünschen.

Bauunfall. In einem Neubau der Alicenstraße stürzte am Mittwoch derInstallateur⸗ Lehrling Wacker, ein Sohn unseres Genossen Wirt W. in Wieseck dret Stock hoch von einer Leiter herab, die nicht gehörig befestigt war, glücklicherweise ohne sich erheblich zu verletzen. Von Seiten der Bauleiter etc. müßte für genügende Schutzmaßregeln besser gesorgt werden.

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ANW

Unparteiische Arbeiterfreund⸗ lichkeit. In Nr. 142 derGieß. N. N. werden die Ausführungen des Berliner an⸗ tisemitischen Stadverordneten Pretzel wieder⸗ gegeben, die dahin gingen, daß nicht etwa durch den Grund- und Bodenwucher und die Häuser⸗ spekulation die Preise der Gebäude und die Wohnungsmieten in die Höhe geschraubt worden seien, sondern durch höhere Löhne und Minder⸗ leistungen der Maurer! Also Löhne herunter⸗ gesetzt und die Arbeitszeit verlängert! Nette Arbeiterfreundlichkeit. Hinzufügen wollen wir bei dieser Gelegenheit, daß der Sozialistenver⸗ nichter den Genossen Vetters alsSchneider⸗ geselle a. D. bezeichnete. Wenn das richtig wäre, brauchten wir uns dessen nicht zu schämen. Weite Volkskreise halten Schneidergesellen für viel fähiger, die ⸗Verhältnisse des werkthätigen Volkes zu beurteilen, als einen Schmock, der schlechte Verse macht.

Aus Friedberg.

1. Ein scheußliches Verbrechen wurde in Stammheim verübt. Die 80 jährige Witwe Schneider wurde vorige Woche er⸗ mordet und als der That verdächtig wurde ihr eigener erst 15 Jahr alter Enkel verhaftet. Freitag Mittag wurde die Ermordete beerdigt, nachdem vorher im Beisein des erwähnten Jungen die Sezierung der Leiche stattgefunden hatte. Nachdem erfolgte auch die Verhaftung der Mutter des mutmaßlichen Mörders.

n. Am Mittwoch ist nun die Einweihung unserer Stadtkirche mit allem möglichen Klimbim

die Festesfreude blieb ungestört, wie immer bei

vor sich gegangen, bei der auch Einigen was

ins Knopfloch flog. Auch einige Arbeiter sind dekoriert worden, während der schon kürzlich

in unserer Zeitung erwähnte Baumeister Kratz

werden. Nach dem Festakt in der Kirche leisteten sich diejenigen, die es konnten oder ein Geschäft dabei gemacht hatten, ein gemeinsames Essen, à Person ohne Wein für 2.50 Mk. Man sieht, die Herren haben für die Kirche noch etwas übrig. Einigen soll man auf dem Nachhause⸗

wege sehr stark angesehen haben, wie sie diese ö

mehrstündige fromme Thätigkeit angegriffen hatte. Aber auch die an dem Bau beschäf⸗ tigten Arbeiter vergaß man nicht. Wie auf dem gedruckten Programm zu lesen stand, be⸗ wirtete man sie abends im Saalbau.

waren aber nur 47 erschienen. zu verwundern, denn es ist nicht Jedermanns Sache, sich so öffentlich abfüttern zu lassen und dabei noch eine Ansprache des Professor Schöler, des unpopulärsten Geistlichen Friedbergs, an⸗ hören zu müssen. Aber noch eins wollen wir erwähnen. Einzelne Geschäfte hatten ge⸗ schlossen. So auch die Firma Bindewald. Wir hätten nichts dagegen einzuwenden, wenn wir wüßten, daß die Arbeiter ihren Tag bezahlt erhielten, was zweifelhaft ist. Aber von einem andern Gesichtspunkte aus ist die Sache inter⸗

essant. Herr Bindewald, der Freimaurer, wollte

offenbar einen neuen Beweis seiner Frömmigkeit geben dadurch, daß er an einem Werktage die Arbeit einstellte; wie reimt sich dies aber mit

der Thatsache, daß bei ihm, man kann sagen, fast jeden Sonntag gearbeitet wird? Wir

wissen Sonntage, an denen unten in der Fabrik am Nachmittage noch die Betthäupter zusam⸗ mengehauen wurden, daß man es oben auf der Promenade hörte. Freilich waren diese Tage

nicht geeignet, in öffentlicher Frömmigkeit zu

machen. Vielleicht nimmt die Polizei jetzt Ver⸗ anlassung, Sonntags öfter einmal dort in jenem Jammerthal nachzusehen.

Wetzlar.

t. Nicht besonders sauber scheint es in einer nicht näher bezeichneten Gastwirtschaft in Wetzlar zuzugehen, wie mau aus imWetz. Anz. erschienenen Inseraten entnehmen kann. Danach werden die zur körperlichen Reinigung dienenden Waschgefäße auch zur Zubereitung der Speisen verwandt! Das Verlangen des Wirte⸗Vereins, den Betreffenden namhaft zu

machen, erscheint uns ganz gerechtfertigt. An⸗

dererseits wird aber auch dadurch wieder be⸗ wieseu, daß in den Nahrungsmittelgewerben scharfe behördliche Kontrolle am Platze ist.

Ein fürchterliches Unwetter ging am Sonntag Abend in der Gemarkung Werdorf nieder. Gewaltige, wolkenbruchartig herab- stürzende Wassermassen richteten im Orte und auf den Feldern vielen Schaden an.

Genosse Singer

sprach am Sonnabend im Arbetterheim zu Offenbach vor etwa 1600 Personen über die Weltpolitik. Am Sonntag darauf hielt er die Festrede bei der Fahnenweihe des Sszial⸗ demokratischen Vereins zu Urberach, einem verwiegeud katholischen Orte des Kreises Die⸗ burg. Au diesem Feste nahmen ca 60 sozial⸗ demokratische Vereine und Gewerkschaften der

Umgegend teil, unter anderen auch eine größere

Anzahl Offenbacher Genossen. Ein wahrhaft imposanter Festzug bewegte sich nachmittag? durch den festlich durch Fahnen, Guirlanden, Denksprüche, Bilder unserer Vorkämpfer, Ehren⸗ pforten geschmückten Ort. Am Feste nahmen nahmen über 3000 Personen teil. Singer wurde am Ortseingang durch Festjungfrauen herzlich bewillkommnet; die Festrede fand die leb⸗ hafteste Zustimmung.

Verurteilter Antisemiten⸗Häuptling⸗

Zu einer sehr milden Strafe wurde am Donnerstag voriger Woche der berühmte Dresch⸗ graf Pückler vom Dresdener Landgericht ver⸗

urteilt. Er war wegen Aufreizung angeklagt, weil er in einer dortigen Versammlung folgende

Statt der 120 Mann, auf die man sich gerichtet hatte, Das ist nicht

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leer ausging, was unsere Mucker tief betrübt hat. Vielleicht kann das aber noch nachgeholt