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Mitteldentsche Sonntags⸗Zeitung.
kein über die Verhältnisse gehender Luxus. Und kurz vor meiner Ankunft war der erste Mai auf Kommerowen gefeiert worden, gemein⸗ sam vom Arbeitgeber und den Arbeitnehmern. Alle saßen beisammen, spielten, tranken, musi⸗ zierten und tanzten— natürlich unter Aufsicht eines Gendarmen.
Zwar sitzt Ebhardt so ziemlich vereinsamt hier oben in Ostpreußen. Sein nächster Genosse, Gutsbesitzer Herbig, wohnt drei Meilen entfernt. Und der von den Parteitagen bekannte Besitzer Hofer braucht eine ganze Tagesreise bis nach Kommorowen.
Aber das giebt Ebhardt, der überdies nicht etwa ein jugendlicher Schwärmer ist, der sein Geld auf eigene Weise durchbringt, sondern ein alter erfahrener Landwirt, bei dem sich viele Nachbarn Rat holen, und dessen Familie schon alterbeingesessen auf Kommerowen wirtschaftete — so ein gewisses Gefühl des Hechts im Karpfen⸗ teich. Und er findet immer neue Mittel, um seine Umgebung zu erschrecken. Augenblicklich bedrückt es ihn, daß er das Scharwerkersystem noch nicht ganz abschaffen konnte. Auch hält er das Mitarbeiten der Frauen für eine höchst ungesunde Einrichtung.
Die Herren Agrarier werden noch oft ihre helle Freude an ihm haben. Jedenfalls ist seine Wirtschaft ber beste Beweis, daß ein Landwirt ohne Getreidezoll, ohne Krakehl über Handels⸗ verträge, Kanalvorlage und Leutenot sehr gut bestehen kann— sogar in dem„so vernach⸗ lässigten Osten.“
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Politische Rundschau Gießen, den 27. Juni. „Spaltung ver Sozialdemokratie. In der bürgerlichen Presse ist in der letztes Zeit wieder mal viel von einer bevorstehenden oder gar schon eingetretenen Spaltung der Sozialdemokratie die Rede, zu welcher das Auftreten Bernsteins Veranlassung gegeben habe. So haben die Gegner in den fünfund⸗ zwanzig Jahren, die seit dem Gothaer Einigungs⸗ kongreß verflossen sind, schon tausendmal pro⸗ phezeit und gewünscht. Sie haben sich aber immer getäuscht. Die Sozialdemokratie kann sich einen Prinzipien⸗Streit leisten, ohne daß dabei ihre Geschlossenheit erschüttert wird. Frühere Streitigkeiten in der Partei, zum Beispiel die anfangs der achtziger Jahre mit den Mostianern und die zehn Jahre später mit den„Jungen“ waren viel heftiger und für den Bestand der Partei gefährlicher, als die heutigen Auseinandersetzungen einiger Theoretiker. Singer
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Schon wieder ein Bankkrach.
Die Leipziger Bank hat vorläufig ihre Zahlungen eingestellt. Sie begründet diese Maßregel mit den Dresdener Bankzusammen⸗ brüchen und verspricht, daß die Einleger ihre Gelder voraussichtlich zurückempfangen werden, und sogar die Aktionäre nicht alles verlieren würden. Die Depots sind unberührt und werden nach wie vor ausgeliefert.(Die Leipziger Bank verfügte über ein Aktienkapital von Mk. 48,000,000, einen Reservefonds von Mk. 15,000,000. Die letzte Dividende betrug 9 Proz.)
Der neue Zolltarif
ist jetzt beim Bundes rate eingegangen. Die Blätter der Brotwucherer verzeichnen diese Thatsache mit Genugthuung. Aber was darin steht, weiß man noch nicht; wüßte man es, so wäre es immerhin möglich, daß die Agraxier davon nicht besonders erbaut wären.— Der Bundesrat wird sich bei Behandlung der Vor⸗ lage sicher nicht eilen, und wenn sie an den Reichstag gelangt, wird sie an eine Kommission verwiesen werden, so daß sich die Entscheidung sicher bis zum Frühjahr hinausschieben wird. Bis dahin muß die Zeit noch gehörig ausge⸗ nützt werden, um in lebhaften Protesten gegen die agrarische Beutegier anzukämpfen.
Wirkung der Getreidezölle.
Von unserer Seite ist schon oft dargelegt worden, daß die Zölle— und auch die agra⸗ rischen Schutzzölle— die Minderbemittelten am schwersten belasten, ohne den kleineren Land⸗ wirten irgend welchen Nutzen zu bringen. Zu derselben Ansicht gelangt auch das kgl. preußische statistische Bureau, in dessen Zeitschrift sich ein Aufsatz des Eisenbahninspektors Biedermann eingehend mit den Wirkungen der agrarischen Schutzzölle beschäftigt. Dort wird rückhaltslos zugegeben, daß diese von der Masse des konsu⸗ mierenden Volkes bezahlt werden und nur die Großgrundbesitzer Vorteile einheimsen. Es heißt da:
„Es muß anerkannt werden, daß beiden Vorwürfen gegen die Getreidezölle ein tiefer, berechtigter Kern innewohut. Was die Verteuerung der Lebens⸗ mittel anlangt, gleichgiltig, ob sie um die volle Höhe des Zollsatzes eintritt, oder ob der ausländische Erzeuger oder der Großhandel einen geringeren Teil davon trägt, so ist zuzugeben, daß eine solche, und zwar nach unserer Ansicht um nahezu den vollen Betrag, eintritt, und ferner, daß sie die Haushaltungen der kleinsten Einkommen vergleichsweise am stärksten belastet (wenigstens gilt dies uneingeschränkt von den Getreide⸗ zöllen), in denen ein verhältnismäßig größerer Bruchteil des Einkommens auf die Ernährung verwendet werden muß als bei den höheren Einkommen, bei denen neben den Nahrungs⸗ und Kleildungsbedürfnissen die Luxus⸗
sagte neulich in einer großen Versammlung in München ganz richtig, daß diesem wissenschaft⸗
lichen Streite von der Masse der Parteigenossen
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keine große Beachtung geschenkt wird. Aller⸗ dings würde unsere Partei sofort eine Pro⸗ grammäuderung vornehmen, wenn dieses mit der wissenschaftlichen Erkenntnis nicht mehr im Einklang stäude. Bis jetzt konnten aber die wissenschaftlichen Grundlagen des Programms noch in keiner Weise erschüttert werden.— Possierlich ist das Verhalten der paar Natio⸗ nal⸗Sozialen. Die schreiben sich seit Jahren schon die Finger blutig, um uns von der bei uns eingetretenen„Spaltung“ und„Zersetzung“ zu überzeugen und raten uns dabei dringend, doch endlich dem Militarismus und der Wasser⸗ politik zuzuschwören, damit sie uns„ablösen“ körnten. Sie werden sich noch ein Weilchen gedulden müssen! Geschlossener wie die bürger⸗ lichen Parteien und so einig wie nur je steht die Sozialdemokratie heute da und so wird es auch bleiben.
Verschiedene preußische Ministerstühle sollen höchst bedenklich wackeln. Nan spricht von dem bald bevorstehenden Abgang des Eisen⸗ bahnministers Thielen, sowie dem des Justiz⸗ ministers Schönstedt. Auch der Rücktritt des Staatssekretärs Grafen Posadowsky
soll in Bälde zu erwarten sein, weil zwischen ihm und dem Reichskanzler„Meinungsverschie⸗ denheiten“ bestehen.
bebürfnisse einen viel größeren Anteil ausmachen.“
Wenn je von Seiten der Zollgeguer auf diese Thatsachen hingewiesen wurde, redeten die Agrarier von„Uebertreibungen“,„Lügen“ usw. Einwendungen dieser Art können aber die Beweisführung des statistischen Bureaus nicht entkräften.
Nechtsverhältnisse in Sachsen.
Vergangenen Samstag starb der sächsische Justizminister Dr. Schurig. Von ihm sagt unser Dresdener Parteiorgan u. A.:„Unter seiner Amtsthätigkeit hat die Rechtsprechung in Sachsen eine Entwickelung genommen, die kul⸗ turgeschichtlich von Interesse sein mag, das Rechtsbewußtsein des Volkes aber nicht gefördert hat. In den letzten zehn Jahren kehrte sich unter der Auslegungskunst sächsischer Richter das allgemeine Recht häufig als Waffe gegen die Arbeiterbewegung. Die einseitige Anwendung gesetzlicher Bestimmungen erregte vielfach Aufsehen und veranlaßte eine Berliner Strafkammer zu dem Erkenntnis, es sei der Wahrheitsbeweis dafür erbracht, daß das höchste sächsische Gericht die Sozialdemokraten für minderen Rechts erklärt habe. Das Recht des Boykotts, die Flugblattverbreitung, die Redefreiheit u. a. verfiel in Sachsen dem Grobe⸗Unfug⸗Paragraphen. Selbst die Aus⸗ übung von Rechten, die den Staatsbürgern
durch die Gewerbeordnung und das Reichs-
tagswahlrecht garantiert sind, konnte vor der
sonderen Fällen nicht bestehen. Streikforde⸗ rungen wurden vor sächsischen Richtern zu Er⸗ pressungsversuchen und ein gewöhnlicher Krawall mit allerdings verwerflichen Ausschreitungen zum Laudfriedensbruch. Außerdem kennzeichnen noch zahlreiche Streik⸗ und andere Strasprozesse die bedenkliche Entwickelung der sächsischen Rechtsprechung unter der Amtsthätigkeit des nunmehr verstorbenen Justizministers.“ Natür⸗
dasselbe. Zum Nachfolger Dr. Schurigs wurde
ernannt. Dieser hat sich dadurch„ausgezeichnet“, daß er im Reichstage das unerhörte Löbtauer
Verurteilten auch nur eine Viertelstunde früher öffnen!“ Wenn nun auch in Bezug auf die Löbtauer Verurteilten nicht im Sinne dieser Ankündigung verfahren, sondern bereits einige von jenen Unglücklichen entlassen wurden, so zeigt doch obige Aeußerung des neuen Ministers, daß unter seiner Herrschaft an eine Besserung der sächsischen„Rechts“ pflege nicht zu denken ist. Den in Sachsen„herrschenden“ Polizeigeist kennzeichnet eine Anklage, die eine Anzahl Personen— Maifeiernde— in Dresden er⸗ halten haben. Wie nämlich schon vor Jahren einmal, will man unsere Genossen wegen ihres Spazterengehens bestrafen. Es ist auch schon Termin zur Hauptverhandlung vor dem Schöffengericht am 8. Juli angesetzt. Die Grundlage der Anklage bildet die bekannte Verordnung der Dresdner Polizeibehörden, welche regelmäßig für den 1. Mai erscheint, und wonach„Massenspaziergänge“ an diesem Tage direkt verboten sind.— Die Sozialdeme⸗
kratie lacht über solche reaktionäre Augst⸗
produkte!
„Attentäter“ Weiland unzurechnungs, fähig.
Das Reichsgerickt hat beschlossen, das Ver; fahren gegen den Arbeiter Weiland, der an
Kaiser warf und ihn damit im Gesicht verletzle, einzustellen, weil die pfychiatrischen Sachver ständigen die Unzurechnungsfählgkeit des Wi
„Attentat“ in gewohnter Weise zu Gewaltmaß regeln gegen die Lrbeiter und für ein neut Sozialistengesetz ausnützen wollten, elend zu
großer Frechheit betrieben. Hieran kann maß wieder einmal setzen, wie gewissen⸗ und schamlos jene Sorte gewerbs mäßiger Hetzer und Volks feinde arbeitet, die jede Gelegenheit benutzt, un Ausnahmegesetze und die Arbeiterklasse zu verlangen. Schade daß das Reichsgericht diese gemeinschädlicht Sippe nicht auch für unzurechnungsfähig kk klären kann!
Vom chinesischen Konflikt.
lich werden sich diese Zustände mit dem Tode Schurigs nicht ändern, das System bleibt
der frühere General⸗Staatsanwalt Dr. Rüger
Zuchthausurteil verteidigte und unsern Genossen anmaßend erklärte:„Ihr Einfluß reicht nicht soweit, daß sich die Thore des Zuchthauses den
land feststellten. So ist denn die Hoffnung der Scharfmacher und Sozialistentöter, die dan
Schanden geworden. Und die Hetze wurde mit
gegen die Sozialdemokraßt
sächsischen Rechtsprechung gegen Arbeiter in be⸗
6. März in Bremen ein Eisenstück nach den
In den Vereinbarungen der Mächte unter anderem auch festgelegt worden, daß el chinesischer Prinz nach Berlin reisen und don wegen der Ermordung des Gesandten Kettelel Abbitte leisten solle. Demgemäß wird s nun der Prinz Tschun gegen Mitte Juli al den Weg nach Deutschland machen. Der „Sühneprinz“ begleiten nicht weniger als Unterbeamte und 50 Diener. Dazu wird noc berichtet, viele gebildete Chinesen versuchtel Anstellungen bei der Deputation zu erhalten um bei der Gelegenheit Europa kennen zu lerne. Im Uebrigen ist's natürlich mit der Büßel deputation der reine Humbug; sie wird weite nichts thun, als Geld verpulvern, wenn an nur das der Chinesen. 775
Der chinesische Kaiser soll im Oktobe⸗ nach Peking zurückkehren.
Sozialdemokratischer Wahlsieg. Für unsere Partei hatten die am Sonntat]
stattgefundenen Wahlen zum großen Stadtru
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